Das Ulrichsgymnasium ist ein allgemein bildendes Gymnasium in Norden (Ostfriesland, Niedersachsen). Es wurde im Jahr 1567 als Lateinschule gegründet und 1631 zum Paedagogium illustre (Gymnasium) umgewandelt. Es ist damit eines der ältesten Gymnasien in Deutschland und das älteste in Ostfriesland. Namensgeber ist Ulrich II. (1606–1648), ab 1628 Graf von Ostfriesland, unter dem auch das Ulricianum in Aurich entstand.
Geschichte An der Stelle des heutigen Gymnasiums befand sich ein um 1264 gegründetes Dominikanerkloster, das bereits eine Klosterschule unterhielt. Das Kloster wurde um 1530 aufgelöst, nachdem es die Mönche im Zuge der Reformation bereits weitgehend verlassen hatten.
Klösterlicher Lehrbetrieb Für die ersten Jahrzehnte nach der Klostergründung um 1264 findet sich in dem Forschungsbericht von Heinrich Finke, den er 1894 veröffentlichte, in den Erläuterungen zu dem „Bruchstück des Protokolls des Provintialkapitels der Ordensprovinz der Dominikaner“ auf S. 377 folgende lateinische Textpartie: „… Mittimus ad studium Anglie fratrem Winandum lectorem Nordensem...“ (übersetzt: „...Wir schicken zum Studium nach England den Bruder Winandus, Lektor aus Norden...“). Finke gelingt es durch sensible historische Vergleichsstudien für diese Versendung eines Klostermitgliedes das Jahr 1284 (späteres Datum äußerstenfalls 1288?) festzulegen. Mit dieser Stelle ist erwiesen, dass in diesem Jahr die Klosterschule in einem guten und anerkannten Zustand war, sonst hätte man keinen Lektoren in eine andere Schule im Ausland – sehr wahrscheinlich Oxford – entsandt.
Hajo van Lengen, der ehemalige Direktor der Ostfriesischen Landschaft, schreibt in seiner Arbeit über die Stadtgeschichte Nordens: „Das Dominikanerkloster in Norden hat es zwar nicht zu einer der höchsten wissenschaftlichen Lehranstalten gebracht, wohl aber ist sie zu den höheren in der sächsischen Provinz zu rechnen und hat hier an dem scholastischen Betrieb der Dominikaner einen nicht zu gering zu veranschlagenden Anteil gehabt. Und diese Blüte hatte bis zum Ende des Klosters Bestand. Norden besaß wohl die beste Ausbildungsstätte Ostfrieslands.“
Die Annalen der Stadt Norden belegen für die Zeit noch kurz zuvor und nach der Auflösung des Klosters über folgende Schulmeisternamen einen weitergeführten Unterricht: 1511 Johann Pipers, 1536 bis 1540 Theodorus Bottmannus, 1540 Scipio, 1545 bis 1566 Ptolemeus Johannes. 1566 hat dann Graf Edzard II bereits den Niederländer Johannes Florianus zum Gründungsrektor der Lateinschule berufen. Als Schulraum diente das sogenannte Osterhus, ein Trakt des säkularisierten Klosters.
Historische Karten machen deutlich, dass dieses Haus auch der Unterrichtsort der Klosterschule gewesen ist. Erst 1929 wurde es wegen baulicher Erweiterungen abgebrochen. Interessantes Zusammentreffen: Klösterlich-lateinschulische Historie und heutiges Schulleiterzimmer liegen beim Übereinander-Projizieren einschlägiger Karten auf etwa der gleichen Grundstücksfläche.
Durch das Zusammenspiel dieser verschiedenartigen Faktoren wird ersichtlich, dass das Ulrichsgymnasium in Norden als Unterrichtsstätte am selben Ort von einer Tradition von 1284 bis heute ausgehen kann.
In seiner Untersuchung über das Alter des UGN stellt Joachim Strybny für die Jubiläumsfestschrift 2017 Folgendes fest: Bei den viel älteren Klöstern St. Gallen, Freising oder Eichstätt besteht keinerlei Zweifel, dass ihre Klosterschulen in einer Zeitabfolge bald nach der Gründung des Klosters ganz vorne stehen müssen, einen gesicherten Quellennachweis gibt es hierfür nicht. Nach diesen unabdingbar notwendigen Nachweisen rangiert das Ulrichsgymnasium auf einer Liste der Schulen im deutschen Sprachraum – bei einer Bestandsaufnahme aus dem Jahr 1799 von 432 alten Schulen – auf Platz 10.
1531 wurden weite Teile des Klosters zerstört und in einem erhaltenen Gebäudeteil 1567 eine Lateinschule eingerichtet.
Vorgeschichten zur Lateinschule Dass es in Norden bereits vor der Gründung der Lateinschule eine öffentliche Bildungseinrichtung gab, lassen die Annalen der Stadt vermuten, die etwa für 1511 den Scholmester (Schulmeister) Johann Pipers erwähnen. Für 1536 bis 1540 wird Theodorus Bottmanus genannt. Ihm folgte um 1540 ein gewisser Scipio, der fünf Jahre später von Ptolemeus Johannes abgelöst wurde. Dieser hatte bis 1566 das Amt des Schulmeisters inne.Derk de Haan (Hrsg.): 400 Jahre Ulrichsgymnasium Norden. Norden 1967, S. 60, Sp. I
1529 machte Graf Enno II. kurz nach seinem Regierungsantritt die Absicht bekannt, in Norden und in Emden eine Lateinschule zu errichten. Erklärtes pädagogisches Ziel war es, die „Jugend nicht jämmerlich verderben zu lassen“ und gleichzeitig der „Verachtung der lateinischen Kunst“ entgegenzuarbeiten.Bernhard Peters: Das Ulrichsgymnasium 1567–1967. In: Derk de Haan (Hrsg.): 400 Jahre Ulrichsgymnasium Norden. Norden 1967, S. 27, Sp. II 1537 erneuerte Enno II. seine Absichtserklärung mit der Begründung, damit das Land notdrüftige, geleerde luiden bekomme.zitiert nach Bernhard Peters: Das Ulrichsgymnasium 1567–1967. In: Derk de Haan (Hrsg.): 400 Jahre Ulrichsgymnasium Norden. Norden 1967, S. 28, Sp I Es dauerte allerdings noch weitere 30 Jahre bis Graf Edzard II. 1567 diese Pläne verwirklichte und in Norden eine Lateinschule gründete und diese mit Einkünften aus eingezogenem Landbesitz des Klosters Marienthal ausstattete.Hermann Lübbing: Das Dominikanerkloster zu Norden in Ostfriesland. In: Jahrbuch der Gesellschaft für Bildende Kunst und Vaterländische Altertümer zu Emden, Band 22, 1926/27, S. 269–314. Dieses Jahr gilt als das Gründungsjahr des Ulrichgymnasiums Norden.
Lateinschule mini|Ubbo Emmius, Schüler und 6. Rektor des Ulrichgymnasiums mini|Schulgebäude des Progymnasiums um 1840 Bereits 1566 hatte Edzard II. den Niederländer Johannes Florianus zum Gründungsrektor der Lateinschule berufen. Der Unterricht begann im folgenden Jahr mit drei Unterrichtsklassen. Das erste Kollegium bestand zunächst aus dem genannten Rektor und zwei Lehrern. Als Schulraum diente das sogenannte Osterhaus, ein Trakt des säkularisierten Dominikanerklosters. Überschattet wurden die Anfangsjahre durch konfessionelle Konflikte zwischen Lutheranern und Reformierten. Zwar dominierte in Norden das Luthertum, niederländische Glaubensflüchtlinge hatten aber den bis dahin schwachen kalvinistischen Flügel des Norder Protestantismus erheblich gestärkt. Da Lateinschulen jener Zeit primär als Vorstufe der Ausbildung von Geistlichen betrachtet wurden, waren beide evangelischen Konfessionsparteien daran interessiert, einen möglichst großen Einfluss auf den Lehrplan zu gewinnen und die theologische Ausrichtung der Schule zu bestimmen.Bernhard Peters: Das Ulrichsgymnasium 1567–1967. In: Derk de Haan (Hrsg.): 400 Jahre Ulrichsgymnasium Norden. Norden 1967, S. 28, Sp. IIf Obwohl Anfang der 1570er Jahre eine Rückwanderungswelle der niederländischen Glaubensflüchtlinge einsetzte, wurde 1579 der reformierte Theologe, Historiker, Pädagoge und spätere Gründungsrektor der Universität Groningen (Niederlande) Ubbo Emmius (1547–1625) zum Rektor der Lateinschule berufen. Neun Jahre lang übte er dieses Amt an seiner ehemaligen Ausbildungsstätte aus, wurde aber aufgrund seines Glaubens vom lutherischen Grafenhaus der Cirksena aus dem Amt gedrängt. Danach leiteten fast drei Jahrhunderte hindurch lutherische Rektoren die humanistische Bildungsanstalt.
Die Norder Lateinschule galt zwar im Rahmen damaliger Konventionen als Höhere Lehranstalt, war aber aufgrund ihres Lehrangebots nur eine Partikularschule. Durch die Entlassung des in Ostfriesland und in den Niederlanden anerkannten Theologen Ubbo Emmius verlor sie außerdem an Ausstrahlung.
Paedagogium illustre Unter Graf Ulrich II. wurde die Schule 1631 dann zu einem Paedagogium illustre erhoben und erhielt den Namen Schola Ulriciana Sie wurde damit zu einem Vollgymnasium, an dem der Erwerb der Hochschulreife möglich war. Ab diesem Zeitpunkt hatte die Schule acht Klassen und acht Lehrer. Nachdem die Schülerzahlen aufgrund von Pest und kriegerischen Auseinandersetzungen wie Ständekämpfen und dem Dreißigjährigen Krieg zurückgegangen waren, wurde die Schule 1666 kurzzeitig geschlossen, aber schon wenig später wiedereröffnet. Dennoch begann in dieser Zeit der Niedergang der Schule. Sie hatte zeitweilig nur noch drei Klassen, ohne dass sie damit den Rang einer Vollanstalt verlor. Der Tiefpunkt wurde zwischen 1750 und 1800 erreicht. In dieser Zeit schwankten die Schülerzahlen zwischen 14 und 34.
Progymnasium Unter Hannoverscher Regierung wurde die Schule in ein Progymnasium umgewandelt, womit der Erwerb der allgemeinen Hochschulreife nicht mehr möglich war.
Vollgymnasium mini|links|Festschrift anlässlich der Mulus-Feier 1909 Nachdem die Schülerzahlen wieder anstiegen, wurde die Schule in den Jahren 1851–1875 um- und ausgebaut. Unter preußischer Regierung wurde die Schule dann 1877 wieder in den Rang eines Vollgymnasiums erhoben. Seit 1928 ist auch Mädchen das Ablegen der Reifeprüfung am Ulrichsgymnasium möglich (Koedukation). ug-norden.de Während die Schülerzahlen bis zum Zweiten Weltkrieg kontinuierlich stiegen, wurde die Anzahl der Pädagogen aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage der 1920er Jahre durch Zwangpensionierungen stark reduziert.Bernhard Peters: Das Ulrichsgymnasium 1567–1967. In: Derk de Haan (Hrsg.): 400 Jahre Ulrichsgymnasium Norden. Norden 1967, S. 30, Sp II
Oberschule Im Jahr 1937 wurde das Ulrichs-Gymnasium in eine Oberschule umgewandelt. Damit wurde unter anderem ein gymnasialer Bildungsweg mit den Schwerpunkten Mathematik und Naturwissenschaften eröffnet. Die traditionellen Fächer der humanistischen Bildung traten unter dem Einfluss des Nationalsozialismus in ihrer Bedeutung zurück. Die Fächer Evangelische und Katholische Religionslehre wurden abgeschafft. Jüdische Schüler mussten die Schule verlassen. Ostern 1939 verfügte das Ulrichsgymnasium über 10 Klassen mit 213 Schülern, die von insgesamt 15 Lehrern unterrichtet wurden. Im Herbst desselben Jahres erhielten alle Schüler der Jahrgangsstufe 8 ihr Abgangszeugnisse. Darin stand die Bemerkung „[…] verlässt die Schule, um Kriegshilfsdienst zu leisten“. Die Kellerräume des Schulgebäudes wurden zu Luftschutzräumen umgebaut.Hildegard Kaszemek: Das Ulrichsgymnasium Norden von Ostern 1939 bis 1. Mai 1945. In: Derk de Haan (Hrsg.): 400 Jahre Ulrichsgymnasium Norden. Norden 1967, S. 36.
Zwischen dem 1. April und dem 1. Juli 1940 wurden sieben Lehrkräfte zum Militärdienst einberufen. Unter ihnen befand sich auch der Oberstudiendirektor Weidemann. Zu Beginn des Schuljahres 1941/42 besuchten 235 Schüler das Gymnasium, darunter 43 Mädchen. Das Schuljahr 1942/43 brachte einen weiteren Anstieg der Schülerzahlen. 248 Schüler (nicht mitgezählt sind aus Emden evakuierte Gastschüler) wurden von nur 8 Lehrern und einem dienstverpflichteten Hilfslehrer unterrichtet. Ende März 1943 erfolgte die Einberufung von 19 Schülern der Jahrgangsstufen 10 und 11 (damals 6. und 7. Klasse) als Luftwaffenhelfer. Nach einem fünfwöchigen Lehrgang auf Norderney wurden sie beim Küstenschutz in der Nähe des Senders Norddeich Radio eingesetzt. In einer als Notschule umfunktionierten Wehrmachtsbaracke erteilten Lehrer des Ulrichgymnasiums einen erheblich reduzierten Unterricht.