NachDenkSeiten mit dem Untertitel Die kritische Website ist ein deutsches Blog, auf dem politische und gesellschaftliche Themen kommentiert werden. Ursprünglich als wichtiger Bestandteil einer „Gegenöffentlichkeit“ gelobt, wird der Website seit etwa 2015 jedoch vorgeworfen, Verschwörungstheorien zu verbreiten, etwa zum Russisch-Ukrainischen Krieg seit 2014 oder zur Corona-Pandemie. Herausgeber ist der ehemalige SPD-Politiker Albrecht Müller, der auch selbst zahlreiche Beiträge veröffentlicht.
Geschichte Unmittelbaren Anlass zur Gründung der NachDenkSeiten bot die Errichtung der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft im Oktober 2000. Albrecht Müller versuchte nach eigener Darstellung zunächst, zwischen dem März 2001 und dem Jahr 2003 mit Hilfe der IG Metall, des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Otto-Brenner-Stiftung eine Website ins Leben zu rufen, die sich kritisch mit den Standpunkten auseinandersetzen sollte, die damals von den Metallarbeitgebern in die gesellschaftspolitische Diskussion eingebracht wurden. Die Gespräche scheiterten aber. Deshalb gründete er mit Wolfgang Lieb als Mitherausgeber die NachDenkSeiten ohne gewerkschaftliche Unterstützung. Der erste Blogbeitrag in den NachDenkSeiten wurde von Albrecht Müller am 30. November 2003 veröffentlicht. Im März 2011 wurde Jens Berger, der das inzwischen stillgelegte Blog Der Spiegelfechter betrieben hatte, neu in den Kreis der Autoren aufgenommen.
Am 23. Oktober 2015 stellte Wolfgang Lieb seine Mitarbeit bei den NachDenkSeiten ein. Er begründete seinen Schritt damit, dass sich die NachDenkSeiten mit einem zunehmenden Anteil von Beiträgen seines Mitherausgebers Albrecht Müller nach und nach verändert und verengt hätten, sowohl thematisch als auch in der Methode der Kritik und der Art der Auseinandersetzung.Wolfgang Lieb in eigener Sache: Ich habe mich schweren Herzens entschlossen, nicht mehr für die NachDenkSeiten zu arbeiten auf den Nachdenkseiten vom 23. Oktober 2015. Müller rufe nur noch zum „‚Kampf‘ gegen ‚die Herrschenden‘ und ‚die Medien‘“ auf anstatt zum Nachdenken.Steven Geyer: Die fragwürdige Anti-Lügenpresse-Front, Berliner Zeitung, 3. November 2015.
Am 17. November 2022 gaben die NDS bekannt, dass ihrem Förderverein IQM e. V. durch das Finanzamt Landau mit Wirkung zum 31. Dezember 2022 die Gemeinnützigkeit aberkannt wurde.https://www.nachdenkseiten.de/?p=90509.
Nachdem im März 2022 der russische Staatspropagandakanal RT DE EU-weit verboten wurde, um die „Verbreitung von Lügen“ über den russischen Überfall auf die Ukraine zu verhindern, wechselte am 1. Juni 2022 der frühere RT-Online-Chef Florian Warweg zu den NachDenkSeiten und wurde von diesen auch in die Bundespressekonferenz (BPK) entsandt. Um die Aufnahme Warwegs dort entspann sich eine Kontroverse und mehrere Mitglieder legten Widerspruch dagegen ein. Der Mitgliedsausschuss der BPK lehnte daraufhin die Aufnahme Warwegs aus formalen Gründen ab, da seine bei den NachDenkSeiten veröffentlichten Beiträge nicht belegten, dass er „ständig und weit überwiegend“ über deutsche Bundespolitik schreibe. Von Markus Kompa vertreten, klagte Warweg daraufhin beim Landgericht Berlin auf Aufnahme in den Verein und Zugang zur BPK. Die Klage scheiterte bezüglich des Aufnahmewunsches, war aber bezüglich des Zugangs zu den Regierungspressekonferenzen erfolgreich. Der Verein legte Rechtsmittel ein.
Die genannten Rechtsmittel wurden im März 2026 zurückgezogen. Form und Inhalte In Form eines Watchblogs kommentieren die Autoren Politik und Gesellschaft und setzen sich dabei kritisch mit neoliberalen (im Sinne von wirtschaftsliberal) und konservativen Denkmustern auseinander.Stephan Hebel: Gar nicht alternativlos, Berliner Zeitung, 9. Dezember 2011. Die Website bietet eine tägliche Medienschau zu politischen und gesellschaftlichen Themen (Hinweise des Tages); die Beiträge werden dabei häufig von Lesern vorgeschlagen. Dabei werden auch die Medien selbst kritisch beobachtet. Besondere Aufmerksamkeit schenkte das Blog darüber hinaus der Finanzkrise ab 2007, der Eurokrise und der Euro-Rettungs-Politik der deutschen Regierung.Stephan Hebel: Das Europrojekt als spannender Episodenfilm, Berliner Zeitung, 21. Dezember 2012.
Das Blog versteht sich als Gegenöffentlichkeit, die aufklären und politische Diskussionen anregen möchte.Nils Minkmar: Im Gespräch: Polit-Blogger Albrecht Müller. Eine perfekte Meinungsmaschine, FAZ, 16. August 2009.
Bekannte Gastautoren oder Gesprächspartner des Blogs sind bzw. waren unter vielen anderen:
Einige Artikel der NachDenkSeiten werden auch als Audio-Podcasts zum Download angeboten.
Im November 2021 während der COVID-19-Pandemie legte der österreichische Aktivist Christian Felber in einem Beitrag für die NachDenkSeiten „30 Gründe“ dar, weshalb er derzeit nicht bereit sei, sich gegen Corona impfen zu lassen. Das Momentum Institut kritisierte Felbers Beitrag und kam zu dem Schluss, dass „fast alle seiner Punkte sich sehr schnell widerlegen lassen, da sie wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechen“ würden.
Nach dem Anfang Oktober 2023 erfolgten Terrorangriff der Hamas auf Israel schrieb Müller, man könne „davon ausgehen“, dass Israel die Vorbereitungen für diese Aktion „wahrgenommen“ und dann „die palästinensische Militäraktion vermutlich hingenommen“ habe, um „nach den Angriffen einen weltweit publizierten und akzeptierten Grund dafür zu haben, im Gazastreifen aufzuräumen“. Der Beginn des folgenden Kriegs spreche „dafür, dass die ethnische Säuberung eingeleitet worden“ sei.Wagenknechts Schreibbrigade www.zeit.de, 8. Dezember 2023.
Printprodukte und Vertrieb Die NachDenkSeiten kooperierten laut einem Bericht des Börsenblatt mit Telepolis und dem Westend Verlag bei der Vertriebsplattform Buchkomplizen. Nach dem Wechsel der Führung von Telepolis Anfang 2021 wurde die Kooperation nach Auskunft des Chefredakteurs Harald Neuber nicht fortgeführt.
Seit 2008 erscheinen unter dem Titel Das Kritische Jahrbuch – Nachdenken über Deutschland Anthologien mit einer Auswahl der Vorjahresartikel. Ab der Ausgabe für 2016 war neben Albrecht Müller nicht mehr Wolfgang Lieb, sondern Jens Berger Mitherausgeber. Seit 2010 erscheinen die Bände im Westend-Verlag.Im Einzelnen:
YouTube-Kanal Die Nachdenkseiten starteten 2023 einen YouTube-Kanal. Er dient als Plattform für verschiedene Formate. Zum einen werden Podcasts und Kommentare veröffentlicht, zum anderen auch Veranstaltungs-Dokumentationen von Albrecht Müller und den Nachdenkseiten hoch geladen. Die Kabarettistin Lisa Fitz verbreitet über den Kanal eigene Produktionen.
In der Subkategorie NDS auf der Bundespressekonferenz werden seit 2024 ausschließlich die Fragen des ehemaligen Russia-Today-Journalisten und NDS-„Parlamentskorrespondent“ Florian Warweg an die Sprecher der Ministerien dokumentiert, der nahezu ausschließlich Fragen mit Russlandbezug stellt. Warweg hatte sich 2022 in die BPK eingeklagt.
Rezeption Anfangsjahre Nach Einschätzung von Spiegel Online aus dem Jahr 2008 gehörten die NachDenkSeiten zu den wenigen deutschen politischen Websites, die überhaupt wahrgenommen wurden. Die technische Plattform allerdings wirke „gegen [amerikanische] Polit-Seiten […] wie aus der Web-Steinzeit“. Die behandelten Themen begrenzten sich auf eine Kritik am Neoliberalismus, so dass die Seite nicht mehr „als eine Internet-Gemeinde für enttäuschte Sozialdemokraten“ sei. Zudem bediene man sich einer auffallend scharfen und schneidigen Ausdrucksweise: „David hat keinen Stein in der Schleuder. Also schmeißt er mit Dreck.“Markus Brauck, Frank Hornig und Isabell Hülsen: Die Beta-Blogger (2). Spiegel Online, 21. Juli 2008.
FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher ordnete die NachDenkSeiten in eine Reihe von Blogs ein, in denen „im besten Sinne alteuropäische Diskurse“ erfolgten, und er fragte sich 2009, ob diese „im Augenblick nur deshalb so wirkungsvoll“ seien, „weil die Politik die Einfluss- und Manipulationsmöglichkeiten digitaler Kommunikation noch nicht verstanden“ habe. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung bezeichnete Schirrmacher im August 2011 die kritischen Beiträge von Albrecht Müller zur Finanzkrise und zu ihrer Bewältigung im Rückblick als „unverzichtbar“.
Im Jahr 2009 erklärte anlässlich der Verleihung des Alternativen Medienpreises an die NachDenkSeiten das Jurymitglied Sven Mainka in seiner Laudatio: „Politische Bildung tut not. Verlinkungen zu anderen kritischen Seiten stellen Zusammenhänge her und helfen, Lobbyismus und Medienmanipulation besser zu erkennen.“Sven Mainka: Alternativer Medienpreis 2009 – Laudatio Internet auf www.nachdenkseiten.de (PDF; 42 kB). 2009. Abgerufen am 23. Juni 2011.
Vor dem Hintergrund eines von ihm beobachteten dogmatischen Wirtschaftsdenkens in der Öffentlichkeit schreibt der Wirtschaftsweise Peter Bofinger im Vorwort zum Jahrbuch der NachDenkSeiten 2011/2012: „Anstöße und Anregungen zu alternativen Denkansätzen bieten – anders als die etablierten Medien – die NachDenkSeiten.“Peter Bofinger: Vorwort zu Nachdenken über Deutschland. Das kritische Jahrbuch 2011/2012.
Im Jahr 2012 bezeichnete der Deutschlandfunk die NachDenkSeiten als „wohl meistgelesenen Polit-Blog Deutschlands“.Melanie Longerich: Eine Frage der Ehre, DLF-Magazin vom 19. April 2012, abgerufen am 28. September 2012.
Spätere Entwicklung Jakob Augstein fragte 2012: Gleichwohl bezeichnete Augstein in einem Gratulationsschreiben 2013 die Nachdenkseiten als „kluges, strenges und vor allem linkes Gewissen der deutschen Publizistik“.Geburtstagsgrüße auf den Nachdenkseiten, 30. November 2013.
Der Mitbegründer der NachDenkSeiten Wolfgang Lieb bemängelte im Oktober 2015, dass Müller „die Welt moralisch in Freund und Feind“ teile und als „Ursache nahezu allen Übels auf der Welt ‚einflussreiche Kräfte‘ (oft in den USA) oder undurchsichtige ‚finanzkräftige Gruppen‘ oder pauschal ‚die Eliten‘“ sehe. Statt zum Nachdenken rufe Müller in den NachDenkSeiten nur noch zum „‚Kampf‘ gegen ‚die Herrschenden‘ und ‚die Medien‘“ auf. Martin Reeh von der Tageszeitung schrieb anlässlich Liebs Abschied von der Webseite, dass sich die NachDenkSeiten und Müller seit der Ukraine-Krise 2014 zweifelhaften Personen und Verschwörungstheorien angenähert haben. Müller lasse sich zum Beispiel von Ken Jebsen interviewen. Den Anschlag auf Charlie Hebdo erkläre Müller durch Bezugnahme auf Andreas von Bülow, der an eine Verschwörung der Geheimdienste glaubt. Auf den NachDenkSeiten dürfe beispielsweise auch Daniele Ganser ohne kritische Nachfragen seine Ansichten verbreiten, dass es ein „NATO-Netzwerk in den Medien“ gebe und der Westen allein schuld sei an der Ukraine-Krise. Müller selbst glaube an eine von oben gesteuerte „Meinungsmache“ der Medien und sei vom Vorwurf „Lügenpresse“ nicht weit entfernt. Steven Geyer von der Frankfurter Rundschau zählte die NachDenkSeiten im November 2015 zu den Machern einer neuen Gegenöffentlichkeit, die gegen eine vermeintliche Gleichschaltung der deutschen Medien anschreiben und hinter allen schlechten Entwicklungen die CIA und NATO vermuten und dabei keine Berührungsängste mit rechten Personen, Positionen und Verschwörungstheorien haben.Steven Geyer: Nachdenkseiten: Die Anti-Lügenpresse-Front. In: Frankfurter Rundschau, 2. November 2015.
In einem Beitrag mit dem Titel „Lügenpresse“: Medienkritik besorgter Bürger im Fernsehmagazin Zapp zählte der NDR im November 2015 die NachDenkSeiten neben PI-News, Compact und Kopp Online zu den bekanntesten „alternativen Medien“. Auf Kritik antwortete die Zapp-Redaktion mit einer Stellungnahme. Der NDR wollte an der entsprechenden Stelle im Film nicht den Eindruck erwecken, die NachDenkSeiten seien politisch mit den genannten Seiten gleichzusetzen. „Allerdings“, so die Redaktion, „mit wachsender Reichweite haben sich die NDS unter der Herausgeberschaft von Albrecht Müller von einem nachdenklichen Online-Portal tatsächlich zu einer Plattform entwickelt, die unserer Meinung nach mit ihrer Medienkritik oft über das Ziel hinausschießt.“