mini|Das Hubert Lamb Building an der University of East Anglia, in dem die Climatic Research Unit ihren Sitz hat.
Beim Hackerzwischenfall am Klimaforschungszentrum der University of East Anglia, von Klimawandelleugnern und manchen Medienschaffenden auch als Climategate bezeichnet, wurden im November 2009 Dokumente von Forschern der Climatic Research Unit (CRU) der University of East Anglia im Vereinigten Königreich durch Hacker gestohlen, selektiv zitiert, um den Eindruck von Betrug zu erwecken, und ins Internet gestellt. Der Datendiebstahl erfolgte durch einen ausgeklügelten, sorgfältig abgestimmten Angriff über das Internet.
Innerhalb von zwei Tagen nach dem Diebstahl begannen eine Reihe von stark durch fossile Energieunternehmen finanzierte Organisationen wie z. B. Cato Institute, Americans for Prosperity, Heritage Foundation und Competitive Enterprise Institute eine internationale PR-Kampagne gegen die Klimaforschung sowie die wenige Tage später stattfindende UN-Klimakonferenz in Kopenhagen.James Hoggan, Foreword: foreign-funded radicals, in: David Tindall, Mark C.J. Stoddart, Riley E. Dunlap (Hrsg.): Handbook of Anti-Environmentalism. Edward Elgar Publishing, Northampton 2022, X - XIX, S. XIII. Der Vorfall und die daraufhin gegen die betroffenen Klimaforscher erhobenen Vorwürfe wissenschaftlicher Unredlichkeit erregten unmittelbar im Vorfeld der Klimakonferenz Aufsehen in Blogs und fanden Erwähnung in internationalen Medien. Klimaleugner zogen die Affäre dabei als „Beleg“ dafür heran, dass es keinen Klimawandel gebe und es sich bei diesem um einen Schwindel handele.
Infolge der Veröffentlichungen der Anschuldigungen erfolgten Untersuchungen verschiedener Institutionen, bei denen sich kein Hinweis auf wissenschaftliches Fehlverhalten ergab.A poor sequel (Editorial). In: Nature 480, 6, (2011), doi:10.1038/480006a.Raghu Garud et al.: Boundaries, breaches, and bridges: The case of Climategate. In: Research Policy 43, 2014, S. 60–73, doi:10.1016/j.respol.2013.07.007.Myanna Lahsen, Climategate: the role of the social sciences. In: Climatic Change 19, 2013, S. 547–558, doi:10.1007/s10584-013-0711-x.klimafakten.de (2011): Mehrere Untersuchungen sprachen die Forscher von Betrugsvorwürfen frei In der Wissenschaft wird die sog. Climategate-Kontroverse als künstlich kreierter Skandal betrachtet und zu einer Reihe von „Schlägen“ gegen die Klimaforschung gezählt, die von einer „gut finanzierten, hochgradig komplexen und relativ koordinierten ‚Leugnungsmaschinerie‘ ausgeführt wurden“.Riley E. Dunlap, Aaron M. McCright: Organized Climate Change Denial. In: John S. Dryzek, Richard B. Norgaard, David Schlosberg (Hrsg.): The Oxford Handbook of Climate Change and Society. Oxford University Press, 2011, S. 144–160, S. 144. Eine große Rolle bei der öffentlichen Propagierung des vermeintlichen Skandals spielten die fossilen Energiemächte Saudi-Arabien und Russland, wobei es gerade Saudi-Arabien um die Sabotage der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 ging, die kurze Zeit später begann.Michael E. Mann: Propagandaschlacht ums Klima. Erlangen 2021, S. 145.
Ablauf Hacking Die University of East Anglia meldete am 20. November 2009 den Vorfall der Polizei, nachdem im Internet bereits Diskussionen stattgefunden hatten. Die bis 1996 zurückreichenden E-Mails wurden zuerst auf einen russischen Server hochgeladen und mit folgendem anonymen Kommentar versehen: We feel that climate science is too important to be kept under wraps. We hereby release a random selection of correspondence, code, and documents. Hopefully it will give some insight into the science and the people behind it. (Übersetzung: „Wir glauben, dass die Klimaforschung zu wichtig ist, um unter Verschluss gehalten zu werden. Hiermit veröffentlichen wir eine zufällige Auswahl von Briefwechseln, Codes und Dokumenten. Hoffentlich vermittelt sie Einsicht in diese Wissenschaft und die Menschen, die dahinter stehen.“), The Times, 21. November 2009.Climate Emails Stoke Debate, Wall Street Journal, 23. November 2009. WikiLeaks stellte die Dateien dauerhaft zur Verfügung.USA und WikiLeaks. Peinliche Suche nach der richtigen Klage, Der Spiegel, 12. Dezember 2010.
Die Dokumente, über 1.073 E-Mails und 3.485 andere Dateien, stammen aus einem Zeitraum von 1996 bis 2009 und sind laut Philip D. Jones, dem Direktor der CRU, echt.Klima-Gate nährt Klimawandelskepsis, Deutschlandfunk, 4. Dezember 2009. Über die Urheber des Datendiebstahls ist nichts Genaueres bekannt geworden. Hinterlassene Spuren deuten allerdings darauf hin, dass Akteure aus der russischen Stadt Jekaterinburg beteiligt gewesen sein könnten.Exclusive: “Climategate” Email Hacking was Carried out from Russia, in Effort to Undermine Action on Global Warming. In: medium.com, 1. Juli 2019. Abgerufen am 14. November 2019.
Hintergrund des Hackings war die Suche von Klimaleugnern nach Möglichkeiten, die Existenz der globalen Erwärmung abzustreiten. Ziel des Hackings wurde dabei der Klimaforscher Philip D. Jones, dessen Forschungszentrum zuvor Schlüsseldaten für diese Auffassung geliefert hatte.Climategate 10 years on: what lessons have we learned?. In: The Guardian. 9. November 2019. Abgerufen am 14. November 2019.
2011 wurden im Vorfeld der Klimakonferenz in Durban erneut E-Mails der CRU veröffentlicht. Diese stammen ebenfalls aus der Zeit vor 2009.
Rosinenpicken und Verbreitung Nach dem Diebstahl wurden die E-Mails nach Material durchforstet, selektiv aufbereitet und anschließend an die Presse weitergegeben. Angewandt wurde dabei die Taktik des quote-minings, einer Unterart des Rosinenpickens: Durch selektives Zitieren einzelner Sätze bei gleichzeitigem Weglassen des Kontextes wurden Klimaforschern irreführende Aussagen in den Mund gelegt, um den Eindruck zu erwecken, dass diese betrügerisch gehandelt hätten, obwohl aus dem Kontext der Mails hervorging, dass tatsächlich technische Details diskutiert wurden. Die selektiven Zitate dienten dabei als Basis für die Behauptung, dass es sich bei der globalen Erwärmung tatsächlich um eine Verschwörung handele.Haydn Washington, John Cook: Climate Change Denial. Heads in the Sand. Earthscan 2011, S. 43f. Anschließend wurden die bearbeiteten Mails verbreitet, woraufhin weltweite mediale Berichterstattung erfolgte.Vgl. G. Thomas Farmer, John Cook: Climate Change Science. A modern Synthesis. Volume 1 – The Physical Climate. Dordrecht 2013, S. 26 und 452. Eine Schlüsselrolle bei der Erschaffung und Verbreitung der sog. „Climategate-Kontroverse“ spielten dabei sowohl verschiedene KlimaleugnerblogsRiley Dunlap, Aaron M. McCright: Challenging Climate Change. The Denial Countermovement. In: Riley Dunlap, Robert J. Brulle (Hrsg.): Climate Change and Society. Sociological Perspectives. Report of the American Sociological Association’s Task Force on Sociology and Global Climate Change. Oxford University Press, 2015, 300–332, S. 318. sowie Myron Ebell und Christopher C. Horner, zwei Klimaleugner, die zum Führungskreis des Competitive Enterprise Institutes sowie der eng damit verbundenen Cooler Heads Coalition gehören und zu den zentralen Akteuren der Klimaleugnerszene zählen.Riley E. Dunlap, Aaron M. McCright: Organized Climate Change Denial. In: John S. Dryzek, Richard B. Norgaard, David Schlosberg (Hrsg.): The Oxford Handbook of Climate Change and Society. Oxford University Press, 2011, S. 144–160, S. 151.
Insbesondere die folgenden zwei rosinengepickte Zitate wurden immer als Beleg für betrügerisches Vorgehen von Klimaforschern angeführt: Ein Zitat aus einem Mailaustausch zwischen Philip D. Jones und Michael E. Mann und eine E-Mail von Kevin Trenberth.Haydn Washington, John Cook: Climate Change Denial. Heads in the Sand. Earthscan 2011, S. 44f.Vgl. auch: "Climategate". Klimafakten. Abgerufen am 14. November 2019. Bei ersterer Mail schrieb Jones:
Vielfach wurden dabei vor allem die Passagen „Mike’s Nature trick“ und „hide the decline“ zitiert, um zu suggerieren, dass Klimaforscher mit einem Trick absichtlich einen Rückgang der globalen Temperaturen versteckten. So erklärte z. B. die US-Republikanerin Sarah Palin, die E-Mails legten offen, dass „führende Klima-‚Experten‘ vorsätzlich Temperaturaufzeichnungen zerstört und Daten manipuliert [hätten], um den Rückgang der globalen Temperatur verschwinden zu lassen“. Tatsächlich zeigt der volle Kontext der Mail, dass sich Klimaforscher nicht etwa verschworen hatten, um Daten verschwinden zu lassen, sondern vielmehr technische Details diskutierten. Dabei ging es in der E-Mail überhaupt nicht um aktuelle Temperaturdaten, sondern um ein Verfahren für den Umgang mit paläoklimatischen Daten. „Mikes Trick“ beschreibt dabei eine von ihm 1998 in einem Nature-Paper beschriebene Technik, mit der Temperaturmessdaten mit rekonstruierten paläoklimatologischen Daten gemeinsam dargestellt werden können und damit die aktuelle Erwärmung in den längeren paläoklimatologischen Kontext eingeordnet werden können. Ebenfalls bezieht sich der in der Mail angeführte Rückgang nicht auf Temperaturdaten, sondern auf ein rückläufiges Baumringwachstum in bestimmten Regionen, das seit etwa 1960 festgestellt wurde; eine Thematik, die seit Mitte der 1990er Jahre in der Fachliteratur diskutiert wird („Divergenz-Problem“).Vgl. G. Thomas Farmer, John Cook: Climate Change Science. A modern Synthesis. Volume 1 – The Physical Climate. Dordrecht 2013, S. 484f.
In der zweiten Mail von Kevin Trenberth schrieb dieser:
Von Klimaleugnern wurde diese Aussage fälschlich als Beleg interpretiert, dass Klimaforscher intern offen eingestehen würden, dass die Erderwärmung gestoppt habe. Vielmehr schrieb Trenberth über eine kurz zuvor von ihm publizierte Arbeit, in der es um das Energiebudget der Erde ging und um die Frage des Energieflusses und dessen Verteilung. In dem Paper erörtert er, dass die Erde als Ganzes sich zwar kontinuierlich durch mehr Kohlendioxid erwärmt, die Erdoberfläche aber immer wieder auch kurze Phasen der Abkühlung zeigt, die durch interne Variabilität verursacht werden, weil die Erdatmosphäre und Ozeane Energie austauschen. Tatsächlich äußert Trenberth in der zitierten Aussage der Mail seine Enttäuschung darüber, dass diese Energieflüsse im Klimasystem nicht vollständig erfasst werden können, eine Aussage, die er zuvor in der Fachliteratur auch bereits publiziert hatte. Durch Quote-Mining wurde Trenberths Aussage über den „Mangel an Erwärmung“ bewusst verkürzt und ohne Kontext präsentiert, sodass die Tatsache verschwiegen wurde, dass er tatsächlich nur die Zusammenfassung seines Papers wiedergab.
Versuche der Kriminalisierung