„Süßes Mädel“ ist ein idealisierender Ausdruck für einen bestimmten Frauentypus des Wiener Fin de Siècle. Populär wurde es mit Arthur Schnitzlers erstem Bühnenerfolg, Liebelei (1895).

Charakterisierung Unter dem Begriff „süßes Mädel“ wurde in Wien um 1895 die (üblicherweise männliche) Fantasie von einem Frauentyp populär. Gemeint war damit eine junge Frau aus einfachem Stand aus der Wiener Vorstadt, die zu sexuellen Handlungen überredet werden konnte. Ihr Reiz läge in ihrer heiteren Natürlichkeit und lebensbejahenden Vitalität. Sie fungiert als Geliebte junger Männer aus gehobenem Stand, bevor sie sich eine standesgemäße Gattin nehmen, oder der älteren Männer aus derselben Gesellschaftsschicht, die sich bei ihr von ihrer Ehe erholen. Sie ist eine Gefangene ihres Milieus und trotz aller Zuneigung des jungen Herrn aus gutem Hause nur ein Spielzeug, mit dem er sich eine Weile vergnügt, das er aber dann, wenn es ernst wird, wieder weglegt.Gudrun Brokoph-Mauch: Die Frau in der österreichischen Literatur der Jahrhundertwende.

Für das süße Mädel charakteristisch ist ein Ausbeutungsverhältnis, auf das die Frau aber mit einer Mischung aus Kleinbürgerlichkeit, Realitätssinn und Anständigkeit reagiert.Bertold Heizmann: Arthur Schnitzler, Traumnovelle. Reclam, Stuttgart 2006, S. 22 (Erläuterungen und Dokumente). Janz widmet dem Thema das Kapitel Zum Sozialcharakter des süßen Mädels. In: Rolf-Peter Janz, Arthur Schnitzler: Zur Diagnose des Wiener Bürgertums im Fin de siecle. Metzler, Stuttgart 1977, S. 41–54. Als austauschbares Liebesobjekt für Bürgersöhne kehrt sie nach Beendigung einer oder mehrerer dieser Liebesbeziehungen wieder „in die Vorstadt“ zurück.

Solche Beziehungen sind geprägt von sozialer und emotionaler Ambivalenz, beruhen jedoch durchaus auf Gegenseitigkeit: Die junge Frau hat dadurch Zugang zu gesellschaftlich weitaus höher stehenden Kreisen, wenngleich die Wahrscheinlichkeit einer Ehe äußerst gering ist. Geliebt wird das süße Mädel also in der Wiener Innenstadt, es lebt aber in der Vorstadt (den Außenbezirken wie Wieden, Josefstadt oder Mariahilf) oder „vor der Linie“ (dem Gürtel).

Das süße Mädel stellt zugleich einen (lokal- und geschichts)spezifischen Gegentypus zur Femme fatale dar. Als Sozialcharakter wird sie insbesondere unterschieden von der Prostituierten einerseits und der standesgemäßen, aber sexuell unzugänglichen höheren Tochter andererseits und steht damit im Gegensatz zum „braven Mädchen aus gutem Hause“.

Arthur Schnitzler Sowohl im dramatischen wie auch im epischen Werk Arthur Schnitzlers findet sich das süße Mädel als gängiges künstlerisches Klischee der Wiener Moderne im Fin de siècle.Rolf-Peter Janz, Klaus Laermann: Arthur Schnitzler: Zur Diagnose des Wiener Bürgertums im Fin de siècle. Metzler, Stuttgart 1977, S. 44: „Für den jungen Herrn der Stadt, dem die Maitresse zu kostspielig oder auch zu langweilig ist, der durch eine Prostituierte seine Gesundheit gefährdet sieht, dem die Beziehung zur verheirateten Frau zu riskant ist, der aber seinerseits die standesgemäße junge Dame (noch) nicht heiraten kann oder will, empfiehlt sich das süße Mädel als Geliebte.“ Den Ausdruck verwendet er zum ersten Mal in der kleinen Szene Weihnachtseinkäufe, die zu Weihnachten 1891 in der Frankfurter Zeitung erschien.Frankfurter Zeitung, Nr. 358, 24. Dezember 1891, S. 1–2. Auch in der Erstausgabe von Anatol. Vgl. A. S.: Anatol. Historisch-kritische Ausgabe. Hrsg.: Evelyne Polt-Heinzl und Isabella Schwentner unter Mitarbeit von Gerhard Hubmann. De Gruyter, Berlin / Boston 2012, S. 900. Vgl. auch Arthur Schnitzler: In eigener Sache. Unveröffentlichter Text. Cambridge University Library, Mappe 20,8, S. 8. Dieser Frauentypus prägt dann seine frühen Stücke: Annie in Anatol (1893), Christine in Liebelei (1895) und explizit als „das süße Mädel“ im Reigen (1900); sowie in der Erzählung Kleine Komödie (1895).

Schnitzler hielt den Ausdruck selbst erstmals in seinem Tagebuch im September 1887 fest, als er Jeanette Heeger kennenlernte:

In seiner (erst postum veröffentlichten) Autobiografie Jugend in Wien führt er es ebenfalls auf Heeger zurück:

Schnitzler kommt dort auch auf die Entdeckung dieses Typus als „Idee“ für sein literarisches Schaffen zu sprechen. Das erste süße Mädel will ihm (bereits Jahre vor Jeannette Heeger) im November 1881 begegnet sein, als es die namentliche Bezeichnung dafür noch gar nicht gab. Schnitzlers Definition im Tagebuch ist demnach eine Art literarischer Erstbeschreibung:

mini|Marie GlümerIn seinem Tagebuch vom 3. Dezember 1898 nennt er Marie Chlum/Glümer als das Vorbild.

In seiner Novelle Spiel im Morgengrauen beschreibt Schnitzlers ein ehemaliges süßes Mädel, das sich zu einer eiskalten Geschäftsfrau hochgearbeitet hat und nun ihren ehemaligen Liebhaber in den Selbstmord treibt. In dieser Spielergeschichte aus seinem Spätwerk gibt Schnitzler einem gealterten süßen Mädel also Gelegenheit zur Revanche. Der Leutnant, der sie einst wie eine Prostituierte behandelte, begegnet ihr jetzt als verschuldeter Spieler wieder, der in höchster Not auf die Hilfe seines Onkels hofft – der jetzt ihr Ehemann ist.

Der Bräutigam des süßen Mädels wird von Schnitzler in der Regel ohne jegliche Sympathie gezeichnet. Er ist eine eher unästhetische Erscheinung, dem der Glanz fehlt, „dem die Mädchen verfallen, wenn sie den noblen Verführer lieben“.

Bertold Heizmann macht auf die Übereinstimmung des literarischen Klischees bei Schnitzler mit den Überlegungen Freuds zu einem bestimmten Typus männlicher Objektwahl aufmerksam, der durch „die mehr oder minder stark ausgeprägte ‚Dirnenhaftigkeit‘ der Geliebten und die Absicht, sie zu ‚retten‘“ gekennzeichnet sei.Heizmann: Arthur Schnitzler, Traumnovelle. S. 22. Vgl. auch: Sigmund Freud: Über einen besonderen Typus der Objektwahl beim Manne. In: Ders.: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens. Frankfurt a. M. 1969, S. 66–77 (GW, 8).

Vorgängerfiguren Schon bei Johann Nepomuk Nestroy treten Mädchen aus einfachen Verhältnissen mit ihren Liebhabern aus dem Bürgertum auf. In Das Mädel aus der Vorstadt oder Ehrlich währt am längsten wird ein solches Mädel von einem wohlhabenden jungen Mann zwar ehrlich geliebt, aber im selben Stück sollen einige junge Näherinnen auch als Zeitvertreib für reiche Herren herhalten. In Nestroys Kampl oder Das Mädchen mit den Millionen und die Näherin begehrt ein junger Herr ein Nähmädchen als Objekt seiner vorübergehenden Liebe und will es dafür auch bezahlen.

Auch in der Comédie-Vaudeville La Jolie Fille du Faubourg von Paul de Kock und Charles Varin sowie in Henri Murgers Scènes de la vie de bohème (La Bohème) treten solche Mädel auf.Daniela Altenweisl: Das süße Mädel. othes.univie.ac.at (PDF).

Das süße Mädel ist eine Operette von Heinrich Reinhardt mit dem Libretto von Alexander Landesberg und Leo Stein.

Literatur

Brenda Keiser: The „süßes Mädel“ in Fin-de-Siècle and Modern Vienna. In: Christiane Schönfeld (Hg.): Commodities of Desire. The Prostitution in Modern German Literature. Rochester, NY: Camden House 2000, S. 62–76.

Weblinks Tagebuch von Arthur Schnitzler online

Einzelnachweise

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