mini|Wissenschaft und Religion in Harmonie. Tiffany-Fenster namens Education (1890)
Naturwissenschaft und Religion (auch Wissenschaft und Religion, engl. Science and Religion) ist ein interdisziplinäres Forschungsgebiet, das die Interaktionen zwischen Wissenschaft und Religion untersucht. Hierbei wird unter Wissenschaft in erster Linie die Naturwissenschaft verstanden, insbesondere Physik, Kosmologie, Evolutionsbiologie, Genetik und Neurologie, aber auch Wissenschaftsphilosophie, Wissenschaftsgeschichte und seltener die Psychologie. Religion meint einerseits die traditionellen Religionen, wie die drei großen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum, und Islam, aber auch spirituelle Aspekte, wie Gebet und Meditation und insbesondere die Gottesfrage.
Gegenstand der Forschung Als akademisches Forschungsgebiet ist Naturwissenschaft und Religion in den 1960er Jahren in den Vereinigten Staaten von Amerika und Europa aufgekommen. Als Begründer dieses interdisziplinären Gebiets gilt der Physiker und Theologe Ian Barbour (1923–2013),J. Gordon Melton, Martin Baumann (Hrsg.): Religions of the World. V. 6, S. 2550f. der 1966 das grundlegende Werk Issues in Science and Religion veröffentlichte. Das themenübergreifende universitäre Fach untersucht die Beziehungen zwischen den wissenschaftlichen und den religiösen Wissenssystemen. Zudem werden neue Konzepte und Modelle erarbeitet, die zu konstruktiveren Dialogen führen sollen.
Ein Beispiel hierfür ist die neurowissenschaftliche Erforschung der Meditation, einer weit verbreiteten spirituellen Praxis im Hinduismus und Buddhismus. Meditation beeinflusst den Bewusstseinszustand und damit verbunden naturwissenschaftlich nachweisbar die Aktivität des Gehirns.Antoine Lutz u. a.: Long-term meditators self-induce high-amplitude gamma synchrony during mental practice. doi:10.1073/pnas.0407401101 Beispielsweise zeigten Experimente, dass die Alphawellenaktivität, welche Entspannungszustände und Kreativität fördern sowie depressive Gemütszustände lindern kann, im Gehirn Meditierender ansteigt.
Eine Studie an Zwillingen stellte fest, dass die Neigung zur Entwicklung von Religiosität im Laufe des Lebens bei Menschen zu 40–60 % genetisch bedingt ist. Auch wurde im Jahr 2019 am Beispiel der Bahai die gesundheitliche Wirkung religiösen Fastens an 145 Probanden studiert. Studienleiter Andreas Michalsen, Professor für klinische Naturheilkunde an der Charité und Vorstand von Natur und Medizin e. V., war von den Ergebnissen dieser Studie „einfach überrascht, dass die Ergebnisse so positiv sind! Das sagen alle Daten immer deutlicher, dass regelmäßiges Fasten gesund ist!“ Es habe sich gezeigt, dass Intervallfasten eine Beschleunigung des Zucker- und Fettstoffwechsels bewirke und daher vor Diabetes schütze.
Zu den bedeutenden Vertretern dieses umfassenden Gebiets im deutschsprachigen Raum gehören die Theologen Hans Küng (1928–2021) und Eugen Drewermann (* 1940) sowie die Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker (1912–2007) und Hans-Peter Dürr (1929–2014). Neben der universitären Forschung beschäftigen sich auch religiöse Institutionen mit der Frage des Verhältnisses zwischen Wissenschaften und Religion sowie Autoren von Esoterika und New-Age-Literatur.
Interaktionsmodelle Um die verschiedenartigen Verhältnisse zwischen Wissenschaft und Religion besser einordnen zu können, erarbeiteten Theoretiker Interaktionsmodelle wie zum Beispiel die vier Beziehungskonstellationen Konflikt, Kontrast, Kontakt und Konfirmation, die auf den Theologen John Haught an der Georgetown University zurückgehen. Weitere Beispiele sind die acht Modelle des Theologen Ted Peters vom Pacific Lutheran Theological Seminary, die in vier Konfliktmodelle und vier Kooperationsmodelle geteilt werden. Auch Ian Barbour, der genannte Begründer des Fachgebiets, spricht von vier Modellen.J. Wentzel Vrede van Huyssteen (Hrsg.): Encyclopedia of Science and Religion. Vol 2. 2003. Diese Interaktionsmodelle ermöglichen anstelle der öffentlichen Wahrnehmung, die sich lediglich auf die medienwirksamen Konfliktmodelle konzentriert, eine wissenschaftlichere Fokussierung auf die vielfältigen Beziehungen.
Konflikt- / Konfrontationsmodell Ein Konfliktmodell entsteht aus einer Haltung, die entweder Naturwissenschaft oder Religion ausklammern oder vereinnahmen will. Solche Modelle führen oft zu heftigen Konflikten.
Naturwissenschaftlicher Materialismus: Dieser Materialismus vertritt die Ansicht, dass die materielle Welt die einzig existierende Wirklichkeit sei (Reduktionismus) und allein von der modernen Naturwissenschaft methodisch korrekt untersucht werde. Der transzendenten Wirklichkeit der Religion wird dabei häufig jede Existenzberechtigung abgesprochen. Vertreter dieser Richtung sind der Astrophysiker Stephen Hawking (1942–2018), der Chemiker Peter Atkins (* 1940), der Biologe Richard Dawkins (* 1941), oder – in Deutschland – der Philosoph Michael Schmidt-Salomon (* 1967).
Naturwissenschaftlicher Imperialismus: Im Zusammenhang mit religiösen und spirituellen Erscheinungen und Erfahrungen, wie z. B. Gotteserfahrungen, werden mit Hilfe der Naturwissenschaft Hypothesen formuliert und überprüft. Gott wird in diesem Modell zum Teil anerkannt, erfüllt aber manchmal auch die Rolle eines „Lückenbüßergottes“, mit dessen Hilfe naturwissenschaftlich Unerklärbares, z. B. Unendlichkeit, „erklärt“ werden soll. Zu dieser Richtung gehört der Inder Gopi Krishna (1903–1984), der die Biologie auffordert, die Phänomene der Kundalini-Erweckung naturwissenschaftlich zu erforschen.Gopi Krishna, Carl Friedrich von Weizsäcker: Biologische Basis der Glaubenserfahrung. 1971. Hierher gehören auch Versuche und Diskussionen, Religion zumindest abstrakt als Stufe der psychischen oder sozialen Entwicklung der Menschheit einzuordnen. Viele klassisch religiöse Begriffe wie z. B. Ewigkeit sind in der Naturwissenschaft nicht definiert und somit nicht Gegenstand der Forschung.
Kirchliche Autorität: Lange Zeit beanspruchte der Vatikan das Recht, das letzte Wort auch im Bereich des naturwissenschaftlichen Wissens zu haben. Zwar erlaubte er früher diesbezügliche Forschungen, schritt aber bei Fragen, die direkt den Wahrheitsgehalt der Bibel oder die Autorität der Kirche in Frage stellen könnten, mehrmals „korrigierend“ ein. Bekannte „Fälle“ sind Galileo Galilei und der Darwinismus. Diese kirchliche Haltung hat später, v. a. seit dem auslaufenden 19. Jahrhundert und bis heute, seitens mancher naturwissenschaftlicher Vertreter auch zur Ablehnung oder sogar zur Auflehnung gegen religiöse Erklärungsmodelle bezüglich der göttlichen bzw. transzendenten Wirklichkeit geführt.
Religiöser Fundamentalismus: Im frühen 20. Jahrhundert entwickelte sich in den USA der religiös-fundamentalistische Kreationismus, der noch heute den naturwissenschaftlich begründeten Darwinismus kritisiert, wodurch ein breites Konfliktpotential entstand, besonders in Nordamerika und Australien. Eine „sanftere“ Sichtweise spricht von Intelligent Design, das in der Natur zu erkennen sei und auf einen intelligenten Urheber verweise. Die große Mehrheit der Muslime erachtet die Evolutionstheorie nicht nur als falsch, sondern auch als mit dem Koran unvereinbar, obwohl es bereits im ausgehenden Mittelalter und der frühen Neuzeit einige bedeutende islamische Gelehrte gab, die evolutionäre Ideen geäußert haben.Darwins islamische Vorfahren. Im 13. Jahrhundert erkannte ein persischer Philosoph die Verwandtschaft von Mensch und Affe. telepolis, 2. Juli 2017
Kontrast- / Koexistenzmodell Das Koexistenzmodell oder Modell der „Zwei Sprachen“ betrachtet Naturwissenschaft und Religion als zwei unabhängige verschiedene Sichtweisen, die sich ergänzen, aber nicht direkt in Übereinstimmung gebracht werden können. Hiernach ist Naturwissenschaft für die Erklärung der realen materiellen Welt zuständig, Religion aber für die transzendente Wirklichkeit, wobei beide nötig sind, wie der Physiker Albert Einstein (1879–1955) formulierte: »Naturwissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Naturwissenschaft ist blind.« (Science without religion is lame, religion without science is blind.).Nature. 146 (1940), S. 605–607.
Hans Küng spricht vom Komplementaritätsmodell und fordert, dass »alle illegitimen Übergänge vermieden werden und alle Verabsolutierungen abgelehnt werden«. Theologen und Naturwissenschaftler sollten sich gegenseitig kritisch hinterfragen, um so Fehlinterpretationen zu revidieren.Hans Küng: Der Anfang aller Dinge. 2008, S. 57. Nach Jaques Monod geht es in der Wissenschaft um objektive Wahrheit, in der Ethik um das Handeln.
Arnold Benz weist darauf hin, dass sich Naturwissenschaft und Religion nicht nur sprachlich unterscheiden, sondern von zwei verschiedenen Bereichen der Wirklichkeitserfahrung ausgehen. In der Naturwissenschaft sind es objektive Messungen, in der Religion sind es Erfahrungen, an denen ein Mensch teilnimmt. Die beiden Wahrnehmungsebenen treffen sich zum Beispiel im Staunen und in der Ethik.Ehrenpromotion 2011 der Theologischen Fakultät Beide treffen sich ebenfalls im Rahmen der Naturphilosophie.
Dialogmodell Bei Dialogmodellen überschneiden sich Fragen der Naturwissenschaft und der Religion an mehreren Punkten. Fragestellungen werden demnach aus der Sicht der Naturwissenschaft und aus der Sicht der Religion untersucht und die Ergebnisse gegeneinander abgewogen. So vergleicht beispielsweise der Astrophysiker Bruno Binggeli Dantes Jenseitsreise mit den heutigen Erkenntnissen der Astrophysik.Andreas Büchi: Gott und die Physik. Im Makrokosmos und im Mikrokosmos stossen Forscher an die Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis. Der Schweizer Astrophysiker Bruno Binggeli über das Verhältnis von Geist und Materie. Beobachter, Zürich 24. Dezember 2014, Seiten 26–35. Dieses Modell von Interaktion zwischen Wissenschaft und Religion ist allgemein wenig verbreitet, gewinnt aber in der Ethikfrage, die sich heute u. a. aufgrund des immer größeren Ressentiments weiter Bevölkerungsteile bezüglich Nuklear- und Gentechnologie breit macht, an Bedeutung.
Integrationsmodell Das Integrationsmodell beschreibt neue Ansätze, moderne Erkenntnisse der Naturwissenschaften mit religiösen oder spirituellen und sogar – aber von der Religion meist abgelehntenKatechismus der Katholischen Kirche – esoterischen Meinungen zu vereinen. So gibt es Modelle, die besagen, dass die Schöpfungsgeschichte des 1. Buch Mose (Licht > Pflanze > Tier > Mensch) und der Darwinismus sich gegenseitig bestätigen würden. Besonders in der New-Age-Bewegung werden immer wieder neue Modelle entworfen, die Naturwissenschaft und Religion/Spiritualität als ein harmonisches Gebilde zusammenzubringen versuchen.
Dem Integrationsmodell zugeordnet werden auch die Evolutionstheologie von Teilhard de Chardin (1881–1955) und die Prozessphilosophie von Alfred North Whitehead (1861–1947).
Stockwerke-Modell Martin Bleif beschreibt in seinem Buch Das Tier in unsMartin Bleif: Das Tier in uns. Stuttgart 2021: Klett-Cotta, ISBN 9783608964868 die Welt des Lebendigen aufgebaut in Form von Stockwerken, womit alle geistigen und geistlichen Regungen (prinzipiell messbare) physikalisch-chemische Vorgänge voraussetzen: Man kann die Welt der Atome als Erdgeschoss sehen mit Kellergeschossen darunter und Stockwerken darüber. Aus Atomen sind die Moleküle aufgebaut. Um diese zu beschreiben, braucht man ganz andere Begriffe als für die Atome, siehe Emergenz. Aus Molekülen aufgebaut sind vielerlei lebende Zellen. (Diese können sich teilen.) Aus Zellen bestehen Organe und mehrzellige Lebewesen. (Diese können sich reproduzieren.) Tiere mit Gehirnen haben im Verhalten Vieles mit Menschen gemeinsam, sodass man ihnen Gefühle zuschreibt, Intelligenz und Aspekte von Bewusstsein. (Douglas R. Hofstadter beschreibt in seinem Buch Gödel, Escher, Bach Gemeinsamkeiten von Bienenvölkern und Ameisenkolonien mit Menschen: Intelligenz kann durch Kooperation von Tierchen wie von Neuronen entstehen.)