Die Bezeichnung von Religion als dem „Opium des Volkes“ geht auf Karl Marx zurück. Sie stammt aus der Einleitung in sein Werk Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, die er um die Jahreswende 1843/44 verfasste und 1844 in der zusammen mit Arnold Ruge herausgegebenen Zeitschrift Deutsch-Französische Jahrbücher veröffentlichte. Immer wieder behaupten deutschsprachige Experten für Marxismus-Leninismus, im Gegensatz zu Marx habe Lenin „für das“ oder „fürs Volk“ formuliert, also anstelle eines genitivischen Attributs ein präpositionales gesetzt (z. B. Iring Fetscher 1967, S. 215), woraus dann gravierende Unterschiede in den Religions-Theorien von Marx und Lenin abgeleitet werden. Lenins „опиум народа“ entspricht aber eindeutig der Marxschen Formulierung. Inwieweit der Inhalt und die politische Umsetzung von Stalins Ansichten über Kirche und Religion noch etwas mit Marx und Lenin zu tun haben, ist eine andere Frage.
Marx’ Religionskritik Karl Marx schloss sich in seiner Religionskritik zunächst Ludwig Feuerbach an, wie er am 10. Mai 1842 in der Rheinischen Zeitung über die christlichen Landtagsabgeordneten aus dem Ritterstande schrieb:
Bereits 1842 in mehreren Briefen an Arnold Ruge kritisierte Marx allerdings Feuerbachs Form der Kritik, für den Religion nur auf persönlichen Erfahrungen wie Tod, Sterblichkeit und dem Verlangen nach Liebe beruhe. Marx führte Religion stattdessen auf die politischen Zustände der Gesellschaft zurück.Wolfgang Janke: Historische Dialektik. Destruktion dialektischer Grundformen von Hegel bis Marx, 1977, S. 450–451.
In der Veröffentlichung von 1844 erklärte er die Feuerbachsche Kritik der Religion für Deutschland als „im wesentlichen beendigt“ und führte aus:
Ausführlich stellte Marx seine Einstellung zur Religion dar in Zur Judenfrage, welche 1844 im gleichen Heft der Deutsch-Französischen Jahrbücher als Erwiderung auf Bruno Bauer erschien. In noch grundsätzlicherer, nicht nur die Religion, sondern auch die Philosophie selbst betreffender Form verfasste Marx seine Kritik 1845 in den zu Lebzeiten unveröffentlichten Thesen über Feuerbach.
Herkunft Religion wurde seit dem 17. Jahrhundert als Priesterbetrug kritisiert, so durch Herbert von Cherbury. In schärferer Form behauptete Anthony Collins um die Wende zum 18. Jahrhundert, dass in der Religion nur Betrug herrsche, und beeinflusste mit seinen Schriften die französische Aufklärung. Für Julien Offray de La Mettrie garantiert nur der Atheismus das Wohlergehen der Menschheit, weil Glaubenskriege verhindert werden. Nach Claude Adrien Helvétius ist Religion das eingebildete Interesse der betrogenen Völker, blind bleiben zu wollen. Nach Paul Henri Thiry d’Holbach zerstört ein Atheist die „dem Menschengeschlecht schädlichen Hirngespinste“. Für Voltaire sind Religionsstifter Betrüger um der Herrschaft willen, andererseits sichere der Glaube an Gott den Bestand der menschlichen Gesellschaft. Ernster genommen als während der Aufklärung wurde die gleichwohl zwiespältige gesellschaftliche Ordnungsfunktion der Religion nach den Erfahrungen des Terrors der antikirchlichen französischen Revolution. So überliefert Pierre-Joseph Proudhon den Ausspruch seines Onkels: „Die Religion ist so notwendig für den Menschen wie das Brot, sie ist ihm so verderblich wie das Gift.“Theologische Realenzyklopädie, Band 4, S. 408.
Mit politischem Bezug erschien eine ähnliche Aussage bereits 1797 als „Dieses Opium, das du deinem Volk gibst“ (französisch „C'est de l'opium que tu fais prendre à ton peuple“) im Roman Juliette von Marquis de Sade. Damit erklärt Juliette dem König Ferdinand die Konsequenzen seiner Politik, die das Volk zu Ignoranz statt veränderndem Handeln anhält.Histoire de Juliette, ou les Prospérités du vice, 5. Kapitel. In Jean-Jacques Rousseaus Roman Julie ou la Nouvelle Héloise von 1761 wird der Mann der Titelheldin mit der Einschätzung zitiert, die religiöse Andacht sei „für die Seele eine Art von Opium. Mäßig gebraucht, erheitert, beseelt und stärkt sie; ein zu starkes Maaß schläfert ein, macht wütend, oder tödtet gar.“
Das Opium als Mittel zur scheinbar angenehmen Betäubung rückte ins öffentliche europäische Bewusstsein durch die Ereignisse in China, gegen das England von 1839 bis 1842 den Ersten Opiumkrieg führte. Ein weiterer Grund für die Bekanntheit des Opiums war neben dem Opiumkrieg die medizinische Anwendung. So wurde in der Chirurgie 1846 die Narkose für sämtliche statt wie zuvor nur für große Operationen eingeführt.
Den Gedanken, dass Religion berauschen kann und soll, hat Helmut Gollwitzer bis zu Holbach zurückverfolgen können. Als „narkotisch“ bezeichnete Johann Wolfgang von Goethe in einer Rezension die gesammelten Predigten von Friedrich Wilhelm Krummacher. Friedrich Engels, Marx’ Weggefährte, berichtete 1839 in seinen Briefen aus dem Wuppertal von der Religion und dem Branntwein als den gängigen Rauschmitteln. Als Adjektiv verband nachweislich erstmals Bruno Bauer „opiumartig“ mit Religion. Moses Hess verwendete 1843 Opium, Religion und Branntwein in einem gemeinsamen Zusammenhang.
Marx übernahm seine Formulierung in der Einleitung zu Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie 1844 möglicherweise von Heinrich Heine, den er 1843 kennengelernt hatte. Heine hatte 1840 eine Denkschrift für Ludwig Börne veröffentlicht, in der es sarkastisch heißt: „Heil einer Religion, die dem leidenden Menschengeschlecht in den bittern Kelch einige süße, einschläfernde Tropfen goss, geistiges Opium, einige Tropfen Liebe, Hoffnung und Glauben!“.Christoph Drösser (Stimmt’s?): Stimmt’s? Geborgte Droge. In: Die Zeit. Nr. 42, 7. Oktober 2004. Marx und Heine lasen die gleichen religionskritischen Autoren, neben Hess und Bauer auch Feuerbach oder Hegel. Vor ihnen brachten u. a. schon Kant und Herder Religion(sausübung) und Opium gedanklich zusammen.
Spätere Verwendung Der Ausdruck ist, auch in der Form als „Opium fürs Volk“, bis in die Gegenwart häufig wiedergegeben worden. Wladimir Iljitsch Lenin interpretierte den Ausspruch „Opium des Volkes“ als den Kern marxistischer Religionskritik und formuliert:
Der Ausspruch ist mittlerweile ein geflügeltes Wort und wird und wurde auch in anderen Zusammenhängen als nur mit Religion verwendet. Jedoch verwenden auch Religionskritiker diesen Ausspruch, selbst wenn sie keine Anhänger Marx’ sind oder sogar dem Kommunismus ablehnend gegenüberstehen.
Literatur Helmut Gollwitzer: Die Marxistische Religionskritik und der christliche Glaube. In: Marxismusstudien. 4, 1962, S. 14–19. Johannes Kadenbach: Das Religionsverständnis von Karl Marx. München 1970, S. 64 ff. Horst Robert Balz, Gerhard Krause, Gerhard Müller (Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie. Band 4, Walter de Gruyter, Berlin 1979, ISBN 3-11-007714-0.
Joachim Eberhardt: Religion als »das Opium des Volkes«: Ein Beitrag zur Ideengeschichte – mit einigen neuen Funden. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. Band 93, Nr. 3, 2019-9, , S. 263–286, doi:10.1007/s41245-019-00080-4. Johan Schloemann: Opium des Volkes. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 102, 4. Mai 2018, S. 9.
Weblinks
Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, mlwerke.redflag.ps, erstellt am 30. August 1999 Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung (Faksimile), PDF, Band 1, S. 378–391, Dietz-Verlag, 1981
Einzelnachweise
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