mini|Gottfried Arnold (Kupferstich von Georg Paul Busch) Gottfried Arnold (* 5. September 1666 in Annaberg; † 30. Mai 1714 in Perleberg), Pseudonym: Christophorus Irenaeus, war ein deutscher pietistischer Theologe, der vor allem als Verfasser der Unparteyischen Kirchen- und Ketzer-Historie bekannt ist, die die Geschichte der christlichen Kirche als Verfallsgeschichte deutet. Von seiner Wirkungsgeschichte aus betrachtet war er der bedeutendste Vertreter des radikalen Pietismus.

Leben mini|Wichtige biografische Stationen Arnolds (eingezeichnet auf einer heutigen Deutschlandkarte)

1666 bis 1699 Kindheit, Studium und Hauslehrer-Tätigkeit Gottfried Arnold war der Sohn des Präzeptors (Lateinschullehrers) von Annaberg. Er wurde am 5. September 1666 geboren und am 6. September desselben Jahres getauft. Er besuchte das Gymnasium in Gera und studierte im Anschluss an das Grundstudium der artes liberales Theologie in Wittenberg, was sein Vater unterstützt hat. Wittenberg war ein Hort der lutherischen Spätorthodoxie. Arnold lehnte diese aber später ab. Laut eigener Aussage wurde er 1686 dazu überredet, Magister zu werdenGottfried Arnold: Gießener Antrittsvorlesung sowie andere Dokumente seiner Gießener Zeit und Gedoppelter Lebenslauf (= Edition Pietismustexte, Band 4). Herausgegeben von Hans Schneider. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2012, darin: Gedoppelter Lebenslauf Arnolds, S. 138–181.; seine Promotion zum Magister artium war dann am 28. April 1687 in Wittenberg.

Durch die Schriften Philipp Jacob Speners wurde sein Interesse für den Pietismus geweckt. Seit 1688 bis zu seinem Lebensende stand er mit Spener in brieflichem Kontakt. Spener bewog Arnold, nach Frankfurt am Main zu gehen, und vermittelte ihm Stellen als Hauslehrer in Dresden (1689 bis 1693) und Quedlinburg (1693 bis 1696). Dort geriet Arnold unter den Einfluss mystisch-spiritualistischer Frömmigkeit samt ihrer Kirchenkritik. Er verzichtete auf die Übernahme eines Pfarramtes und die Ehe und widmete sich ganz der theologischen Schriftstellerei.

Zwischen 1696 und 1699 hat sich Arnold zum Radikalpietisten entwickelt. Bis 1696 war er noch der Auffassung, innerhalb der Kirche ein wahres Christentum leben zu können, was man an der ersten Ausgabe der Homilien des Makarios feststellen kann. Spätestens 1699 im Widmungsgedicht zur Neuauflage dieser Makarios-Homilien werden radikalpietistische Züge deutlich. An vier Aspekten lässt sich die Radikalisierung Arnolds feststellen:

Kontakte zum Quedlinburger Pietistenmilieu die Ansicht vom Urchristentum als Maßstab (Erste Liebe) Auseinandersetzung mit Makarios Ablegen der Professur in Gießen

Professur in Gießen 1697 wurde Arnold nach dem großen Erfolg seiner Schrift Die Erste Liebe der Gemeinden Jesu Christi als Professor der Geschichte an die pietistisch geprägte Universität Gießen berufen. Diese Berufung geht auf den Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt zurück, der seinen Entschluss zur Anstellung Arnolds am 24. März 1696 mitteilte. Dass der Landgraf ihn unabhängig von Arnolds eigenen Ambitionen berufen hatte, sah Arnold zunächst als einen Fingerzeig Gottes, im Nachhinein dann aber als Fehlentscheidung. Aber wie ist der Landgraf überhaupt auf Arnold und sein Werk aufmerksam gemacht worden? Hierfür kommen die pietistischen Gießener Professoren Johann Christoph Bilefeld, Johann Heinrich May und Johann Reinhard Hedinger ins SpielHans Schneider kann sich dabei schon auf Max Goebel, Dibelius und Willkomm berufen., die diese Entscheidung bezüglich ihres Gesinnungsgenossen zumindest gutheißen mussten, wenn sie nicht sogar selbst daran beteiligt waren. Dafür spricht nicht zuletzt, dass die Landgräfin Dorothea Charlotte ein offenes Ohr für die Anliegen der Pietisten hatte. Arnold selbst lehnte laut seinem Offenherzigen Bekenntnis den Ruf erst ab, hat sich dann aber durch andere Leute und ihre Argumente überreden lassen.

Obwohl das Vorlesungsverzeichnis vom 24. April 1697 Arnold schon für das Sommersemester ankündigte, trat er sein Amt erst im Wintersemester an. Der erste Eintritt in „die Hessischen Lande“ ist laut Vorrede zu den Göttlichen Liebesfunken auf den 12. Juni 1697 datiert. Johann Konrad Dippel beschreibt in seinem Lebenslauf eine Begegnung mit Arnold und seinen Begleitern, die aus Sachsen nach Gießen kamen. Die Gefährten sind M. Johannes Christian Lange und Johannes Andreas Schilling, deren Immatrikulation am 23. August 1697 erfolgte, was also zugleich die Zeit angibt, in der Arnold nach Gießen umsiedelte (wohl der zweite Eintritt in Hessen-Darmstadt), um dann Anfang September sein Amt anzutreten.

Am 1. September 1697 unterzeichnete Arnold den Religionsrevers, der ihn auf bestimmte Schriften verpflichtete (Confessio Augustana invariata, die Apologie, die Wittenberger Konkordie, die Schmalkaldischen Artikel und Luthers Katechismen, aber nicht die Konkordienformel). Außerdem mussten Unterzeichner Abweichungen von den Lehren dieser Schriften anzeigen. Vor der Antrittsvorlesung war Arnold also bei der öffentlichen Verlesung der genannten Bekenntnisverpflichtung im Senat der Universität, an die sich der Eid auf den Landesherrn sowie die Unterzeichnung der Universitätsgesetze anschlossen.

Am 2. September hielt Gottfried Arnold seine Antrittsvorlesung De corrupto historiarum studio. Am 20. November 1697 war er das erste Mal bei der Landgräfin, die in einem Brief an Bilefeld schrieb, dass Arnold sie überzeugt habe und sie ihm gegenüber positiv gestimmt sei. Ende März 1698 verließ Arnold Gießen und legte seine Professur nieder. Das Entlassungsgesuch erreichte Landgraf Ernst Ludwig am 10. Mai 1698. Arnold begründete seinen Amtsverzicht am 23. Mai 1698 gegenüber seinem ehemaligen Kollegen Professor Johann Heinrich May.

Am 18. Mai 1698 besuchte Arnold den Radikalpietisten Johann Wilhelm Petersen in Niederndodeleben.

Am 10. Juni 1698 muss spätestens das Offenherzige Bekenntnis vorgelegen haben, da das Vorwort des Verlegers auf diesen Tag datiert ist, in dem Arnold seine Entscheidung öffentlich begründet: Abgestoßen vom ruhmsüchtigen Vernunftwesen des akademischen Lebens verließ er die Universität also bereits nach seinem ersten Semester wieder. Seinem Gießener Kollegen Johann Heinrich May schrieb er, daß der Greuel der Verwüstung (Dan. 9,27; Mk. 13,14) ein Ausmaß erreicht habe, dass nur der Auszug aus Babel als einzige Konsequenze bleibe. Spener verfasste über dieses Werk einen Brief am 28. November 1698. Am 29. November reagierte Arnold auf Kritik zu seinem Offenherzigen Bekenntnis. Zusammenfassend lassen sich mindestens drei Motive feststellen, die Arnold zur Niederlegung seiner Professur bewegten:

die Feststellung, dass selbst an einer pietistischen Universität Streit vorherrscht Abwendung von der kirchengeschichtlichen Forschung, die er selbst als eine Art Zeitverschwendung wahrnimmt (er hätte aus seiner Sicht die Zeit lieber zu Gottes Ehre verwenden sollen) die Herzensangst, dass „das zarte Leben Christi in mir sehr abnahm“, also vom rechten Weg des Glaubens abzukommen

Hinzu kommt, dass Johann Konrad Dippel tätlich bedroht und angegriffen wurde und Arnold nicht wissen konnte, ob es ihm selbst ähnlich ergehen würde.

Arnold kehrte zurück nach Quedlinburg, wo 1699 sein Hauptwerk Unparteyische Kirchen- und Ketzer-Historie (UKKH) erschien, in dem er die Ansicht vertrat, dass die christliche Wahrheit von der Großkirche verraten und bei den von ihr als Ketzer Verfolgten zu finden sei.

1700 bis 1714 Wegen des Pietismusstreits in Quedlinburg wurde es für Arnold schwierig, weiterhin dort zu wohnen. Das Separatistenedikt der Äbtissin des Quedlinburger Stifts ist auf den 31. Juli 1700 datiert: Das Fernbleiben von Gottesdienst, Beichte und Abendmahl wird mit Strafen bedroht. Am 27. Dezember 1700, am 14. Oktober 1700, um den 20. November 1700 herum und am 3. Dezember 1700 wurde Sprögel unter Androhung von einer Geldstrafe dazu aufgefordert, Arnold aus seinem Haus auszuweisen. Auch die Pfarrer hetzen von ihren Kanzeln gegen Arnold. In seinem Werk Der richtigste Weg (eine Predigtsammlung von drei Predigten aus 1700) verteidigt sich Arnold gegen die Vorwürfe, indem er darauf verweist, dass er nie vom Wort Gottes abgewichen sei. Außerdem habe er in der UKKH zwar Meinungen von Ketzern referiert, diese seien aber nicht zwangsläufig seine eigenen.

Allerdings ergreift der preußische Kurfürst für Arnold in einem Schutzbrief von 23. Oktober 1700 Partei, in dem er darauf verweist, dass Arnold keinen Vorwürfen von Seiten der zuständigen Gerichtsbarkeit (foro competente) ausgesetzt ist. Am 1. November kommt Arnold seiner Ausweisung zuvor, weil er noch vor Eintreffen des Schutzbriefs Quedlinburg für kurze Zeit verlässt. Nach Eintreffen des Schutzbriefs kehrt Arnold wieder zurück nach Quedlinburg. Am 5. November organisiert von Stammer für ihn militärischen Schutz, um die Interessen des Kurfürsten gegenüber der Äbtissin durchzusetzen. Eine königliche Kommission – bestehend aus pro-pietistischen Vertretern – mit Schutzauftrag für Arnold wird eingesetzt, um Frieden in der Sache zu stiften und Arnold eine Stelle anderswo (Allstedt) zu ermöglichen. Arnold hat Probleme damit, die Beichte abzunehmen und das Abendmahl unterschiedslos auszuteilen. Daher kommt die Schlossprediger-Stelle bei der Herzogin Sophie Charlotte von Sachsen-Eisenach in Allstedt gelegen. Die Probleme bestehen darin, dass zum einen diese Stelle auch einen Eid auf Bekenntnisse impliziert und zum anderen Arnold nicht verheiratet war. Die kürzlich verwitwete, 30-jährige Herzogin hat dem nur fünf Jahre älteren Arnold (zu dem Zeitpunkt ebenso unverheiratet) die Heirat wohl nahegelegt, um keine Gerüchte aufkommen zu lassen.

1701 löste Arnold erhebliche Irritationen unter seinen radikal-pietistischen Gesinnungsgenossen aus: Er gab die in seiner Schrift über Sophia gepriesene Ehelosigkeit auf und heiratete am 5. September Anna Maria Sprögel, die Tochter des Werbener Superintendenten Johann Heinrich Sprögel, woraufhin der Spiritualist Johann Georg Gichtel und dessen Anhänger den Kontakt mit Arnold abbrachen. Gichtel hoffte zunächst, dass Arnold mit seiner Frau eine „Geschwisterehe“ führt (also eine Ehe von Glaubensgeschwistern, die in sexueller Enthaltsamkeit leben). Aber auch diese letzte Hoffnung wurde spätestens 1704 durch die Geburt der Tochter Arnolds (Sophia Gottfreda) enttäuscht.

Darüber hinaus wurde er Januar 1702 Schlosspfarrer in Allstedt, nahm also ein offizielles kirchliches Amt an, wobei es sich nicht um ein klassisches Gemeindepfarramt handelte, sondern um eine Stelle als persönlicher Seelsorger von der Herzogin Sophie Charlotte – er musste das Abendmahl also nicht unterschiedslos austeilen. Er beharrte aber weiterhin auf radikalen Positionen. So weigerte er sich, den Eid auf die Konkordienformel zu leisten, worauf sich die orthodoxe Pfarrerschaft Eisenachs gegen ihn wandte. Obwohl der König Friedrich I. sich dafür starkmachte, Arnold den Eid zu erlassen, bestand der Herzog J.-W. von Sachsen-Eisenach auf diesen Eid, damit kein Präzedenzfall geschaffen wird (Brief vom 20. September 1701 an den König). Seine grundlegenden Positionen hat Arnold nie aufgegeben, auch wenn er sie modifizierte und seine extremen Ansichten nach 1701 mäßigte.