Die Affäre um deutsche Raketenexperten in Ägypten war eine internationale politische Auseinandersetzung zwischen 1962 und 1965, in erster Linie zwischen den Staaten Ägypten, Bundesrepublik Deutschland und Israel. Es ging darum, dass (unter anderem) deutsche Staatsbürger an Rüstungsprojekten in Ägypten mitarbeiteten. Deutsche Experten waren, neben dem Flugzeugbau, an der Entwicklung von Kurzstreckenraketen beteiligt, von denen sich der Staat Israel direkt bedroht fühlte. Diese Vorgänge belasteten das Verhältnis zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel, die sich damals aufeinander zubewegten. Besonders brisant war, dass einzelne der Experten bereits während der Zeit des Nationalsozialismus am deutschen Raketenbau beteiligt waren. Das Thema fand in beiden Ländern, aber vor allem in Israel, große Öffentlichkeit und wurde kontrovers diskutiert. Die Bundesregierung versuchte schließlich, Maßnahmen zu ergreifen, um das Problem zu beseitigen. Bis zum Jahre 1965, als die Bundesrepublik und Israel erstmals diplomatische Beziehungen aufnahmen, hatte die Angelegenheit deutlich an Bedeutung verloren, da die deutschen Experten sich sukzessive aus Ägypten zurückzogen.
Deutsche Experten in Ägypten Die erste Generation deutscher Experten in Ägypten Bereits im arabisch-israelischen Krieg 1948–49 verdingten sich Deutsche in arabischen Armeen und als Freischärler im Kampf gegen das neugegründete Israel.S. 88.Zu diesen Leuten: Avedis Boghos Derounian als John R. Carlson: Araber rings um Israel. Verlag der Frankfurter Hefte 1953, durchgehend. Von wenigen Ausnahmen abgesehen blieb der Einfluss und die Bedeutung dieser Kämpfer jedoch sehr gering. Von größerer Wichtigkeit waren allerdings ehemalige Wehrmachts- und Waffen-SS-Angehörige, die danach als Militärexperten und Ausbilder in den arabischen Streitkräften unterkamen.S. 138. Ein Beispiel dafür ist der ehemalige General Wilhelm Fahrmbacher, der die Ausbildung der ägyptischen Armee übernahm. Dieser behauptete, dass seine Tätigkeit vom deutschen Wirtschaftsministerium toleriert würde.Deutsche Raketen für Nasser. In: Der Spiegel. (1963) H. 19, S. 56–71. Ein ehemaliger deutscher Kapitän arbeitete als Ausbilder bei der ägyptischen Marine.S. 202. Insgesamt waren Anfang der 1950er-Jahre etwa 50 Personen in Ägypten im militärischen Bereich beschäftigt.S. 638. Wilhelm Voß, während der Zeit des Nationalsozialismus Generaldirektor der Reichswerke „Hermann Göring“, baute in Ägypten eine Rüstungsindustrie von eher geringer Kapazität auf. Neben Fabriken für Handfeuerwaffen und Munition handelte es sich auch um „erste Raketenkonstruktionen“.S. 203. Rolf Engel, ein deutscher Raketen-Ingenieur und ehemaliger SS-Hauptsturmführer, versuchte sich an der Entwicklung einer kleinen Rakete, die sich jedoch als nicht funktionstüchtig erwies. Aus einem Gespräch zwischen Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem Leiter der Israel-Mission, Felix Elieser Shinnar, geht hervor, dass die Bundesregierung von der Tätigkeit der Deutschen in Ägypten wusste.S. 135. Um den Vorgängen entgegenzuwirken, erließ sie Anfang der 1950er-Jahre ein Gesetz, das Deutschen verbot, sich in den Dienst fremder Armeen (außer der Fremdenlegion) zu stellen. Allerdings wurde betont, dass man einer Anzahl von Spezialisten in Ägypten gesetzlich nicht beikommen könne und außerdem angesichts der weltpolitischen Lage deutsche Experten sowjetischen vorzuziehen seien. Durch die Tatsache, dass Ägypten zu diesem Zeitpunkt noch wenig in den Raketenbau investierte und dass die Sowjetunion größeren Einfluss im Nahen Osten bekam, löste sich das Problem zur Mitte der 1950er-Jahre langsam von selbst.S. 88–89.
Die zweite Generation deutscher Experten in Ägypten Der ägyptische Staatspräsident Gamal Abd el-Nasser baute am Ende der 1950er-Jahre seine eigene Rüstungsindustrie aus, um weniger abhängig von der Unterstützung durch England und die Sowjetunion zu sein.S. 139. Dazu warb man durch die schweizerischen Tarnfirmen „MECO“ und „MTP“ ausländische Techniker und Wissenschaftler an. Deutsche Experten waren bei der Flugzeug- und der Raketentechnik involviert.
Im Jahre 1960 wurde Eugen Sänger von Nasser angeworben, um aber nach knapp zwei Monaten auf Bitten des Bundesverkehrsministeriums die dortigen Vorlesungen wieder einzustellen. Sänger war ein prominenter Wissenschaftler, der bereits während des Zweiten Weltkriegs das Raketenversuchsgelände Trauen in Konkurrenz zu Peenemünde aufgebaut hatte. Nach dem Krieg war er erst in Frankreich tätig und kehrte dann nach Deutschland zurück, um das Stuttgarter „Forschungsinstitut für Physik der Strahlantriebe“ aufzubauen und zu leiten.S. 199–200. Mit ihm gingen seine Mitarbeiter Paul Goercke und Wolfgang Pilz und zwei weitere Personen, die wie Goercke und Pilz ebenfalls bereits Hitlers Raketen entwickelt hatten. Der ehemalige Geschäftsführer des Instituts, Heinz Krug, nahm ebenfalls eine wichtige Rolle ein: Er gründete im Juli 1960 die Firma „Intra-Handelsgesellschaft mbH“, deren Aufgabe es war, die betreffende Produktion in Ägypten mit den entsprechenden Materialien zu versorgen.Raketen-Krug: Freunde der Braut. In: Der Spiegel. (1962) H. 40, S. 48–49. Das waren die prominenteren Persönlichkeiten, die am Raketenprojekt arbeiteten. Während die „Stuttgarter Zeitung“ im August 1962 von etwa 150 deutschen Spezialisten sprach, waren im Oktober 1964 insgesamt 320 Fachkräfte mit deutscher Staatsbürgerschaft in Ägypten beschäftigt, wobei unklar bleibt, wie viele davon aus der DDR kamen.S. 139 Anm. 252.Hans-Peter Schwarz (Hrsg.): Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland. 1964. Bd. 1–2. München 1995 (Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland), Dok. 276, Anm. 17. Tatsache ist jedoch, dass der größere Teil dieser Personen an der Herstellung von Kampfflugzeugen beteiligt war. Es waren zeitweise nur etwa zwölf deutsche Wissenschaftler und Techniker insgesamt, die sich mit der Entwicklung von Raketen befassten.S. 642. Das Auswärtige Amt behauptete 1963, dass von diesen nur vier aus der Bundesrepublik kämen, sechs aus der DDR und zwei aus Österreich stammten.Schwarz AAPD 1963, Dok. 188 Im Laufe der Entwicklung dieser Affäre veränderte sich die Anzahl der Beschäftigten.
Des Flugzeugbaus hatte sich die Firma Willy Messerschmitt angenommen. Diese verkaufte die Lizenz zum Nachbau eines Düsenflugzeugs an die Ägypter. Unter der Leitung des ehemaligen SS-Standartenführers Ferdinand Brandner wurden die Flugzeuge seit 1960 in Ägypten zusammengesetzt. In den Fabriken arbeiteten zu dieser Zeit unter anderem „rund 200 Deutsche und Österreicher“. Bei den Deutschen soll es sich jedoch hauptsächlich um Personen aus der DDR gehandelt haben. Eine ganze Reihe deutscher Unternehmen profitierte von Nassers Rüstungsvorhaben, indem sie Zubehör an die Militärfabriken in Ägypten lieferten. Zu beachten ist überdies, dass der Bund mit 7 % an der Firma Messerschmitt beteiligt war.Jörg Seelbach: Die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zu Israel als Problem der deutschen Politik seit 1955. Meisenheim am Glan 1970 (Marburger Abhandlungen zur Politischen Wissenschaft Bd. 19), S. 110.
Die Raketen Die Raketen, die in Ägypten gebaut wurden, waren Boden-Boden-Raketen. Man gab ihnen die Namen „El-Kahir“ („Der Eroberer“) und „El-Safir“ („Der Sieger“). Während „der Eroberer“ eine Reichweite von 560 km aufwies, kam die Rakete des zweiten Typs nur auf 280 km. Damit hätten die Ägypter theoretisch jeden Punkt in Israel unter Beschuss nehmen können.Rolf Vogel (Hrsg.): Deutschlands Weg nach Israel. Eine Dokumentation. Stuttgart 1967, S. 233. Jedoch besaßen diese Raketen kein effizientes Lenkungssystem, weshalb man schon damals – in erster Linie seitens der US-Regierung und in Kreisen der Bundesregierung – den militärischen Wert der Waffe für sehr gering erachtete.S. 233.S. 140. Mit der Entwicklung von ABC-Gefechtsköpfen waren deutsche Techniker nicht beschäftigt, offenbar war Ägypten zu diesem Zeitpunkt generell nicht dazu in der Lage.Schwarz AAPD 1963, Dok. 289, Anm. 2.
Bekanntwerden des Projekts und darauffolgende Reaktionen
Reaktionen in Israel und Deutschland Die Öffentlichkeit wurde 1962 auf das Raketenprojekt aufmerksam gemacht. Am 21. Juli des Jahres wurden in Ägypten während eines Pressetermins vier der produzierten Raketen testweise abgefeuert. Zwei Tage danach, am Jahrestag der ägyptischen Revolution, stellte man bei einer Militärparade nochmals einige Exemplare zur Schau. Nasser sprach dabei von einer Reichweite „bis südlich von Beirut“, um anzuzeigen, dass Israel das geplante Ziel dieser Raketen war.S. 638. Damals gingen Experten jedoch davon aus, dass bei der Parade nur Attrappen der Geschosse zu sehen waren.S. 199.
Dem israelischen Geheimdienst Mossad waren die Bestrebungen Nassers schon vorher bekannt.S. 89. Am 30. August 1962 wurde Franz Böhm, der CDU-Abgeordnete und Leiter der deutschen Delegation bei den Wiedergutmachungsverhandlungen, von der israelischen Außenministerin Golda Meir über den Umstand unterrichtet. Meir sprach mit Verweis auf den Holocaust davon, dass Deutsche bereits wieder an der Planung der „Zerstörung jüdischer Städte und jüdischen Landes“ teilnähmen. Weiter bat sie die Bundesregierung, sich öffentlich von den betreffenden Deutschen zu distanzieren und einem weiteren Zustrom von Fachkräften nach Ägypten durch das Entziehen von Pässen entgegenzuwirken.Rainer A. Blasius: Geschäftsfreundschaft statt diplomatischer Beziehungen. Zur Israel-Politik 1962/63. In: Rainer A. Blasius (Hrsg.): Von Adenauer zu Erhard. Studien zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland 1963. München 1994, (Schriftenreihe Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte Bd. 68), S. 160. Böhm informierte den Bundeskanzler, der am 16. Oktober 1962 jedoch verlauten ließ, dass man auf gesetzgeberischer Ebene diesbezüglich nichts unternehmen könne, die Vorgänge aber im Auge behalte. Böhm widersprach zwar in einem Memorandum, jedoch wurde seitens der Bundesregierung zunächst nichts unternommen.S. 640
Der ganze Verlauf der Affäre war in der Folge von einer sehr emotionalen Debatte um die deutschen Wissenschaftler und einer antideutschen öffentlichen Meinung in Israel geprägt. Aufgrund der (nicht beweisbaren) Behauptungen des Mossad, dass ABC-Waffen in Ägypten entwickelt würden, fielen dabei auch Begriffe wie „Endlösung“ oder „biologische Vernichtung“.S. 641. Am 20. März 1963 verabschiedete die Knesset eine Resolution, in der die Bundesregierung aufgefordert wurde, die Tätigkeit der deutschen Experten zu unterbinden. Des Weiteren setzte die israelischen Regierung fälschlicherweise die Zahl der am Raketenprojekt arbeitenden Personen deutscher Staatsbürgerschaft mit etwa 30 bis 40 Personen zu hoch an, dem die deutsche Regierung widersprach. Ferner wehrte sich die Bundesregierung gegen den von Israel gebrauchten Terminus „Vernichtungswaffen“, da Flugzeuge und Raketen diesen nicht zuzurechnen seien. Ein Sprecher der Bundesregierung erklärte am 27. März 1963, dass Deutsche nicht an der Entwicklung von ABC-Waffen beteiligt seien, und wiederholte, dass man auch keine Möglichkeit sähe, etwas gegen die Spezialisten in Ägypten zu unternehmen. Am 28. Juni beschloss der Bundestag einstimmig einen Antrag, die Regierung solle die Ausarbeitung eines betreffenden Gesetzes prüfen. Zu einem solchen kam es jedoch nicht.Seelbach, S. 111–113.
Ein weiteres Argument der Bundesrepublik war die Ansicht, dass deutsche Experten in Ägypten sowjetischen vorzuziehen seien. Die USA vertraten diese Meinung ebenfalls, genau wie Nasser selbst. Die ägyptische Regierung drohte indirekt damit, die DDR anzuerkennen, falls die Bundesrepublik ernsthaft versuche, die Fachkräfte von der Ausübung ihrer Arbeit in Ägypten abzuhalten. Die US-Regierung wies die Israelis außerdem darauf hin, dass sie die Gefährlichkeit der Raketen überschätzten.S. 644–645.