Wagen ist ein psychologisches Phänomen. Als Wissenschaft von der Psyche des Menschen befasst sich die Differenzielle PsychologieHannelore Weber, Thomas Rammsayer: Differentielle Psychologie - Persönlichkeitsforschung. Hogrefe, Göttingen u. a. 2012. ISBN 978-3-8017-2172-5. speziell mit den mentalen, emotionalen und volitiven Voraussetzungen der Wagnisfähigkeit, der Wagnisbereitschaft, des Wagnisverhaltens und den Auswirkungen auf die Persönlichkeitsstruktur des Einzelnen. Es geht um die meist unbewusst ablaufenden Entscheidungsprozesse bei gefahrvollen Handlungen oder in bedrohlichen Situationen und die hierbei sichtbar werdenden Antriebs- bzw. Abwehrkräfte, konkret um spezifische Persönlichkeitsmerkmale, kognitive Potenziale, Motive, Triebe, Willensstrukturen, die bedeutsame Folgen für Lebensläufe, Lebensqualität und Lebenserfolg wagender bzw. nicht wagender Menschen haben.Jochen Müsseler (Hrsg.): Allgemeine Psychologie. 2. Auflage. Heidelberg 2008.

Ihre Erkenntnisse münden in praktische Anwendungsbereiche wie das Wagnistraining (etwa für Jungunternehmer, militärische oder polizeiliche Spezialeinheiten, Personenschützer) oder die Wagniserziehung (in der Kinder- und Jugendbildung). Der Wagnisbegriff begegnet entsprechend in so unterschiedlichen Forschungssektoren wie der Persönlichkeitspsychologie, der Entwicklungspsychologie, der Motivationspsychologie, der Verhaltenspsychologie oder der Experimentalpsychologie.Kurt Pawlik (Hrsg.): Handbuch Psychologie. Wissenschaft-Anwendung-Berufsfelder. Heidelberg 2006.

Wagnis und Persönlichkeit

Die Persönlichkeitspsychologie untersucht das breite Spektrum menschlicher Erscheinungsweisen in gefährlichen Situationen und analysiert die dabei erkennbar werdenden Mentalitäten hinsichtlich ihrer Risikoeinstellung und ihres konkreten Wagnisverhaltens. Ausgehend von den ersten Forschungen der Psychoanalyse Anfang des 20. Jahrhunderts bildeten sich mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen verschiedene Wagnis-Typologien heraus:

Sigmund Freud unterscheidet in seiner Psychologie des UnbewusstenSigmund Freud: Psychologie des Unbewussten. Wien 1923. S. 304–314. zwischen dem „Sexualtrieb“ oder „Eros“ und einem inneren Drang, den er „Todestrieb“ nennt. Während er ersteren Trieb dem Lebenserhalt zuordnet, scheint ihm der zweite darauf ausgerichtet, das organische Leben in den leblosen Zustand zurückzuführen (307). Diese von ihm auch als „Destruktionstrieb“ bezeichnete Veranlagung, die sich in einer übermächtigen Risikobereitschaft und ständig wiederholten Wagnishandlungen äußert, wird nach Freud besonders in schweren Neurosen, etwa der Zwangsneurose, sichtbar.

Der Tiefenpsychologe Michael BalintM. Balint: Thrills and Regressions. London 1959. unterscheidet in seiner weit verbreiteten, in wesentlichen Teilen noch heute gültigen dualen Typologie zwischen dem zum Wagnis neigenden „Philobaten“ und dem das Wagnis meidenden „Oknophilen“: Während der Philobat mehr den über das Wagnis erreichbaren Gewinn im Blick hat und von einer hohen Erfolgszuversicht beflügelt wird, fürchtet der oknophil geprägte Mensch vorrangig die Gefahr des Misslingens und sieht sich entsprechend ständig in seiner Handlungsdynamik gehemmt. Beide Charakterzüge gelten Balint als Extremformen und werden von ihm als krankhaft und entsprechend behandlungsbedürftig eingestuft.

Im Gegensatz zu den von der freudgeprägten Psychoanalyse vertretenen pathologischen Interpretationen der Wagnisveranlagung kommt der US-amerikanische Glücksforscher Mihály CsíkszentmihályiMihály Czikszentmihalyi: Das Flow-Erlebnis. 6. Auflage. Stuttgart 1996. zu dem Ergebnis, dass bei der Bewältigung schwieriger und risikoreicher Extremsituationen besonders intensive Glücksgefühle erfahrbar werden, die er als Flow-Effekt bezeichnet. Die so erreichbare äußerst positive Lebensstimmung drängt nach Czikszentmihalyi natürlicherweise nach Wiederholung und Steigerung. Dies kann für den Akteur dauerhaft prägend sein.

Über diese Beobachtung hinaus findet sich bei Siegbert A. WarwitzSiegbert A. Warwitz: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. 3., erweiterte Auflage. Baltmannsweiler 2021. eine Differenzierung der sich bewusst in Gefahrensituationen begebenden Menschen: Er unterscheidet den einen kurzzeitigen intensiven Kick anstrebenden „Risiker“ von dem auf eine dauerhafte Wertschöpfung ausgerichteten, nach ethischen Maßstäben handelnden „Wagenden“. Sie werden von ihm im internationalen Dialog auch als Thrill-Seeker bzw. Skill-Seeker bezeichnet.Siegbert A. Warwitz: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. 3., erweiterte Auflage. Baltmannsweiler 2021. S. 296–308. Daneben trifft Warwitz eine weitere, nach dem Grad der Wagnisbereitschaft gestufte Abgrenzung zwischen dem „übermütigen Hasardeur“, dem „kleinmütigen Wagnisverweigerer“ und dem eine mittlere Haltung einnehmenden „verantwortungsbewussten Wagemutigen“, auf dessen Persönlichkeitsbildung die Wagniserziehung ausgerichtet ist.

Wagnis und Entwicklung

Die Entwicklungspsychologie befasst sich mit den Auswirkungen von Wagemut bzw. Wagnisscheu auf die Entwicklung und den Lebenslauf des Menschen und kommt zu dem Ergebnis, dass Wagnisbereitschaft eine unverzichtbare elementare Fähigkeit für die Fortentwicklung des Menschen und der Menschheit darstellt:Siegbert A. Warwitz: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. 3., erweiterte Auflage. Baltmannsweiler 2021. S. 1–12, S. 26–32.

Wenn das Kleinkind aus Angst zu fallen das Aufrichten nicht ‚wagt‘, kann es nicht zum Zweibeiner werden, seine Hände nicht für hochwertige Tätigkeiten frei bekommen und wird den Blick im Nahbereich am Boden behalten. Es würde hinter der Entwicklung seiner mutigeren Artgenossen physisch, psychisch und intellektuell zurückbleiben wie z. B. die Untersuchungen von sogenannten ‚Wolfskindern‘ oder die Analysen krankheitsbedingter Beeinträchtigungen nahelegen. In Recherchen berühmter Karrieren und Biografien wurden die Werdegänge erfolgreicher Menschen analysiert. Dabei erkannte man die Bereitschaft und Fähigkeit zum angemessenen Wagnis als wesentlich für erfolgreiche Lebensläufe. Es ist der eigenständige aktive Beitrag, den der Einzelne zum Finden seiner optimalen Potenziale und seines Lebenssinns leisten kann und muss.Siegbert A. Warwitz: Wachsen im Wagnis. Vom Beitrag zur eigenen Entwicklung. In: Sache-Wort-Zahl. 93, 2008, S. 25–37.Gail Sheehy: Neue Wege wagen. München 1981. Im umgekehrten Fall spielt eine unzureichende Wagniskompetenz bzw. die Scheu und Versagensangst bei Prüfungen, Bewerbungen, Wettbewerben eine entscheidende Rolle beim Scheitern von Lebensentwürfen und Existenzen.

Die Fähigkeit zum Wagnis gilt als anlagemäßig unterschiedlich disponiert. Sie ist jedoch in weiten Teilen erlernbar.Siegbert A. Warwitz: Mutig sein. Basisartikel. In: Sache-Wort-Zahl. 107, 2009, S. 3–13. Die Wagniserziehung bietet zu einer entwicklungsgerechten Ausbildung der Wagnisfähigkeit Hilfen an und fördert ein tragendes Wertbewusstsein.Steffen Todt: "Das Verhalten von Grundschülern in Wagnissituationen – eine Studie mit einer Bewegungslandschaft". Wissenschaftliche Staatsexamensarbeit für das Lehramt GHS. Karlsruhe 2002.

Wagnis und Motivation

Die Motivationspsychologie befasst sich mit den innermenschlichen Vorgängen und den Beweggründen, die den Einzelnen und Gruppen dazu veranlassen, sich freiwillig gefahrenträchtigen Situationen auszusetzen, wagnishaltige Berufe zu wählen, in Bedrängnis geratenen Schwächeren trotz eigener Gefährdung zu Hilfe zu kommen oder sich dem zu verweigern.Siegbert A. Warwitz: Warum Menschen sich gefährlichen Herausforderungen stellen. In: DAV (Hrsg.): Berg 2006. München / Innsbruck / Bozen, S. 96–111. Sie gelangt zu dem Ergebnis, dass die große Masse der Menschen weniger reflektierend als triebgesteuert Wagnisse eingeht.

Dies gestaltet fundierte Erkenntnisse über den Weg reiner Befragungen schwierig. Außerdem hat die Triebabhängigkeit die häufige Folge, dass vielen gefährlichen Handlungen eine Wertebasis fehlt und sie in bloßes Risikohandeln abgleiten lässt.A. Engeln: Risikomotivation – eine pädagogisch-psychologische Untersuchung zum Motorradfahren. Marburg 1995.M. Zuckerman: Sensation Seeking. Beyond the optimal level of arousal. Hillsdale 1979. Die an sich wertfreie Tendenz zum Wagnis kann destruktive Formen annehmen, sich im wertneutralen Bereich der Kicksuche ausleben, sich aber unter humanitären Beweggründen auch in gemeinschaftsdienlichen gesellschaftlichen Bereichen als höchst nützlich, wertvoll und erwünscht erweisen (gefahrenträchtige Helferdienste). Aus diesem Grunde mahnt die Motivationspsychologie politische und pädagogische wertausgerichtete Einflussnahmen an.

Als wesentliche Triebimpulse werden auf der anthropologischen Seite der bei den meisten Menschen vorhandene, bei dynamischen Menschen besonders stark ausgeprägte Drang nach Spannung und Abenteuern und die Sehnsucht nach intensiverem Leben und persönlicher Herausforderung genannt.J. G. Bennet: Risiko und Freiheit. Hazard - Das Wagnis der Verwirklichung. Zürich 2005. Dem müssen auf der sachlichen Seite attraktive Angebote aus der Umwelt entgegenkommen und zugänglich sein. Der Anschub zum Wagnis kann dann entweder von einer menschlichen Bedürfnisspannung ausgehen, die sich entsprechende Herausforderungen sucht. Es kann aber auch von der Sachseite her ein Impuls erfolgen, der dann zum Auslöser eines latent vorhandenen Bedürfnisses wird (die Gleitschirmszene in der Nachbarschaft oder die Verbundenheit mit einer religiösen Gemeinschaft).

Wagnis und Sicherheit

Die Verhaltenspsychologie beobachtet die Auswirkungen von Wagnisneigung und Wagnisverweigerung im individuellen und sozialen Kontext. Hierzu werden Biografien studiert, Wirkungen von Persönlichkeiten auf ihre Umwelt dokumentiert und gruppendynamische Prozesse analysiert.

Im Individualbereich kommt die Verhaltenspsychologie etwa zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass der Wagnisbereite gegenüber dem Wagnisenthaltsamen erheblich höhere Sicherheitsstandards erreicht. Dies wird mit dem verbesserten Kompetenzniveau im Gefahrenumgang erklärt.Felix v. Cube: Gefährliche Sicherheit. Verhaltensbiologie des Risikos. 2. Auflage. Stuttgart 1995. Es gilt für den sich Klettergefahren aussetzenden BergsteigerUlrich Aufmuth: Zur Psychologie des Bergsteigens. 2. Auflage. Frankfurt 1992. ebenso wie für den sich öffentlich präsentierenden Redner, Politiker oder Journalisten, für Stuntleute im Filmgeschäft, Luftakrobaten in der Zirkuskuppel oder für Tierfilmer bei der Begegnung mit wilden Tieren.Jens Bergmann, Siegbert A. Warwitz: Abenteuer: Wenn ein Mensch von einem Bären angefallen wird, dann hat er etwas falsch gemacht, In: Magazin brand eins 1(2021) S. 58–61

Im Sozialbereich erwarten den Wagnisbereiten bessere Karriereaussichten. Spitzenpositionen in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Militär oder Kultur werden im Regelfall nicht von Wagnisverweigerern, sondern von den wagemutigeren Persönlichkeiten besetzt, die bereit sind, sich auch der Möglichkeit des Scheiterns, des Versagens, der Blamage auszusetzen. Schon in Schulen lässt sich die Beobachtung machen, dass meist diejenigen zu Klassensprechern oder Elternsprechern gewählt werden, die sich trauen, engagiert das Wort zu ergreifen.

Wagnis und Erklärungsmodelle