Othmar Toifl (* 16. Juli 1898 in Herzogenburg, Niederösterreich; † 1. Juli 1934 in Berlin) war ein österreichischer Nachrichtenagent. Er wurde bekannt als Spitzel und als einer der Ermordeten des sogenannten Röhm-Putsches.
Leben
Jugend und Erster Weltkrieg Über Toifls frühen Werdegang liegt nur wenig gesichertes Wissen vor: Toifl war der Sohn des Geschäftsdieners Heinrich Toifl und einer Tagelöhnerstochter. Sein Großvater war Müller im Waldviertel. Nach dem Schulbesuch erlernte Toifl ab 1913 das Bäckerhandwerk. Im Oktober 1917 wurde Toifl zur österreichischen Armee ausgehoben und dem Schützenregiment 21 zugeteilt. Er verbrachte die Zeit bis zum Kriegsende jedoch aufgrund von Magenproblemen ausschließlich in Lazaretten und Krankenhäusern, insbesondere im Garnisonshospital in Brünn. Nach Kriegsende kam er als österreichischer Fähnrich nach Deutschland: Er arbeitete kurzzeitig bei einem Hotel an der Ostsee und dann – nach einer vorübergehenden Arbeitslosigkeit – als Privatdetektiv bei einer Versicherung, um schließlich erneut arbeitslos zu werden. Im Frühjahr 1919 trat er schließlich in die Dienste der „Antibolschewistischen Liga“ und des Stabes der Garde-Kavallerie-Schützen-Division. Zu diesem Zeitpunkt begann er seinen Lebensunterhalt als Spitzel und Agent zu verdienen, ein Tätigkeitsfeld, dem er sich hernach – mit Unterbrechungen – für den Rest seines Lebens widmen sollte.
Am 17. November 1919 heiratete Toifl die aus einer Berliner Sozialdemokratenfamilie stammende Ida Helene Ranke († 1975). Aus der Ehe gingen eine Tochter, Felicitas (* November 1920), und ein Sohn, Lucian (* 20. Dezember 1921), hervor. Der letztere ertrank 1932 in Mecklenburg. Als Privatmann wird Toifl als Mischung aus Kleinbürger und Haustyrann geschildert: Einerseits habe er großen Wert auf Wahrung der äußeren Form (penibel gepflegte Kleidung und Äußeres bei Spaziergängen der Familie u. ä.) gelegt, andererseits habe er seine Frau geschlagen und betrogen und die Kinder gezüchtigt (u. a. mit einer Nilpferdpeitsche).
Tätigkeit als Polizeispitzel (1920er Jahre) Im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Spitzel/Agent der Antibolschewistischen Liga und der Garde-Kavallerie-Schützendivision ist wiederholt der Vorwurf erhoben worden, dass Toifl im Jahr 1919 verschiedentlich dabei mitgewirkt habe, Aufstände und Ausschreitungen von Angehörigen linksgerichteter Gruppen – insbesondere Spartakisten und Unabhängigen Sozialdemokraten – in Berlin zu provozieren, indem er sich als vermeintlich Gleichgesinnter unter diese gemischt und sie zu entsprechenden Handlungen aufgestachelt habe, um so einen Vorwand für ein brutales Vorgehen von Polizei- und Militärkräften gegen die linken Parteien und Organisationen, denen sie angehörten, zu schaffen.
In der ersten Hälfte der 1920er Jahre war Toifl für die Ermittlungsstelle der Preußischen Hauptlandwirtschaftskammer tätig, für die er die Brände von Bauernhöfen aufklären sollte. Seit 1924 ist Toifl in Berlin-Moabit nachweisbar, wo er 1925 einen Waffenschein als Ermittlungsbeamter erhielt. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre war er für den Deutschen Landschutz tätig, bevor er um 1930 arbeitslos wurde. Zu dieser Zeit soll er auch von der Polizei wegen Angriffen auf Viehhändler in Mecklenburg gesucht worden sein.
Ermordung des Polizeispitzels Karl Blau (1919) Im Prozess wegen der Ermordung des Polizeispitzels Karl Blau, der 1920 vor dem Landgericht II in Berlin verhandelt wurde, zog Toifl erstmals die Aufmerksamkeit der Presse auf sich:
Blau hatte sich seit Ende 1918/Anfang 1919 als Spitzel von Polizei- und Militärbehörden, insbesondere für die Antibolschewistische Liga, in Berlin betätigt. Nach dem Zerschlagung der kommunistischen Räterepublik, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs im Frühjahr 1919 kurzzeitig in Bayern etabliert worden war, ging er nach München, wo er sich einige Wochen lang als Spitzel für die Spionage-Zentrale des Generalkommandos Oven München, einem der Militärkommandos die die Kontrolle über die Stadt übernommen hatten, in Münchener Kommunistenkreisen betätigte. Blaus Berichte wurden u. a. dem Bayerischen Innenministerium sowie verschiedenen Polizei- und Militärdienststellen zugeleitet.
Am 2. Juli 1919 wurde Blau mit der Begründung, dass er einen Tagesbefehl der Regierungstruppen in die Hände der Kommunisten gespielt habe, verhaftet. Seine Entlassung aus der Haft erfolgte am 22. Juli mit der Auflage, Bayern zu verlassen. Daraufhin reiste er am 29. Juli 1919, begleitet von dem USPD-Funktionär Franz Herm und zwei weiteren Männern aus München nach Berlin ab. Bereits zu dieser Zeit sollen Mordpläne von Herm und anderen linksgerichteten Personen gegen Blau, der als Spitzel erkannt gewesen sei, bestanden haben.
Am Abend des 1. August 1919 besuchte Blau, wahrscheinlich zusammen mit Herm, eine kommunistische Versammlung in Berlin. Bei dieser Gelegenheit wurde er von anwesenden Kommunisten bezichtigt ein Spitzel zu sein. Insbesondere bestätigte ein gewisser Franz Stolz – der später selbst als Polizeispitzel identifiziert wurde – dass Blau ein Spitzel sei, als Blau, der ihn von seinem früheren Verkehr in Berliner Linkskreisen her kannte, ihn bat, zu seinen Gunsten zu sprechen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt fassten einige anwesende Kommunisten Mordpläne gegen Blau. Mit Bezug auf Stolz wurde später angenommen, dass dieser Blau, da er seinen Auftraggebern unliebsam geworden sei (angeblich weil er Sympathien für die Kommunisten entwickelt habe), gezielt den Kommunisten ans Messer geliefert habe, um so zwei Fliegen mit einer Klatsche zu erledigen: Einerseits einen unangenehmen und unzuverlässigen Spitzel aus der Welt zu schaffen. Und zugleich habe auf diese Weise eine weitere kommunistische Schreckenstat ausgelöst werden sollen, die genutzt werden sollte, die Presse mit neuen alarmierenden Meldungen über kommunistische Gräuel zu füllen, um auf diese Weise die Öffentlichkeit gegen die kommunistische Bewegung und Ideologie einzunehmen.
Am Abend des 2. August 1919 lockten mehrere Kommunisten – namentlich der Gastwirt Max Fichtmann und Erwin Hoppe sowie einige weitere unidentifiziert gebliebene Männer – Blau in die Wohnung des Willi Winkler (eines Jugendfreunds von Hoppe) in der Großbeerenstraße 20. Dort wurde ihm im Laufe des Abends ein mit Morphium versetztes Glas Wein zum Trinken gegeben. Nachdem Blau eingeschlafen war, wurde er mit einer Schlinge erwürgt. Das Morphium zur Betäubung des Opfers war den Männern in der Winkler’schen Wohnung am selben Abend von einer unidentifiziert gebliebenen Person zur Verfügung gestellt worden. Die Leiche Blaus wurde bald nach seinem Tod von den drei Männern in eine Decke gehüllt und in den Landwehrkanal geworfen, aus dem sie am 7. August 1919 geborgen wurde. Nach der Auffindung von Blaus Leiche wurde beim Polizeipräsidium am Alexanderplatz eine Mordkommission eingesetzt, die eine Belohnung von 5000 RM für Hinweise die zur Aufklärung des Falles führen würden aussetzte. Binnen wenigen Tagen wurden Fichtmann, Hoppe und Winkler als Tatverdächtige identifiziert.
Es folgte eine knapp zehnmonatige Voruntersuchung, bevor am 7. Juni 1920 das Hauptverfahren wegen des Mordes beim Schwurgericht beim Landgericht II in Berlin eröffnet wurde ("Strafsache gegen Fichtmann und Genossen wegen Ermordung des Inspektors Blau"). Fichtmann und Hoppe wurden angeklagt, gemeinschaftlich mit weiteren Personen Karl Blau vorsätzlich getötet und diese Tötung mit Überlegung ausgeführt zu haben. Winkler wurde angeklagt, den Angeschuldigten bei der Begehung des Verbrechens wissentlich Hilfe geleistet zu haben. Der Prozess dauerte vom 24. Juni bis 5. Juli 1920. Als Verteidiger der Angeklagten fungierten Theodor Liebknecht, Kurt Rosenfeld und Siegfried Weinberg. Diese vertraten die Linie, dass die Angeklagten zu ihrer Tat durch rechts eingestellte Polizeikreise bzw. von im Auftrag solcher Polizeikreise handelnden Spitzeln manipuliert worden seien. Hierfür sprachen insbesondere Indizien, die darauf hindeuteten, dass Blaus Begleiter Franz Herm ihn mit dem Ziel (bzw. dem Auftrag) von München nach Berlin geschleust habe, ihn dort in eine Situation zu bringen, um seinen Tod herbeizuführen. Othmar Toifl trat in diesem Prozess als Belastungszeuge auf: So erklärte er, Fichtmann am Tag nach der Tat in seiner Wirtschaft angetroffen und ihn bleich und verstört vorgefunden zu haben. Toifl selbst wurde von den Verteidigern der Angeklagten und der Linkspresse als Polizeispitzel identifiziert und verdächtigt, selbst an den Machinationen, die zur Herbeiführung von Blaus Ermordung geführt hatten, beteiligt gewesen zu sein und daran mitgewirkt zu haben, die Kommunisten zu ihrem Handeln zu manipulieren, um so im Auftrag von unidentifizierten Hintermännern einen unliebsamen Spitzel-Kollegen – der verdächtigt wurde ein doppeltes Spiel zu treiben – aus der Welt zu schaffen und zugleich mit diesem von kommunistischer Hand verübten Mord einen Vorfall zu schaffen, den man im politischen Meinungskampf der Bevölkerung zur Stimmungsmache gegen die politische Linke präsentieren konnte. In ihrem Plädoyer formulierten die Verteidiger dies folgendermaßen:
Toifl wurde von den Verteidigern verdächtigt, der unidentifiziert gebliebene Tatbeteiligte gewesen zu sein, der den Tätern am Abend des 2. August das Morphium zur Betäubung Blaus gebracht habe, was er jedoch in seiner Aussage nachdrücklich bestritt.
Durch das am 30. Juli 1920 verkündete Urteil wurde Erwin Hoppe wegen Beihilfe zum Totschlag zu sechs Jahren Zuchthaus und Willi Winkler wegen Beihilfe zum Totschlag zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Max Fichtmann wurde aus Mangel an Beweisen freigesprochen.
Die ausführliche Berichterstattung über den Blau-Prozess in der Linkspresse führte dazu, dass Toifl öffentlich als Lockspitzel entlarvt wurde. So wurde er auch 1924 im kommunistischen Spitzel-Almanach als solcher gelistet. Aufgrund dieser Dekuvrierung soll Toifls Familie in den Folgejahren aus Angst vor Nachstellungen politischer Gegner ständig umgezogen sein.
Überfall auf den Diamantenhändler Orlowsky (1919) Am 31. Juli 1919 wirkte Toifl am Überfall einer Gruppe von Kommunisten auf einen Diamantenhändler Orlowsky mit, der dazu diente, Mittel für die Propagandaarbeit der KPD zu beschaffen: Zu diesem Zweck lauerten drei als Reichswehrangehörige verkleidete Kommunisten – der Gastwirt Max Fichtmann, Manske und Toifl – Orlowsky auf dem Heimweg von seinem Geschäft am Molkenmarkt auf. Der Plan war, Orlowsky (der größere Summen Bargeld und Diamanten auf dem Heimweg bei sich zu tragen pflegte), unter Vortäuschung, sie seien eine amtliche Patrouille, zu „verhaften“, an einen unbeobachteten Ort zu schaffen und ihn dort auszurauben. Es gelang der „Patrouille“, als deren Führer Toifl auftrat, auch Orlowsky und einen Begleiter (einen zu den Kommunisten gehörenden Gesinnungsgenossen) zu stellen. Sie verhafteten ihn unter dem Vorwand, er werde verdächtigt, illegal Waffen zu besitzen. Sie geleiteten beide zum Bahnhof Jannowitzbrücke und fuhren von dort mit dem Zug zum Bahnhof Hirschgarten. Anschließend ging es zu Fuß zur Chaussee nach Friedrichshagen, wo sie Orlowsky auf ein verabredetes Zeichen hin durchsuchten und sein Portemonnaie an sich nahmen. Sie erbeuteten hierbei 1990–2000 Mark. Etwas später gelang es Orlowsky, seinen Verhaftern zu entfliehen, wobei er eine schwere Kopfwunde durch einen Schlag mit einem Gewehrkolben erlitt. Die Beute teilten Toifl, Fichtmann, Manske sowie zwei weitere Beteiligte (Woldi und Jenzen) unter sich auf, wobei erstere je 450 Mark und letztere beiden je 300 erhielten. Jeder zahlte anschließend 50 RM in die Propagandakasse der KPD ein.