mini|A4-Rakete (V2) des Mittelwerks im RAF-Museum in London mini|Kohnstein bei Niedersachswerfen – Fabrikationsanlage für die Produktion von Marschflugkörpern „V 1“ und Raketen „A 4/V 2“ nach der Einnahme durch die Alliierten, Güterwaggons vor Einfahrt zum Tunnel Die deutsche Mittelwerk GmbH wurde am 21. September 1943 im Rüstungsministerium als staatliches sowie privatwirtschaftlich organisiertes Rüstungsunternehmen gegründet und bestand bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.Produktion des Todes: Das KZ Mittelbau-Dora. Göttingen 2001, S. 194ff. An der Mittelwerk GmbH waren neben dem Rüstungsministerium auch das Heereswaffenamt und die SS beteiligt. Das Mittelwerk – auch Projekt Mittelbau – war zum Schutz vor Luftangriffen untertage-verlagert und befand sich am Südhang des Kohnsteins bei Niedersachswerfen am Harz. Im Mittelwerk wurden zunächst die als Vergeltungswaffe bezeichnete A4-Rakete (V2) gefertigt und ab Anfang 1945 auch die Fieseler Fi 103 (V1) produziert. Das Unternehmen griff von Beginn an auf den Einsatz von KZ-Häftlingen aus dem Buchenwalder KZ-Außenlager Dora zurück, das ab Ende August 1943 vor Ort bestand und zusammen mit weiteren Außenlagern im Oktober 1944 als KZ Mittelbau verselbstständigt wurde. Dadurch war es in hohem Maße an Konzentrationslager- und anderen Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus beteiligt.Ralf Schabel: Die Illusion der Wunderwaffen – Düsenflugzeuge und Flugabwehrraketen in der Rüstungspolitik des Dritten Reiches. Oldenbourg-Verlag, München 1993, S. 225f. (Beiträge zur Militärgeschichte Band 35)

Vorgeschichte Nach der „Operation Hydra“, dem ersten Luftangriff auf die Heeresversuchsanstalt Peenemünde durch die Royal Air Force (RAF) in der Nacht vom 17. auf den 18. August 1943, beschlossen Adolf Hitler, Rüstungsminister Albert Speer und der Reichsführer SS Heinrich Himmler die Errichtung des Arbeitslagers Dora, um die Raketenproduktion unter Tage zu verlagern.Jens-Christian Wagner: Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945. Begleitband zur ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Göttingen 2007, S. 32 f. Als Produktionsstandort wurde eine von 1936 bis 1942 durch die Wirtschaftliche Forschungsgesellschaft (WiFO) erbaute Stollenanlage im Kohnstein bei Nordhausen ausgewählt. Die Anlage war ursprünglich als unterirdisches WiFo-Treibstoff- und Chemikalienlager für die Wehrmacht vorgesehen.Jens-Christian Wagner: Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945. Begleitband zur ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Göttingen 2007, S. 32f., S. 43.

Gründung der Mittelwerk GmbH mini|hochkant 0.7|Heinz Schmid-Lossberg als Zeuge während der Nürnberger Prozesse Nach Vorverhandlungen wurde die Gründung der Mittelwerk GmbH am 21. September 1943 unter der Federführung von Karl Maria Hettlage, der das Generalreferat für Wirtschaft und Finanzen im Rüstungsministerium leitete, gemeinsam mit weiteren Vertretern der am Raketenprogramm beteiligten Institutionen beschlossen. Mit dem Ausbau der vorhandenen Stollenanlage zur unterirdischen Raketenfabrik im Kohnstein wurde der Eigentümer der Anlage, die Wifo, beauftragt und der Mittelwerk GmbH die Raketenmontage übertragen.Jens-Christian Wagner: Konzentrationslager Mittelbau-Dora. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors – Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 7, München 2008, S. 231f. Am 24. September 1943 gründeten Heinz Schmid-Lossberg und Friedrich Schulte-Langforth von der Rüstungskontor GmbH mit Anteilen von gesamt 1.000.000 RM offiziell als Gesellschafter das Unternehmen Mittelwerk GmbH. Das Unternehmen mit Sitz in Berlin war ab dem 7. Oktober 1943 im Berliner Handelsregister eingetragen und nach dem Ausscheiden des Gesellschafters Schulte-Langforth am 11. Oktober 1943 ganz Konzerntochter der Rüstungskontor GmbH.

Vor Ort bezog die Mittelwerk GmbH nach einer Übergangsphase die ehemalige Klosterschule Ilfeld, die seit 1934 von einer „Nationalpolitischen Erziehungsanstalt“ (Napola) genutzt wurde. Weitere Räumlichkeiten wurden in der nahen Umgebung des Kohnsteins für die Verwaltung der Mittelwerk GmbH beschlagnahmt.

Leitungsgremien der Mittelwerk GmbH

Geschäftsführer wurde am 24. September 1943 der Ingenieur Kurt Kettler, der zuvor Geschäftsführer bei der Borsig-Lokomotiv-Werke GmbH gewesen war. Sein Stellvertreter war der Lagerführer des Arbeitslagers Dora Otto Förschner, der als Vertreter der SS durch Hans Kammler und Oswald Pohl in den Vorstand des Unternehmens berufen wurde. Als dritter Geschäftsführer wurde im Dezember 1943 der Wehrwirtschaftsführer Otto Karl Bersch berufen, zuvor Geschäftsführer der Fahrzeug- und Motoren-Werke in Breslau.

Dem Beirat des Unternehmens stand Gerhard Degenkolb vor, der den A4-Ausschuss leitete. Sein Stellvertreter war Karl-Maria Hettlage, der Generalreferent des Rüstungsministeriums für Wirtschaft und Finanzen sowie Leiter der Rüstungskontor GmbH. Des Weiteren gehörten dem Beirat noch der Kommandeur der Heeresversuchsanstalt Peenemünde Walter Dornberger, der Leiter der Amtsgruppe C (Bau) des SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamtes (WVHA) Hans Kammler sowie der Betriebsführer der Rüstungskontor GmbH Heinz Schmidt-Loßberg von der Berliner GmbH für Luftfahrtbedarf, an.

Im Frühjahr 1944 wurde die Mittelwerk GmbH aus betriebswirtschaftlichen Gründen restrukturiert. Zunächst wurde Georg Rickhey von den Berliner Demag-Fahrzeugwerken am 13. April 1944 Generaldirektor und zeitgleich Betriebsführer der Mittelwerk GmbH. Förschner wurde von seiner Funktion als Betriebsführer entbunden und war nun in der Position des Geschäftsführers als „Abwehrbeauftragter“ für die Überwachung der Sicherheits-, Arbeits- und Geheimhaltungsmaßnahmen für die Verhinderung von Sabotageakten zuständig. Zum 1. März 1945 schieden sowohl Förschner als auch Bersch offiziell aus der Geschäftsführung des Unternehmens aus. Kettler übernahm daraufhin Berschs Aufgaben und für Förschner wurde als neuer Abwehrbeauftragter der SS-Obersturmführer Schwohn eingesetzt.

Der Ingenieur Albin Sawatzki, welcher bereits seit Juli 1943 Leiter des „Arbeitsausschusses Serie“ des Sonderausschusses A4 war, wurde im September 1943 mit dem Ausbau des Treibstofflagers im Kohnstein zur unterirdischen Raketenfabrik beauftragt. Ab Mai 1944 war Sawatzki offiziell Betriebsdirektor der Planungsabteilung des Unternehmens und wurde noch im März 1945 zusätzlich Geschäftsführer der Mittelwerk GmbH. Weitere Betriebsdirektoren waren der für die A4-Montage zuständige Arthur Rudolph sowie Otto von Bovert, dem der Bereich „Armaturen, Versand und Bauwesen“ unterstand.Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945. Begleitband zur ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Göttingen 2007, S. 40.

Mittelbau-Dora und die Mittelwerk GmbH

mini|Kohnstein bei Niedersachswerfen. Fabrikationsanlage für die Produktion von Marschflugkörpern „V 1“ und Raketen „A 4/V 2“ nach der Einnahme durch die Alliierten, Treibstofftanks, 1.000 Gallonen (GB: N3800 bzw. US 4.500 l)

Das Außenlager Dora wurde am 28. August 1943 als Nebenlager des KZ Buchenwald am Kohnstein eingerichtet. Die ersten 107 Häftlinge wurden bereits am 28. August 1943 aus dem KZ Buchenwald nach Dora überstellt. Maschinen und Material wurden bis zum November 1943 aus der Heeresversuchsanstalt Peenemünde und den Wiener Rax-Werken in das Mittelwerk verlagert, zudem trafen aus den dortigen Versuchsproduktionen auch KZ-Häftlinge sowie der Großteil des deutschen Fachpersonals ein. Allein bis Ende 1943 wurden insgesamt 11.000 KZ-Häftlinge in das Außenlager Dora verbracht. Im Februar 1945, als bereits der verselbstständigte Lagerkomplex Mittelbau bestand, registrierte die Lager-SS 42.074 Häftlinge im Hauptlager Mittelbau und in seinen Außenlagern.Volker Bode, Christian Thiel: Raketenspuren – Waffenschmiede und Militärstandort Peenemünde. Berlin 1995, S. 86ff.

Zunächst waren die Häftlinge provisorisch in einem Zeltlager am Kohnstein untergebracht und später unter inhumanen Bedingungen in einem Schlafstollen des Kohnsteins. Erst im Sommer 1944 wurde das Häftlingslager südlich des Kohnsteins bezogen. Die Häftlinge mussten zunächst die Stollenanlage erweitern und danach zur unterirdischen Raketenfabrik ausbauen. Dieser Ausbau beinhaltete neben der Installation einer Heiz- und Belüftungsanlage auch den Aufbau einer Wasser- und Stromversorgung, der Maschinen sowie die Einrichtung der Werk- und Geschäftsräume. Bis die Raketenproduktion im Frühjahr 1944 voll anlief, starb etwa ein Drittel der Häftlinge an den inhumanen Versorgungs- und Lebensbedingungen.Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945. Begleitband zur ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Göttingen 2007, S. 45f. Zu diesem Zeitpunkt wurden qualifizierte Häftlinge aus anderen Konzentrationslagern nach Dora überstellt und die nicht mehr Arbeitsfähigen aus dem Außenlager Dora in andere neu errichtete Außenlager in der Region.Volker Bode, Christian Thiel: Raketenspuren – Waffenschmiede und Militärstandort Peenemünde. Berlin 1995, S. 95ff.

Aufgrund mangelnder Platzkapazitäten wurden aus dem Mittelwerk in der näheren Umgebung des Kohnsteins Außenstellen eingerichtet. Neben Verwaltungsstellen entstanden so Depots und dezentrale Instandsetzungsbetriebe für defekte A4-Raketen, so im Außenlager Kleinbodungen mit zwei Außenstellen sowie dem Außenlager Roßla mit einer Außenstelle, in denen KZ-Häftlinge Zwangsarbeit leisten mussten. Die zunehmende Bedeutung der stetig wachsenden Mittelwerk GmbH wurde auch durch Eingliederung weiterer Betriebe und den Ausbau des Außenlagers Dora zum KZ Mittelbau im Oktober 1944 deutlich.Jens-Christian Wagner: Produktion des Todes: Das KZ Mittelbau-Dora. Göttingen 2001, S. 208f. Im Schnitt waren etwa 5.000 Häftlinge des KZ Mittelbau bei der A4-Montage unter Aufsicht von circa 3.000 Zivilangestellten beschäftigt.Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945. Begleitband zur ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Göttingen 2007, S. 49f. Der Großteil der KZ-Häftlinge war beim Stollenausbau für die Unter-Tage-verlagerung weiterer Betriebe und dem Aufbau zusätzlicher Außenlager eingesetzt.

Die Stollen im Kohnstein

Die vom Mittelwerk genutzten und weiter ausgebauten Stollenanlagen im Kohnstein bestehen aus den zwei Hauptstollen A und B, die in etwa in Nord-Süd-Richtung mit leichter S-Form in etwa 200 Metern Entfernung parallel zueinander durch den Kohnstein getrieben wurden. Der Hauptstollen A ist der östliche von beiden. Die Anlage war also von der Nordseite wie von der Südseite her mit je zwei Eingängen erschlossen. Beide Hauptstollen sind durch 42 Querstollen miteinander verbunden. Weitere Stollen befinden sich am Hauptstollen A in dessen südlichem Bereich. Von Norden her betrachtet wird der erste Bereich bis zum 19. Querstollen als Nordwerk bezeichnet. Daran schließt sich das Mittelwerk I an. Im Süden liegt das Mittelwerk II.

Raketenproduktion des Mittelwerks mini|A4-Rakete im Mittelwerk. Aufnahme vom Juli 1945 mini|Montagestollen für die „V1“-Produktion (Reproduktion einer Aufnahme von 1945)