Johann Gotthilf Jänichen, in den Musikquellen ohne Vornamen Jaenichen, auch JenichenSiehe Breitkopf-Katalog Personenregister in Neuausgabe 1966. (* 23. November 1701 HalleTaufregister St. Marien Halle 1701, S. 439.; † 1741(laut RISM Juni 2025)) war „Geheimter Secretarius“ am Hof des Markgrafen Christian Ludwig von Brandenburg-Schwedt in Berlin. Er galt als „guter Musicus sonderlich im Clavier-Spielen“.Diese Daten in: Johann Christoph von Dreyhaupt: Pagus Neletici et Nudzici, oder ausführliche diplomatisch-historische Beschreibung des zum ehemaligen Primat und Ertz-Stifft, nunmehr aber durch den westphälischen Friedens-Schluß secularisirten Herzogthum Magdeburg gehörigen Saal-Kreyses und aller darinnen befindlichen Städte, Schlösser, Aemter, Rittergüter, adelichen Familien, Kirchen, Clöster, Pfarren und Dörffer, insonderheit der Städte Halle, Neumarckt, Glaucha, Wettin, Löbegün, Cönnern und Alsleben; aus Actis publicis und glaubwürdigen … Nachrichten mit Fleiß zusammengetragen, mit vielen ungedruckten Dacumenten bestärcket, mit Kupferstichen und Abrissen gezieret, und mit den nöthigen Registern versehen. 2. Teil. Emanuel Schneider, Halle 1749/50. Nachdruck: Fliegenkopf, Halle 2002, ISBN 3-930195-70-4, S. 642–643, . Seit dem Doppeljubiläum von Wilhelmine von Bayreuth 2008/2009 wird er von Sabine Henze-Döhring als Autor des Cembalokonzerts in g-Moll angesehen, das unter dem Namen der Bayreuther Markgräfin bekannt wurde.Sabine Henze-Döhring: Markgräfin Wilhelmine und die Bayreuther Hofmusik, Bamberg 2009; S. 42–52.

Leben Johann Gotthilf Jänichen war der Sohn des Hallenser Pädagogen Johann Jänichen, der mit Lieddichtungen bekannt wurde. Neben seinem Amt als Sekretär am Hof des Markgrafen Christian Ludwig, des jüngsten Bruders des preußischen Königs Friedrich I., das er 1729 antrat,Vgl. Pegah 2017, S. 119. wirkte er in Berlin als Cembalist und Komponist. Sein Name erscheint nicht in der (einzig bekannten) Liste der Hofmusiker Christian Ludwigs.Es ist nur eine Musikerliste aus dem Todesjahr Christian Ludwigs (1734) bekannt, siehe Mary Oleskiewitcz: The Court of Brandenburg-Prussia. In: Music at German Courts 1715–1760 (hrsg. von Samantha Owens, Barbara M. Reul and Janice B. Stockigt, ISBN 978-1-84383-598-1, S. 129/130). Georg Philipp Telemann verzeichnete einen „Jenichen in Berlin“ in seiner von ihm selbst gestochenen „Musique de table“ (Druck 1733) als Subskribenten. Nach dem Tod des Markgrafen im Jahre 1734 erhielt Jänichen nachweislich 1736 und 1737 aus dessen „Erbschafts-Casse“ ein Gnadengehalt.Vgl. Henze-Döhring, Markgräfin Wilhelmine und die Bayreuther Hofmusik, S. 46f., auch Abbildung 18. Sowohl Jänichen als auch die acht Jahre jüngere preußische Prinzessin Wilhelmine waren anerkannt gute Cembalo-Spieler. Im Berliner Schloss, wo Wilhelmines Großonkel Christian Ludwig von Brandenburg (1677–1734), Jänichens Dienstherr, seine Kapelle hielt, könnten er und Wilhelmine sich begegnet sein.Irene Hegen: Friederike Sophie Wilhelmine, Markgräfin von Bayreuth (1709−1758). In: Annäherung IX – an sieben Komponistinnen. Furore-Verlag 1998, S. 131–132.

Ihm bisher zugeschriebene Werke Ein Autograph von Jaenichen/Jenichen – beide Schreibweisen im gedruckten Breitkopf-Katalog 1763 – wurde bisher nicht bekannt. Folgende Abschriften wurden ihm zugewiesen: Teutsche Arien, Sammelhandschrift, darin die Sopranarien: „Hoheit kann am besten prangen“, „Hier siehst du, Prinz, zu deiner Freude“, „Nichts ist schöner auf der Erden“, „Brich die Palmen Fürst der Brennen“. Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern Schwerin, Musikaliensammlung, Mus. 4716 Concerto (F-Dur) für unbegleitetes Cembalo (im Breitkopf-Katalog 1763 unter Jaenichen als Sonata angegeben), MS: Staatsbibliothek zu Berlin unter „Concerto di Mons. Jaenichen“, Musikabteilung, Mus.ms. 30382.Sammelhandschrift Mus.ms. 30382, digital.staatsbibliothek-berlin.de Im RISM auch Johann Gottlieb Janitsch, verschiedentlich auch „Händel“ oder „Heinichen“ zugeordnet. Concerto (g-Moll) à Cembalo Concertato, 2 Violini Viola e Basso, Klassik Stiftung Weimar, Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek, Signatur Mus. IIIc: 120, Mikrofilm M 1236. Vor Jaenichen „Foerster“ (gestrichen) zugewiesen. Im Breitkopf-Katalog 1763 Incipit des Konzerts unter „Jenichen“. Dasselbe Konzert (gekürzte Fassung, fehlende Cembalostimme) liegt in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (HAB-Katalog von 1890 unter „Friederike Sophie Wilhelmine“) in der Handschrift eines bei RISM nachgewiesenen Kopisten vom Bayreuther Hof als Werk „di Wilhelmine“. Dasselbe Konzert (= fehlende Klavierstimme?) wurde 1905 von Arnold Schering in der HAB unter „Markgräfin Wilhelmine-Sophie von Brandenburg-Kulmbach“ registriert als „unbegleitetes g Moll-Konzert“ mit den Sätzen „Allegro-Cantabile-Gavotte I, II“Arnold Schering: Geschichte des Instrumentalkonzerts, Leipzig 1905, S. 132, Fußnote 2.

Johann Gotthilf oder Stephan Jänichen?

Alle Noten-Handschriften unter „Jaenichen“ (mit einer Ausnahme alle mit „ae“) sind ohne Vornamen überliefert, deshalb könnte mit diesem Familiennamen theoretisch Stephan Jänichen gemeint sein, der bei der sächsischen Kurfürstin Christiane Eberhardine von Brandenburg-Bayreuth, Gattin Augusts des Starken und Königin von Polen, als „Kammermusikus“ engagiert war. Er starb 1726 in deren Residenzort Pretzsch, wo er begraben ist. Auf seinem Grabstein wird er „ein Maitre der Musik […]“ genannt.Hans-Joachim Böttcher: Christiane Eberhardine, Prinzessin von Brandenburg-Bayreuth, Kurfürstin von Sachsen und Königin von Polen, Gemahlin Augusts des Starken, Dresdener Buchverlag, 2011, Seite 308. Weder für Johann Gotthilf noch für Stephan Jänichen ist die Bezeichnung „Komponist“ überliefert.Für Stephan Jänichen ist der Titel Maitre der Musik auf seinem Grabstein überliefert, ein Titel, der im Barock die Funktion eines Komponisten mit einschließen konnte.

Cembalokonzerte Jänichen, Cembalist in der Kapelle des Markgrafen Christian Ludwig von Brandenburg-Schwedt, dem die Brandenburgischen Konzerte von Johann Sebastian Bach 1721 gewidmet wurden, könnte diese gekannt haben,Sabine Henze-Döhring: Markgräfin Wilhelmine und die Bayreuther Hofmusik. Heinrichs-Verlag, Bamberg 2009. S. 50. obwohl er erst viel später (1729) an Christian Ludwigs Hof kam.Rashid-S. Pegah: „und Fama hat dich auserkoren“. Eine Studie zur Musikpflege am Hof von Markgraf Christian Ludwig von Brandenburg. In: Bach-Jahrbuch. Band 103, 2017, S. 120. Nach Rashid-S. Pegahs Studie (S. 120) wurde Jänichen von Kronprinz Friedrich als „Hausangestellter“ Christian Ludwigs bezeichnet.

Ein Blick auf das 5. Brandenburgische Konzert: dort findet sich ein Cembalo unter den Soloinstrumenten, ein „Präzedenzfall“ für die Konzerte für ein oder mehrere Cembali, mit denen Bach zur Vorrangstellung Deutschlands auf dem Gebiet des Cembalokonzerts beitrug.Michael Talbot: Concerto (Fr. concert; Ger. Konzert). 2. The instrumental concerto: origins to 1750. In: Grove Music Online. Oxford Music Online. Oxford University Press, Version: 26. Oktober 2011. http://www.oxfordmusiconline.com./ Zur Vorgeschichte des 5. Brandenburgischen Konzerts könnte neben einer 1716 erschienenen Serie von „sechs Concerten aufs Clavier“ von Christian Ernst Rolle ein Cembalokonzert in F-Dur von Jänichen gehören.Peter Wollny: Überlegungen zu einigen Köthener Vokalwerken J. S. Bachs. In: Bach-Jahrbuch. Band 106, 2020, S. 63–102, hier 68. Das 1. Brandenburgische Konzert beginnt mit einer ähnlichen aufsteigenden Figur wie das seit 2009 Jänichen zugeschriebene Cembalokonzert in g-Moll, wobei letzteres einen größeren Umfang aufweist, Dezime statt Oktav.Sabine Henze-Döhring: Markgräfin Wilhelmine und die Bayreuther Hofmusik. Heinrichs-Verlag, Bamberg 2009. S. 51. Später wurden solche aufsteigenden Tonfolgen nach der berühmten Kapelle in Mannheim als Mannheimer Rakete bezeichnet. Während die Ritornellform des Kopfsatzes typisch für frühe Solokonzerte ist, verweist die Satzfolge mit Schlusssatz aus Gavotte 1, Gavotte 2 und Wiederholung der ersten Gavotte auf Orchestersuiten.Sabine Henze-Döhring: Markgräfin Wilhelmine und die Bayreuther Hofmusik. Heinrichs-Verlag, Bamberg 2009. S. 50. Für Arnold Schering ist die Anreicherung des unbegleiteten Cembalokonzerts mit beliebten Suitensätzen in den 1730er Jahren eine Konzession an den Modegeschmack der Dilettanten.Arnold Schering: Geschichte des Instrumentalkonzerts. Georg Olms, Hildesheim usw. 1988 (1905), S. 131f, .

Speziell zum hier diskutierten Cembalokonzert g-Moll, 1. Satz: Dessen, nach Meinung Sabine Henze-Döhrings im Gegensatz zu Vivaldi wenig scharfe Trennung von Tutti- und Solopassagen erinnere an das Gruppenkonzert, was für eine Entstehungszeit „deutlich vor 1734“ spräche, dem von der Herausgeberin vermuteten Entstehungsjahr.Sabine Henze-Döhring: Markgräfin Wilhelmine und die Bayreuther Hofmusik. Heinrichs-Verlag, Bamberg 2009. S. 51. Laut Rashid-S. Pegah übernahm Jänichen den dritten Satz – Gavotte I – aus dem Orgelkonzert in g-Moll op. 4/3 von Georg Friedrich Händel (veröffentlicht 1738 in London).Rashid-S. Pegah: „und Fama hat dich auserkoren“. Eine Studie zur Musikpflege am Hof von Markgraf Christian Ludwig von Brandenburg. In: Bach-Jahrbuch. Band 103, 2017, S. 109–137, hier 120. Irene Hegen bringt diese „Anklänge an den letzten Satz von Händels“ drittem Orgelkonzert mit einer Favorisierung Händels durch Wilhelmines Onkel Christian Ludwig von Brandenburg (1677–1734) in Verbindung, der seine Kapelle seit 1714, dem Regierungsbeginn Friedrich Wilhelms I. von Preußen, im Berliner Stadtschloss hielt.Irene Hegen: Friederike Sophie Wilhelmine, Markgräfin von Bayreuth. In: Annäherung IX – an sieben Komponistinnen Furore Verlag 1998, S. 135–136. Dieser Schlusssatz, Gavotte, mit der folgenden für unbegleitetes Cembalo gesetzten Gavotte II ist gemäß Christoph Henzel in Die Musik in Geschichte und Gegenwart in diesem Rahmen ungewöhnlich.vergl. Über den langsamen Satz in der Mitte, Cantabile – Cembalo abweichend Andante –, schreibt Hegen, dass er „als Zentrum des Werkes angelegt“ sei, „liedhafte Teile mit virtuos-elegischen Belcantofiguren“ vereine und dass seine „harmonisch ausgeklügelten, subtilen“ Begleitfiguren für eine Solo-Violine an die „berühmten Modulationskünste von Silvius Leopold Weiss (1686–1750), Wilhelmines Lautenlehrer“ erinnerten.Irene Hegen: Das Cembalo-Konzert von Wilhelmine von Bayreuth. In: Wilhelmine von Bayreuth, Concerto in g für Cembalo obligato und Streicher. Furore, Kassel 2000, S. 29–32. Für Ruth Müller-Lindenberg scheinen manche Passagen für einen Lautenzug prädestiniert zu sein.Ruth Müller-Lindenberg: Wilhelmine von Bayreuth. Die Hofoper als Bühne des Lebens. Böhlau, Köln u. a. 2005, S. 82f und S. 84. Die Melodie, mit der der Satz anhebt, lebe „schon vom Geist der Empfindsamkeit“ mit einer rein harmonisch dienenden Bassstimme und einer Oberstimme, die sich aufschwinge, Zieltöne umspiele und Sextsprünge aufweise, ferner gebe es „‚galante‘ Triolierungen und Diminutionen“.Ruth Müller-Lindenberg: Wilhelmine von Bayreuth. Die Hofoper als Bühne des Lebens. Böhlau, Köln u. a. 2005, S. 83f. In der formalen Disposition verrate der Satz mit einem Ritornell als Rahmen für zwei sehr unterschiedliche Solo-Episoden „ideenreichen Gestaltungswillen“.Ruth Müller-Lindenberg: Wilhelmine von Bayreuth. Die Hofoper als Bühne des Lebens. Böhlau, Köln u. a. 2005, S. 85. Wie in den anderen Sätzen bemängelt sie aber kompositorische Defizite und schließt damit, dass man, um dem Stück gerecht zu werden, die Funktion berücksichtigen sollte, „bei einer Feierlichkeit kurz und effektvoll auf[zu]rauschen“.Ruth Müller-Lindenberg: Wilhelmine von Bayreuth. Die Hofoper als Bühne des Lebens. Böhlau, Köln u. a. 2005, S. 86.