mini|John Donne (um 1616) John Donne (* 24. Januar 1572 in London; † 31. März 1631 ebenda)Laut der detailliertesten und immer noch maßgeblichen Donne-Biographie John Donne: A Life von Robert Cecil Bald, Oxford University Press 1970, steht nur das Geburtsjahr 1572 fest, nicht jedoch der Geburtstag: „It has been shown, after a close examination of the sometimes conflicting evidence, that John must have been born between 24 January and 19 June 1572.“ (S. 35, 537; Todesdatum S. 546) war ein englischer Schriftsteller und der bedeutendste der metaphysischen Dichter. Sein Werk umfasst Liebesgedichte, Lieder, erotische Elegien, Hochzeitsgedichte (Epithalamion), religiöse Lyrik (namentlich geistliche Sonette – Holy Sonnets), Versbriefe an FreundeRobin Robbins (Hrsg.): The Poems of John Donne, Band 1, darin: Verse Letters to Friends, S. 31–120. und UnterstützerinnenRobin Robbins (Hrsg.): The Poems of John Donne, Band 1, darin: Verse Epistles to Patronesses, S. 205–268., Epigramme, Satiren, Übersetzungen aus dem Lateinischen, theologische und religionspolitische Schriften, Predigten und Meditationen.
Leben mini|Donne in der Pose des Melancholikers (Porträt von 1595 in der National Portrait Gallery)
Familie, Jugend, Studium: 1572–1591 Donne wuchs in einer katholischen Familie auf. Im Rückblick schrieb er 1610, er „stamme von einem Menschenschlag ab, der wegen seines Gehorsams gegenüber dem Römischen Lehramt mehr zu erdulden und zu erleiden hatte als jede andere Familie“.Zitiert nach Robert Cecil Bald: John Donne: A Life. Oxford University Press 1970, S. 23.
Durch seine Mutter Elizabeth Heywood war Donne ein Urgroßneffe von Sir Thomas More und Spross einer Familie, deren männliche Angehörige sich durch bemerkenswerte intellektuelle Leistungen, zumeist auf literarischem und juristischem Gebiet, ausgezeichnet hatten. Bald, John Donne, S. 22. Zwei Brüder seiner Mutter, Ellis und Jasper Heywood, gehörten dem Jesuitenorden an.Bald, John Donne, S. 23. Sein Großonkel Thomas Heywood, ein Mönch, wurde 1574 hingerichtet, weil er verbotenerweise Messe gefeiert hatte.Bald, John Donne, S. 24. Sein jüngerer Bruder Henry starb 1593 im Newgate-Gefängnis, nachdem er einen katholischen Priester bei sich in Thavies Inn versteckt hatte und deshalb verhaftet worden war.Bald, John Donne, S. 58f.
Donnes Vater John, ein wohlhabender Londoner Eisenhändler,Bald, John Donne, S. 26–31. entstammte „in männlicher Linie einer altehrwürdigen Familie aus Wales“.Izaak Walton: Drei Dichterleben. John Donne – Henry Wotton – George Herbert (1670), hrsg., übers. und kommentiert von Manfred Pfister. Dozwil 2021 (Edition SIGNAThUR), S. 32. Er starb 1576; noch im selben Jahr heiratete Donnes Mutter den verwitweten Arzt Dr. John Syminges.Bald, John Donne, S. 37f.
Ab 1584 studierte Donne zunächst in Oxford (am Hertford College, damals noch Hart Hall), ab 1588 in Cambridge.Bald, John Donne, S. 537. Er legte aber keine Examina ab, weil er dafür den Eid auf die Königin als Oberhaupt der Kirche hätte ablegen müssen.Walton, Drei Dichterleben, S. 33. VermutlichBald, John Donne, S. 50–52, legt dar, weshalb die Quellenlage nur Spekulationen erlaubt. bereiste er zwischen Sommer 1589 und Frühling 1591 Italien und Spanien.
Anfänge als Dichter, Juristenausbildung, Militär- und Staatsdienst: 1591–1601 In den frühen 1590er-Jahren begann Donne, sich als Dichter einen Namen zu machen. Er verfasste erotische Elegies, zeitkritische Satyres, in denen er den Stil römischer Satiriker mit christlicher Reflexion kombinierte, M. Thomas Hester: Kinde Pitty and Brave Scorn. John Donne’s Satyres. Durham, N.C. 1982 (Duke University Press), S. 54–72. sowie zahlreiche Songs and Sonnets. Diese Dichtungen erschienen nicht zu seinen Lebzeiten im Druck, sondern zirkulierten in Abschriften.Robin Robbins (Hrsg.): The Poems of John Donne, Band 1, S. xiv–xvii. Auch wandte er sich in den 1590er-Jahren vom römischen Katholizismus ab und dem anglikanischen Protestantismus zu. Der genaue Zeitpunkt seiner Konversion lässt sich nicht bestimmen,Katherine Rundell: Super-Infinite. The Transformations of John Donne. London 2022 (Faber & Faber), S. 70–74. aber den Wechsel muss er spätestens vollzogen haben, als er 1597/98 in den Staatsdienst eintrat; denn Voraussetzung dafür war, dass er den Supremat von Königin Elisabeth I. über die Kirche anerkannte.Hertford College (University of Oxford): John Donne (1572-1631).
Von 1591 bis 1595 erhielt er eine juristische Ausbildung in Thavies Inn und Lincoln’s Inn.Bald, John Donne, 53–79. In Lincoln’s Inn bekleidete er 1593 das Amt des Master of the Revels; seine Aufgabe bestand darin, öffentliche Veranstaltungen und Geselligkeiten für jüngere Juristen zu organisieren.Stubbs, The Reformed Soul, S. 35. Donne besuchte häufig TheateraufführungenBald, John Donne, S. 73; John Stubbs: Donne. The Reformed Soul. London 2007, S. 47. und dürfte daher auch Stücke von Christopher Marlowe und William Shakespeare gesehen haben. Eine persönliche Begegnung Donnes mit Shakespeare ist nicht belegt, aber durchaus möglich.Bald, John Donne, S. 74; Stubbs, The Reformed Soul, S. 119f.
Von 1596 bis 1597 begleitete er den Grafen von Essex auf dessen erfolgreiche Flottenexpedition nach Cádiz und auf der gescheiterten, gemeinsam mit Sir Walter Raleigh unternommenen „Islands Voyage“ zu den Azoren.Bald, John Donne, S. 80–92. Literarische Zeugnisse der Teilnahme Donnes an diesen militärischen Unternehmungen sind die an den engen Freund Christopher Brooke gerichteten Versbriefe The Storm und The Calm (Die Windstille).Robin Robbins (Hrsg.): The Poems of John Donne, Band 1, S. 64 und 71. Die erotische Elegie His Picture, in der sich der Sprecher vor Antritt einer gefahrvollen Schiffsreise von seiner Geliebten verabschiedet, ist wahrscheinlich inspiriert von der Erfahrung des Aufbruchs zur Cádiz-Expedition oder zur „Islands Voyage“.Robin Robbins (Hrsg.): The Poems of John Donne, Band 1, S. 345.
Zurückgekehrt von der „Islands Voyage“, wurde Donne Ende 1597 oder Anfang 1598Bald, John Donne, S. 537. Stubbs, The Reformed Soul, S. 89. Sekretär des Lordhüters des Großen Siegels und Lordkanzlers Sir Thomas Egerton.Bald, John Donne, S. 93–127. Egerton, der wie Donne vom römischen Katholizismus zum anglikanischen Protestantismus konvertiert war,Bald, John Donne, S. 94. schätzte seinen neuen Mitarbeiter nicht nur als scharfsinnigen Juristen, der die ihm übertragenen Aufgaben zügig und zuverlässig erledigte, sondern auch als angenehmen und anregenden Gesprächspartner. Deshalb war Donne bei den Mahlzeiten der Familie Egerton als ständiger Gast gern gesehen.Bald, John Donne, S. 96. Siehe auch Stubbs, The Reformed Soul, S. 104, 122, 128.
Mit kritischem Blick beobachtete Donne Missstände in der Justiz und am Hof. In seiner Satyre V entrüstet er sich über die finanzielle Ausbeutung von Klägern beim Court of Chancery und anderen Gerichten sowie von Antragstellern bei Verwaltungsbehörden durch überhöhte Gebühren und Honorare.Bald, John Donne, S. 100f. In einem Versbrief an seinen Freund Henry Wotton spricht er offen aus, wie abstoßend er die Atmosphäre höfischer Intrigen findet.To Mr Henry Wotton, 20 July 1598. At Court. In: Robin Robbins (Hrsg.): The Poems of John Donne, Band 1, S. 78–81. Siehe auch Bald, John Donne, S. 102f. Donne bekam aus der Nähe mit, wie der Graf von Essex, vordem ein Freund Egertons, bei Königin Elisabeth I. in Ungnade fiel und nach dem misslungenen Staatsstreich Anfang 1601 hingerichtet wurde. Stubbs, The Reformed Soul, S. 132–141. Im Herbst 1601 war Donne für den Wahlkreis Brackley Mitglied des Parlaments, das vom 27. Oktober bis zum 19. Dezember 1601 tagte.DONNE, John (1572-1631), of London und The 1601 House of Commons, The History of Parliament (online): The House of Commons 1558-1603, ed. P.W. Hasler, 1981. Siehe auch Stubbs, The Reformed Soul, S. 144–153.
Ehejahre mit Ann More: 1601–1617 Während seiner Zeit im Dienste Egertons lernte Donne Ann More kennen und lieben. Ann war die Nichte von Egertons zweiter Frau und Tochter des Höflings und Politikers Sir George More, der wie Donne dem Parlament von 1601 angehörte.MORE, George (1553-1632), of Loseley, Surr., The History of Parliament (online): The House of Commons 1558-1603, ed. P.W. Hasler, 1981. Da Ann und John wussten, dass Sir George ihrer Verbindung niemals zustimmen würde,Bald, John Donne, S. 109 und 130f. heirateten sie heimlich, wahrscheinlich im Dezember 1601.Bald, John Donne, S. 538.
Für diesen Verstoß gegen das kanonische RechtBald, John Donne, S. 131 und 135. ließ Sir George Donne kurzzeitig inhaftieren, und er sorgte für Donnes Entlassung aus dem Dienst bei Egerton.Bald, John Donne, S. 538. Außerdem verweigerte er Donne Anns Mitgift.Bald, John Donne, S. 140. Durch den Skandal, den die Heirat ausgelöst hatte, waren für Donne vorerst alle Chancen auf eine Karriere im öffentlichen Dienst zunichtegemacht, und er fand sich im Alter von 30 Jahren ohne Aussicht auf eine Anstellung und ohne ausreichende Mittel zur Versorgung seiner Familie wieder.Bald, John Donne, S. 140. Dieses persönliche Drama wird in einem Epigramm festgehalten, das Donne ohne Angabe überprüfbarer Quellen zugeschrieben wird: „John Donne, Ann Donne, Undone“.Bald, John Donne, S. 139. Quelle für dieses Zitat: Walton, Drei Dichterleben, S. 38. In der Vorrede zu seiner posthum veröffentlichen Schrift Biathanatos bekennt er 1608, dass er oft eine „krankhafte Neigung“ verspüre, sich selbst das Leben zu nehmen.Charles M. Coffin (Hrsg.): The Complete Poetry and Selected Prose of John Donne. New York 2002 (Modern Library), ISBN 0-375-75734-1, S. 317.
In den folgenden zehn Jahren lebte Donne in demütigender finanzieller Abhängigkeit, zunächst (1602–1606) von der Wohltätigkeit von Anns Cousin Sir Francis Wolley in Pyrford (Grafschaft Surrey).Bald, John Donne, S. 140–154. Um 1606 versöhnte sich Sir George More mit seinem Schwiegersohn und bewilligte der wachsenden Familie seiner Tochter Ann einen Unterhalt,Bald, John Donne, S. 153. der es den Donnes erlaubte, in ein Haus in Mitcham, heute Stadtteil von London, umzuziehen (1606–1612). Viel Zeit verbrachte Donne auch in einer Londoner Stadtwohnung, um die Verbindung zu seinen adeligen Unterstützern zu pflegen und nach einer Anstellung Ausschau zu halten. Wiederholt – und erfolglos – bewarb er sich um ein Amt,Bald, John Donne, S. 155–199. unter anderem (1614) um den Posten des englischen Botschafters bei der Republik Venedig.Bald, John Donne, S. 290–291.Walton, Drei Dichterleben, S. 109–110. Walton veröffentlicht hier den Versbrief Donnes an seinen erfolgreichen Konkurrenten: To Sir Henry Wotton at his going Ambassador to Venice. Unterdessen wuchs seine Familie. Ann brachte zwölf Kinder zur Welt, von denen fünf starben, bevor sie das Erwachsenenalter erreichten.Bald, John Donne, S. 547–556.
Trotz aller Sorgen und Nöte in den Jahren 1602–1611 studierte und schrieb Donne unermüdlich, verfasste Prosawerke (Biathanatos, 1608; Pseudo-Martyr, 1610; Ignatius His Conclave, 1611), Liebeslyrik (vor allem während der Zeit in PyrfordHelen Gardner: The Elegies and the Songs and Sonnets of John Donne. London 1965 (Oxford University Press), S. lix.), geistliche Gedichte (namentlich die zwischen 1607 und 1610 entstandenen Holy SonnetsBald, John Donne, S. 233–236.) sowie Lob- und Trauergedichte für seine Gönner.
In den Jahren 1611–1612 reiste er mit seinem neuen Unterstützer Sir Robert DruryDRURY, Sir Robert (1575-1615), of Hawstead, Suff. and Drury House, Westminster, The History of Parliament (online): The House of Commons 1604-1629, ed. Andrew Thrush and John P. Ferris, 2010. durch Frankreich und die Niederlande und ließ Ann mit den Kindern in Mitcham zurück.Bald, John Donne, S. 242 und 249f. Nach ihrer Rückkehr vom europäischen Kontinent stellten die Drurys den Donnes ein Haus auf dem Drury-Anwesen in London zur Verfügung, wo diese von 1612 bis 1621 lebten.Bald, John Donne, S. 539–540.