Hans Winkler (* 18. August 1919 in Gotha; † 28. Januar 2000 in Weimar) war ein deutscher Maler. Sein Hauptwerk stand im Zeichen des Informel.
Leben Kindheit und Jugend Hans Winkler, 1919 in Gotha geboren, wuchs als 5. Kind einer Arbeiterfamilie auf. Nach dem Besuch der Volksschule erlernte er von 1933 bis 1937 den Beruf des Schriftmalers. Von einem Zeichenlehrer ließ er sich in verschiedene Techniken der bildenden Kunst einführen. Das Vorbild der Künstler des Bauhauses inspirierte ihn, selbst Maler zu werden. Die Erfahrung, dass sie immer rücksichtsloser verfolgt wurden, hat ihn die politische Kraft innovativer Kunst frühzeitig gelehrt und sollte für sein weiteres Schaffen wegweisend bleiben.Matthias Flügge: Hans Winkler in der Galerie M. In: Marzahner Hefte Nr. 16 Berlin-Marzahn 1991, S. 3 1939 wurde er „als besonders unzuverlässiger junger Mann“ zur Infanterie eingezogen.Gunter Kloss: Hans Winkler, Kunst und Künstler aus der ehemaligen DDR. In: Weltkunst. Aktuelle Zeitschrift für Kunst und Antiquitäten. 61. Jg., Nr. 5. München 1991, S. 642 Mehrfach verwundet überlebte er Krieg und Gefangenschaft.
1945–1990 Nach 1945 unternahm er erste Schritte als selbständiger Maler. Zwei Künstlerpersönlichkeiten sehr unterschiedlicher Herkunft haben ihm, dem Autodidakten, zunächst Wege gewiesen. Zum einen: Franz Markau, ein expressiv Gegenständlicher, der vor und nach dem Ersten Weltkrieg an dem „Versuch einer farbigen Volksarchitektur“ im Kreis um den Architekten Bruno Taut mitgewirkt hatte und nach 1945 als freischaffender Künstler in Weimar tätig wurde. Zum anderen: der von 1947 bis 1949 in Schwarzenbach an der Saale wirkende Werner Gilles, eine namhafte, der Tradition des Bauhauses (Lyonel Feininger) nahestehende, zugleich von der aktuellen französischen Malerei (Pablo Picasso) inspirierte Gestalt der deutschen Nachkriegskunst. Winkler setzte sich damals mit einem Kreis Gothaer Künstler, zu dem auch die Maler Werner Schubert-Deister und Kurt W. Streubel gehörten, für einen Neuanfang der Kunst im Thüringer Raum ein. 1947 wurde unter seiner Mitwirkung der Verband Bildender Künstler der DDR (VBK), erst innerhalb des Verbandes der Architekten, später des Kulturbundes, gegründet.Gunter Kloss: Hans Winkler, Kunst und Künstler aus der ehemaligen DDR. S. 642 Erste öffentliche Anerkennung erfuhr Winkler als einer der „Pioniere des kulturpolitischen Aufbruchs im Zeichen des Expressionismus“Ulrike Rüdiger: InnenSichten. Kunst in Thüringen: 1945 bis heute. Sparkassen-Kulturstiftung und Kunstsammlung Gera, Gera und Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-910051-27-8, S. 36 ein Jahr später durch die Auszeichnung als „besonders wertvoller Kunstschaffender“Gerda Wendermann: Hans Winkler. Ich finde nicht – ich suche. In: Kunstsammlungen zu Weimar (Hrsg.): Hans Winkler. Eine Retrospektive. Weimar 1994, ISBN 3-929323-12-5, S. 8.
Mit der Erklärung des Sozialistischen Realismus zur kunstpolitischen Staatsdoktrin geriet die an der internationalen Avantgarde orientierte Gothaer Gruppe jedoch rasch ins Visier der Kulturbehörden. Eine Ausstellung, die Winkler mit den Freunden in Gotha 1950 noch juryfrei organisiert hatte, wurde in den Zeitungen als volksfeindlich, amerikanisch und dekadent besprochen und abgebrochen. Mit denselben Argumenten folgte der Ausschluss des Künstlers aus dem VBK. Die meisten Vertreter der Gothaer Gruppe gingen nach Westdeutschland. Winkler blieb. Er deutete die Ausgrenzung als Chance um, die bitteren Erfahrungen in Bilder umzusetzen, die der Realität ebenso nah waren wie sie sie veränderten. Im Widerspruch zwischen Hoffnungslosigkeit und Hoffnung entfaltete sich seine malerische Erfindungskraft. Und so lautete sein von mehreren Rezensenten aus einer unveröffentlichten Tagebuchnotiz vom 12. Oktober 1978 zitiertes Motto: „Ich suche keine Auswege, ich suche Wege.“Gunter Nimmich: „Befreiung aus dem Gefängnis der Dinge“. Aus der Laudatio auf Hans Winkler, Weimarpreisträger 1992. In: Kulturjournal Mittelthüringen Nr. 8, November 1992, S. 25Christiane Weber: Der Maler Hans Winkler – Ausstellungen zum 75. Geburtstag in Weimar und Gotha. In: Thüringer Landeszeitung. 30. November 1993
Den Lebensunterhalt verdiente Winkler, der 1949 ein dreijähriges Musikstudium am Erfurter Konservatorium abgeschlossen hatte, sich fortan als Musiklehrer im Fach Violine: zunächst in Gotha und Sondershausen, ab 1965 bis zu seiner Pensionierung 1984 an der Musikschule „Ottmar Gerster“ in Weimar. Wie viele Künstler der abstrakten Moderne wurde er von der SED-Kunstpolitik dazu genötigt, über Jahrzehnte ein Doppelleben in Ostdeutschland zu führen.Sigrid Popp: Informelle Malerei und Inoffizielle Mitarbeiter. Die künstlerische Avantgarde Dresdens im Blickfeld der Staatssicherheit. In: Sigrid Hofer (Hrsg.): Gegenwelten. Informelle Malerei in der DDR. Das Beispiel Dresden. Stroemfeld/Roter Stern. Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-87877-968-2, S. 66 Im Sommer 1957 besuchte er die von dem 1946 gegründeten Musikinstitut Kranichstein, einer „Art ‚musikalisches Bauhaus‘“,Rudolf Stephan (Hrsg.): 1946–1996. Von Kranichstein zur Gegenwart. 50 Jahre Darmstädter Ferienkurse. Stuttgart 1996, S. 1 veranstalteten Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt. Dort traf sich alljährlich die internationale Komponistenavantgarde, u. a. Luigi Nono, über den Winkler später ein ergreifendes Gedicht schreiben sollte.Hans Winkler: Tage und Worte. Gedichte. Edition muschu. Weimar 1999, S. 60 In Darmstadt hörte Winkler auch vier Vorlesungen Theodor W. Adornos zum Thema „Kriterien Neuer Musik“. Den Tagebuchnotizen des Malers lässt sich entnehmen, dass er sich zeitlebens an der informellen Ästhetik des Frankfurter Philosophen orientierte.Michael Löffelholz: Hans Winkler (1919–2000) Informelle Malerei als Gegensprache. Köln 2020, S. 107–116 Im privaten Abseits entwickelte Winkler seinen nonkonformen malerischen Ansatz mit den ihm als Verfemtem zur Verfügung stehenden Materialien weiter, vor allem mit Tusche, Aquarell, saugfähigem Papier, aber auch Industriefarben, Fahnentüchern und Kleiderstoffen. Erst nach über zwei Jahrzehnten totaler Kaltstellung erhielt er Mitte der 70er Jahre im Zuge der einsetzenden Annäherungspolitik Ausstellungsmöglichkeiten in Westdeutschland.Kunstsammlungen zu Weimar (Hrsg.): Hans Winkler. Eine Retrospektive. Weimar 1994, ISBN 3-929323-12-5, S. 93 1981 veranstaltete die Galerie am Sachsenplatz in Leipzig die erste Ausstellung seiner Bilder in der DDR. Die Weimarer Kultureinrichtungen bewogen ihn 1982 zum Wiedereintritt in den VBK. Damit standen Winkler Galerien des Staatlichen Kunsthandels in der DDR offen. Die Zuteilung von Malmaterialien machte es ihm möglich, endlich auch auf größeren Formaten mit Dispersionsfarben zu arbeiten. Einen Atelierraum fand er dafür in Leipzig. Ausstellungen in der BRD blieben untersagt. Noch 1985 wurde das Erscheinen eines Ausstellungskataloges in Berlin mit der Begründung behördlich verboten: „verzerrtes sozialistisches Menschenbild“Gunter Nimmich: „Befreiung aus dem Gefängnis der Dinge“. Aus der Laudatio auf Hans Winkler, Weimarpreisträger 1992. In: Kulturjournal Mittelthüringen Nr. 8, November 1992, S. 24. Ende 1987 stellte ihm die Stadt Weimar ein eigenes Atelier zur Verfügung.
Letzte Jahre Nach der Wende erlebte der Maler erstmals öffentliche Ehrung durch die Verleihung des „Weimar-Preises 1992“ der Stadt Weimar. Ihr folgte zwei Jahre später eine umfassende retrospektive Ausstellung veranstaltet von den Kunstsammlungen zu Weimar, zu der auch ein repräsentativer Katalog erschien.Kunstsammlungen zu Weimar (Hrsg.): Hans Winkler. Eine Retrospektive. Weimar 1994, ISBN 3-929323-12-5. 1998 wurde eine Auswahl seiner in den 70er Jahren verfassten Gedichte veröffentlicht.Hans Winkler: Tage und Worte. Gedichte. Edition muschu. Weimar 1999 Winkler starb im Jahr 2000 an ALS.
Werk Winklers Werk legt Zeugnis ab vom Schicksal eines deutschen Malers in den letzten beiden Dritteln des 20. Jahrhunderts.Michael Löffelholz: Erinnerung an einen verfemten Maler der Dissidenz. In: Zeitschrift für Politische Psychologie, Jg. 12, 2004, Supplement, , S. 15–16Matthias Flügge: Hans Winkler. Poesie statt Abbild. In: Thüringische Landeszeitung, 13. April 1991, S. 2 Er hielt, auch aus politischen Gründen, an der Differenz von Kunst und Politik fest, die die SED mit der Verordnung optimistischer Weltanschauungskunst im Dienste des Staates beseitigte. Seine Unnachgiebigkeit bedeutete für ihn neben dem Verzicht auf geeignete Arbeitsräume und Materialien die Isolierung von den international bedeutsamen Zentren der Kunstentwicklung und des Kunstmarktes, den Entzug von Austausch mit Kollegen, Sachverständigen und Förderern sowie von Publikumsresonanz.
Expressionistisches Frühwerk Winklers erste Schaffensperiode stand noch im Zeichen des Expressionismus.Kunstsammlungen zu Weimar (Hrsg.): Hans Winkler. Eine Retrospektive. Weimar 1994, ISBN 3-929323-12-5, S. 17–25 Nach dem Abbruch ihrer Ausstellung 1950 entwickelten Winkler und Streubel ein Druckverfahren, das sie ironisch „Otik“ nannten. Winkler später dazu: „Otik steht für Ostzonentechnik, geboren aus den Notzeiten, ersonnen in einer Gruppe zusammen mit Kurt Streubel. Wir haben Ofenruß und Fußbodenfarbe zu einem Brei vermischt, aufgewalzt und dann zum – wenn auch nur jeweils einmaligen – Drucken verwandt.“Wolfgang Leissling: „Ich finde nicht – ich suche“. Hans Winkler – Weimarer Retrospektive für einen beharrlichen Maler. In: Thüringer Allgemeine, 21. Januar 1994 Mit dieser Technik schuf Winkler 1951 das Sujets von Werner Gilles aufnehmende expressionistische Bild Komponist am Flügel.Kunstsammlungen zu Weimar (Hrsg.): Hans Winkler. Eine Retrospektive. Weimar 1994, ISBN 3-929323-12-5, S. 24
Informelles Hauptwerk In der zweiten Hälfte der 50er Jahre vollzog der Maler den Bruch mit der Klassischen Moderne und wandte sich der „anderen Kunst“ (art autre) zu.Laszlo Glozer: Westkunst. Zeitgenössische Kunst seit 1939. DuMont Buchverlag, Köln 1981, ISBN 3-7701-1292-X, S. 140–168Karl Ruhrberg: Die Malerei in Europa und Amerika 1945–1960. Die zweite Moderne. DuMont Buchverlag, Köln 1992, ISBN 3-7701-2719-6 Auf Tuschezeichnungen dieser Zeit in Schwarz und Grau bleiben von Gegenständen nur noch Zeichen übrig, die sich als Trümmer und Splitter ohne Halt im Raum bewegen.Kunstsammlungen zu Weimar (Hrsg.): Hans Winkler. Eine Retrospektive. Weimar 1994, ISBN 3-929323-12-5, S. 27–31