Maskulinismus ist das Eintreten für die Rechte und Bedürfnisse von Männern mit einer androzentrischen Ideologie naturbedingter männlicher Überlegenheit, welche sich in Männerbünden und antifeministischen Bewegungen artikuliert. Eine Kernthese lautet, dass Männer von Müttern und Frauen unterdrückt werden und sich auf ihre Männlichkeit zurückbesinnen sollten.Michael Meuser: 6.2 Maskulinismus: Die Rückbesinnung auf die gefährliche Männerherrlichkeit. In: Geschlecht und Männlichkeit: Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster. Springer VS, Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-531-17169-2, S. 148–155 (; Habilitationsschrift Universität Bremen 1997).Melissa Blais und Francis Dupuis-Déri: Masculinism and the Antifeminist Countermovement. In: Social Movement Studies. Band 11, Nr. 1, 2011, S. 21–39 (doi:10.1080/14742837.2012.640532).

Gelegentlich wird die Bezeichnung Maskulismus als Synonym für Maskulinismus verwendet.masculinism, n. In: Oxford English Dictionary Online. 3. Ausgabe. Oxford University Press, 2000: “masculism, n. †1. The possession of masculine physical traits by a woman. Obs. rare. 2. = masculinism n.”vgl. z. B. Angelika Braun, Edelgard Kutzner, Nadine Pieck, Christina Schröder (Hrsg.): Gender in Arbeit und Gesundheit: Standortbestimmung & Perspektiven. Rainer Hampp Verlag, Augsburg 2017, ISBN 978-3-95710-193-8, S. 9. Hingegen unterscheiden andere Autoren inhaltlich zwischen den beiden BegriffenGeorgia Duerst-Lahti: Gender Ideology: masculinism and femininalism. In: Gary Goertz, Amy G. Mazur: Politics, gender, and concepts: theory and methodology. Cambridge University Press, Cambridge 2008, ISBN 978-0-521-89776-1, S. 159–192. und sehen einen Unterschied im propagierten Männlichkeitsbild: Während Maskulinismus von der natürlichen Überlegenheit des Mannes ausgehe, nehme der Maskulismus eine opferideologische Position ein und sehe den Mann in erster Linie als Opfer.Andreas Kemper: Antiemanzipatorische Netzwerke und die Geschlechter- und Familienpolitik der Alternative für Deutschland. In: Alexander Häusler (Hrsg.): Die Alternative für Deutschland: Programmatik, Entwicklung und politische Verortung. Springer, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-10638-6, S. 92.Zwischen Männerthemen und Frauenhass. In: Deutschlandfunk Kultur, 23. April 2018. Sowohl Maskulinismus als auch Maskulismus sind Formen des Antifeminismus.masculinism, n. In: Oxford English Dictionary Online. 3. Ausgabe. Oxford University Press, 2000: “masculinism, n. Advocacy of the rights of men; adherence to or promotion of opinions, values, etc., regarded as typical of men; (more generally) anti-feminism, machismo”.Nicholas Bunnin, Jiyuan Yu: Masculinism. In: The Blackwell Dictionary of Western Philosophy. John Wiley & Sons, 2008, ISBN 978-0-470-99721-5, S. 411 ().Daniel Chandler, Rod Munday: Masculinism (masculism). In: A Dictionary of Media and Communication. Oxford University Press, Oxford 2011, S. (): “From a feminist point of view, masculinism is an attitude which ignores the existence of women and is concernced exclusively with male opinions and interests. It tries to justify the claim that only male views have value and the further claum that anything that cannot be reduced or translated into men's experience should be excluded from the subject-matter of philosophy. In another sence, masculinism advoces the elimination of all discrimination against men because they are male. The goal of this sort of masculinism is the equality between men and women, and it is a reaction agains extreme feminist claims for the superiority of women over men.”Beispielsweise:

masculinist, noun. In: Merriam-Webster’s Collegiate Dictionary. Abgerufen am 25. Oktober 2020 (englisch). Melissa Blais, Francis Dupuis-Déri: Masculinism and the Antifeminist Countermovement. In: Social Movement Studies. Band 11, Nr. 1, 2011, S. 21–39 (englisch; doi:10.1080/14742837.2012.640532). David H. Kahl: Analyzing Masculinist Movements: Responding to Antifeminism through Critical Communication Pedagogy. In: Communication Teacher. Band 29, Nr. 1, 2015, S. 21–26 (englisch; doi:10.1080/17404622.2014.985600).

Arthur Brittan: Masculinity and Power. Basil Blackwell, Oxford/New York 1989, ISBN 0-631-14166-9, S. 4 (englisch). Sheila Ruth: Issues in Feminism: An Introduction to Women’s Studies. Mayfield, Mountain View 2001, ISBN 978-0-87484-937-0, S. 61 (englisch): “Masculism (sometimes called androcentrism) is the elevation of the masculine, conceptually and physically, to the level of the universal and ideal.” Marion Löffler: Geschlechterpolitische Strategien: Transformationen von Staatlichkeit als politisch gestaltbarer Prozess. Campus, Frankfurt/M. 2012, ISBN 978-3-593-39658-3, S. 64 f. ().. Institut für Männer- und Geschlechterforschung, 2014. Im Deutschen grammatikalisch korrekt ist die Bezeichnung Maskulinismus.Männerpolitik und (Anti-)Feminismus. In: Bundeszentrale für politische Bildung, 20. April 2018.

In den Vereinigten Staaten entstanden im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert maskulinistische Männer- und Väterrechtsgruppen als Reaktion auf den Feminismus. Antifeministische Gruppierungen, die von ihnen als männertypisch betrachtete Rechte und Bedürfnisse proklamieren, verwenden für ihre Bewegung seit den 1970er Jahren den abgewandelten Begriff Maskulismus oder Männerrechtsbewegung.Nicholas Bunnin, Jiyuan Yu: Masculinism. In: The Blackwell Dictionary of Western Philosophy. John Wiley & Sons, 2008, ISBN 978-0-470-99721-5, S. 411 ().Cathy Young: Man Troubles: Making Sense of the Men’s Movement. In: Reason magazine, Juli 1994: “Masculism (mas'kye liz*'em), n. 1. the belief that equality between the sexes requires the recognition and redress of prejudice and discrimination against men as well as women. 2. the movement organized around this belief. Not to worry: This word is not in the dictionary. But it would be if the decision were up to Warren Farrell, Jack Kammer, and others activists in the men’s movement.”

Begriffsgeschichte Begriff in Medizin und Zoologie In der Medizin und Zoologie wird „das Vorhandensein oder die Ausbildung weiblicher Geschlechtsmerkmale beim Mann oder beim männlichen Tier“ als medizinische Störung eingeordnet, die etwa seit Mitte des 19. Jahrhunderts als Feminismus, Feminisierung oder Verweiblichung bezeichnet wurde. Zugleich wurde auch die Ausbildung männlicher Geschlechtsmerkmale bei Frauen mit dem Gegenbegriff des Masculinismus bezeichnet. Unter den Oberbegriff Masculinismus wurden körperliche Entwicklungen bei Frauen gefasst wie beispielsweise „starker Knochenbau, kräftige Muskeln, tiefe Stimme und Bart“. Die Fälle sah man als sehr selten an, Übergangsfälle jedoch als häufig. Der belgische Botaniker Emile Laurent (1861–1904) sprach von Zwitterbildungen, Feminismus, Hermaphroditismus und Masculinismus.

Die Pathologisierung von nicht eindeutig zweigeschlechtlichen Körpern war im 19. Jahrhundert das Ergebnis des wachsenden Drucks zur eindeutigen Zweigeschlechtlichkeit bürgerlicher Geschlechterrollen. Die wissenschaftlichen Fachpublikationen waren geprägt von Angst und Ekel der männlichen Experten vor einer Entartung oder der Entwicklung einer Vorstufe oder Begleiterscheinung von Infantilismus und geistiger Behinderung, die auch kriminelles Verhalten begünstigen würden.

Eine klare Abgrenzung von primären, sekundären und tertiären Geschlechtsmerkmalen und Geschlechtsrolle bzw. Geschlechtshabitus war nicht möglich. Dies hielt den Druck auf die Polarisierung der Geschlechterrollen aufrecht, der im 19. Jahrhundert entstandenen war.

Beispiel 1908 USA: Maskulinismus bei Frauen, Feminismus bei Männern Beispielsweise wurde Masculinismus für eine Anhörung über jugendliche Kriminalität im amerikanischen Repräsentantenhaus 1908 folgendermaßen beschrieben:„Unter Maskulinismus versteht man, wenn eine Person die grundlegenden Geschlechtsmerkmale einer Frau und gleichzeitig bestimmte sekundäre Geschlechtsmerkmale des männlichen Typs besitzt, wie die Entwicklung von Körperbehaarung, kleine Brüste, ein schmales Becken usw. Der Kopf der männlichen Frau hat ähnliche Abmessungen wie der Kopf des Mannes und ist viel grösser als bei der Frau. Die Schultern können groß, das Becken und die Brüste wenig entwickelt sein. Es können eine starke Stimme, ein männlicher Gang und eine Vorliebe für energische Übungen und Gewohnheiten des Mannes und wenig Neigung zu weiblichen Beschäftigungen vorliegen.“Feminismus beim Mann wurde für diese Anhörung dagegen folgendermaßen beschrieben:„Der Feminismus beim Mann hingegen ist gekennzeichnet durch wenig entwickelte männliche Genitalorgane, weibliche Haltung und Gang, ein großes Becken, ausgeprägte Hüften, Brüste von beachtlicher Größe, reichlich Unterhautfett, zarte Haut, wenig Behaarung, weiche Stimme, morbide Emotionen und keine oder pervertierte sexuelle Wünsche.“

Geschlechterpolitische Bedeutungserweiterung ab 1911 als Gegenbegriff zum Feminismus Geschlechterpolitische Bedeutungserweiterung Begriff Feminismus ab 1872 Der Begriff Feminismus erfuhr 1872 seine geschlechterpolitische Bedeutungserweiterung durch das Buch L’Homme-femme (wörtlich Die Mann-Frau), in dem Alexandre Dumas der Jüngere auf einen Artikel des französischen Diplomaten und Schriftstellers Henri d'Iveville antwortet. Das Buch fand in der zunehmenden geschlechterpolitischen Debatte weite Resonanz und wurde im gleichen Jahr auch ins Deutsche übersetzt unter dem Titel „Mann und Weib“. Der französische Verleger und Journalist Émile de Girardin bestätigt Dumas Wortneuschöpfung in seiner Antwort. Da feminisme auch im Französischen bis dahin jedoch ein Begriff für eine medizinische Pathologie war, warf er Dumas vor, Frauen damit lächerlich zu machen und deren Emanzipationbemühungen zu diskreditieren (siehe Feminismus: Bedeutungserweiterung 1872 und geschichtlicher Hintergrund).

Geschlechterpolitische Bedeutungserweiterung Begriff Masculinismus in den USA Die geschlechterpolitische Bedeutungserweiterung des Begriffs Maskulinismus ist zuerst in den USA zu beobachten. Er wurde von amerikanischen Frauenrechtlerinnen aufgebracht und verbreitet.

Artikel von Lida Parce Robinson 1908 Die amerikanische Frauenrechtlerin Lida Parce Robinson veröffentlichte im Juli 1908 einen Artikel über „Die Gefahren von exklusivem Maskulinismus“ in der Zeitschrift The Socialist Woman. Sie war die geschiedene Ehefrau des Generaladjutanten von Arizona Herbert Robinson, Mitglied der Frauenvereinigung eines Veteranenvereins (J. W. Owens Woman’s Relief Corps of Phoenix, Arizona) und engagierte sich für Frauenwahlrecht sowie Feminismus. In ihrem Artikel kritisiert sie, dass Feminismus stets als große Gefahr beschrieben würde, wies auf die Abwertung von Frauen sowie weltweite Probleme von Krieg, Armut und Ausbeutung hin und fragte: „Ist angesichts all dieser Fakten die Zeit nicht überreif für die Frage, ob ein exklusives Regime des Maskulinismus eine gute Sache ist? Davon gehen diejenigen aus, die den Feminismus mit Besorgnis betrachten. Sie gehen auch davon aus, dass der Feminismus mit Blick auf die Natur als Degeneration anzusehen ist und dass die Gefahr besteht, dass Feminismus auf heimtückische Weise eingeführt wird, ganz ohne unser Wissen und ohne unsere Zustimmung.“

Popularisierung durch Charlotte Perkins Gilman Die amerikanische Frauenrechtlerin Charlotte Perkins Gilman popularisierte anschließend den Begriff und prägte den englischen Ausdruck masculist (dt.: Maskulist). Als maskulistisch charakterisierte sie misogyne Männer, wie den Autor Otto Weininger, das androzentrische politische und kulturelle Handeln von Männern und deren Widerstand gegen das Frauenwahlrecht als Maskulinismus. 1914 betitelte sie eine Vortragsreihe Studies in Masculism, in der sie den Ersten Weltkrieg als „masculism at its worst“ verdammte.Judith A. Allen: Women Suffrage, the Antis, and Masculism. In dies.: The Feminism of Charlotte Perkins Gilman. Sexualities, Histories, Progressivism. University of Chicago Press, 2009, ISBN 978-0-226-01462-3, S. 152f.