mini|Georges Bataille 1943 rahmenlos|hochkant|zentriert|klasse=skin-invert-image|Unterschrift Batailles
Georges Bataille (* 10. September 1897 in Billom, Département Puy-de-Dôme; † 9. Juli 1962 in Paris) war ein französischer Schriftsteller und Philosoph.
Er galt als Vertreter des Surrealismus. Bataille veröffentlichte Poesie, Prosa, Studien zu aktuellen Themen, Artikel in Zeitschriften und theoretische Arbeiten – vor allem in Ökonomie. Er gründete die Zeitschrift Critique, heute Revue Critique. Sein theoretisches Werk berührte Politik und Ökonomie, Soziologie, Anthropologie, Sexualität, Kunstgeschichte, Philosophie und Atheologie.
Bataille arbeitete als Archivar und Bibliothekar.
Leben Batailles Vater Joseph-Aristide arbeitete als Verwaltungsangestellter im Strafvollzug und in der Finanzverwaltung; die Behauptung Batailles, er stamme aus einer wohlhabenden Bauernfamilie, ist laut Holger Tiedemann lediglich als Teil seiner Selbststilisierung zu betrachten. Er wuchs zusammen mit seinem älteren Bruder Martial auf. „Meine Kindheit war eine bedauernswerte Abfolge misslicher Umstände“, schrieb Bataille später.Michel Surya: Georges Bataille: An Intellectual Biography. London / New York 1992, S. 13. Sein Vater litt an Syphilis. Er war bereits blind, als Bataille geboren wurde, und zwei oder drei Jahre danach gelähmt. Die Mutter, Antoinette-Aglae Tournarde, hatte immer wieder Depressionen und suizidale Phasen. Zweimal verhinderten die Söhne ihren Selbstmord. 1900 zog die Familie nach Reims um. Bataille half mit, den Vater zu pflegen. Ende 1912 entschied er – gegen den Willen seiner Eltern – nie wieder das örtliche Gymnasium zu betreten. Er litt darunter, dass seine Mitschüler auf ihm „herumhackten“. Ab Oktober 1913 besuchte er als Internatsschüler die Knabenschule in Épernay sur Marne (26 km südlich von Reims). Innerhalb eines Jahres legte er hier den ersten Teil seines Abiturs ab. Reims wurde im Sommer 1914 heftig durch die deutsche Artillerie beschossen. Der größte Teil der Stadt wurde zerstört. Die meisten Einwohner flohen. Die Mutter schloss sich mit Georges dem Flüchtlingsstrom an. Sie wurden von den Eltern der Mutter aufgenommen. Batailles Bruder Martial war im Juli eingezogen worden. Der todkranke Vater war diesen Strapazen nicht gewachsen und musste zurückbleiben. Er starb am 6. November 1915 in der Obhut einer Zugehfrau. Die Familie traf wenige Tage später ein.
In dieser Zeit entstand Batailles Wunsch, eine „paradoxe Philosophie“ zu schreiben. Er hatte sich vorgenommen, eine Lebenseinstellung zu entwickeln, die der des Vaters in jeder Hinsicht entgegengesetzt war. Sein Vater hatte Religion abgelehnt. Bataille war die Praxis des Glaubens fremd. 1914 trat er in die katholische Kirche ein. Er wollte herausfinden, ob die Religion ihm Erfüllung und inneres Gleichgewicht bringen könnte. 1916 erkrankte er während seiner militärischen Grundausbildung in Rennes zum ersten Mal an Tuberkulose. Er erholte sich bei den Großeltern in den Bergen der Auvergne. Er bereitete sich auf die Abschlussprüfung seiner gymnasialen Ausbildung vor und bestand 1917 im nahe gelegenen Seminar Saint-Flour mit den Fächern Philosophie, Geschichte und Deutsch den zweiten Teil seines Abiturs. Zeit seines Lebens blieb sein Immunsystem geschwächt und er litt unter asthmatischen Anfällen.
Bis er 23 Jahre alt war, ging er wöchentlich zur Beichte. Zeitweise hatte er den Wunsch, in ein Kloster einzutreten oder Priester zu werden. Er wartete auf einen entsprechenden Ruf, der jedoch ausblieb. Von nun an beschäftigte er sich mit Religionsgeschichte, vor allem mit der des Mittelalters im Hinblick auf christliches Denken und Handeln. Er verglich diese christliche Praxis mit seinen Gewohnheiten und seinem Denken. Beides war unvereinbar, stellte er fest. Die Ergebnisse veröffentlichte er später u. a. in seinen atheologischen Schriften. Ab November 1918 besuchte er infolge seiner historischen Interessen die École des Chartes in Paris, um Altertumskundler und Bibliothekar zu werden. Er schloss als Zweitbester seines Jahrgangs ab. Zur Belohnung erhielt er 1922 die Gelegenheit, an der französischen Hochschule für spanische Studien in Madrid seine Ausbildung zum Archivar zu vervollständigen. Ein halbes Jahr später begann er seine Berufstätigkeit an der Bibliothèque nationale de France. Die Mutter lebte bis zum 15. Januar 1930.Vgl. zu den beiden Abschnitten: Bataille: Die Geschichte des Auges. In: Ders.: Das obszöne Werk. Reinbek bei Hamburg 1977, S. 50 ff., und im gleichen Band: Ders.: W.-C. Vorwort zur 'Geschichte des Auges', S. 186 f.; Georges Bataille: Romans et récits. La Pléiade, Paris 2004, S. XCIV; Peter Wiechens: Bataille zur Einführung. Hamburg 1995, S. 9 f.; Stuart Kendall: Georges Bataille. London 2007, S. 16–31.
1928 heiratete Bataille die elf Jahre jüngere Schauspielerin Sylvia Maklès. 1930 wurde die Tochter Laurence geboren.Sylvia Makles Eltern waren rumänische Juden. Laurence (1930–1986, Krebs) war eine Lacan’sche Psychoanalytikerin. Posthum gesammelte Schriften: L’ombilic du rêve, Paris, 1987, übers. Der Nabel des Traums. Weinheim/Berlin 1988. 1931 lernte Bataille Colette Peignot, Laure genannt, kennen. Im Lauf der Treffen im Demokratisch-Kommunistischen Kreis entstand eine Beziehung zwischen beiden. Laure starb 1938 an Tuberkulose.Colette Lucienne Peignot, * 8. Okt. 1903, Paris, gest. 7. Nov. 1938 Laure teilte Batailles Leben und Interessen, sie war mit Masson und Leiris, Piere Klossowski und Patrick Waldberg befreundet. Laure nahm an Acéphale teil. Veröffentlichungen in Zeitschriften, posthume Privatdrucke Le sacré, George Bataille mit Michel Leiris (Hrsg.), mit Anmerkungen von Bataille, 1939 u. Histoire d’une petite fille; gesammelt in den Écrits de Laure, Pauvert, Paris, 1979, hrsg. von ihrem Neffen Jérome Peignot und anderen, übers., Schriften, Matheus & Seitz, München, 1980. Sylvia Bataille, geborene Maklès, war nur bis 1934 mit Georges Bataille zusammen; dennoch erfolgte die Scheidung der Eheleute erst 1946. Als Jüdin war Sylvia durch die Rassegesetze gefährdet, so dass eine Scheidung erst nach dem Ende der deutschen Besatzung in Betracht kam. Sylvia Bataille lebte seit 1938 mit Jacques Lacan, einem Psychiater und später berühmten Psychoanalytiker zusammen; sie heirateten 1953.Lacan war mit Bataille befreundet. Sylvia Batailles Tochter mit Lacan, Judith Bataille, verheiratete Miller wurde 1941 geboren, was zur Scheidung von Lacans erster Ehe führte.
Bataille blieb nach der Trennung in Kontakt mit beiden. Er war über Jahrzehnte ein wichtiger Ideengeber für Lacans Psychologie.Vgl. z. B. Hans Erich Troje: Grenzerfahrungen. Zu einigen Texten von George Bataille. In: Hans Erich Troje: Gegenpositionen. Aspekte zur Zukunft von Ehe und Familie. Böhlau, 2009, S. 237–257. Bataille heiratete 1951 Diane Kotchoubey de Beauharnais.Diane Bataille wurde am 4. Juni 1918 in Victoria auf Vancouver Island geboren. Sie ist also Kanadierin. Ihr Vater war Prinz Eugène Kotchoubey de Beauharnais (1894–1951), ihre Mutter Helen Pearce. Sie war in erster Ehe, von 1938 bis 1946 mit Gerges Snopko (1895–1975) verheiratet, hatte eine Tochter, Catherine (1941–1990). Diane veröffentlichte 1955 als XXX einen erfolgreichen sado-masochistischen Roman, The Whip Angels (Die Peitschenengel, Darmstadt, 1968) bei Olympia Press, Paris, repr. 1968 unter dem Pseudonym Selena Warfield! in New York. Alberto Giacometti schuf 1947 ihre Büste. Bataille hatte sie 1943 kennengelernt, ihre Tochter, Julie Bataille, wurde 1949 geboren.
Batailles persönliche Lebensumstände und seine Lebensführung hatten auch Folgen für seine Berufstätigkeit in Bibliotheken und Archiven des französischen Staates. Man war nie so ganz zufrieden mit ihm. Man kritisierte seine Verspätungen und langen Fehlzeiten. Auch die Inhalte seiner Veröffentlichungen entsprachen nicht den Erwartungen an einen Angestellten des öffentlichen Dienstes. Nachdem er zwei Jahre in der französischen Nationalbibliothek gearbeitet hatte, wurde er 1924 in das Archiv für Münzsammlungen versetzt. 1930 folgte eine weitere Versetzung in das Archiv für Buchdruckerkunst. 1942 brach die Tuberkulose wieder aus und er wurde vom Dienst freigestellt. 1949 nahm er die Arbeit als Bibliothekar zunächst in Carpentras und zwei Jahre später in Orléans wieder auf. Ende 1953 zeigten sich erste Symptome einer Erkrankung, die zu seinem Tod führte. 1955 diagnostizierte sein Freund Théodore Fraenkel bei ihm eine Arteriosklerose des Gehirns. Die damit verbundenen anatomischen Veränderungen waren unheilbar und schränkten ihn immer mehr ein. Er litt zunehmend unter sehr heftigen Kopfschmerzen und dem Verlust seiner Konzentration und seines Gedächtnisses. Mehrere klinische Behandlungen brachten keine Besserung. Georges Bataille starb sieben Jahre nach der Diagnose (1962) in Paris.Michel Surya: Georges Bataille: An Intellectual Biography. London / New York 2002, S. 146, 474; Stuart Kendall: Georges Bataille. London 2007, S. 198.
Wirken Schwierige persönliche Befindlichkeiten Mit dem Beginn seiner Berufstätigkeit im Juni 1922 setzte Bataille die mit dem Übertritt zum Katholizismus begonnenen Studien und schriftstellerischen Tätigkeiten fort. Als Jugendlicher hatte er u. a. religiöse Prosa verfasst: Notre Dame de Rheims zum Beispiel. Jetzt schrieb er Gedichte und Kurzgeschichten, begann mehrere Novellen, veröffentlichte wissenschaftliche Beiträge für numismatische Zeitschriften und übersetzte Tolstoi und Nietzsche. Die Idee des Guten in ihren Lehren, ein Werk seines philosophischen Lehrers Leo Schestow. Aus seiner Studienzeit an der École nationale des chartes blieb er weiterhin mit dem Maler André Masson befreundet. Es gelang Bataille nicht, sich angepasst zu verhalten. Der Kontakt mit einer Prostituierten bereitete ihm einerseits Vergnügen und andererseits Unbehagen. In einem freundschaftlichen Briefwechsel mit Colette Renié – einer Kommilitonin aus „Charte“ – berichtete er von seinen Befindlichkeiten und Eskapaden. Er erwähnte auch Selbstmordgedanken, Probleme, sich zu entscheiden und einmal gefasste Pläne zu verwirklichen. Er hielt sich für übermäßig egoistisch und gefühllos. „Mein Leben bleibt weiterhin sehr schwierig für mich.“
Die Gedanken anderer Kurz bevor Bataille nach Spanien aufbrach, lernte er Alfred Métraux kennen. Die beiden entdeckten gemeinsame Interessen und Sympathie füreinander. Nach seiner Rückkehr entwickelte sich eine enge, lebenslange Freundschaft. Métraux, der Ethnologie studierte, machte Bataille mit den anthropologisch fundierten Konzepten seines Professors Marcel Mauss für die soziale, moralische und wirtschaftliche Organisation von Gesellschaften bekannt. Die Folgen dieser Anregungen fanden sich 1933 in den Schriften Die psychologische Struktur des Faschismus und Der Begriff der Verausgabung. In beiden Schriften formuliert Bataille anhand seiner Vorstellungen die Begriffe ‚homogen’ (kulturkonform) und ‚heterogen’ (kulturfremd), die neue Sichtweisen auf politische und wirtschaftliche Phänomene seiner Zeit ermöglichen, welche die letzteren nachvollziehbar machen und dazu anregen sollten, soziale und moralische Normen mit Blick auf anthropologische Forschungen zu verändern.
In den Gesprächen der 1920er Jahre mit Metraux wurden nicht nur Ideen von Mauss, sondern auch von Friedrich Nietzsche, André Gide, Sigmund Freud und Fjodor Michailowitsch Dostojewski diskutiert. Die Wörter, die er benutze, würden immer auch die Gedanken anderer mit ins Spiel bringen, äußerte Bataille dazu.
Grundlegende philosophische Kenntnisse erhielt Bataille von seinem philosophischen Lehrer Leo Isaakowitsch Schestow, den er 1922 kennenlernte. Schestow bestärkte Bataille auch darin, eigenen Gedanken zu folgen, sie in jeder Hinsicht gründlich zu durchdenken und anti-idealistische Konzepte zu entwickeln. Schestows Religiosität sorgte für Distanz zwischen den beiden Männern.Stuart Kendall: Georges Bataille. London 2007, S. 32–42.