mini|Verordnung über die Errichtung einer Volkskartei vom 21. April 1939 Die Volkszählung 1939 war ein im Deutschen Reich durchgeführter Zensus. Ursprünglich für das Jahr 1938 geplant, wurde sie jedoch wegen des „Anschlusses Österreichs“ auf den 17. Mai 1939 verschoben. Der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS und die Geheime Staatspolizei hofften, bei dieser Gelegenheit Datenmaterial für eine seit 1935 geplante Judenkartei zu erhalten.
Vorhergehende Volkszählungen siehe auch Liste der Volkszählungen in Deutschland
Die erste Volkszählung zur Zeit der Weimarer Republik fand am 8. Oktober 1919 statt und enthielt keine Frage zur Religionszugehörigkeit. Mit Artikel 136 der Weimarer Reichsverfassung wurde im selben Jahr eine verfassungsrechtliche Grundlage auch für derartige Fragen geschaffen. Am 16. Juni 1925 fand eine kombinierte Volks-, Berufs- und Betriebszählung statt. Die nächste derartige Zählung war für 1930 geplant; sie wurde wegen der Weltwirtschaftskrise und der Bankenkrise 1931 mehrfach verschoben. Sie fand am 16. Juni 1933 statt, viereinhalb Monate nach der Machtergreifung des NS-Regimes. Die Volks-, Berufs- und Betriebszählung erfragte auch die Religionszugehörigkeit; auf nachdrücklichen Wunsch Achim Gerckes vom nachmaligen Reichssippenamt wurde auch der Geburtsort „zwecks Untersuchung volksbiologischer Fragen“ abgefragt.Jutta Wietog: Volkszählungen unter dem Nationalsozialismus. Eine Dokumentation zur Bevölkerungsstatistik im Dritten Reich. Berlin 2001, ISBN 3-428-10384-X, S. 40 u. 246. Die DEHOMAG verwendete für die Auswertung 60-spaltige (nicht die eigentlich ausreichenden 45-spaltigen) Lochkarten: „Es [ist] heute noch nicht zu übersehen, ob man sich […] nicht noch entschließt, aus irgendwelchen staatspolitischen Erwägungen heraus weitere Angaben aus der Haushaltsliste auf die Lochkarte zu übernehmen.“Hollerith Nachrichten, Heft 28/1933, zitiert nach: Götz Aly, Karl Heinz Roth: Die restlose Erfassung. Volkszählen, Identifizieren, Aussondern im Nationalsozialismus. Fischer TB 2000 (3. Auflage), ISBN 3-596-14767-0, S. 22f. Die Auswertung aller Daten wurde erst 1936 abgeschlossen.
Vorbereitung Bereits im Frühjahr 1936 warb das Statistische Reichsamt für eine weitere kombinierte Volks-, Berufs- und Betriebszählung im Jahre 1938 und begründete dies damit, dass die Ergebnisse der früheren Zählung durch die Aufbauarbeit und Neuordnung der Wirtschaft überholt seien und neue Daten für die Wehrwirtschaft und Wehrkraft erhoben werden müssten. Das Reichsamt ging auf die „Judenfrage“ nur knapp ein und hinterfragte, ob „die Erfassung des gesamten Judentums und der Judenmischlinge, auch soweit sie der mosaischen Religion nicht angehören, noch erforderlich“ sei.Jutta Wietog: Volkszählungen…, S. 82.
Am 12. Juli 1937 fand im Beisein Adolf Eichmanns eine Besprechung von „Sicherheitsdienst des Reichsführers SS“ und Geheimer Staatspolizei über die Zusammenarbeit von Dienststellen der Partei und des Staates bei der Aufstellung einer umfassenden Judenkartei statt.Dokument 288. In: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945. Bd. 1: 1933–1937, München 2008, S. 680 f., ISBN 978-3-486-58480-6. Man forderte „Ergänzungskarten“Abbildung einer Ergänzungskarte für die geplante Volkszählung. Dort sollte die Religionszugehörigkeit aller vier Großeltern angegeben werden, wodurch die „Rassezugehörigkeit“ ermittelt werden könnte. Für falsche Angaben sollten Gefängnisstrafen angedroht werden. Damit konnten alle in der Ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz definierten „Volljuden“, „Geltungsjuden“ und Jüdische Mischlinge erfasst werden. Um Doppelarbeit zu vermeiden, sei die Erarbeitung einer umfassenden Judenkartei bis zur Volkszählung zurückzustellen.
Nach dem „Anschluss Österreichs“ wurde die Volkszählung auf 1939 verschoben.Gesetzliche Grundlagen: 1937 RGBl. I, 1053 / 1938 RGBl. I, 796 / 1939 RGBl. I, 281 / VO vom 21. Januar 1939 im Reichsministerialblatt – abgedruckt in Statistik des Deutschen Reiches, NF Bd. 552,1 Nachdr. Osnabrück 1975. Die Auswertung der erhobenen Daten dauerte noch bis zum März 1941.
Kontroverse Deutungen miniatur|Konfessionen in Deutschland zur Volkszählung vom 17. Mai 1939. Umstritten ist die Frage, ob und wann das vor 1933 praktizierte und heute gesetzlich festgeschriebene Statistikgeheimnis in der Zeit des Nationalsozialismus durchbrochen wurde und das Statistikamt in die Judenverfolgung verstrickt sei. Die „Ergänzungskarte“ mit personenbezogenen Daten zur „blutmäßigen Abstammung“ war in verschlossenem Umschlag abzuliefern, der laut Aufschrift nur vom Statistischen Amt geöffnet werden durfte.Abbildung bei Jutta Wietog: Volkszählungen…, S. 274.
Kurt Horstmann, seinerzeit Abteilungsleiter im Statistischen Bundesamt, hielt es für unwahrscheinlich, dass diese Angaben vor Ende 1941 in die Hände der Gestapo gelangt sein könnten: Vielmehr habe der Sicherheitsdienst sich entsprechende Daten leicht anderweitig über Meldekarteien, Standesamtsregister, Lohnsteuerkarteien etc. verschaffen können.Jutta Wietog: Volkszählungen…, S. 13.
Götz Aly zeigte sich hingegen überzeugt, diese im „vorgeblichen Schutz des Statistikgeheimnisses gemachten und mit Strafandrohung beförderten Angaben über die Religionszugehörigkeit der vier Großeltern übertrugen deutsche Beamte […] sofort in die Spalte ‚Abstammung’ der polizeilichen Melderegister.“Götz Aly; Karl Heinz Roth: Die restlose Erfassung. Frankfurt am Main 2005, S. 7, ISBN 3-596-14767-0. Nach Saul Friedländers Darstellung „sorgte die örtliche Polizei dafür, daß die Volkszählungskarten von Juden und Mischlingen den Buchstaben ‚J’ trugen; Kopien aller örtlichen Volkszählungslisten sollten an den SD gesandt und an II 112 weitergeleitet werden.“Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden. (Sonderausgabe) München 2007, S. 218, ISBN 978-3-406-56681-3.
Jutta Wietog weist in ihrer Dissertation diese Darstellung zurück und vermutet eine Verwechslung mit der kurze Zeit später eingerichteten „Volkskartei“.Jutta Wietog: Volkszählungen…, S. 14. Die Auswertung der Ergänzungskarten dauerte bis zum März 1941; vorher erteilte das Statistische Reichsamt nur punktuelle Auskünfte. Ab April 1941 wurden die Ergänzungskarten den Meldebehörden übersandt, ab Ende 1941 gingen sie dann weiter an das Reichssippenamt.Jutta Wietog: Volkszählungen… S. 276. Wietog hält es deshalb für unwahrscheinlich, dass die bei der Volkszählung erhobenen Daten in großem Umfang für die Transportlisten bei der Deportation deutscher Juden genutzt wurden. Die These, durch einen Melderegisterabgleich seien die personenbezogenen Daten der Volksbefragung missbraucht worden, ist damit nicht ausgeräumt und der Sachverhalt gilt als nicht hinreichend geklärt.Gudrun Exner, Peter Schimany: Die Volkszählung in Österreich…, S. 154. Für die damalige „Ostmark“ kann jedoch mit sehr großer Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass die Daten der Volkszählung nicht für „Transportlisten“ der Vernichtungslager missbraucht wurden, da im Herbst 1939 die Israelitische Kultusgemeinde in Wien – vermutlich durch Adolf Eichmann – gezwungen wurde, alle „Glaubensjuden“ mit Wohnadresse, Geburtsdatum und Namen zu registrieren und auch eine weitere „Sonderzählung“ der so genannten „Nichtglaubensjuden“ stattfand.Gudrun Exner; Peter Schimany: Die Volkszählung in Österreich…, S. 148–151.
Eine Veröffentlichung des Bayerischen Landesamtes für Statistik und Datenverarbeitung lässt die Frage offen, ob und in welchem Ausmaß die Daten der Ergänzungskarte ab April 1941 missbräuchlich zur Ergänzung bestehender Judenkarteien verwendet wurden. Einer Analyse der 45.672 handschriftlichen Bemerkungen auf den Ergänzungskarten von jüdischen Haushalten in Berlin nach, die überwiegend August bis Dezember 1941 datiert sind, wurden die Berliner „Ergänzungskarten“ Anfang Herbst 1941 von den Meldebehörden zuerst zum Reichsarbeitsdienst versandt unterwegs zum Reichssippenamt.An Analysis of the Reichsarbeitsdienst Notations in the 1939 German "Minority Census" https://www.academia.edu/42118968/An_Analysis_of_the_Reichsarbeitsdienst_Notations_in_the_1939_German_Minority_Census_ Die Volkszählungen 1933 und 1939 stellten danach jedoch exemplarisch den Missbrauch der amtlichen Statistik durch ein totalitäres Regime dar: Daten wurden an andere Stellen weitergegeben und verfälscht zur Propaganda benutzt oder zu Überwachungszwecken missbraucht.200 Jahre amtliche Statistik in Bayern, 1808 bis 2008 (pdf; 2,5 MB), S. 39 (Abruf am 23. September 2012).
Der Historiker Edwin Black vertritt in seinem Buch IBM und der Holocaust die These, die Volkszählung sei die wesentliche Datenquelle zur Erfassung insbesondere der oft vollständig assimilierten „jüdischen Mischlinge“ (gemäß den NS-Rassengesetzen) gewesen. Besondere Bedeutung komme dabei den Tabelliermaschinen der US-amerikanischen Firma IBM beziehungsweise deren deutscher Tochter DEHOMAG zu, ohne deren Einsatz sich die Auswertung um mehrere Jahre verzögert hätte, und die Erfassung und Verfolgung der Betroffenen bis 1945 nicht im gegebenen Umfang hätte stattfinden können.
Ergebnisse Sämtliche Zahlen beziehen sich auf den Gebietsstand vom 16. Mai 1939, jedoch ohne das Memelland (ca. 150.000 Ew.).Die Bevölkerung des Deutschen Reichs nach den Ergebnissen der Volkszählung 1939, Heft 2; Berlin 1941.
Einwohnerzahlen Detaillierte Einwohnerzahlen (ab Zeile 15 ohne die beim Reichsarbeitsdienst (RAD) oder Militär Dienenden): Zeile Was wurde gezählt Einwohnerzahlen Prozent 1 Reichsgebiet insgesamt; mit RAD (m/w) und Militär (m) 79.375.281 100 2 davon (Zeile 1): RAD (m/w) und Militär (m) 1.330.023 1,68 3 Reichsgebiet insgesamt (ohne RAD und Militär) 78.072.258 98,32 4 Männer zu Zeile 1 38.761.645 48,83 5 Frauen zu Zeile 1 40.613.636 51,17 6 100 Jahre alt und älter (zu Zeile 1) 16 (3 Männer, 13 Frauen) 7 Verheiratete (zu Zeile 1) 36.764.476(18.382.238 Ehepaare) 46,32 8 Ledige (zu Zeile 1) 36.732.511 46,28 9 Verwitwete Männer (zu Zeile 1) 1.217.799 1,53 10 Verwitwete Frauen (zu Zeile 1) 3.850.922 4,85 11 Geschiedene (zu Zeile 1) 809.574 1,02 12 in Großstädten (>100.000 EW, zu Zeile 1) 24.187.422 30,47 13 in Gemeinden von 2.000 bis unter 100.000 EW (zu Zeile 1) 29.875.968 37,64 14 in Gemeinden unter 2.000 EW (zu Zeile 1) 25.311.877 31,89 15 Preußen 40.941.155 51,58 100 Preußische Gebietsteile: 15 a Provinz Ostpreußen 2.413.447 3,04 5,89 15 b Provinz Mark Brandenburg 2.912.388 3,67 7,11 15 c Provinz Pommern 2.330.445 2,94 5,69 15 d Provinz Schlesien 4.788.352 6,03 11,7 15 e Provinz Sachsen 3.549.429 4,47 8,67 15 f Provinz Schleswig-Holstein 1.538.888 1,94 3,76 15 g Provinz Hannover 3.406.496 4,29 8,32 15 h Provinz Westfalen 5.146.791 6,48 12,57 15 i Provinz Hessen-Nassau 2.632.836 3,32 6,43 15 j Rheinprovinz 7.827.795 9,86 19,12 15 k Hohenzollernsche Lande 73.169 0,09 0,18 15 l Berlin 4.321.521 5,44 10,56 16 Bayern 8.050.473 10,14 17 Sachsen 5.185.329 6,5 18 Württemberg 2.851.385 3,59 19 Baden 2.457.323 3,1 20 Thüringen 1.713.849 2,16 21 Hansestadt Hamburg 1.698.388 2,14 22 Hessen 1.445.933 1,82 23 Mecklenburg 876.412 1,10 24 Braunschweig 569.171 0,72 25 Oldenburg 555.916 0,70 26 Bremen 445.067 0,56 27 Anhalt 420.606 0,53 28 Lippe 183.713 0,23 29 Schaumburg-Lippe 52.053 0,07 30 Saarland 823.978 1,04 31 Sudetenland 2.919.648 3,68 32 Österreich 6.881.457 8,67 100 Österreichische Gebietsteile: 33 Wien 1.912.608 2,41 27,79 34 Niederdonau 1.671.458 2,11 24,29 35 Oberdonau 1.018.721 1,28 14,80 36 Steiermark 1.107.039 1,39 16,09 37 Kärnten 439.721 0,55 6,39 38 Salzburg 253.618 0,32 3,69 39 Tirol 323.456 0,41 4,70 40 Vorarlberg 154.836 0,20 2,25
Altersaufbau