Dorf-Güll ist ein Ortsteil der Stadt Pohlheim im mittelhessischen Landkreis Gießen.
Geografische Lage Dorf-Güll liegt am Obergermanischen Limes am Rande der Wetterau in Mittelhessen. Im Ort treffen sich die Landesstraßen L3131 und L3135. Im Westen verläuft die Bundesautobahn 5.
Ortsgeschichte mini|hochkant|Kirche in Dorf-Güll mini|Ehemalige Schule, heutiger Kindergarten
Mittelalter In zwei bedeutenden Kopiaren des Frühmittelalters wird der Ort angeführt. Erstmals erwähnt wurde das Dorf am 3. Mai 799 mit einem konkreten Datum im Lorscher Codex. Zu diesem Datum schenkte ein Seckehard dem Kloster Lorsch Besitz in der Grüningner Mark, in den späteren Wüstungen Bergheim und Feldheim, in der Güllener und Licher Mark, in der Weiseler Mark und in Holzheim mit insgesamt 48 Manzipien (Hörige).Karl Glöckner: Codex Laureshamensis (CL) = Arbeiten der historischen Kommission für den Volksstaat Hessen. Darmstadt 1929. Band 3: Kopialbuch; Die übrigen fränkischen und die schwäbischen Gaue, Güterlisten, späte Schenkungen und Zinslisten, Gesamtregister, Fotomechan. Nachdruck der Ausgabe von 1936, Darmstadt. Hessische Historische Kommission 1963. CL 2968 = CL 3763 c, S. 247 f. Die Dorf-Güll betreffende Stelle lautet: „... in Gullenere marca ...“
Eine Frau Warburg schenkte 804 ihren Besitz in Eberstadt, in der Licher und Güllener Mark („... Gulliner marca“, „... in pago Wetdereiba ... quicquid in Gullinen ... habere videor“) (was ich in Dorf-Güll zu scheinen habe) in Grüningen und in der späteren Wüstung Bergheim ebenfalls dem Kloster Lorsch.Karl Glöckner: Codex Laureshamensis Bd. III, CL 2963 = CL 3764, S. 249.
Der zweite Codex, in dem sich eine Schenkung in Dorf-Güllen findet, ist der Codex Eberhardi, der wie der Codex Laureshamensis in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts erstellt wurde. Der Eintrag im Codex Eberhardi stammt aus der Anfangszeit des Klosters Fulda. Da keine genaueren Angaben existieren, wird der Eintrag in die Amtszeit der Äbte Sturmius (744–779) oder Baugulf von Fulda (779–802) datiert. Er lautet: „... induabus villis, Gullen et Berchein“ i(n den beiden Dörfern Gullen und Bercheim).Edmund Ernst Stengel: Fuldisches Urkundenbuch. Band 1. Mr. 361, S. 445.
In dieser Quelle wird die Siedlungsform des Ortes als villa angegeben.
Eine Urkunde aus dem Jahre 1198 nennt: „... in villa, que Gulle uocabatur ...“Ludwig Baur: Urkundenbuch des Klosters Arnsburg in der Wetterau. Darmstadt 1851. (AUB). Nr. 2, S. 1. In dem folgenden Jahrhundert wird der Ortsname nach der „relativen Höhenlage“ differenziert.Lutz Reichardt: Die Siedlungsnamen der Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach in Hessen. Namenbuch. Dissertation. Göppingen 1973. S. 149 f, S. 150. So heißt es 1210: „... in Oberngulle et in Rodenscheit ...“Ludwig Baur. AUB, Nr. 5, S. 4. Mit Oberngulle ist das heutige Dorf-Güll gemeint. Eine ebenfalls 1210 ausgestellte Urkunde kennt „in inferiori Gulle“.Ludwig Baur. AUB, Nr. 9, S. 6. Unter dem Namen unteres Gull verbirgt sich der Hof Güll. Auch die Wirtschaftsform von Hof Güll als Grangie des Klosters Arnsburg dient zur Unterscheidung der beiden Siedlungen. Eine Mühle, die zwischen dem Dorf Güll und der Grangie Gulle liegt, wird 1275 erwähnt: „... molendinum situm inter villam Gulle et grangiam Gulle ...“Ludwig Baur. AUB, Nr. 146, S. 93. Die beiden Dörfer Gruningin und Dorfgulle finden sich in einer Urkunde aus dem Jahre 1313.Heinrich Reimer (Archivar): Urkundenbuch zur Geschichte der Herren von Hanau. Band 1 – 4. Leipzig 1891 – 1897. Band 2, Nr. 127, S. 121. Bereits 1296 erscheint Hobegulle urkundlich.Georg Landau: Beschreibung des Gaues Wettereiba. Kassel 1855. S. 68. Und 1383 lautet ein urkundlicher Eintrag: „... in dem houe zu Houe Gulle ...“Ludwig Baur. AUB, Nr. 1059, S. 641.
In der Ortsnamensforschung wird der Name als „Siedlung bei den sumpfigen Tümpeln“ gedeutet.Lutz Reichardt: Siedlungsnamen, S. 150.
1210 wird eine Kapelle im Dorf erwähnt.
Neuzeit Die heutige Evangelisch-reformierte Kirche wurde im Jahr 1737 gebaut. 1904 kam eine eigene Schule dazu.
Hessische Gebietsreform (1970–1977) Die Gemeinde Pohlheim wurde zum 31. Dezember 1970 im Zuge der Gebietsreform in Hessen durch freiwilligen Zusammenschluss der Gemeinden Dorf-Güll, Garbenteich, Grüningen, Hausen, Holzheim und Watzenborn-Steinberg gegründet. Für Dorf-Güll wurde, wie für die übrigen ehemaligen Gemeinden von Pohlheim, ein Ortsbezirk mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung gebildet.
Verwaltungsgeschichte im Überblick Die folgende Liste zeigt die Staaten und deren Verwaltungseinheiten,Bis zur Trennung der Rechtsprechung von der Verwaltung waren die Ämter und frühen Gerichte sowohl Gericht als auch Verwaltungsorgan. denen Dorf-Güll angehört(e):
vor 1803: Heiliges Römisches Reich, Kurfürstentum Mainz, Unteres Erzstift, Oberamt Höchst und Königstein, Amt und Kellerei Vilbel und Rockenberg, Gebiet der Abtei Arnsburg ab 1803: Heiliges Römisches Reich, Fürstentum Solms-Braunfels, Amt Hungen ab 1806: Großherzogtum Hessen, Fürstentum Oberhessen, Amt Hungen (des Fürstentums Solms-Braunfels) ab 1815: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Amt Hungen (des Fürsten Solms-Braunfels) ab 1820: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Amt HungenPatrimonialgericht: Standesherrliches Amt Wölfersheim des Fürsten Solms-Braunfels. ab 1822: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Landratsbezirk HungenTrennung zwischen Justiz (Landgericht Hungen) und Verwaltung. ab 1841: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Hungen ab 1848: Großherzogtum Hessen, Regierungsbezirk Friedberg ab 1852: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Gießen ab 1867: Norddeutscher Bund, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Gießen ab 1871: Deutsches Reich, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Gießen ab 1918: Deutsches Reich, Volksstaat Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Gießen ab 1938: Deutsches Reich, Volksstaat Hessen, Landkreis Gießen ab 1945: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Groß-Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Gießen ab 1946: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Gießen ab 1949: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Kreis Gießen ab 1971: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Kreis Gießen, Gemeinde Pohlheim ab 1977: Bundesrepublik Deutschland, Hessen Regierungsbezirk Darmstadt, Lahn-Dill-Kreis, Gemeinde Pohlheim ab 1979: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Gießen, Gemeinde Pohlheim ab 1981: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Gießen, Landkreis Gießen, Gemeinde Pohlheim
Gerichte seit 1803 In der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt wurde mit Ausführungsverordnung vom 9. Dezember 1803 das Gerichtswesen neu organisiert. Für das Fürstentum Oberhessen (ab 1815 Provinz Oberhessen) wurde das „Hofgericht Gießen“ eingerichtet. Es war für normale bürgerliche Streitsachen Gericht der zweiten Instanz, für standesherrliche Familienrechtssachen und Kriminalfälle die erste Instanz. Übergeordnet war das Oberappellationsgericht Darmstadt. Die Rechtsprechung der ersten Instanz wurde durch die Ämter bzw. Standesherren vorgenommen und somit war für Dorf-Güll ab 1806 das „Patrimonialgericht der Fürsten Solms-Braunfels“ in Hungen und später in Wölfersheim zuständig. Nach der Gründung des Großherzogtums Hessen 1806 wurden die Aufgaben der ersten Instanz 1821–1822 im Rahmen der Trennung von Rechtsprechung und Verwaltung auf die neu geschaffenen Land- bzw. Stadtgerichte übertragen. Ab 1822 ließen die Fürsten Solms-Braunfels ihre Rechte am Gericht durch das Großherzogtum Hessen in ihrem Namen ausüben. „Landgericht Hungen“ war daher die Bezeichnung für das erstinstanzliche Gericht, das für Dorf-Güll zuständig war. Auch auf sein Recht auf die zweite Instanz, die durch die Justizkanzlei in Hungen ausgeübt wurde, verzichtete der Fürst 1823. Erst infolge der Märzrevolution 1848 wurden mit dem „Gesetz über die Verhältnisse der Standesherren und adeligen Gerichtsherren“ vom 15. April 1848 die standesherrlichen Sonderrechte endgültig aufgehoben.
Durch die Neuordnung der Gerichtsbezirke in der Provinz Oberhessen mit Wirkung vom 15. Oktober 1853Bekanntmachung vom 4. Oktober 1853,1) die Aufhebung der Großherzoglichen Landgerichte Großkarben und Rödelheim, und die Errichtung neuer Landgerichte zu Vilbel und Altenstadt, ferner die Verlegung des Landgerichtssitzes von Altenschlirf nach Herbstein;2) die künftige Zusammensetzung der Landgerichts-Bezirke in der Provinz Oberhessen betreffend. (Hess. Reg.Bl. S. 640–641) kam Dorf-Güll zum Landgericht Lich.
Anlässlich der Einführung des Gerichtsverfassungsgesetzes mit Wirkung vom 1. Oktober 1879, infolge derer die bisherigen großherzoglichen Landgerichte durch Amtsgerichte an gleicher Stelle ersetzt wurden, während die neu geschaffenen Landgerichte nun als Obergerichte fungierten, kam es zur Umbenennung in „Amtsgericht Lich“ und Zuteilung zum Bezirk des Landgerichts Gießen. Am 1. Juni 1934 wurde das Amtsgericht Lich aufgelöst und Dorf-Güll dem Amtsgericht Gießen zugeteilt.
Bevölkerung Einwohnerstruktur 2011
Nach den Erhebungen des Zensus 2011 lebten am Stichtag dem 9. Mai 2011 in Dorf-Güll 1356 Einwohner. Darunter waren 27 (2,0 %) Ausländer. Nach dem Lebensalter waren 297 Einwohner unter 18 Jahren, 522 zwischen 18 und 49, 327 zwischen 50 und 64 und 310 Einwohner waren älter. Die Einwohner lebten in 510 Haushalten. Davon waren 117 Singlehaushalte, 147 Paare ohne Kinder und 186 Paare mit Kindern, sowie 51 Alleinerziehende und 6 Wohngemeinschaften. In 90 Haushalten lebten ausschließlich Senioren und in 357 Haushaltungen lebten keine Senioren.
Einwohnerentwicklung
Einwohnerstruktur 2020
2020 hatten 1.373 Personen ihren Hauptwohnsitz und 53 Personen ihren Nebenwohnsitz in Dorf-Güll gemeldet. Somit waren 1.426 Wohnsitze in Dorf-Güll gemeldet (Stand: 31. Dezember 2020). Der Ausländeranteil lag mit 95 Personen bei 6,7 %.
Historische Religionsstatistik Quelle: Historisches Ortslexikon • 1830: 350 evangelische (= 100 %) Einwohner • 1961: 493 evangelische, 115 katholische Einwohner
Historische Erwerbstätigkeit • 1961: Erwerbspersonen: 151 Land- und Forstwirtschaft, 105 prod. Gewerbe, 21 Handel, Verkehr und Nachrichtenübermittlung sowie 39 Dienstleistungen und Sonstiges
Vereine In Dorf-Güll gibt es eine Dorfgemeinschaft (ehemals Vereinsgemeinschaft), die aktiv das Dorfleben mitgestaltet. Als Mitglieder zählen 15 Vereine und Gruppen, die in Dorf-Güll tätig sind. Unter anderem gehören die Freiwillige Feuerwehr, der Gesangverein, der Sportverein und die Tragerlfreunde der Dorfgemeinschaft an.
Jubiläen mit großen Festen 1999: 1200-Jahr-Feier mit großem Festwochenende und stehendem Festzug. Als Künstler waren Jürgen Drews und der Schlagersänger Ibo da. Dorf-Güll wurde in diesem Jahr 1200 Jahre alt. Jürgen Drews reiste bereits 1998 nach Dorf-Güll. Ein Jahr früher als geplant. Als sein Management vor Ort war, stellte man fest, dass nirgendwo im Ort ein Festzelt stand. Als man sich im Ort umhörte, stelle man fest, dass man ein Jahr zu früh war. Jürgen Drews kam trotzdem, spielte in der voll besetzten Kneipe „Zur alten Scheune“ auf seinem Banjo ein paar Lieder. Zudem waren zwei Pferde in der Nähe und Pferdeliebhaberin Ramona Drews ritt ein paar Meter durch Dorf-Gülls Hauptstraße. 2004: 60-jähriges Bestehen der Freiwilligen Feuerwehr Dorf-Güll mit Kreisfeuerwehrverbandstag und großem Festwochenende. Als Künstler trat Jürgen Drews auf. 2000 Gäste besuchten die Veranstaltung an diesem Abend. 2024: 1225-Jahr-Feier. Dorf-Güll wird in diesem Jahr 1225 Jahre alt.
Regelmäßige Veranstaltungen Faschingsball (Dorfgemeinschaft e. V.) Sonnenwendfeuer (Freiwillige Feuerwehr Dorf-Güll e. V.) Sommerfest (Obst- und Gartenbauverein Dorf-Güll e. V.) Seebornfest (Tragerlfreunde) Weinfest (Obst- und Gartenbauverein Dorf-Güll e. V.)