Kitty Hart-Moxon, geborene Felix (* 1. Dezember 1926 in Bielsko) ist eine polnische Holocaust-Überlebende, die mit 16 Jahren in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert wurde. Kurz nach ihrer Befreiung durch amerikanische Soldaten im April 1945 zog sie zusammen mit ihrer Mutter nach England. Dort heiratete sie und widmete ihr Leben der Aufklärung über die Vernichtung der Juden im Dritten Reich.
Jugend Leokadia Dobrzynska, Tochter eines Juristen und einer Lehrerin, wuchs mit ihrem fünf Jahre älteren Bruder in Bielsko auf. Sie wurde zeitweise von einem Kindermädchen betreut. Ihre Schulzeit verbrachte sie auf einer katholischen Schule, die von Nonnen geführt wurde. Kitty lernte von ihrer Mutter in der frühen Schulzeit rudimentär Englisch. Als gute Schwimmerin vertrat Kitty Polen 1939 in der Jugend-Schwimm-Meisterschaft und gewann die Bronzemedaille. Als sie zwölf Jahre alt war, beschloss ihr Vater, Bielsko wegen dessen Nähe zur deutschen und tschechischen Grenze zu verlassen. Kittys Familie zog am 24. August 1939, acht Tage vor Beginn des Zweiten Weltkrieges nach Lublin. Ihr Haus in Bielsko wurde anschließend nach dem deutschen Überfall auf Polen geplündert.vgl. Hart-Moxon: Wo die Hoffnung erfriert. Überleben in Auschwitz, Leipzig 2001, S. 37 ff.
Ghetto und Flucht Nach der deutschen Besetzung Polens veränderte sich Lublin für die Familie von der zuerst vermeintlich sicher erscheinenden Zufluchtsstätte zu einem Ort, an dem der Aufenthalt für Juden gefährlich war. Ständig mussten sie fürchten, deutschen Soldaten übergeben oder sogar erschossen zu werden. Es fanden in regelmäßigen Abständen Razzien in Wohnhäusern statt, die von den Einsatzgruppen teilweise beschlagnahmt wurden. Schließlich musste die Familie, wie alle Juden, in das Lubliner Ghetto ziehen und dort unter katastrophalen hygienischen Bedingungen beengt leben. Um die unzureichende Versorgung mit Nahrungsmitteln aufzubessern, organisierte Kitty unter Todesgefahr durch einen Schacht der Kanalisation für ihre Familie Nahrungsmittel in Lublin im Tausch gegen Wertgegenstände, die der Familie verblieben waren.
Um dem Ghetto zu entkommen, beschloss Kittys Vater, mit der Familie in die Sowjetunion zu flüchten. Im Winter 1940/41 flüchtete die Familie als Bauern verkleidet mit Pferd und Wagen in Richtung Osten. Sie erreichten schließlich die Grenze am Fluss Bug, stellten dort jedoch fest, dass diese knapp 24 Stunden zuvor geschlossen worden war. Die Familie versuchte, den zugefrorenen Fluss zu überqueren, wurde jedoch gesichtet und beschossen.vgl. Hart-Moxon: Wo die Hoffnung erfriert. Überleben in Auschwitz, Leipzig 2001, S. 48 ff.
Danach kehrte die Familie um und erreichte das Dorf Żabia Wola, etwa zwanzig Kilometer von Lublin entfernt. Dort wurde Kittys Mutter durch einen glücklichen Zufall angeboten, adligen Polen Englischunterricht zu erteilen. Das Leben in dieser kleinen jüdischen Gemeinschaft gestaltete sich fast normal, bis die Familie an die Nationalsozialisten verraten wurde. Nach dem einjährigen Aufenthalt kehrte die Familie schließlich nach Lublin zurück. Dort suchten sie einen Pfarrer auf, der sie einige Zeit versteckt hielt und ihnen gefälschte Ausweisdokumente besorgte. Die Familie war nun im Besitz von Reisepässen, Geburtsurkunden und Personalausweisen. Das Pfarrhaus befand sich genau gegenüber vom Gestapo-Hauptquartier. Als eine weitere Razzia drohte, beschloss die Familie sich aus strategischen Gründen nach Deutschland zu begeben. Zu diesem Zeitpunkt waren aus dem Deutschen Reich bereits der Großteil der Juden deportiert worden, so dass die Familie der Idee folgte, sich als Polen freiwillig zur Zwangsarbeit zu melden. Kitty nahm den Namen Leokadia Dobrzynska an und ihre Mutter gab sich als ihre Tante aus. Dem Vater erschien es sicherer, wenn sich die Familie aufteilt und Kitty war zusammen mit ihrer Mutter ab diesem Zeitpunkt an auf sich allein gestellt. Die Großmutter blieb in Zabia Wola zurück.
Mutter und Tochter reisten im März 1943 nach Bitterfeld. Dort arbeiteten sie unter Polen in einer Fabrik, bis sie auf Grund ihres lokalen Dialektes auffielen und vernommen wurden. Im Hauptquartier der Geheimen Staatspolizei in Bitterfeld fanden die Gestapobeamten nach drei Tagen schließlich heraus, dass Kitty und ihre Mutter gefälschte Papiere mit sich führten. Sie sollten wegen der illegalen Einreise ins Deutsche Reich sowie wegen des Besitzes gefälschter Ausweisdokumente hingerichtet werden. Am darauffolgenden Tag fand eine Scheinerschießung statt. Sie wurden mit elf anderen Häftlingen in einen Hof geführt und angewiesen, sich mit Gesicht zur Wand aufzustellen. Schüsse wurden abgegeben, jedoch traf keine einzige Kugel. Die Nationalsozialisten hatten diese Situation nur inszeniert, um die anderen Fabrikmitarbeiter einzuschüchtern. Jemand aus dem Erschießungskommando meinte: „Ihr wolltet das Deutsche Reich hintergehen und bildet euch ein, so leicht davonzukommen? Oh, nein. Erschießen wäre zu gut für solche, wie ihr es seid. Langsam werdet ihr umkommen, jede von euch!“Zitiert nach: Hart-Moxon: Wo die Hoffnung erfriert. Überleben in Auschwitz, Leipzig 2001, S. 78
KZ Auschwitz Zurück in der Zelle, fielen ihnen Inschriften an der Zellenwand auf. Botschaften wie „Auf Wiedersehen in Auschwitz“ oder „Wir sind auf dem Weg zur Hölle“ wiesen auf das bevorstehende Grauen hin. Allmählich dämmerte es Kitty und ihrer Mutter, dass sie eine Überlebenschance hätten, wenn sie ihren jüdischen Ursprung und die Herkunft der Dokumente weiterhin verschwiegen. Sie wurden als politische Häftlinge in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert und kamen am 12. April 1943 dort an. Auschwitz war kaum 50 Kilometer von ihrer Heimatstadt Bielsko entfernt.vgl. Hart-Moxon: Wo die Hoffnung erfriert. Überleben in Auschwitz, Leipzig 2001, S. 80–86
Kittys Mutter überlebte als eine der wenigen Älteren die erste Selektion. Kitty und ihre Mutter verrichteten in Auschwitz viele Arbeiten. Sie versuchten zusammen zu bleiben und die besten Arbeitsplätze zu ergattern. Kitty wurde zu einer Meisterin im „Organisieren“ und handelte mit dem Wenigen, das sie hatte oder nahm es von den Toten. Kitty erkrankte im Konzentrationslager an Typhus, entging aber einer Selektion durch den KZ-Arzt Josef Mengele im Krankenblock, da ihre Mutter ihre bewusstlose Tochter währenddessen in einem Strohsack versteckte.
„Kanada-Kommando“ Ab April 1944 konnte Kitty im Effekten-Kommando arbeiten, dem sogenannten Kanada-Kommando.vgl. Hart-Moxon: Wo die Hoffnung erfriert. Überleben in Auschwitz, Leipzig 2001, S. 144 ff. Ihre Aufgabe war dort, Kleider und Habseligkeiten jener Menschen zu sortieren, die nach ihrer Ankunft im Lager umgehend im Rahmen der sogenannten Endlösung vergast wurden. Das Kanada-Kommando lag etwas außerhalb des Lagers, da die Massentötungen der ankommenden Menschen offiziell geheim gehalten werden mussten. Während dieser Phase war sie räumlich von ihrer Mutter getrennt, welche im Krankenblock innerhalb des Lagers arbeitete. Gespräche über die Gaskammern oder Krematorien wurden mit dem Tode bestraft. Während dieser Arbeit konnte sich Kitty neue Kleidung besorgen und auch einige Luxusgüter, die zum Beispiel in die Wäsche eingenäht waren, hinausschmuggeln. Kitty war zu diesem Zeitpunkt ständig von dem Geruch von verbranntem Fleisch, Haar und Knochen umgeben, während sie die verzweifelten Schreie von den selektierten Frauen und Kindern im Gas hörte. Kitty und ihre Mutter zählten in der Lagerhierarchie nun schon zu den Häftlingen, die nicht willkürlich für Selektionen herausgezogen werden konnten, und durften deshalb ab und zu duschen oder ihr Haar nachwachsen lassen.vgl. Hart-Moxon: Wo die Hoffnung erfriert. Überleben in Auschwitz, Leipzig 2001, S. 152 ff.
Ab September 1944 trafen keine neuen Transporte mehr in Auschwitz ein. Kitty und ihre Mithäftlinge waren im Kanada-Kommando dennoch weit im Rückstand beim Sortieren der Gepäckstücke. Kitty hörte die Explosionen und Schusswechsel im Verlauf des Aufstands des Sonderkommandos am 7. Oktober 1944. Nach dem gescheiterten Aufstand wurde alles für die Räumung des Lagers vorbereitet. Kitty machte sich Sorgen: Sie waren die einzig verbliebenen Zeugen und mussten nach der Beseitigung aller Spuren getötet werden, um der Nachwelt die im Lager herrschenden grausamen Umstände nicht berichten zu können.vgl. Hart-Moxon: Wo die Hoffnung erfriert. Überleben in Auschwitz, Leipzig 2001, S. 173 ff.
KZ Groß-Rosen Kittys Mutter wurde als eine von hundert Insassen ausgewählt, die das Lager verlassen durften. Eines Tages wurde ihre Tochter beim üblichen Zählappell ausgerufen: „Häftling 39934 sofort zum Kapo!“ Kitty rechnete mit einer harten Strafe wegen Schmuggelns. Der Lagerführer hatte jedoch angeordnet, dass Kitty mit auf Transport geht. Die Begründung für diese Maßnahme konnte sie kaum glauben: Ihre Mutter hatte mutig den Kommandanten direkt angesprochen und darum gebeten, dass ihre Tochter, welche seit acht Monaten im Kanada-Kommando arbeitete, mit ihr gehen könne. Nach mehr als anderthalb Jahren war Kittys Mutter etwas wie eine geachtete, ältere Ortsansässige geworden. Ihr Mut und ihr gutes Deutsch mussten ihn beeindruckt haben, ebenso die niedrigen Häftlingsnummern der beiden Frauen.vgl. Hart-Moxon: Wo die Hoffnung erfriert. Überleben in Auschwitz, Leipzig 2001, S. 176 ff.
Am 11. November 1944 wurden Mutter und Tochter in einer Gruppe von wenigen privilegierten Häftlingen in das KZ Groß-Rosen verlegt, das zu Rüstungszwecken genutzt wurde. Die Arbeit in der Fabrik gestaltete sich im Vergleich zu den Arbeiten im KZ Auschwitz besser und auch die hygienischen Verhältnisse und Schlafgelegenheiten waren weniger katastrophal. Groß Rosen war geräumt worden und sollte zur Verlegung der Auschwitz-Häftlinge wegen der Frontverschiebungen im Osten genutzt werden. Kitty und die anderen der hundert Auschwitz-Häftlinge mussten jeden Morgen und Abend einen zweistündigen Fußweg zur Telefunkenfabrik nach Reichenbach zurücklegen. Dort bekamen sie ab und zu etwas Essen von den deutschen Arbeiterinnen zugesteckt.vgl. Hart-Moxon: Wo die Hoffnung erfriert. Überleben in Auschwitz, Leipzig 2001, S. 180ff.
Todesmarsch Der Aufenthalt im KZ Groß Rosen dauerte fast vier Monate, als Anfang 1945 die Rote Armee näher rückte und auch das KZ Groß Rosen „evakuiert“ werden musste. Am 18. Februar 1945 begann der Todesmarsch einer Kolonne von 10.000 Häftlingen über das Eulengebirge, in der Häftlingskolonne befanden sich auch Kitty und ihre Mutter. Die Häftlinge waren gezwungen, das Gepäck und die Habseligkeiten ihrer Aufseher durch die Kälte zu schleppen. Entkräftete Mädchen wurden teils von SS-Männern erschlagen und viele erfroren unter dem Gipfel der Großen Eule. Als sie den Gipfel erreichten, trafen sie auf eine Gruppe Bauern mit Vieh und Wagen. Aufgrund ihres heruntergekommenen Aussehens wurden sie entsetzt angestarrt und die Häftlinge nutzten den Moment, um eine Kuh zu melken und Schmalz und Würste zu stehlen. Die Bauern flüchteten so schnell sie konnten.vgl. Hart-Moxon: Wo die Hoffnung erfriert. Überleben in Auschwitz, Leipzig 2001, S. 187 ff.
Schließlich trafen die Häftlinge im Lager Trautenau ein. Die Kolonne, die ursprünglich aus 10.000 Menschen bestand, war auf ein knappes Viertel zusammengeschrumpft. Die halbverhungerte Kitty tauschte ihre in Auschwitz gezogenen Zähne, die ihr Vater vorausschauend mit Diamanten hatte füllen lassen, gegen zwei Laibe Brot ein. Davon zehrten sie und ihre Mutter, als es weiter mit dem Zug in die Nähe der niederländischen Grenze ging, denn auch Trautenau wurde evakuiert. Die Zugfahrt dauerte sechs Tage; aufgrund der ungenügenden Versorgung mit Nahrungsmitteln, der unhygienischen Verhältnisse und der Kälte starben viele der weiblichen Häftlinge.