mini|Okkyung Lee (Moers 2006) Jazzcello bezeichnet die Rolle des Cellos und seiner wichtigsten Instrumentalisten im Jazz.

Das Cello war – im Unterschied zu seinen „Verwandten“ Violine und Kontrabass – in der Jazzmusik lange Zeit ein exotisches Instrument. Zunächst sah man das Cello im Jazz als eine Art „kleiner Kontrabass“ an, denn die ersten Musiker, die das Cello solistisch verwendeten, waren Jazzbassisten, die es als Zweitinstrument verwendeten.Christopher Washburne Miscellaneous Instruments in Jazz In: Bill Kirchner (Hrsg.), The Oxford Companion to Jazz Oxford 2005, S. 653ff., hier S. 662 Erst Ende der 1940er Jahre wurde es durch Harry Babasin und Oscar Pettiford in das Jazz-Repertoire eingeführt. Seit den 1970er Jahren gibt es zunehmend ausschließliche Cellisten, die das Cello auch als Solo-Instrument im Jazz und der vom Jazz beeinflussten Improvisationsmusik einsetzen.

Anfänge – Harry Babasin, Oscar Pettiford, Charles Mingus und Fred Katz Seit Beginn des Jazz spielten Streichinstrumente eine Rolle in der Instrumentierung der Jazzmusik. In den Tagen des frühen Jazz waren dies jedoch in erster Linie Violine und Kontrabass, während das Cello anfangs nur eine Randposition einnahm. Erste Jazzmusiker, die dieses Instrument benutzten, waren die Bassisten Harry Babasin, Oscar Pettiford, Charles Mingus, Fred Katz und Ray Brown. Babasin und Pettiford stimmten wie in der Folge auch Sam Jones, Ray Brown, Doug Watkins und Ron Carter – ihre Instrumente nicht wie für das Cello üblich in Quinten, sondern wie beim Bass in Quarten – nur eine Oktave höher.Bill Crow, The Bass in Jazz In: Bill Kirchner (Hrsg.), The Oxford Companion to Jazz S. 668ff., hier S. 677

Harry Babasin Bereits in den 1940er Jahren hatte Harry Babasin (1921–1988), der in den Bands von Charlie Barnet, Benny Goodman und Laurindo Almeida gespielt hatte, erste Versuche mit dem Cello unternommen. So wurde Babasin der erste Jazz-Bassist, der das Cello als Zweitinstrument einsetzte, so bei seinem ersten Solo in einer Aufnahme vom 3. Dezember 1947 mit dem Dodo Marmarosa Trio.

Während er zunächst auch als Cellist noch in der Rolle des Bassisten blieb, nahm er bei späteren Aufnahmen einen Bassisten hinzu, um das Cello als reines Melodie- und Soloinstrument einsetzen zu können. Zu den frühen Titeln, in denen das Cello benutzt wurde, gehörten Harry Babasins Version des Standards These Foolish Things.Harry Babasin and the Jazz Pickers. 1957 mit Harry Babasin (cello), Terry Gibbs (Vibraphon), Dempsey Wright (Gitarre), Ben Tucker (Kontrabass) und Bill Douglas (Schlagzeug) 1953 nahm Babasin ein Album mit dem befreundeten Bassisten und Cellisten Oscar Pettiford auf.

Oscar Pettiford Oscar Pettiford (1922–1960), der in den 1940er Jahren vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Coleman Hawkins, Dizzy Gillespie und Duke Ellington bekannt wurde, hatte 1949 während seiner Mitgliedschaft in der Woody Herman Band einen Armbruch erlitten und fand es zu schwer, während seiner Rekonvaleszenz Bass zu spielen; stattdessen wechselte er – auch zum Zweck der Rehabilitation – zum Cello und spielte es nach seiner Erholung von dem Armbruch gelegentlich als Zweitinstrument bei Auftritten. Zuvor hatte er das Cello bereits gelegentlich in den Orchestern von Duke Ellington und Woody Herman eingesetzt und es anstelle des Kontrabasses verwendet. 1950 war er mit dem Cello in Aufnahmen des Duke Ellington-Quartetts mit Billy Strayhorn zu hören (Perdido).

In kleinen Combo-Besetzungen begann er daraufhin, das Cello konsequent als Melodie- und Soloinstrument einzusetzen. 1952 kam es zu einer gemeinsamen Session der beiden „Pizzicato Jazz Cello“-Pioniere Babasin und Pettiford. Mit seinen eigenen Combos nahm Pettiford zahlreiche Platten mit dem Cello auf. Dabei übernahmen die Bassisten Charles Mingus, Harry Babasin und Whitey Mitchell (der Bruder Red Mitchells) oder später – während seiner Zeit in Deutschland – auch Gitarrist Attila Zoller den Bass-Part. Ab 1954 bediente er sich für Aufnahmen auch der damals noch jungen Mehrspurtechnik und spielte sowohl Bass- als auch den Cellopart ein.

Zu seinen bekannteren Einspielungen als Cellist gehört seine Version des Jazz-Standards „All the Things You Are“ aus dem Jahr 1959 mit Hans Koller (Tenorsaxophon), Attila Zoller (Bass) und Jimmy Pratt (Schlagzeug).

Charles Mingus mini|120px|Charles Mingus Mingus hatte bereits während seiner Schulzeit in der Jazzband auf dem Cello gespielt; er wechselte erst 1938 auf Anraten von Buddy Collette zum Kontrabass.vgl. Brian Priestley: Mingus. A Critical Biography. London 1984, S. 19–24. Seine frühe Komposition Chill of Death (1944) enthielt ein gestrichenes Cello-Solo.Priestley, S. 26 1946, während eines Engagements in der Band von Floyd Ray spielte Mingus gelegentlich Cello, so dass er für sich beanspruchte, bereits vor Pettiford auf diesem Instrument öffentlich Jazz gespielt zu haben.Priestley, S. 42 Im Februar 1949 spielte er in der Aufnahme von He’s Gone, die er mit seinen Symphonic Airs einspielte, ein gestrichenes Cello, das sowohl in der Introduktion zur Ballade alleine spielte, als auch im letzten Chorus noch einmal deutlich hervortrat.Charles ‚Baron‘ Mingus West Coast 1945–1949 #17 sowie Priestley S. 49 Auch auf dem Teo-Macero-Album Explorations (1953) ist er als Cellist zu hören. Ab 1952 arbeitete er mit einem auf Debut Records aufgenommenen Sextett, in dem zusätzlich zu ihm als Bassist ein Cellist (zunächst George Koutzen, dann Jackson Wiley) beteiligt war. 1959 setzte er den Cellisten Maurice Brown auf einigen Stücken seines legendären Albums Mingus Ah Um ein; bei der Hälfte der Stücke auf Pre-Bird (1960) wirkt Charles McCracken mit.

Fred Katz Mitte der 1950er Jahre verschaffte Fred Katz dem gestrichenen Cello Aufmerksamkeit im Jazz. Die Band des Schlagzeugers Chico Hamilton, in der er eigentlich als Pianist engagiert war, sorgte ab Mitte der 1950er Jahre mit neuen Klängen für Aufsehen: Das Cello-Spiel von Katz war in der Zeit von 1955 bis 1958 mitverantwortlich für den Erfolg der Combo mit einem unverwechselbaren kammermusikalischen Sound. Katz spielte bei den ersten Auftritten der Gruppe in den Pausen auf dem Cello, wobei er einmal so vertieft in sein Spiel war, dass er angeblich nicht bemerkte, wie die anderen Mitglieder des Quintetts auf die sehr kleine Bühne zurückgekehrten, so dass er nicht mehr zum Piano kam und den ganzen Set auf dem Cello spielte. So entwickelte die Band den neuen Sound, bei dem auch die Gitarre eine den Ensemble-Sound deutlich prägende Rolle erhielt.Buddy Collette, Jazz Generations. London 2000, S. 133f. Katz war klassisch ausgebildet – er hatte bei Pablo Casals studiert – und setzte bei Hamilton das Cello sowohl gestrichen als auch pizzicato ein. Er war an sechs gemeinsamen Alben mit Hamilton beteiligt;Das letzte dieser Alben (Reunion) entstand 1989 in Mailand, wo das ursprüngliche Quintett von Hamilton noch einmal zusammenfand. unter eigenem Namen legte er Aufnahmen mit Paul Horn (Soul-O Cello) und mit Johnny Pisano vor, bevor er sich anderen Musikgattungen und der vergleichenden Musikwissenschaft zuwendete.Noch 1996 spielte er aber in Collettes Friendship Suite mit, vgl. Collette, S. 189

Katz gilt als der erste „Nicht-Bassist“ der Jazzgeschichte, der auf dem Cello mit längeren solistischen Streich-Passagen in Erscheinung trat. 1957 folgte ihm im Chico-Hamilton-Quintett Nat Gershman nach. Mit den Cellisten des Hamilton-Quintetts erhielt das Cello in der Jazzszene eine größere Aufmerksamkeit.

Die 1960er Jahre In den folgenden Jahren machten auch die Bassisten Keter Betts, Sam Jones, Ray Brown, Percy Heath und Eldee Young Aufnahmen als Cello-Solisten.

Ray Brown Der Bassist Ray Brown (1926–2002) sorgte 1960 mit seinem Album Jazz Cello für Aufsehen; es gilt als eines der ersten Alben des Mainstream Jazz, das dem Cello gewidmet ist. Begleitet von einer Horn- und RhythmusgruppeBesetzung: Ray Brown (Cello), Don Fagerquist (Trompete), Harry Betts (Posaune), Med Flory (Altsaxophon), Bob Cooper (Tenorsaxophon), Paul Horn (Flöte), Jimmy Rowles (Piano), Joe Mondragon (Bass), John Cave (Horn), Bill Hood (Baritonsaxophon), Dick Shanahan (Schlagzeug), Russ Garcia (Arrangeur, Leitung) behandelte Brown das Cello als Melodie-Instrument. Er zeigte dabei mit dem Standard „Ain’t Misbehavin’“, wie das Instrument in einer Bigband-Umgebung gesetzt werden kann. Nach einer Ensemble-Einleitung spielt Brown die Melodie pizzicato und schmückt sie mit einer leichten Ornamentierung aus. Brown spielte auf diesem Album ein spezielles Cello für Jazzbassisten, das er mit der Kay Musical Instrument Company konzipierte und als Modell K 200 auf den Markt kam und in Anzeigen auch als „Ray Brown Jazz Cello“ beworben wurde. Das von Kay gebaute Cello, hat einen kräftigeren Hals, ein breiteres Griffbrett und Plastikwirbel anstelle der Holzwirbel.Kay Passend zu diesem „Jazz Cello“ werden auch bis heute Cello-Saiten in Quartstimmung angeboten.

Ron Carter mini|150px|Ron Carter; 2008 Der Bassist Ron Carter war ursprünglich Cellist und Klarinettist gewesen, wechselte aber schon im Teenageralter mit 17 Jahren zum Bass. Carter machte in den 1960er Jahren ebenfalls Aufnahmen als Cellist, bei denen George Duvivier am Bass mitwirkte. Ron Carter hatte, bevor er zum Bass wechselte, klassischen Cellounterricht genossen, und setzte sein in Quinten gestimmtes Cello auch gestrichen (Coll’arco) für Aufnahmen mit Eric Dolphy, Mal Waldron und George Benson ein. Später verwendete er einen nach seinen Wünschen gebauten „Piccolo-Bass“. Zu den auf dem Prestige-Album Out There (1960) Stücken, in denen Carter Cello spielte, gehörte die Mingus-Komposition „Eclipse“. Diese von Dolphy/Carter 1960 einspielte Version greift, ebenso wie die Originaleinspielung durch Mingus 1953 auf das Cello als besondere Klangfarbe zurück.An der Originaleinspielung war der Cellist Jackson Wiley beteiligt, mit dem Mingus bereits 1952 zusammenarbeitete, zu hören etwa in der Einleitung von Paris in Blue. Eric Dolphy, der 1960 an der zweiten Einspielung des Stücks durch Mingus (Pre-Bird) beteiligt gewesen war, spielte hier Klarinette. „Feather“ und das Titelstück des Albums; die Rhythmusgruppe bildeten bei diesen Titeln George Duvivier (Bass) und Roy Haynes (Schlagzeug). Die Instrumentierung für sein zweites Prestige-Album entlehnte Eric Dolphy dem Chico Hamilton Quintett, dem er zuvor angehört hatte. Dort war der Cellist Nathan Gershman zu hören. 1961 arbeitete Carter als Cellist noch einmal für ihr gemeinsames Prestige-Album Where? zusammen sowie auf dem in ähnlicher Besetzung gehaltenen Waldron-Album The Quest.

Zu den Cellisten der 1960er Jahre zählt auch der früh verstorbene Bassist Doug Watkins. Für sein Prestige/New-Jazz-Album Soulnik, das er 1960 mit Yusef Lateef einspielte, setzte auch er in einigen Titeln das Cello ein; den zusätzlichen Bass spielte Herman Wright. Ähnlich wie bei Pettiford waren es bei dem Posaunisten David Baker gesundheitliche Gründe, die ihn zwangen, 1962 für kurze Zeit Experimente mit dem Cello einzuspielen. Seitdem hat er mit Charles Tyler und Nathan Davis auch Cello-Stücke mit seiner eigenen 21st Century Bebop Band aufgenommen.

Das Jazzcello in den 1970er und 1980er Jahren

mini|150px|Abdul Wadud im Studio Rivbea NYC, Juli 1976 Der Bassist Dave Holland (* 1946) verwendete (in Projekten mit dem Gitarristen Derek Bailey sowie mit dem Bassisten Barre Phillips, jeweils 1971), das Cello. Einflüsse von Pettiford und Ron Carter, aber auch klassischer Komponisten wie Bach und Kodály verarbeitete der Bassist Dave Holland auf seinem Cello-Soloalbum Life Cycle, das er 1982 für ECM aufnahm. Schon Ende der 1960er Jahre hatte er in der kurzlebigen Formation Circle auch das Cello eingesetzt. 1982 war Life Cycle sein erstes Album mit unbegleiteten Kompositionen für Cello.