|mini mini|Lageskizze des Steinlager II unter der Altstadt von Traismauer mini|Das Stadtschloss von Traismauer, Blick aus Nord mini|Mauerreste der Vorderfront des Fächerturmes an der Südostecke, darüber die Ziegelmauer aus der Zeit der Türkenkriege im 17. Jahrhundert mini|Der südliche Innenturm in der Kirchengasse nach den Befunden von 1980 (A. Gattringer) mini|Das spätantike Mauerwerk im Stadtschloss mini|Das Wiener- oder Römertor, Blick aus Ost mini|Der Reck- oder Hungerturm, Blick aus Nordosten mini|Aquarell des mittelalterlichen St. Pöltner Tores mit dem südwestlichen Fächerturm um 1850 mini|Votivbild, das den Markt Traismauer um 1668 darstellt, ganz rechts der SO-Fächerturm (J. Offenberger)
mini|Grundriss der Principia mit karolingischer Grabkammer nach Johann Offenberger mini|Grabkammer des Cadaloc unter der Pfarrkirche St. Ruprecht mini|Konservierter römischer Brunnen in der Parkanlage beim Wienertor
Das Kastell Traismauer war Teil der Sicherungsanlagen des römischen Limes Noricus in Österreich und befindet sich auf dem Gemeindegebiet von Traismauer, Bezirk St. Pölten, Niederösterreich. Die erhaltenen antiken Bödendenkmäler sind seit 2021 Bestandteil des zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen Donaulimes.
Das norische Reiterlager war vermutlich vom 1. bis ins 5. Jahrhundert mit römischen Truppen belegt. Das Kastellareal ist heute durch die Altstadt von Traismauer überbaut. Bedeutende Reste des spätantiken Kastells (siehe Steinperiode II) haben sich jedoch in den mittelalterlichen Wehranlagen und in der Krypta der St.-Ruprecht-Kirche erhalten.
Name In der Nähe des heutigen Herzogenburg lag laut der Tabula Peutingeriana an der Verbindungsstraße St. Pölten/Aelium Cetium – Wien/Vindobona die Station Trigisamum (= Fluss Traisen), die bis 1949 mit dem Kastell gleichgesetzt wurde, obwohl bereits Theodor Mommsen im Corpus Inscriptionum Latinarum (CIL) für Augustianis plädiert hatte. Dieser Ort war aber wahrscheinlich nur die Bezeichnung einer Furt über die Traisen.Johann Offenberger: 1983, S. 158.
In antiken Quellen wird das Kastell ansonsten nur in der Notitia Dignitatum erwähnt.Notitia Dignitatum occ. XXXIV. Der Name Augustianis (Adjektivbildung zum Namen des AugustusG. Rasch: 1950, II, S. 22.) leitet sich mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit von der Reitertruppe der Ala I Augusta Thracum ab, deren Stationierung hier durch Inschriften und Ziegelstempel bezeugt ist.
Lage Traismauer liegt am südwestlichen Rand des Tullner Beckens, direkt am Ausgang des Traisentales. Östlich ist die Landschaft durch die Donauauen und das Traisental geprägt. Letzteres wird im Osten von Hügelland und im Westen vom Dunkelsteinerwald umschlossen. Der Fluss Traisen führt auch als einziger Nebenfluss der Donau bis in die östlichen Kalkalpen hinein. Über mehrere gut passierbare Übergänge im Osten gelangt man ins Wiener Becken. Die höchsten Erhebungen in der Ebene um Traismauer sind der Venus- und der Schullerberg, zwei durch die Perschling abgeschnittene Ausläufer des Wienerwaldes. Die geographische Lage von Augustianis war strategisch für die Anlage eines Kastells hervorragend geeignet. Die römischen Soldaten trafen im 1. Jahrhundert auf einen ungeregelten Strom mit breitem, undurchschaubaren Auwaldgürtel. Bei Traismauer und Tulln war eine Überquerung des Stromes möglich. Dort konnten bereits prähistorische Handelswege nachgewiesen werden. Bei Traismauer schnitt sich eine wichtige Nord-Süd-Verbindung (Traisen-, Kamptal) mit der Limesstraße entlang der Donau. Im Norden war der Platz durch die Donau, im Nordwesten durch die Traisen abgesichert. Eine aus dem Murtal in der Steiermark heranführende Handelsstraße (Eisen und Salz) traf bei Traismauer auf die Donau, querte diese und schloss sich am Nordufer an zwei alte Fernverkehrsrouten, die sogenannte Manhartsberglinie und den Kamptalweg, an. Ein in der Nähe des Lagers vermuteter Donauübergang ermöglichte weiters die Anlage einer Straßenverbindung nach Süden, nach Aelium Cetium/St. Pölten. Aufgrund der prähistorischen Funde vermutet man diese Straße am rechten Ufer der Traisen.J. Offenberger, 1983, S. 154. Von hier aus beherrschte man das Binnenland und konnte sofort eventuelle Feindbewegungen am Nordufer des Stromes (Mündung des Kamp) erkennen. Zusätzlich rückt hier das Hügelland des 345 m hohen Seelackenberges bis weit gegen die Donau vor und schließt das südliche Tullnerfeld gegen Westen ab. Da die Erhebungen des Venus- und Schullerberges eine gute Sicht in das Innere des Lagers ermöglichten, war die Besatzung im Fall einer Belagerung aber dadurch erheblich im Nachteil. Augustianis fungierte an diesem Engpass wohl als Verbindungsstelle zwischen Kastell Favianis (Mautern) und Kastell Comagena (Tulln).
Das Kastell selbst lag auf leicht erhöhtem Gelände in verkehrsgünstiger Lage östlich der damaligen Mündung der Traisen in die Donau, direkt am Schnittpunkt mehrerer Straßen mit dem damals sicher ebenfalls als Transportweg genutzten Fluss. Sein Standort nahm auf der Niederterrasse zur Donau und zur Traisen allerdings eine äußerst hochwassergefährdete Lage ein, wie die offensichtlich immer wieder durch Schwemmablagerungen aufgefüllten Spitzgräben beweisen. Grund hierfür dürfte eine ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. einsetzende Klimaverschlechterung sein, die zur Zunahme von Hochwasserkatastrophen und damit unweigerlich auch zu einem kontinuierlichen Anstieg des Grundwasserspiegels führte.Johann Offenberger, 1983, S. 152–154. Seine Reste liegen heute ganz unter dem mittelalterlichen Stadtkern. Der rechteckige Grundriss orientierte sich im Norden am antiken Ufer der Donau, westlich stieß es an den damaligen Flusslauf der Traisen. Die Trasse der Lagerhauptstraße, die via principalis, führte weiter nach Westen und durchquerte dabei ihr Überschwemmungsgebiet. Hier stand einst eine „Steinerne Säule“, die in einer Urkunde aus dem 9. Jahrhundert erstmals erwähnt wird (columna lapidea), vermutlich ein römischer Meilenstein. Sie wurde beim Schotterabbau in den 1940er Jahren entfernt.H. L. Werneck: Grundlagen zur Frühgeschichte zwischen Dunkelsteinerwald und Unterlauf der großen Tulln, Herzogenburg 1955, S. 137. An dieser Stelle zweigte vermutlich auch die Limesstraße von der nach St. Pölten/Cetium führenden Straße ab. In der Nähe der Säule soll auch ein römischer Wachturm gestanden haben.Nach Auskunft eines Bauern aus Wagram an der Traisen hatte dieser vor Jahrzehnten an dieser Stelle steinerne Fundamente ausgeackert. Die Weitergabe der Meldung an die zuständigen Stellen wurde ihm jedoch vom Grundherren untersagt. Eine Flurbegehung durch Archäologen brachte jedoch keine diesbezüglichen Ergebnisse. Das Kastell zählte zum Limes der Provinz Noricum. Nach Teilung der Provinz im Zuge der Verwaltungsreform des Diokletian fiel Augustianis an die Provinz Noricum ripense.
Forschungsgeschichte Die Altarinschrift der ala I Augusta Thracum aus den Jahren um 140–144 n. Chr. war bereits im 16. Jahrhundert dem bayrischen Humanisten Johannes Aventinus (1477–1534; Codex Latinus Monacensis 1560, fol. 174) als einziger für Niederösterreich verzeichneter römischer Inschriftenstein bekannt.. Auf ihr wird berichtet, dass diese Einheit dem Kaiser Antoninus Pius den Altar gewidmet hat. Es handelt sich dabei um die älteste bekannte Inschrift Niederösterreichs, eine Kopie ist heute oberhalb des Einganges zum Stadtschloss eingemauert. Das Original befindet sich seit 2022 in der Archäologischen Sammlung der Stadtgemeinde. Der Grabstein eines Veteranen dieser Truppe wurde 1828 in einer Kiesgrube in der Ortschaft Gemeinlebarn entdeckt und anschließend ebenfalls ins Lapidarium des Traismauer Schlosses verbracht, wo er heute besichtigt werden kann (siehe Galerie weiter unten).. Zwei Jahre später wurde bekannt, dass auch auf dem Venusberg noch sehr alte Mauern zu sehen gewesen sein sollen.A. Plasser: 1894, S. 6. Die aussagekräftigsten römischen Funde wurden beim Bau der Eisenbahnstrecke 1884–1885 gemacht. Es gelang dabei nicht nur einige Fundamentsegmente von Kastellgebäuden aufzudecken, sondern auch antike Gräber und deren Beigaben wie z. B. Münzen, Keramik, Glas sowie Bronze- und Eisenfragmente zu bergen. Um die Sicherstellung dieser Fundstücke machten sich insbesondere Adalbert Dungel und die Familie Wolfram verdient. Ein 1885 ebenfalls beim Bahnbau entdeckter Grabstein wurde zerstört. Im Laufe des 20. Jahrhunderts konnten durch zahlreiche Grabungen und Zufallsfunde ein umfassendes Bild über das Kastell, Vicus und Gräberfelder gewonnen werden.
Entwicklung Konkrete Anhaltspunkte für die Entstehungszeit des Lagers lieferten die Grabungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Stefan Groh versuchte in seiner neuesten Publikation über das Kastell Mautern über eine Analyse der Münzverteilung durch die Prozentanteile von Aesmünzen an den jeweiligen Kastellorten eine Art Chronologie ihrer Entstehungszeit zu erarbeiten. Dabei scheint vor allem das Kastell von Traismauer als eine der frühesten Gründungen am norischen Limes auf. Es könnte theoretisch schon während des Vierkaiserjahres bestanden haben. Nach Ausweis der dabei gemachten Funde dürfte das Kastell zur Zeit der Herrschaft der Dynastie der Flavier oder eventuell sogar schon unter Kaiser Claudius (41–54) in Holz-Erde-Technik errichtet, aber gegen Ende des 1. Jahrhunderts durch Feuer wieder zerstört worden sein (Nachweis einer 20–60 cm dicken Brandschicht). Nach der Inschrift am Traismauer Schloss war der Neubau in Stein um 140–144 n. Chr. abgeschlossen, der mit hoher Wahrscheinlichkeit durch die Angehörigen der Ala I Augusta Thracum ausgeführt wurde. Sicher ist nur, dass die Anlage bis zum 4. Jahrhundert mehrfach umgebaut bzw. den Neuerungen im spätantiken Festungsbau angepasst worden ist. Die heute noch sichtbaren Stadtmauersektionen wurden größtenteils im 17. Jahrhundert, zur Zeit der Türkenkriege, erbaut.
Kastell Nach einer genauen Untersuchung des älteren Mauerbestandes und Vergleich mit dem Katasterplan durch Eduard Novotny kam dieser zu der Überzeugung, dass die Fläche des mittelalterlichen Ortskerns größtenteils mit dem römischen Reiterkastell identisch sei.E. Novotny: 1923, S. 20. Auch die heutige Wienerstraße deckt sich fast ganz mit der via principalis des einstigen Reiterlagers. Laut Novotny umfasste das Kastell ein Areal von ca. 4,7 ha. Das Praetorium vermutete er (im Vergleich mit Ala Nova) unter dem südlichen Seitenschiff der Pfarrkirche. Auch der Archäologe Erich Polaschek (1885–1974) erkannte im Häuserplan Traismauers die Umwehrung und Fläche des einstigen Kastells. Zudem vertrat er auf Grund der damals schon bekannten Bauinschrift die Ansicht, dass hier vor dem Steinlager ein früheres Lager existiert haben musste.Erich Polaschek: St. Pölten und Umgebung in römischer Zeit. In: Die Arbeitsgemeinschaft 9 (1933), S. 1–11; hier: S. 5 und Erich Polaschek: Noricum. In: Realencyclopädie der Classischen Altertumswissenschaft, (1936), Sp. 1001. Insgesamt konnten fünf mehr oder weniger gut unterscheidbare römische Bauphasen, drei Holz-Erde- und zwei Steinbauphasen, bestimmt werden. Der früheste Lagerbau war möglicherweise etwas weiter im Osten situiert als seine Nachfolger.Johann Offenberger: 1993, S. 542. Die Füllung der Fundamentgruben lässt vermuten, dass das Holz-Erde-Kastell im Zuge von Erneuerungsarbeiten planmäßig zerstört (abgebrannt) wurde. Danach wurde sein Gelände eingeebnet und anschließend darauf das Steinkastell I von Grund auf neu errichtet. Der Bau des nördlichen Hufeisenturms (Hunger- oder Reckturm) erfolgte wohl unter Kaiser Valentinian I. (364–375)Hannsjörg Ubl in: Severin zwischen Römerzeit und Völkerwanderung, Katalog, Linz 1982, S. 534.