Das Kraftwerk Wölfersheim war ein Braunkohlekraftwerk im hessischen Wölfersheim. Es wurde 1913 durch das Großherzogtum Hessen erbaut, um die in den umliegenden Gruben geförderte Braunkohle zur Stromerzeugung zu nutzen. In den Jahren 1927 bis 1929 wurde es durch die Braunkohlen-Schwel-Kraftwerk Hessen-Frankfurt AG (HEFRAG) in ein kombiniertes Kraft- und Schwelwerk umgebaut und produzierte somit diverse Erzeugnisse für die chemische Industrie. Das alte Werk wurde 1954 aufgrund des Wegfalls der Hauptabnehmer in der sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR stillgelegt und von der PreußenElektra durch ein neues Kraftwerk östlich des bisherigen Standorts ersetzt, das im Laufe der Jahre immer weiter ausgebaut wurde.
Mit dem Rückgang der Braunkohleförderung im Wetterauer Revier wurde das Kraftwerk am 30. September 1991 stillgelegt und bis Mitte der 1990er Jahre vollständig abgerissen. Heute erinnern nur noch die Reste der Kühlwasserverregnung im Wölfersheimer See und das noch in Betrieb befindliche 110-kV-Umspannwerk an den einstigen Kraftwerksstandort.
Geschichte Das Überlandwerk Oberhessen (1913–1927) Die erste Braunkohle wurde in der Wetterau bereits Anfang des 19. Jahrhunderts abgebaut. Belegt ist der erste Abbau von Braunkohle für das Jahr 1804 in Ossenheim unter Reichsgraf Volrath zu Solms-Rödelheim. Trotz ihres vergleichsweise schlechten Brennwerts diente die Wetterauer Braunkohle mangels Alternativen über 100 Jahre lang fast ausschließlich als Heizmaterial: Bedingt durch den Mangel an Brennholz in der waldarmen Wetterau wurden die oberflächennahen Vorkommen vorwiegend als Hausbrand, also der Verfeuerung in Privathaushalten und lokalem Kleingewerbe, genutzt. In Bad Nauheim und Bad Salzhausen fand die Wetterauer Kohle auch als Brennmaterial beim Salzsieden Verwendung. Später fokussierte man sich auf den Abbau unter Tage, also im Bergwerk.
Mit der einsetzenden Elektrifizierung Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Kohlevorkommen für die Verstromung interessant. Anfang 1911 schloss das Großherzogtum Hessen mit seiner Provinz Oberhessen einen Vertrag ab. Darin verpflichtete sich das Großherzogtum, ein Kraftwerk in Oberhessen zu errichten und elektrische Energie an die Provinz zu liefern. Die Provinz Oberhessen hingegen verpflichtete sich, das hierfür benötigte Netz an Fernleitungen aufzubauen. Zunächst sollte die Elektrizitätsversorgung die Kreise Büdingen und Friedberg sowie Teile der Kreise Gießen und Schotten umfassen. Gleichzeitig sollte in den betreffenden Orten eine elektrische Straßenbeleuchtung eingerichtet werden.
Als Initiator des Vertrags gilt der bayerische Ingenieur Richard von Stadler. Dieser studierte, inspiriert durch die Internationale Elektrotechnische Ausstellung 1891 in Frankfurt am Main, an der Technischen Hochschule Darmstadt Elektrotechnik und wurde zum Bauleiter des oberhessischen Braunkohlekraftwerks ernannt. Am 1. April 1912 begann schließlich der Bau des Kraftwerks östlich der Bahnstrecke Friedberg–Mücke. Nach einem Jahr Bauzeit ging 1913 das Werk in Betrieb, damals das erste Kraftwerk im Großherzogtum Hessen überhaupt. Die Leistung der beiden Maschinensätze betrug 2,6 MW, ein für heutige Verhältnisse bescheidener Wert. Umgehend wurden 15 Gemeinden im unmittelbaren Umfeld des Werks mit dem dort generierten elektrischen Strom versorgt. Die ersten Orte in Oberhessen, in denen elektrisches Licht brannte, waren Södel und Dorheim. Zur Versorgung des Kraftwerkes wurden in Weckesheim und Gettenau mehrere untertägige Gruben neu erschlossen.
Nach Fertigstellung des Kraftwerks wurde Stadler Direktor des Energieversorgungsunternehmens, das zunächst nur als „Elektrische Überlandanlage“ bezeichnet wurde. Mit fortschreitender Elektrifizierung der Wetterau reichte die Kohleverstromung für eine stetige Elektrizitätsversorgung nicht mehr aus. Der oberhessische Provinziallandtag beschloss daher 1921 den Bau eines zweiten Kraftwerks. Basierend auf Plänen des großherzoglich-hessischen Landtagsabgeordneten Karl Weber aus den Jahren 1903 und 1904 wurde ein Pumpspeicherwerk an der Nidder bei Lißberg in Angriff genommen. Das Nidderkraftwerk ging am 16. Juni 1923 in Betrieb und speiste ins oberhessische Fernleitungsnetz ein. Im selben Jahr nannte sich die Überlandanlage in „Überlandwerk Oberhessen“ um.
Das erste Umspannwerk Schon 1925 bekam das Kraftwerk Wölfersheim einen Anschluss an das Hochspannungsnetz. Die im September 1923 durch den preußischen Staat gegründete „Preußische Kraftwerke Oberweser AG“ mit Sitz in Kassel legte ihren Fokus auf Beteiligungen an Kraftwerken und Überlandzentralen der preußischen Provinz Hessen-Nassau, im Wesentlichen der Gebiete zwischen Main und Weser. Hierzu schloss sie Stromlieferungsverträge mit den Stadtwerken Frankfurt, den Stadtwerken Gießen und dem Überlandwerk Oberhessen ab.
Die Preußische Kraftwerke Oberweser AG, deren Fernleitungsnetz seit Anfang der 1920er Jahre aus 60-kV-Leitungen bestand, errichtete daraufhin ihre erste 100-kV-Leitung. Diese führte vom Kraftwerk Borken über Gießen, Wölfersheim und Frankfurt am Main nach Dörnigheim, wo bereits ein 60-kV-Umspannwerk bestand. Der so entstandene Ringschluss ermöglichte zudem die Beseitigung von Kapazitätsengpässen auf der zuvor bestehenden, einkreisigen 60-kV-Leitung von Borken über Bad Hersfeld, Fulda und Wächtersbach nach Dörnigheim. Hierdurch wurde die Situation bei der Einspeisung des in den Mainstaustufen zwischen Aschaffenburg und Frankfurt erzeugten Stroms verbessert. In Betrieb genommen wurde die Fernleitung und damit auch das Wölfersheimer Umspannwerk im September 1925.Defending the municipal electric services against privatization: a case study of Frankfurt am Main during the Weimar period, Takahito Mori, S. 9
Die Main-Kraftwerke, die in Höchst am Main ein Steinkohlekraftwerk betrieben, schlossen mit dem hessischen Staat einen Vertrag über den Bezug von 4.000 kW elektrischer Leistung aus dem Kraftwerk Wölfersheim ab. Hierzu errichteten sie eine Leitungsverbindung zwischen dem Umspannwerk Wölfersheim und ihrem Umspannwerk in Oberursel.Bericht über das 16. Geschäftsjahr 1925, Main-Kraftwerke AG Diese ging Ende 1926 mit einer Spannung von zunächst 50 kV in Betrieb.Bericht über das 17. Geschäftsjahr 1926, Main-Kraftwerke AG Nach Abschluss des Demarkationsvertrags zwischen RWE und Preußenelektra über die Abgrenzung strittiger Liefergebiete übernahm das RWE als Muttergesellschaft der Mainkraftwerke Ende 1928 die Betriebsführung dieser Leitung und verlängerte sie bis zum Umspannwerk Kelsterbach, womit ein Anschluss an das 220-kV-Verbundsystem des RWE bestand.Bericht über das 19. Geschäftsjahr 1928, Main-Kraftwerke AG
Wie auch in Gießen war das Umspannwerk Wölfersheim als Innenraumanlage ausgeführt. Ausführendes Unternehmen beim Bau war der Schweizer Konzern Brown, Boveri & Cie. (BBC). Umgespannt wurde zwischen den Ebenen 5 kV und 100 kV, da das Kraftwerk Wölfersheim mit seinen mittlerweile drei Turbogeneratoren und 12,4 MW Leistung Drehstrom mit 5,25 kV Spannung erzeugte. Die Leistung der verbauten Transformatoren betrug 12,5 MVA. Auffällig war die Einführung der abgehenden 100-kV-Freileitungen (je zwei Systeme zum Umspannwerk Gießen und zum Umspannwerk Frankfurt): Auf dem Dach des Gebäudes befanden sich kleine Abspannportale, die Niederführung zur Schaltanlage geschah durch das Hallendach. Dort kamen die Systeme an und mündeten in die an der Wand verbauten Leistungsschalter. In einem Zwischengeschoss befanden sich die Trennschalter als optische Trennung. Die Sammelschienen waren knapp unterhalb der Decke als Kabel aufgehängt und waren zu beiden Seiten an der Wand mittels Isolatoren abgespannt.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Denkschrift anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens 1927 – 1952. Hannover 1952, S. 129
Neben der Versorgung weiter entfernt liegender Gebiete diente das neue Umspannwerk der Preußischen Kraftwerke Oberweser AG auch der Reserve, um etwa bei einem Kraftwerksausfall trotzdem elektrischen Strom für den Eigenbedarf des Werks aufzubringen.BBC Mitteilungen Januar/Februar 1927 (Jahrgang 14 / Heft 1/2); Brown, Boveri & Cie. AG, Mannheim Die bestehende Kraftwerksschaltanlage des Überlandwerks Oberhessen hingegen spannte zwischen 5 kV und 20 kV um.
Das Schwelkraftwerk (1927–1954) mini|Aktie über 1000 RM der Braunkohlen-Schwel-Kraftwerk-Hessen-Frankfurt AG (HEFRAG) vom 1. Februar 1928 Im Oktober 1927 fusionierte die Preußische Kraftwerke Oberweser AG zusammen mit der Gewerkschaft Großkraftwerk Main-Weser AG und der Großkraftwerk Hannover AG zur Preußischen Elektrizitäts-Aktiengesellschaft, kurz Preußenelektra (spätere Schreibweise PreussenElektra). Dem voraus ging ein Demarkationsvertrag über die Abgrenzung des preußischen Interessensgebietes gegenüber dem des RWE, später auch dem der VIAG-Tochter Elektrowerke AG. Strategie der Preußenelektra war nun eine zentralisierte Stromerzeugung und -verteilung in großen Teilen des preußischen Staates, im Allgemeinen dem Gebiet zwischen Bremen und Frankfurt am Main.
Schon im März desselben Jahres plante die Stadt Frankfurt am Main, aufgrund des erhöhten Stromabsatzes in weitere Kraftwerke zu investieren. Die städtische Elektrizitätscentrale, die in das Stadtnetz und die 100-kV-Leitung der Preußischen Kraftwerke Oberweser einspeiste, reichte nicht mehr aus. Von Interesse erschienen der Stadt die Braunkohlevorkommen der nahen Wetterau, zumal das Überlandwerk Wölfersheim über die genannte 100-kV-Leitung auch elektrischen Strom ins Frankfurter Netz einspeiste. Der weitere Ausbau dieses Standorts sollte zusammen mit dem Aufbau einer Schwelerei geschehen. Am 18. Mai 1927 gründete die Stadt Frankfurt am Main zusammen mit dem Volksstaat Hessen die „Braunkohlen-Schwel-Kraftwerk Hessen-Frankfurt AG“, kurz HEFRAG. Nach der Preußenelektra-Gründung im Oktober 1927 trat dieses Unternehmen auf Basis des Stromlieferungsvertrags mit der Stadt Frankfurt in die Gesellschaft mit ein.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Entwicklung und Ziele. Berlin 1931, S. 59
Noch 1927 begannen die Bauarbeiten für das neue kombinierte Kraft- und Schwelwerk am alten Standort des Überlandwerks. Gleichzeitig wurden in Trais-Horloff und Wölfersheim die ersten beiden Tagebaue erschlossen, mit denen die Kohleförderung neue Höhen erreichte. Weitere Tiefbaugruben wurden bei Melbach, Wohnbach, Heuchelheim und Trais-Horloff eingerichtet. Im März 1929 ging das Werk in einer ersten Ausbaustufe in Betrieb. Die Kosten wurde auf 23,6 Millionen Reichsmark geschätzt. Von den rund 220 Millionen kWh elektrischer Leistungsabgabe jährlich sollten 24 Millionen kWh für Frankfurt am Main reserviert werden. Man ging von einem Preis von 2,75 Pfennig pro Kilowattstunde aus. Bei einem vorgesehenen Betriebsbeginn im Oktober 1928 sollte der Bezug auf die nächsten 30 Jahre gesichert sein.
Schon im Oktober 1929 zog sich die Stadt Frankfurt aus der HEFRAG wieder zurück: Die Energieversorgung Frankfurts durch die HEFRAG über die bereits bestehende, 34 km lange 100-kV-Doppelfreileiung der Preußischen Kraftwerke Oberweser bzw. jetzt der Preußenelektra sah die Stadt als Ungleichverteilung innerhalb des Gemeinschaftsunternehmens zugunsten der Preußenelektra an. Ohnehin konnte aufgrund des verspäteten Fertigstellungstermins und der gestiegenen Kosten keine Stromlieferung zu den von der HEFRAG aufgestellten Bedingungen mehr eingerichtet werden.Defending the municipal electric services against privatization: a case study of Frankfurt am Main during the Weimar period, Takahito Mori, S. 14f Die Preußenelektra übernahm zum 1. Januar 1930 im Tausch gegen eigene Aktien alle Anteile an der HEFRAG von der Stadt Frankfurt, kaufte den Aktienbesitz des Volksstaats Hessen in Höhe von 1,5 Milliarden RMPreussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Entwicklung und Ziele. Berlin 1931, S. 60 und betrieb das Werk nun in alleiniger Regie.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Denkschrift anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens 1927 – 1952. Hannover 1952, S. 259