mini|Orgel von Peter Gerritz (1471) mit Pedaltürmen in der St.-Bavo-Kirche (Haarlem) auf einem Gemälde von Pieter Jansz Saenredam (1636) Als Schwalbennestorgel bezeichnet man eine Orgel, die nicht auf waagerechtem Fußboden aufgebaut ist, sondern meist in großer Höhe an oder vor einer Innenwand montiert ist. Ältere Schwalbennestorgeln ruhen auf Konsolenkonstruktionen, die oft als kleine korbförmige Emporen ausgebildet sind. Moderne Orgeln werden auch an Stahlseilen aufgehängt.
Geschichte mini|Orgel in Sion (1435), eine der ältesten erhaltenen Orgeln der Welt Die Bezeichnung Schwalbennestorgel geht auf Michael Praetorius zurück, der in seinem Syntagma musicum (Bd. 2, 1619) über die Bauweise der „allerersten Orgelwercken“ sagte, dass sie „in die höhe bey die Chor als Schwalbennester gesetzt“ wurden.Praetorius: Syntagma musicum, S. 94. Mit Aufkommen der Gotik hielt die Orgel in vielen Kirchen Einzug. Die ältesten Kirchenorgeln waren vielfach Schwalbennestorgeln,Klosterkirche Muri: wahrscheinlich 12. Jahrhundert; abgerufen am 7. Januar 2023. was sie praktischen Gründen verdankten: In der christlichen Liturgie erfüllte die Orgel fortan eine wichtige Funktion und wurde deshalb im Mittelschiff in Chornähe platziert. Ab dem 15. Jahrhundert wiesen größere Schwalbennestorgeln neben dem Hauptwerk bereits ein Rückpositiv und ein freistehendes Pedal auf.Vente: Brabanter Orgel, S. 12. Häufig wurden die Instrumente der Gotik und Renaissance mit reich bemalten Flügeltüren versehen, wie aus zeitgenössischen bildlichen Darstellungen hervorgeht.Jakob: Valeria-Orgel, S. 127–141. Diese Klapptüren wurden aus künstlerischen und klanglichen, aber auch aus praktischen Gründen angebracht, um die Orgel vor Vogelkot und sonstigen Verschmutzungen zu schützen. In der Advents- und Passionszeit konnten die Flügeltüren geschlossen werden, entsprechend der Praxis, die Flügeltüren eines Altarretabels zu schließen. Auch die Rückseiten der Türen waren bemalt. Unten wird die Schwalbennestorgel in der Regel mit einem geschnitzten Unterbau abgeschlossen, der in einer Spitze endet. Im Übrigen ist die Form der Schwalbennestorgel wenig einheitlich.Siehe die Beispiele bei Jakob: Valeria-Orgel, S. 143–162.
Bis ins 17. Jahrhundert hinein erfüllte die Orgel vorwiegend eine liturgische Funktion im Wechsel mit Chor, Gemeinde und einzelnen Sängern („Alternatimpraxis“) und übernahm in Form von Orgelversen einzelne Teile der Messe und der kirchlichen Tageszeiten. Die mittelalterlichen Schwalbennestorgeln wurden deshalb gerne in der Nähe zum Altar platziert. Die Orgel wurde erst ab der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts für die Begleitung des Gemeindelieds eingesetzt, insbesondere um den durch den Dreißigjährigen Krieg verfallenen Gesang zu unterstützen. Die erforderlichen größeren Instrumente wurden in Frankreich und Nordeuropa bevorzugt auf der Westempore errichtet, während die Schwalbennestorgeln an Bedeutung verloren. Die größeren Emporen ermöglichten zudem das gemeinsame Musizieren mit Chor und Instrumenten, was vor allem in Mitteldeutschland verbreitete Praxis war. Erst im 20. Jahrhundert wurden wieder vermehrt Schwalbennestorgeln gebaut, entweder als Großorgel oder als stilistische Ergänzung zur Hauptorgel. Ausschlaggebend für den Bau einer Schwalbennestorgel an den Langseiten des Hauptschiffes ist meist die akustisch günstige Lage zur Begleitung des Gemeindegesangs. In neuerer Zeit spielen auch denkmalpflegerische Aspekte eine Rolle.
Spieltisch Bei einer mechanischen Spieltraktur kann der Spieltisch vorder-, hinter- oder seitenspielig angebracht sein. Bei modernen Schwalbennestorgeln befindet er sich oft weitab von der Orgel, sodass diese von dort oder von der Hauptorgel aus elektrisch angespielt werden kann. Einzigartig ist die Doppelorgel in Bedheim. Hier wird die Schwalbennestorgel vom zweiten Manual der Hauptorgel angespielt, wobei eine Mechanik mittels Holzleisten (sog. Abstrakten) über dem Orgelboden eine Entfernung von 20 m überbrückt. Es kann sich der Spieltisch aber auch am Orgelgehäuse befinden; der Organist gelangt dann über verborgene Treppen und Zugänge dorthin, neuerdings auch (so im Regensburger Dom) durch einen Aufzug, der ebenfalls vor den Blicken der Gottesdienstbesucher verborgen werden kann.
Orgeln (Auswahl) Die folgende sortierbare Liste ist eine Auswahl und konzentriert sich auf Schwalbennestorgeln in Deutschland.
In der sechsten Spalte bezeichnet die römische Zahl die Anzahl der Manuale, ein großes P ein selbstständiges Pedal, ein kleines p ein nur angehängtes Pedal und die arabische Zahl in der vorletzten Spalte die Anzahl der klingenden Register.
Ort Kirche Bild Orgelbauer Jahr Manuale Register Anmerkungen Bamberg Bamberger Dom 160x160px Rieger Orgelbau, Orgelbau Goll 1974 IV/P 77 Mit Spanischen Trompeten Bayreuth Heilige Dreifaltigkeit 160x160px Johannes Klais Orgelbau 1971 III/P 22 Bedheim St. Kilian 160x160px Nicolaus Seeber 1721 I 7 Über eine mechanische Konstruktion von 20 m langen Holzabstrakten mit der Hauptorgel verbunden und vom unteren Manual aus bespielbar Berlin St.-Hedwigs-Kathedrale 160x160px Johannes Klais 1975–1977 III/P 67 Bremen Bremer Dom 160x160px Gebr. Van Vulpen 1965–1966 III/P 36 Sog. „Bachorgel“ Brüssel Kathedrale St. Michael und St. Gudula 160x160px Gerhard Grenzing 2004 IV/P 63 Chartres Kathedrale von Chartres 160x160px Danion-Gonzalez 1971 IV/P 67 Coimbra Mosteiro de Santa Clara 160x160px Manoel Benito Gomez de Herrera 1719–1724 II/P 2004–2008 auf ursprünglichen Zustand restauriert Dortmund Marienkirche 160x160px Gustav Steinmann 1967 III/P 34 Im Stil des Neobarock; seitenspielig Frankfurt am Main Alte Nikolaikirche 160x160px Gebr. Oberlinger 1992 II/P 23 Mechanische Spiel- und Registertraktur; Orgelgehäuse mit sehr geringer Tiefe Frankfurt am Main Kaiserdom St. Bartholomäus 160x160px Johannes Klais 1994 II/P 28 Ebenfalls von Hauptorgel aus elektrisch anspielbar Freiburg im Breisgau Freiburger Münster169x169px Rieger Orgelbau 1965 IV/P 61 Ebenfalls von Generalspieltisch im Chorraum aus elektrisch anspielbar Freiburg im Breisgau Freiburger Münster169x169px Marcussen & Søn 1965 II/P 21 Ebenfalls von Generalspieltisch im Chorraum aus elektrisch anspielbar Gelnhausen Marienkirche 160x160px Ratzmann, Schmidt 1879/1966 III/P 38 Ratzmann-Gehäuse erhalten, Orgelwerk von B. Schmidt 1966 neu gebaut, dabei Spieltisch von ursprünglich im Gehäuse balkonartig vorgezogen. Gonnesweiler Heilig-Geist 160x160px Christian Gerhardt 1960 II/P 13 Instrument in zwei Teile zerteilt; Hauptwerk und 2 der 3 Pedalregister bilden das Schwalbennest; der Rest steht auf der Empore Groningen Der Aa-kerk 160x160px Hermann Raphael Rodensteen um 1550/1635 II/P Nur Gehäuse erhalten → Orgeln der Der Aa-kerk (Groningen) Herford Herforder Münster 160x160px Paul Ott 1953 II/P 21 Hinter hist. Prospekt einer Orgel von Johann Andreas Zuberbier (1756), die ursprünglich für Friedewald (I/p/9) gebaut war Bad Hersfeld Stadtkirche 160x160px Bruno Döring 1974 III/P 57 Mit Echowerk ohne eigenes Manual Hildesheim Hildesheimer Dom zentriert|160x160px Seifert 2014 IV/P 77 Innsbruck Hofkirche 160x160px Jörg Ebert 1561 II/p 15 Nahezu vollständig erhalten → Orgel der Hofkirche Innsbruck Köln Kölner Dom 160x160px Johannes Klais 1998 IV/P 53 Kann auch von der Hauptorgel aus elektrisch angespielt werden; hängt nicht an der Wand, sondern mit 4 Stahlseilen an dem eisernen Dachstuhl des Kölner Domes Lemgo St. Marien 160x160px Gebr. Slegel, Fritz Scherer, Rowan West 1587, 1612–1613, 2009–2010 III/P 27 Gehäuse von Slegel; einige Reste von Scherer erhalten; Rekonstruktion durch West (II/P/20) → Orgel von St. Marien (Lemgo) Melle St.-Petrus-Kirche Gesmold 160x160px Rudolf Haupt, Franz Breil 1880, 1982 II/P 24, 19 Erneuerung durch Breil im historischen Prospekt Mülheim-Saarn Klosterkirche 160x160px Friedrich Fleiter 1991 III/P 25 Mit Koppelmanual; Hauptwerk und Pedal auch von der Emporenorgel elektrisch anspielbar Nürnberg St. Lorenz 160x160px Johannes Klais 2005 III/P 32 Regensburg Minoritenkirche (Historisches Museum) 160x160px Bernhardt Edskes 1988–1989 II/P 11 Rekonstruktion der Schwalbennestorgel (15./16. Jahrhundert) nach einem Dispositionsentwurf von Caspar Sturm (1583) Regensburg Regensburger Dom 160x160px Rieger Orgelbau 2009 IV/P 80 Größte Schwalbennestorgel der Welt Salzburg Salzburger Dom 160x160px Johann Pirchner 1991 je II/P je 14 Zwei Vierungsorgeln Straßburg Straßburger Münster 160x160px Johann Andreas Silbermann, Edmond Alexandre Roethinger, Alfred Kern & fils 1491, 1981 III/P 47 Prospekt von Friedrich Krebs (1491), Pendentif des Orgelprospekts von 1385 Trier Trierer Dom 160x160px Johannes Klais 1974 IV/P 67 1996 Chororgel von Klais ebenfalls als Schwalbennestorgel gebaut (II/P/25) Ulm Ulmer Münster 160x160px Rieger Orgelbau 1960 II/P 20 Mit dem Register Alphorn Worms Wormser Dom 160x160px Johannes Klais 1985 III/P 34
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Bauform (Orgel)