mini|Die Karmeliterkirche in Boppard mini|Ansicht von der gegenüberliegenden Rheinseite mini|Grundriss der Karmeliterkirche mini|Innenraum des Seitenschiffs der Karmeliterkirche mini|Innenraum des Hauptschiffs der Karmeliterkirche

Die Karmeliterkirche in Boppard ist eine um 1300 errichtete Klosterkirche, die zum benachbarten Karmeliterkloster von Boppard gehörte, das die drittälteste Ordensniederlassung der Karmeliten in Deutschland war. Zwischen 1439 und 1444 wurde die Kirche nach Norden hin um ein Seitenschiff erweitert. Dieses erhielt eine Fensterverglasung, die heute unter anderem in Museen in den USA und Europa ausgestellt wird. Heute gehört die Klosterkirche zur örtlichen Pfarrei St. Severus und wird von dieser für Gottesdienste genutzt.

Lage Die Klosterkirche befindet sich westlich des bereits seit der Römerzeit ummauerten Stadtkerns unweit des Rheins, lag aber innerhalb der im Laufe des 13. Jahrhunderts erfolgten Befestigung der Niederstadt. Südlich grenzt das eigentliche Kloster an, während im Westen das seit dem 13. Jahrhundert existierende Krankenhaus liegt. Der heutige Karmeliterplatz im Norden der Kirche war bis zu einem Großbrand 1867 noch mit 16 Wohngebäuden überbaut.

Geschichte Um 1300 begannen die Karmeliter an der Nordseite des Klosters mit dem Bau einer einschiffigen Kirche. Finanziert wurde der Kirchenbau durch zahlreiche Schenkungen des Stadtadels über Jahrhunderte hinweg. Dies führte zu einer großzügigen Ausstattung der Kirche, welche im Gegensatz zur schlichten Architektur steht. Untypisch für die Gepflogenheiten eines Bettelordens, hat die Kirche einen verhältnismäßig weitläufigen Chorraum. Dieser war möglicherweise ein Zugeständnis an die wohlhabenden Bürger der Stadt, die im Chor begraben werden wollten. Einige Grabplatten sind heute noch zu erkennen. Der Bau des Chorraums dauerte etwa zehn Jahre und war um 1330 abgeschlossen. Nach einem längeren Baustopp wurde dann das Langhaus errichtet. Wie bei den Karmeliten üblich wurde die Kirche Maria der Mutter Jesu geweiht und erhielt (wie auch bei anderen Bettelorden üblich) statt eines Glockenturms nur einen kleinen Dachreiter, aus dem die Glocke zum Gebet und Gottesdienst ruft.

Ursprünglich war das Langhaus flachgedeckt, erst um 1430/1440 bekam es das Kreuzrippengewölbe. In den Jahren 1439 bis 1444 wurde nach Norden hin noch ein zusätzliches Seitenschiff gebaut. Dieses Seitenschiff hat eine etwas geringere Breite, ist aber genauso hoch wie das Hauptschiff, so dass eine zweischiffige Hallenkirche entstand. Im Jahr 1444 wurde das Seitenschiff durch den Titularbischof von Salona und den Weihbischof von Trier, Gerhard, geweiht. Zwischen 1440 und 1446 erhielt das Seitenschiff farbige Glasfenster. Mit sechs Kreuzgratgewölben wurde 1454 das Seitenschiff durch den Bacharacher Meister Heintz Schmirling eingewölbt.

Im Zuge der Säkularisation 1802 wurde das Karmeliterkloster aufgehoben und fiel mitsamt der Klosterkirche an die Stadt Boppard. Die Orgel der Karmeliterkirche kam nach Niederspay. Als Ersatz wurde die Orgel des ebenfalls aufgelösten Benediktinerinnenklosters Marienberg aufgestellt. Außerdem verkaufte die Stadt im Jahr 1818 die gotischen Glasfenster des Seitenschiffs, „deren Bedeutung von den Verantwortlichen von Boppard verkannt wurden.“G. Datz: Partenheim versus Boppard … S. 112. Im Tausch gegen die ehemalige Franziskanerkirche erhielt 1856 die katholische Pfarrgemeinde St. Severus Boppard die Karmeliterkirche, während das Kloster im Eigentum der Stadt verblieb. Im Jahr 1875 wurde die Kirche restauriert und in der Folgezeit zunächst von der altkatholischen Gemeinde genutzt, welche sich wenige Jahre zuvor in Boppard gegründet hatte und seit dem Vorjahr über einen eigenen Pfarrer verfügte. Im Jahr 1903 wurde die Orgel, die ursprünglich aus dem Kloster Marienberg stammte, weiter nach Bad Salzig verkauft, wo sie in der Sankt-Aegidius-Kirche aufgestellt wurde. Im Folgejahr wurde eine Orgel vom Orgelbaumeister Christian Gerhardt mit 16 Registern aufgestellt.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde 1945 das Westjoch des Seitenschiffs durch eine Bombe getroffen. Es gab erhebliche Schäden an der Orgel. Im Jahr 1950 wurde die Kirche nach dem Wiederaufbau neu geweiht. Weitere Restaurierungsarbeiten begannen im Jahr 1977 unter der Leitung von Otto Spengler. Der Außenputz wurde erneuert, einige Fenster wurden neu verglast, das seit dem 18. Jahrhundert verschlossene Ostfenster im Chor wurde wieder geöffnet und der Innenraum mit seinen Malereien wurde restauriert. Während dieser Renovierungsarbeiten entstanden im August 1984 am Dachstuhl schwere Brandschäden. Deren Beseitigung zog sich bis in den Sommer 1985 hin und konnten durch Versicherungsleistungen gedeckt werden. Im Dezember des gleichen Jahres wurde dann die Innenrestaurierung und die Erneuerung der vierzehn Wandbilder fortgesetzt. Im Zuge dieser Renovierungsarbeiten wurde auch die Orgel nach Ernst (Mosel) verkauft. Mit einer Altarweihe am 13. September 1987 durch den Weihbischof Karl Heinz Jakoby wurde das Ende der Renovierungsarbeiten gefeiert.

Beschreibungen einzelner Objekte Ehemalige Fenster des Seitenschiffs Geschichte Im Seitenschiff der Karmeliterkirche, das im zweiten Drittel des 15. Jahrhunderts fertiggestellt wurde, befinden sich sieben Fenster. Die fünf Fenster der Nordwand und das Fenster der Westwand sind durch rundbogiges Maßwerk in der Mitte in ein Ober- und ein Unterfenster geteilt. Jede Hälfte besteht aus drei Fensterbahnen mit je sechs rechteckigen Feldern von etwa 49 cm × 66 cm Größe und den abschließenden Kopfscheiben mit Maßwerk. Das Fenster der Ostwand ist aufgrund der angebauten Sakristei kleiner und einteilig. Es besteht aus drei Bahnen zu jeweils neun Feldern und kleeblattbogigen Kopfscheiben. Bis 1817 waren dies überwiegend farbenprächtige Fenster, die zwischen 1443 und 1446, vermutlich in einer mittelrheinischen und einer lothringischen Werkstatt geschaffen wurden. Zu den Auftraggebern und Stiftern gehörten ein Bischof von Trier, verschiedene Bruderschaften von Boppard und Angehörige des regionalen Adels, der in der Stadt Besitz und Verwaltungsfunktionen hatte.Achim Machwirth: Die Glasmalereien der Karmeliterkirche. Verkehrs- und Verschönerungsverein Boppard 1872 e. V., Boppard 2012, S. 17–18.

1817 besichtigte Lucie, Tochter des preußischen Staatsministers Hardenberg, geschiedene Reichsgräfin von Pappenheim, die gotischen Fenster und sie interessierte ihren Verlobten, den Grafen (und späteren Fürsten) Hermann von Pückler-Muskau, für einen Ankauf. Über sechs Fenster und ein weiteres, vermutliches Chorfenster, lautete ein Kaufvertrag vom 26. August 1818LHA Koblenz, Best. 618, Nr. 2182. mit dem der Stadtrat, „zu einem Spottpreis“Eine persönliche Einschätzung u. a. von Christian von Stramberg aus dem Jahr 1856 auf: () von 1200 rheinischen Gulden (Florin), dazu 400 Fl. für die Neuverglasung der Kirche, an den Grafen Pückler verkaufte. Die Fenster befanden sich Christian von Stramberg: Rheinischer Antiquarius. (Titel gekürzt), Band 5, Mittelrhein, Coblenz 1856. An den vorausgegangenen Verkaufsverhandlungen waren die preußische Provinzregierung Köln, das Innenministerium in Berlin und Kunstsachverständige, mit Einwänden und Änderungswünschen beteiligt. Noch vor der behördlichen Genehmigung des Kaufs begann der Käufer mit dem Ausbau der Fenster und ihrem Versand nach Muskau. Dort war die Fertigstellung einer neugotischen Kapelle (für deren Verglasung die Bopparder Fenster vorgesehen waren) wegen finanzieller Probleme nicht erfolgt. Pückler schien darüber hinaus das Interesse an dem Kauf verloren zu haben und fürchtete neue Kosten durch die Reinigung und Neuverbleiung zerbrochener Fensterelemente. Bis auf ein Fenster blieben sie in Holzkisten verpackt und kamen, nachdem Pückler Schloss Muskau 1845 verkaufen musste, an sein Schloss Branitz. 1871, nach dem Tod Pücklers, machten die Erben,Pücklers Nichte Marie Gräfin von Seydewitz, vertreten von ihrem Ehemann, dem Kammerherrn und Major von Pachelbt-Gehag. der Stadt Boppard ein Rückkaufangebot, für das der Stadtrat aber nur die Ankaufssumme von 1818 bereitstellen wollte. Auch mit den Kaufempfehlungen eines Berliner Konservators und der Regierung der Rheinprovinz kam es nicht zu einem Rückkauf.

Noch während der Verhandlungen kamen die Fenster im gleichen Jahr nach Berlin in das Königliche Institut für Glasmalerei, wo der Erbeinzwischen Heinrich Graf Pückler sie für einen Verkauf wiederherstellen und ihren Wert taxieren ließ. Ende 1874 wurde, bis auf das Thron-Salomonis-Fenster, ein Großteil der Fenster für 10.000 Reichstaler an den Händler Charles Mannheim in Paris verkauft. Für diesen Zeitpunkt ist unklar, welche und wie viele Fensterelemente verkauft bzw. verschickt worden waren.

1877 kaufte der in Paris lebende Österreicher Friedrich Spitzer die vermutlich aus viereinhalb Fenstern bestehende Kollektion, die dann erstmals katalogisiert und zum Teil abgebildet wurde. Nach seinem Tode 1890 wurden die Fenster erneut im Kunsthandel angeboten und überwiegend in Einzelteilen verauktioniert. Die Höhe von mehr als 10 Metern von Unter- und Oberfenster bereitete möglichen Käufern Ausstellungs-Schwierigkeiten eines vollständigen Fensters. Unterschiedliche Sammlerinteressen lösten Wappen-, Stifter- und Heiligendarstellungen aus ihrer ursprünglichen Einheit. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wechselten Teile des Fensterzyklus im Kunsthandel ihre Besitzer. Nur in dem Museum The Cloisters in New York ist als einziges der mehrere Male neu arrangierten Bopparder Fenster (seit neuerem als Jungfrauen-Fenster bezeichnet) in vermutlich ursprünglicher Gänze zu sehen. Der Großteil der noch erhaltenen Fensterelemente befindet sich in Museen und in Privatbesitz. So werden z. B. allein für Einzelteile des Wurzel-Jesse-Fensters acht Standorte in den USA genannt. Das Metropolitan Museum of Art in New York und seine Filiale The Cloisters sind vielleicht die prominentesten Ausstellungsorte von Beispielen der Bopparder Fenster. In Deutschland sind es das Museum Schnütgen in Köln und das Hessische Landesmuseum Darmstadt, in Großbritannien die Burrell Collection im schottischen Glasgow.

Motive und Namen der Fenster mini|Zwei-Felder-Bild der Madonna mit Christus aus dem sog. Thron-Salomonis-Fenster. Höhe 101; Breite 76 cm, Hessisches Landesmuseum Darmstadt Im Jahr 2013 wurde erstmals eine historiografische Bearbeitung der gotischen Fensterverglasung veröffentlicht, die als Dissertation an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz erarbeitet wurde und die „…eine Präzisierung oder sogar Korrektur von früheren Annahmen erlaubt“. Zweifel an der bisherigen Darstellung der ursprünglichen Verglasung sind angebracht, da die Berliner Werkstatt bei der Restaurierung und Nummerierung nur bedingt den damals noch existierenden Zeichnungen der Fenster folgte, mit „fatalen Folgen für die Rekonstruktion des ursprünglichen Bestands.“ So wurde z. B. aus dem lückenhaften Bestand der sechs Fenster von Pückler (fünf horizontal geteilte und ein kürzeres ungeteiltes), fünf zum Teil neugeordnete zweigeschossige.G. Datz: (PDF), S. 98 ff.