mini|Das NS-Dokumentationszentrum gesehen vom Münchner Königsplatz (Westseite), 2024 mini|Direktorin Mirjam Zadoff, 2023

Das NS-Dokumentationszentrum München – Lern- und Erinnerungsort zur Geschichte des Nationalsozialismus ist eine Einrichtung der Landeshauptstadt München gemeinsam mit dem Freistaat Bayern und der Bundesrepublik Deutschland.

Das NS-Dokumentationszentrum dient der Auseinandersetzung mit der Geschichte und den Folgen des NS-Regimes und der zukunftsorientierten, historisch-politischen Bildungsarbeit am Standort des ehemaligen Braunen Hauses, der NSDAP-Parteizentrale. Ein Schwerpunkt der Dokumentationsarbeit liegt auf der Rolle Münchens als „Hauptstadt der Bewegung“ beim Aufstieg der NSDAP und der Durchsetzung des Nationalsozialismus. Das Bildungsprogramm ist auf Schulklassen aller Altersstufen ausgerichtet.

Das Zentrum an der Brienner Straße im Kunstareal München wurde am 70. Jahrestag der Befreiung Münchens, am 30. April 2015, eröffnet. Am 6. Februar 2018 wurde der bis dahin namenlose Platz vor dem Zentrum nach dem Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer benannt, der sich als einer der bekanntesten Zeitzeugen in Deutschland stark für den Bau des NS-Dokumentationszentrums in München eingesetzt hatte. Die neue Adresse des Zentrums ist Max-Mannheimer-Platz 1.

Geschichte Die Stadt München ist ein bedeutender Ort zur Geschichte des Nationalsozialismus in Deutschland. Hier wurde die Partei gegründet, mit dem Hitler-Ludendorff-Putsch versuchte sie 1923 erstmals an die Macht zu gelangen, und die Stadt war bis zum Ende des Weltkriegs und damit der NSDAP Sitz der Parteiführung und ihrer Verwaltung.

Erste Überlegungen nach 1945 miniatur|Hitler bei der Einweihung des „Braunen Hauses“ (1930) miniatur|„Braunes Haus“ (1935) miniatur|NS-Dokumentationszentrum, Baustelle im Dezember 2012

Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten aufgrund der Kontrollratsdirektive Nr. 30 „deutsche Denkmäler und Museen militärischen und nationalsozialistischen Charakters“ beseitigt werden. Die amerikanische Militärregierung veranlasste, alle nationalsozialistischen Symbole wie Reichsadler oder Hakenkreuze zu entfernen. NS-Gebäude wie der Führerbau, die nicht zerstört worden waren, wurden umgenutzt, die beiden Ehrentempel als Orte von NS-Feiern am Königsplatz 1947 gesprengt.

Mit der Entnazifizierung und Reeducation in der amerikanischen Besatzungszone wurde überlegt, ob man nicht in München für eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus eine Bildungsstätte aufbauen sollte. Mit der veränderten Interessenlage im Kalten Krieg ging die US-amerikanische Kulturpolitik jedoch von einer Konfrontation der Bevölkerung mit den NS-Verbrechen zu einer aktiven Bündnispolitik über.Katharina Gerund: "America's Germany?" Die amerikanische Reeducation-Politik der Nachkriegszeit. Bundeszentrale für politische Bildung, 2015, abgerufen am 7. März 2018. 1948 wurde in München das Amerikahaus eröffnet.

Neuer Anlauf 1989 Seit 1988 engagierte sich ein Initiativkreis aus aktiven Bürgern für die Einrichtung eines Ortes des kritischen Umgangs mit der NS-Geschichte in München, der spätere Gründungsdirektor Winfried Nerdinger war daran maßgeblich beteiligt. Im Jahr 1989 gab der Münchner Stadtrat die Anregung, ein „Haus der Zeitgeschichte“ zu errichten. Als Ort hatte man bereits das Grundstück des „Braunen Hauses“ in der Brienner Straße im Blick, wo während der Zeit des Nationalsozialismus die Reichsleitung der NSDAP ihren Sitz hatte – gleich beim Königsplatz in zentraler Innenstadtlage. Das Vorhaben wurde jedoch zunächst nicht realisiert.

Neue Wege in den 1990er Jahren Kurze Zeit später machte sich die Landeshauptstadt München Anfang der neunziger Jahre daran, mit Ausstellungen und Veranstaltungen stärker als bisher an die Zeit des Nationalsozialismus zu erinnern. Hierzu förderte sie vor allem bürgerschaftliche Initiativen und Erinnerungskultur vor Ort.

Der Grundsatzbeschluss 2001 Die Landeshauptstadt München entschied dann 2001 in einem Grundsatzbeschluss, ein NS-Dokumentationszentrum aufzubauen. Sechs Monate später schloss sich der Freistaat Bayern dieser Idee an. Es folgten vier Symposien mit Bürgerbeteiligung.

2003 beschloss der Stadtrat umfangreiche Mittel für das Projekt. Gleichzeitig wurden anderweitig wichtige Akzente gesetzt: Im selben Jahr wurde eine eigene Abteilung für stadtgeschichtliche Aspekte im Münchner Stadtmuseum eingerichtet – nicht als Konkurrenz oder Alternative zum NS-Dokumentationszentrum, sondern als ergänzender Teil einer umfangreicheren Erinnerungslandschaft. Im Juni 2008 konnte die Dauerausstellung „Nationalsozialismus in München – Chiffren der Erinnerung“ über Aufstieg und Herrschaft des Nationalsozialismus im Münchner Stadtmuseum eröffnet werden.

Im Jahre 2005 begann ein wissenschaftliches Team des Kulturreferats der Stadt München mit drei Fachgremien (politischer und wissenschaftlicher Beirat, Kuratorium), den Aufbau und die Einrichtung des NS-Dokumentationszentrums intensiv vorzubereiten. Ende desselben Jahres konnte die Standortfrage geklärt werden, als der Freistaat Bayern das Grundstück des „Braunen Hauses“ kostenlos zur Verfügung stellte. Im April 2008 wurde der Architekturwettbewerb für das NS-Dokumentationszentrum durch den Stadtrat ausgelobt.

Im Juni 2009 wurde schließlich die bereits vereinbarte Zusammenarbeit für den Bau des Dokumentationszentrums zwischen dem Bund, dem Freistaat Bayern und der Landeshauptstadt München in einem feierlichen Akt durch einen Vertrag besiegelt. Die drei Vertragspartner verpflichteten sich hierbei, die Baukosten von 28,2 Millionen Euro zu gleichen Teilen zu tragen. Sollten Mehrkosten entstehen, müssten diese von der Stadt übernommen werden. Anschließend werde die Stadt für den Unterhalt und den Betrieb des Dokumentationszentrums aufkommen.NS-Dokumentationszentrum – Der Bau ist besiegelt. auf sueddeutsche.de, 29. Juni 2009.

2011 begannen die Bauarbeiten zum NS-Dokumentationszentrum, die Grundsteinlegung erfolgte am 9. März 2012.muenchen.de: mini|Das NS-Dokumentationszentrum im Bau, April 2013

Schwierige Namensfindung Umstritten war die Frage, wie der endgültige Name des neuen Dokumentationszentrums sein sollte. Hierbei waren sich die unterschiedlichen Gremien und Parteien uneins:„NS-Dokumentationszentrum München“ Heftiger Streit um ein Kürzel. auf sueddeutsche.de, 31. März 2011.

In der entscheidenden Stadtratssitzung im März 2011 kritisierten das städtische Kulturreferat und die SPD das Kürzel „NS“, weil dies für „nationalsozialistisch“ stehe und damit ein Begriff der „Tätersprache“ der Nazis sei. Darüber hinaus wäre „NS“ im Ausland nicht verständlich und gebräuchlich. Nicht zuletzt wollte Kulturreferent Hans-Georg Küppers (SPD) nicht, dass man im Ausland das Dokumentationszentrum als „nationalsozialistisches Zentrum“ missverstehe.

Eine ähnliche Haltung zeigten im Vorfeld auch die damalige Gründungsdirektorin des Dokumentationszentrums, Irmtrud Wojak, und deren wissenschaftliches Team. Oberbürgermeister Christian Ude teilte diese Einschätzung und unterstrich das Votum des Kuratoriums des Dokumentationszentrums, das mit nur einer Gegenstimme einen Namen favorisierte, der ohne den Zusatz „NS“ ausgekommen wäre. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), Charlotte Knobloch, hielt die Bezeichnung „NS“ in diesem Zusammenhang für „absolut ungeeignet“, da er der Tätersprache entstamme.

Dieser Position widersprachen alle anderen Parteien im Stadtrat. So argumentierten die Grünen, dass sich das Kürzel „NS“ schon lange in der Alltagssprache etabliert habe und sogar die zuständige Abteilung des Kulturreferats „NS-Dokumentationszentrum“ heiße. Darüber hinaus hätten der politische Beirat und der Initiativkreis einstimmig für den Namen „NS-Dokumentationszentrum“ votiert und der wissenschaftliche Beirat hätte sich, zumindest noch mehrheitlich, für diese Variante entschieden. Obendrein könne er sich nicht vorstellen, dass jemand im Ausland annehme, München würde hiermit ein Zentrum zur Verherrlichung der NS-Zeit bauen: „Selbst der blödeste Neonazi kapiert doch, dass es hier um die Analyse des Terrors geht“, so Siegfried Benker von den Grünen.

Marian Offman, einer der beiden Vizepräsidenten der IKG und CSU-Stadtratsmitglied, betonte, dass es auch innerhalb der Kultusgemeinde verschiedene Auffassungen hierzu gebe. Entscheidend sei für ihn, dass bereits im Kurztitel deutlich werde, worum es geht: „Es darf auch nicht der Eindruck entstehen, dass wir schamhaft etwas verschweigen.“

In der anschließenden Entscheidung überstimmten schließlich CSU, Grüne, FDP, Linke und Bayernpartei die SPD und Christian Ude. Seither heißt das Zentrum: „NS-Dokumentationszentrum München – Lern- und Erinnerungsort zur Geschichte des Nationalsozialismus“.

Zu erheblichen Verstimmungen führte eine öffentliche Stellungnahme von Irmtrud Wojak, in der sie Stunden später ungewöhnlich heftige Kritik an der Stadtratsentscheidung übte: Die Argumente des Teams hätten kein Gehör gefunden und die Stadtratsdiskussion sei ein Paradebeispiel dafür, „dass das Wort der Zeitzeugen kein Gehör mehr findet, wenn parteipolitische Überlegungen im Spiel sind“. Das „Ausspielen der Zeitzeugen“ habe „etwas zutiefst Beschämendes an sich“ und lasse „das Schlimmste fürchten für die zukünftige Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus“.NS-Dokuzentrum braucht neuen Chef. auf sueddeutsche.de, 28. Oktober 2011.

Konzeption und Pädagogik mini|Das NS-Dokumentationszentrum neben dem Sockel des nördlichen sogenannten „Ehrentempels“ und dem ehemaligen „Führerbau“ – heute Hochschule für Musik und Theater München

Das NS-Dokumentationszentrum ist als zentraler Erinnerungs- und Lernort geplant, in dessen Konzept und Arbeit die Topografie rund um den Königsplatz – das ehemalige NSDAP-Parteiviertel mit Braunem Haus, Führerbau und Ehrentempeln in München – eine wichtige Rolle spielt. Zugleich soll es ein Bestandteil eines bundesweiten Netzwerks werden, das sich einerseits mit der Geschichte und den Folgen des NS-Regimes auseinandersetzt und andererseits eine zukunftsorientierte, historisch-politische Bildungsarbeit an einem historisch-authentischen Ort realisiert.

Ein bedeutender Aspekt ist auch die Rolle Münchens als „Hauptstadt der Bewegung“ beim Aufstieg der NSDAP und der Durchsetzung des NS-Regimes. Hierbei wird auf Erinnerungsarbeit in Form von offenen Debatten und kritischer Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus gesetzt – mit dem Ziel, eine gegenwarts- und zukunftsorientierte Bürgergesellschaft zu fördern, die sich um Menschenrechte bemüht.

Dieser Lernort soll nachfolgenden Generationen vermitteln, dass Toleranz und Demokratie immer wieder gesichert werden müssen, dass sie gestaltet und mit Leben erfüllt werden müssen, um auch in Zukunft Bestand haben zu können.

Auseinandersetzung um die Konzeption Infolge eines Streits um das genaue Konzept des NS-Dokumentationszentrums entließ der Münchener Kulturreferent Hans-Georg Küppers (SPD) Ende Oktober 2011 die bisherige Gründungsdirektorin Irmtrud Wojak. Dieser Schritt war zuvor mit dem Wissenschaftlichen Beirat des NS-Dokumentationszentrums besprochen worden, der dies einstimmig unterstützte, nachdem Wojaks Grobkonzept für das Dokumentationszentrum in dessen Gremien durchweg auf Ablehnung gestoßen war.