mini|hochkant=1.4|Lageplan des KZ-Außenlagers Ellrich-Juliushütte mit damaligem Grenzverlauf zwischen Braunschweig und Preußen (rot) mini|hochkant=1.4|Der frühere Appellplatz des Lagers heute mit Gedenkstein, rechts befand sich der Lagereingang (2019)

Das Außenlager Ellrich-Juliushütte war ein vom 1. Mai 1944 bis zum 6. April 1945 bestehendes Außenlager für durchschnittlich 8000 männliche KZ-Häftlinge. Zunächst unterstand es dem KZ Buchenwald und ab 1. November 1944 dem KZ Mittelbau-Dora., Nr. 357 Ellrich, Kreis Nordhausen (Mittelbau II) Es befand sich bei Ellrich auf den Firmenarealen von stillgelegten Gipsfabriken im Walkenrieder Ortsteil Juliushütte. Dieses größte Außenlager des KZ Mittelbau wurde seitens der Lager-SS zunächst unter dem Decknamen „Erich“ geführt, ab Juni 1944 wurde es als „Mittelbau II“ bezeichnet.Jens-Christian Wagner (Hrsg.): Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945. Göttingen 2007, S. 187ff. Ein weiteres Außenlager des KZ Mittelbau, das Außenlager Ellrich-Bürgergarten, befand sich in der Stadt Ellrich in der Gaststätte Bürgergarten.

Funktion des Lagers und Häftlinge mini|Ellricher Gipsfabriken um 1890, Areal des späteren KZ-Außenlagers braun koloriert mini|Der auf dem Gelände liegende Kleine Pontelteich Für die Errichtung des Außenlagers Ellrich-Juliushütte wurden im April 1944 von SS-Angehörigen und Mitarbeitern der Wifo leerstehende Gebäude der Gipsfabriken Julius Bergmann (Juliushütte) und Kohlmann und ein Teil des Betriebsgeländes der Firma Euling & Mack in Juliushütte beschlagnahmt.Jens Christian Wagner: „Außenlager Ellrich-Juliushütte“, in: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors – Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 7. München 2008, S. 302ff. Die Gebäude der in den 1930er Jahren stillgelegten Fabriken waren heruntergekommen und zum Teil verfallen. Das Areal des Außenlagers lag auf dem Gebiet des zu Preußen gehörigen Ellrich und reichte auch auf die Gemarkung des damals braunschweigischen, heute niedersächsischen Walkenried, dicht südlich der Eisenbahnlinie Herzberg – Nordhausen. Es war durch einen Elektrozaun und Wachtürme gesichert. Auf dem Gelände befindet sich mittig der Kleine Pontelteich als wassergefüllter Erdfall. Am 2. Mai 1944 trafen die ersten 300 Häftlinge aus dem Außenlager „Gut Bischofferode“ (Anna) ein. Die Häftlinge wurden in den leer stehenden Fabrikgebäuden untergebracht. Sie errichteten später auf dem Gelände mehrere Holzbaracken und einen großen Backsteinbau als Küchentrakt. Das Lager wurden von den Häftlingen als unteres Lager bezeichnet als Abgrenzung zum oberen Lager in Form des in Ellrich liegenden KZ-Außenlagers Ellrich-Bürgergarten.

Die Häftlinge stammten aus fast allen europäischen Ländern. Etwa ein Drittel kam aus der Sowjetunion, darunter viele Ukrainer, ein Viertel kam aus Polen und etwa 10 % stammten aus Frankreich sowie etwa 8 % aus Belgien. Darüber hinaus gab es kleinere Gruppen aus Italien, Jugoslawien, der Tschechoslowakei und den Niederlanden. Deutsche Häftlinge waren in einer Größenordnung von 2 bis 4 % vertreten, vor allem durch Funktionshäftlinge mit dem grünen Winkel für Berufsverbrecher. Der Anteil von jüdischen Häftlingen mit 5 bis 7 % und der von Sinti und Roma rund 10 % war im Vergleich mit anderen Lager des KZ Mittelbau überdurchschnittlich hoch. Im Mai 1944 kamen etwa 500 ungarische Juden aus Auschwitz. Die Häftlinge war zu einem großen Teil Kinder oder Jugendliche; Ende 1944 waren 600 unter 18 Jahren.

Eingesetzt waren die Häftlinge bei den Bauvorhaben der SS-Führungsstäbe B 3a im Himmelberg sowie auch beim unterirdischen Stollenausbau im Kohnstein bei der Mittelwerk GmbH (B11 und B 12 bei Woffleben). Dabei mussten sie in 13-stündigen Schichten Schwerstarbeit verrichten bei nur fünfstündiger Schlafzeit. KZ-Häftlingskleidung war nicht in ausreichendem Maß vorhanden und wurde teils monatelang nicht gewaschen. Wegen fehlender Bekleidung gab es eine Häftlingskategorie Ohne Kleider, deren Angehörige nackt in ihren Schlafgelegenheiten verbleiben mussten. Zudem wurde das Krankenrevier erst Wochen nach Einrichtung des Außenlagers in viel zu kleinen Räumlichkeiten und mangelhafter Ausstattung eingerichtet. Aufgrund der inhumanen Lebens- und Arbeitsbedingungen starben bis zur Evakuierung des Außenlager Ellrich-Juliushütte über 4000 Häftlinge. Die Leichen wurden anfangs ins Hauptlager Mittelbau-Dora verbracht und im dortigen Krematorium verbrannt. Aufgrund der immensen Zunahme der Todesfälle im Winter 1944/1945 nahm zur Entsorgung der Leichen Anfang März 1945 ein neu errichtetes Krematorium im KZ Ellrich-Juliushütte den Betrieb auf.Jens-Christian Wagner: Massensterben im KZ-Außenlager Ellrich-Juliushütte bei Stiftung niedersächsische Gedenkstätten Dabei wurden bis Anfang April über 1000 verstorbene Häftlinge, von denen 830 namentlich bekannt sind, im Krematorium und auf Scheiterhaufen verbrannt.Heidi Niemann: Nazis verbrennen mehr als 1000 Häftlinge im KZ-Außenlager Ellrich-Juliushütte in Göttinger Tageblatt vom 9. Juni 2019

Nach dem Kriegsende erstellte die Polnische Kommission zur Ermittlung von Kriegsverbrechen im Sommer 1945 eine Liste nach Anzahl und Nationalität der Häftlinge für das Stammlager des KZ Mittelbau sowie der größten Außenlager:Angaben nach Jens-Christian Wagner (Hrsg.): Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945. Göttingen 2007, S. 68 – Die jüdischen Häftlinge werden nicht gesondert aufgeführt, sondern sind unter den einzelnen Nationalitäten subsumiert. Die österreichischen Häftlinge sind gemeinsam mit den deutschen Häftlingen unter der Nationalität Deutsche zusammengefasst.

Stand NationalitätGesamt Sowjetische Polen Franzosen Deutsche Belgier Sonstigehauptsächlich Roma, Sinti, Ungarn, Tschechen, Italiener, Jugoslawen, Niederländer, Quelle: Jens-Christian Wagner (Hrsg.): Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945. Göttingen 2007, S. 68. AußenlagerEllrich-Juliushütte 1. Nov. 1944 2419 1786 1389 203 670 1535 8002 1. April 1945 2135 1495 676 294 490 1462 6552

Lagerführung mini|hochkant=0.6|Der ehemalige Lagerführer Otto Brinkmann, Juni 1947 Lagerführer war zunächst SS-Untersturmführer Hans Joachim Ritz, und anschließend von August bis wahrscheinlich September 1944 der SS-Untersturmführer Karl Fritzsch. Danach war bis zur Evakuierung des Lagers SS-Hauptsturmführer Wilhelm Stötzler Lagerführer und von Oktober 1944 bis April 1945 der SS-Hauptscharführer Otto Brinkmann Schutzhaftlagerführer.Jens-Christian Wagner: Produktion des Todes: Das KZ Mittelbau-Dora. Göttingen 2001, S. 653f. Von den Häftlingen wurde Brinkmann, der im Nordhausen-Hauptprozess zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, als „Schrecken vom Lager“ bezeichnet. Lagerarzt war Günther Schneemann.

Zur Bewachung waren Soldaten eines Luftwaffen-Wachbataillons eingesetzt, die außerhalb des eingezäunten Bereichs ihren Dienst versahen und auch die Arbeitskommandos bewachten. Am 1. September 1944 wurde das Wachpersonal formal in die SS übernommen. Die Stärke der Wachmannschaft ist nicht überliefert. Sie wird gemeinsam mit dem im Ellricher Burgbergrestaurant untergebrachten Wachpersonal des Außenlagers Ellrich-Bürgergarten auf fast 1000 Soldaten geschätzt.

Aufbau des Lagers In den Jahren 2022 bis 2024 wurde der Aufbau des Lagers im Rahmen einer archäologischen und bauhistorischen Dokumentation durch Denkmalbehörden rekonstruiert. Demnach war das 7,2 Hektar große Häftlingslager von einem 1,1 km langen und zwei bis drei Meter hohen Drahtzaun umgeben. Es war ein Elektrozaun mit stromführenden Drähten. Außen vor dem Zaun standen 15 hölzerne Wachtürme, zu denen in den Boden eingelassene Einmannbunker aus Ziegelsteinen gehörten. Es gab einen Hauptzugang und einen Nebenzugang zum Lager. Der Appellplatz von etwa 90 × 50 Meter lag am Hauptzugang. Er war mit einem groben Belag von Gipsbruchsteinen befestigt.

Die festen Gebäude auf dem Gelände stammten überwiegend aus dem früheren Gipssteinbruchbetrieb. Die während der Lagerzeit ab 1944 errichteten hölzernen Baracken waren jeweils genormte Typenbauten des Reichsarbeitsdienstes und des Reichsluftfahrtministeriums. Insgesamt befanden sich im Häftlingsbereich etwa 18 Bauten. Eine Halle von fast 35 Meter Länge und 11 Meter Breite war mit über 800 Häftlingen in Dreietagenpritschen belegt. In einem Gebäude mit den Ausmaßen von 31 × 11 Meter waren ebenfalls Häftlinge untergebracht. Ein Industriegebäudekomplex war für die Aufnahme von 2000 Häftlingen vorgesehen, ebenso ein weiteres Gebäude. Das größte Bauwerk stammte vermutlich aus Zeiten der Gipsindustrie. Der winkelförmige Bau von 12 Meter Breite hat im erhaltenen Nordbereich eine Länge von 45 Meter auf und im nicht erhaltenen Südbereich war er 33 Meter lang. Im Nordbereich hat sich das in Stein erbaute Untergeschoss erhalten, während die früher darauf befindlichen Holzaufbauten nicht mehr vorhanden ist. In dem Untergeschoss befand sich zu Lagerzeiten ein Küchen- und Wirtschaftsbereich. Das Krankenrevier bestand aus vier hölzernen Baracken, darunter war eine abseits gelegene Infektionsbaracke. Das Krematoriumsgebäude hatte die Ausmaße von etwa 7 × 9 Meter. In ihm befand sich ein Verbrennungsofen der Firma J. A. Topf & Söhne. Die Unterkünfte der Bewachungsmannschaft befanden sich außerhalb des Lagers. Sie bestanden aus fünf Baracken mit den Ausmaßen von 12 × 42 Meter sowie sechs früheren Gebäuden des Gipsbruchbetriebes.

Maheu-Bericht Der promovierte Zahnarzt René Maheu (1899–1980) wurde am 27. Dezember 1943 von der Gestapo in Rennes verhaftet und am 27. Januar 1944 in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Nach einer Quarantänezeit von sechs Wochen wurde im Lager nach Zahnärzten gefragt. Nach einer Prüfung in der Buchenwalder Zahnstation wurde er akzeptiert und zwei Tage später nach Ellrich überstellt. Er verfasste den sogenannten Maheu-Bericht und schildert darin die unterschiedliche Erlebniswelt der Funktionshäftlinge als sogenannte „Prominente“ im Gegensatz zum Erleben der gewöhnlichen Gefangenen. Im Februar 1944 wegen mangelnder Unterwürfigkeit einem Arbeitskommando zugestellt, überlebte er die Evakuierung ins KZ Bergen-Belsen, wo er am 15. April 1945 befreit wurde.

Endphase des Lagers mini|hochkant|Befreite polnische Häftlinge des Außenlagers Ellrich-Juliushütte im Gespräch mit befreiten polnischen Zwangsarbeitern in Ellrich, 16. April 1945 Aus dem mit Räumungstransporten aus dem KZ Auschwitz und dem KZ Groß-Rosen vollkommen überfüllten Außenlager Ellrich-Juliushütte herrschten im Frühjahr 1945 katastrophale Verhältnisse. Im März 1945 starben 1000 der 6500 Lagerinsassen. Nicht mehr arbeitsfähige kranke Häftlinge des Lagers wie auch aus dem KZ-Außenlager Boelcke-Kaserne wurden Anfang März 1945 in das KZ Bergen-Belsen überstellt.

Vom 4. bis zum 6. April 1945 wurde das Außenlager geräumt Der Befreiung des KZ-Außenlagers Ellrich/Juliushütte gedenken in Harz Kurier vom 5. April 2020, bevor amerikanische Truppen Ellrich am 12. April 1945 erreicht hatten. Von den 7000 Häftlingen wurden 4000 in das KZ Bergen-Belsen transportiert und 3000 in das Außenlager Heinkel-Werke des KZ Sachsenhausen. Das KZ Bergen-Belsen wurde am 15. April 1945 befreit. Die anderen Häftlinge mussten zwischen dem 20. und 21. April 1945 von Sachsenhausen aus noch einen Todesmarsch in Richtung Norden antreten. Von den insgesamt 12.000 Häftlingen, die das Lager zwischen Mai 1944 und April 1945 durchlaufen haben, kamen rund 4000 ums Leben.

Nachkriegszeit