mini|Der Anfang der Metamorphosen in der Handschrift Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 1594, fol. 1r (15. Jahrhundert) Die Metamorphosen ( „Verwandlungen“ oder Metamorphoseon libri „Bücher der Verwandlungen“) des römischen Dichters Publius Ovidius Naso, geschrieben vermutlich um das Jahr 1 n. Chr. bis 8 n. Chr., sind ein in Hexametern verfasstes mythologisches Gedicht über Metamorphosen ( „Verwandlung in eine andere Gestalt“). In 15 Büchern zu je etwa 700 bis 900 Versen wird die Geschichte der Welt von ihren Anfängen bis hin zur Gegenwart des Dichters erzählt und in rund 250 Einzelsagen aus der römischen und griechischen Mythologie mit hohem künstlerischen Esprit dargestellt. Von ihrem Erscheinen an sind die Metamorphosen eine der populärsten Mythendichtungen überhaupt und sicherlich die den mittelalterlichen Schriftstellern und Dichtern am besten bekannte. Der Einfluss dieses Werks auf die Literatur nachfolgender Zeiten sowie auf die bildende Kunst des Mittelalters, des Barock bis hin zu der der Neuzeit ist enorm.
Thematischer Kern ist das in Mythen häufig anzutreffende Verwandlungsmotiv, worin meist ein Mensch oder ein niederer Gott in eine Pflanze, ein Tier oder ein Sternbild (Katasterismos) verwandelt wird. Das Werk beginnt mit einem Proömium, setzt an bei der Entstehung der Welt aus dem Chaos und endet bei der Verwandlung von Caesars Seele in einen Stern, woran noch eine Anrufung an Augustus und ein Epilog anschließen. Die logische Verknüpfung der oftmals thematisch nicht zusammengehörigen Einzelgeschichten erfolgt durch Überleitungen. Behandelt werden sowohl zentrale Geschichten und Figuren der Mythologie (zum Beispiel Kosmogonie, Herakles, Trojanischer Krieg) als auch eher abgelegene Mythen. Manche Metamorphosen werden sogar nur ganz knapp angedeutet oder nebenbei erwähnt (zum Beispiel bei Medeas Rundflug über die Ägäis im siebten Buch).
Sprachlich zeichnet sich das Gedicht durch ein großes erzählerisches Variationsbestreben und einen hohen künstlerischen Anspruch aus, sodass je nach Thema elegische, epische, tragische, komische oder sogar groteske Töne anklingen können. Aufgrund dieser Mischung aus epischer Form, stofflicher Vielfalt und dichterischer Eleganz werden die Metamorphosen als Epos („von ganz eigener Art“) bezeichnet.Vgl. zur Übersicht: Joseph Farrel: Dialogue of Genres in Ovid’s „Lovesong of Polyphemus“ (Metamorphoses 13.719–897), in: The American Journal of Philology. Band 113, 1992, S. 235–236.
Entstehungskontext Zur genauen Abfassungszeit der Metamorphosen gibt es nur wenige direkte Informationen.Vgl. Ulrich Schmitzer: Ovid. 2. Auflage. Olms, Hildesheim 2011, S. 94. Ohnehin stammt das meiste, was wir zu Ovid und seinem Werk wissen, aus dessen eigenen Dichtungen. Einzelne Aussagen müssen daher mit Vorsicht behandelt werden.Siehe dazu Robert Kirstein: Further Languages bei Ovid. Fiktive Mehrsprachigkeit und Fiktionalität. In: Alberto Gil und Robert Kirstein (Hrsg.): Wissenstransfer und Translation. Zur Breite und Tiefe des Übersetzungsbegriffs. Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 2015, S. 33–51. Als sicher kann gelten, dass die Metamorphosen im Jahre 8 n. Chr. weitgehend vollendet waren. Der Beginn der Arbeit ist um die Zeitenwende anzusetzen, weil Ovid sehr wahrscheinlich zu dieser Zeit seine Beschäftigung mit der Liebesdichtung abgeschlossen hat und sich so Neuem widmen konnte.Vgl. Michael von Albrecht: Ovid. Eine Einführung. Reclam, Stuttgart 2003, S. 21–22. Drei Faktoren, die eng miteinander zusammenhängen, sind für die Entstehung der Metamorphosen von großer Bedeutung: der soziale und politische Alltag in Rom, die literarischen Traditionen und Ovids eigene Dichterbiographie.
Ovid und das augusteische Rom Ovid, am 20. März 43 v. Chr. geboren, wächst zwar in der letzten Periode der römischen Bürgerkriege auf, ist aber erst dann ein junger Erwachsener, als der ab 27 v. Chr. Augustus genannte Gaius Octavius seine Alleinherrschaft bereits konsolidieren und Rom zu einer neuen kulturellen und politischen Blüte führen konnte. Anders als die um etwa eine Generation älteren Dichter Vergil, Horaz und Properz, die in die kriegerischen Auseinandersetzungen zum Teil aktiv involviert gewesen waren und deshalb in ihren Gedichten den Aufbruch in die neue Friedenszeit emphatisch thematisieren, kennt Ovid nur dieses augusteische Rom und setzt es gewissermaßen als Erfahrungshorizont voraus.Vgl. Niklas Holzberg: Ovids Metamorphosen. 2. Auflage. Beck, München 2016, S. 14. Am deutlichsten bringt dies das elegische Ich in der Ars amatoria zum Ausdruck: “Rohe Schlichtheit war früher: Jetzt ist Rom golden … Das Alte mag anderen gefallen, ich heiße mich glücklich, jetzt erst geboren zu sein: Diese Zeit passt zu meinem Charakter.”Ovid, Ars Amatoria 3,113 und 121–122; lat. simplicitas rudis ante fuit: nunc aurea Roma est … prisca iuvent alios, ego me nunc denique natum/gratulor: haec aetas moribus apta meis. mini|hochkant=1.3|Die Ara Pacis in Rom, Ausdruck augusteischer Symbolpolitik
Trotz dieses klar positiven Bekenntnisses bieten die Metamorphosen durchaus Konfliktpotential gegenüber Augustus’ zentraler Stellung als Alleinherrscher und gegenüber der offiziellen politischen Agenda.Vgl. Niklas Holzberg: Ovids Metamorphosen. 2. Auflage. Beck, München 2016, S. 14–15. Diese bestand darin, die Herrschaft des Augustus als eine segensreiche Zeit zu proklamieren, in der nach den Verwüstungen des Bürgerkrieges Friede und Beständigkeit herrscht und eine Rückbesinnung auf die ehrwürdigen Institutionen des Staates und der Staatsreligion stattfindet. Konfliktstoff könnte zudem geboten haben, dass sich Augustus’ Herrschaft in der Zeit zwischen 4 und 8 n. Chr. in einer Krise befand. Wenn in den Metamorphosen wiederholt die Vergänglichkeit großer Mächte (zum Beispiel Theben oder Athen) und die Fragilität monarchischer Herrschaft thematisiert werden oder wichtige identitätsstiftende Figuren und Motive (zum Beispiel die Gottheit Apollo und der Lorbeer oder der Held Aeneas) wenig glanzvoll erscheinen, widerspricht dies sicherlich indirekt der augusteischen Propaganda. Allerdings kann dieses komplexe Verhältnis nicht auf eine einfache Herrscherkritik oder Opposition reduziert werden, da Ovid zum einen auch positive Bezüge zu Augustus herstellt und zum anderen kein politisches, sondern allen voran ein dichterisches Anliegen verfolgt.Vgl. Ulrich Schmitzer: Ovid. 2. Auflage. Olms, Hildesheim 2011, S. 139–140. Des Weiteren war auch das augusteische Rom geprägt von zahlreichen grundlegenden Innovationen und Transformationen, sodass die Verwandlungsthematik hierzu keinen wirklichen Gegensatz bildet.Vgl. Niklas Holzberg: Ovids Metamorphosen. 2. Auflage. Beck, München 2016, S. 17.
Literarische Einflüsse Die formalen wie auch inhaltlichen Einflüsse früherer Dichter und Philosophen auf die Metamorphosen sind enorm und mitunter deutlich erkennbar.Vgl. Stephen J. Harrison: Ovid and Genre. Evolutions of an Elegist. In: Philip Hardie (Hrsg.): The Cambridge companion to Ovid. Cambridge University Press, Cambridge 2002, S. 79–94; Michael von Albrecht: Ovid. Eine Einführung. Reclam, Stuttgart 2003, S. 152–155. mini|hochkant|Hellenistische Büste des Homer, Louvre, Paris
Mit der Wahl des Hexameters stellt sich Ovid in die Traditionslinie des antiken Epos, dessen maßgebliche Vorgänger bei den Griechen Homers Ilias und Odyssee und Apollonios von Rhodos’ Argonautika und bei den Römern Ennius’ Annalen und Vergils Aeneis sind. Zusätzlich zur äußeren Form des Epos weisen die Metamorphosen auch viele grundlegende stoffliche Parallelen zu all diesen Epen auf.
Über die hexametrische Form eröffnet sich als zweite zentrale Traditionslinie die zur antiken Lehrdichtung. Wichtige inhaltlich-thematische Vorgänger sind bei den Griechen Hesiods Theogonie sowie Werke und Tage und Empedokles’ Über die Natur; bei den Römern Lukrez’ De rerum natura und Vergils Georgica.
Als dritte wichtige Tradition ist die Literatur des Hellenismus zu nennen, besonders die von Kallimachos vertretene dichterische Avantgarde und das Konzept des poeta doctus, eines Dichters, der scheinbar spielerisch hochkomplexe Erzählungen über entlegene Ereignisse und Figuren darbietet. Neben Kallimachos’ in elegischen Distichen verfassten Gedichten (Aitien und Hekale), welche unter anderem im zweiten Buch der Metamorphosen deutlichen Niederschlag finden, sind es zwei nur fragmentarisch überlieferte Texte mit Verwandlungsgeschichten, die als direkte Vorbilder gelten können: Nikanders Heteroiumena („Verwandlungen“) und die Ornithogonia („Entstehung von Vögeln“) einer bzw. eines Boio/Boios.Vgl. Michael von Albrecht: Ovid. Eine Einführung. Reclam, Stuttgart 2003, S. 153. Als Nachfolger dieser Dichter kann der im Rom des 1. Jahrhunderts v. Chr. lebende Parthenios von Nicaea gelten, der ein nicht mehr erhaltenes Gedicht Metamorphoseis und ein erhaltenes Prosawerk Erotica pathemata („Liebesleiden“) verfasst hat.
Deutliche Parallelen gibt es auch zur griechischen Tragödie, die einerseits stofflicher Natur sind (zum Beispiel zu Euripides’ Medea oder zu Sophokles’ Trachinierinnen), andererseits aber sogar strukturell, da in den Metamorphosen über die Hälfte der Handlung durch eine Binnenerzählung sozusagen inszeniert wird.Vgl. Stephen M. Wheeler: A Discourse of Wonders. Audience and performance in Ovid’s Metamorphoses. University of Pennsylvania Press, Philadelphia 1999, S. 163; Dan Curley: Tragedy in Ovid. Theater, Metatheater, and the Transformation of a Genre. Cambridge University Press, Cambridge 2013.
Aus der Philosophie werden – neben den Lehrgedichten des Empedokles und des Lukrez – zahlreiche Motive oder Konzepte von Philosophen und Philosophenschulen der Antike aufgegriffen. Sehr prominent tritt hierbei Pythagoras und die Vorstellung von der Seelenwanderung im 15. Buch in Erscheinung, daneben gibt es Anleihen bei Heraklit, Platon (zum Beispiel der Demiurg im ersten Buch) und der Stoa (der Weltenbrand im zweiten Buch).
Durch den im Proömium eröffneten Zeitrahmen des Gedichts („vom ersten Ursprung der Welt … bis zu meiner Zeit“)Ov. met. 1,3–4; lat. primaque ab origine mundi/ad mea … tempora. besteht zudem eine Verbindung zu der seit dem Hellenismus aufkommenden Universalhistorie.Vgl. Stephen M. Wheeler: Ovid’s Metamorphoses and universal history. In: D. S. Levene und Damien Nelis (Hrsg.): Clio and the poets. Augustan poetry and the traditions of ancient historiography. Brill, Leiden/Boston 2002, S. 163–189.
Der Dichter Ovid mini|Ovid in der Schedelschen Weltchronik (1493) Die letzte bedeutende Traditionslinie, die in den dichterischen Kleinformen des Hellenismus ihren Ursprung hat und fast vollständig Ovids Frühwerk ausmacht, sind die römische Liebeselegie und Liebesdichtungen im elegischen Distichon (eine Ausnahme davon ist die fast vollständig verlorene Tragödie Medea). Schon in seinem Erstlingswerk, den Amores („Liebesgedichte“), lässt Ovid ein lebhaftes Interesse an mythischen Stoffen und Figuren erkennen, die zur Veranschaulichung oder Ausschmückung als Beispiele angeführt werden (so zum Beispiel im Katalog der Fabelwesen in am. 3,12,21–40). Viele davon tauchen in Form größerer Einzelepisoden in den Metamorphosen wieder auf. Gleiches gilt für die Heroidenbriefe und die Ars amatoria („Liebeskunst“), die als Elegien in Briefform und als elegisches Lehrgedicht die üblichen Gattungsgrenzen überwinden. Ähnlich wie die Heroiden schreibt zum Beispiel Byblis im neunten Buch der Metamorphosen einen Brief an ihren Geliebten und getreu den Lehren der Ars versucht zum Beispiel Iphis im 14. Buch seine Geliebte zu gewinnen.