Der Dschabal Sindschar (; ) ist ein Höhenzug im Nordirak westlich der Stadt Mossul nahe der syrischen Grenze, der von der bereits in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts endgültig zerstörten jesidischen Bauern- und Hirtenkultur geprägt worden ist.Eugen Wirth: Bei den Yazidi im Jebel Sinjar. In: Yazidi. Gottes auserwähltes Volk oder die 'Teufelsanbeter' vom Jebel Sinjar, Irak. Katalog zur Sonderausstellung 30. April bis 27. September 1998, Museum für Völkerkunde Wien 1998, S. 74–76. Seine Ausdehnung beträgt etwa 100 km, wovon 75 km im Irak selbst liegen.H. S. Edgell: Arabian Deserts: Nature, Origin, and Evolution. Springer, Dordrecht, The Netherlands, 2006, ISBN 978-1-4020-3969-0.
Geographie mini|links|Die Lage des Dschabal Sindschars Der lang gestreckte, weitgehend verkarstete Dschabal Sindschar erhebt sich in einer relativen Höhe von etwa 500 bis 1000 Metern unvermittelt aus einer semiariden, teils im Trockenfeldbau genutzten Ebene zwischen den beiden Flüssen Tigris und Chabur und gehört zu Dschazira., aufgerufen am 1. Dezember 2009. Er erstreckt sich über etwa 60 km ungefähr von Osten nach Westen. An seiner höchsten Stelle erreicht der Dschabal Sindschar mit dem Çêl Mêra (auch Chermera, deutsch „Vierzig Männer“) 1463 Meter. Seine Scheitelregion ist abgetragen, sodass er heute aus mehreren Schichtkämmen besteht, in denen Gesteine des Eozäns und der Kreidezeit zutage treten. Die höchsten Gipfel werden von mächtigen Kalkblöcken gebildet.Jabal Sinjar. In: Westermann Lexikon der Geographie. 2. Auflage. Braunschweig 1973. Am südlichen Fuß des Höhenzuges liegt die Stadt Sindschar. Dort verläuft eine seit dem 11. Jahrhundert benutzte Straße von Mossul nach Ar-Raqqa in Syrien.
Geologie mini|Dschabal Sindschar, Ausschnitt: tief eingeschnittene Täler am Südhang, Schichtkämme am Scheitel, Steilabfall nach Norden mini|links|Der Dschabal Sindschar innerhalb anderer antiklinaler Strukturen in der Provinz Der Dschabal Sindschar liegt im Nordosten der Nordarabischen Platte und ist der an der Erdoberfläche sichtbare Teil des gleichnamigen, etwa 150 km langen Sindschar-Hebungsgebietes. Die im Zentrum des Hebungsgebietes um bis zu 1,5 km gehobenen Gesteinsschichten entstammen einem Zeitraum vom Paläozoikum bis zum Känozoikum. Das kristalline Grundgebirge liegt in etwa sechs Kilometer Tiefe. Die genaue Zusammensetzung der tieferen Schichten des Deckgebirges ist nicht bekannt, denn Gesteine des Kambriums wurden bisher nicht erbohrt. Mächtige Tonsteine des Ordoviziums sind allerdings mehrfach angetroffen worden, ebenso das untere Silur. Gesteine des oberen Silurs und des Devons fehlen komplett, erst im Karbon wurden wieder klastische Gesteine in einer langgestreckten Grabenzone abgelagert. Aus dem Oberkarbon wie auch aus dem unteren Perm sind keine Ablagerungen überliefert. Dies könnte auf Erosion der betreffenden Schichten in der frühen Trias zurückzuführen sein. Bis zum Ende des Jura wurden danach Flachwassersedimente abgelagert (Dolomite, Kalksteine, Mergel und Sandsteine), von denen vor allem die mächtigen Dolomite der Trias überliefert sind, während die jüngeren Schichten wiederum weitgehend erodiert wurden. Während des Oberen Jura und der Kreide wurde die Sedimentation wesentlich von Grabenbildung beherrscht, die vor einer nördlichen Hauptabschiebung zu Ablagerung der mächtigen Shiranish-Formation führte. Auch im frühen Tertiär bis ins Miozän herrschte Ablagerung im Gebiet des späteren Dschabal Sindschar, die vorher so regen Grabenbildungsvorgänge waren jedoch zum Erliegen gekommen. Die Ablagerungen sind vor allem von Kalksteinen, Gips und Anhydrit bestimmt, die im Pliozän in Ton- und Sandsteine und Konglomerate übergehen.Brew 2001, Abb. 3.3: Stratigraphie (Geologie)|Stratigraphisches Profil
Im Gefolge der Zagros-Faltung des Pliozäns unterlag das gesamte Gebiet der nördlichen Arabischen Platte einer starken, in etwa von Nord nach Süd gerichteten Spannung. Vor allem die mächtige Sedimentfolge, die sich in der zwischen Karbon und Oberkreide immer wieder aktiven Grabenzone abgelagert hatte, wurde an der nördlichen Grabenstörung nach Norden aufgeschoben und das Grabeninnere emporgehoben. Die am höchsten aufgewölbten Gesteinsschichten wurden erodiert, so dass zwischen den in der Umgebung verbreitet die Oberfläche bildenden Schichten des Quartärs und jüngeren Tertiärs im Kern der Aufwölbung ältere Schichten zu Tage traten.Brew 2001, Abb. 3.4 Ähnlich wie der weiter westlich in Syrien gelegene Dschabal Abd el-Aziz ist der Höhenzug des Dschabal Sindschar so der oberflächliche Ausdruck einer erdgeschichtlich sehr jungen Antiklinale mit einer komplizierten Entstehungsgeschichte.Blockbild des Dschabal Abd el-Aziz, aus Graham Brew: Tectonic Evolution Of Syria Interpreted From Integrated Geophysical And Geological Analysis. PDF, 5,6 MB, abgerufen am 19. Dezember 2009.Topographie von Dschabal Sindschar und Dschabal Abd el-Aziz. aus Graham Brew: Tectonic Evolution Of Syria Interpreted From Integrated Geophysical And Geological Analysis. PDF, 5,6 MB, abgerufen am 19. Dezember 2009. Der asymmetrische Aufbau dieser Antiklinale spiegelt sich in der heutigen Oberflächenform wider: tief eingeschnittene Täler zerfurchen den mäßig steilen Südhang und fast flach lagernde Schichtkämme bilden seinen Scheitel, während der Nordhang steil abfällt (s. nebenstehendes Foto).
Klima Am Dschabal Sindschar herrscht ein semiarides subtropisches Klima mediterraner Ausprägung mit heißen trockenen Sommern und kühlen feuchten Wintern. Vergleichbare Klimawerte liegen für die Stadt Sindschar am Fuß des Höhenzuges vor. Dort liegt das Temperaturmaximum mit einem Tagesdurchschnitt von 33,9 °C im Juli und im August, das Maximum der Niederschläge mit 84 mm im Januar. Die Jahresdurchschnittstemperatur beträgt 20 °C. Die Jahresniederschläge haben eine Höhe von 449 mm. Je nach Höhenlage liegen die Temperaturwerte im Dschabal Sindschar im Schnitt niedriger und die Niederschlagswerte höher.Klimawerte für Sindschar bei Latitude: 36°19′N, Longitude: 41°49′E, Elevation: 1562.0 ft, Distance: 1.48 mi Das führt dazu, dass die Kammregionen im Winter eine dauerhafte Schneekappe tragen.John S. Guest: The Yezidis: a study in survival. Routledge, London 1987, ISBN 0-7103-0115-4, S. 3.
Vegetation Die Zone oberhalb von 800 Metern ist potentielles Waldgebiet, doch aufgrund menschlicher Einwirkungen wie Holzeinschlag und Beweidung sind die dort zu erwartenden Eichenwälder fast nur noch sehr licht oder in unzugänglichen Gebieten zu finden. Sie wurden weitgehend durch eine an die Höhenlage angepasste Steppenflora ersetzt. Große Bereiche dieser Zone werden von Gesteinsfluren geprägt. Wegen der geringeren Niederschläge herrscht unterhalb von 800 Metern eine wärmeliebende Steppenflora vor. In den tief eingeschnittenen Tälern, an meist temporären Wasserläufen gedeiht dort, wo sie nicht durch Ackerterrassen ersetzt worden ist, eine artenreiche Schluchtenvegetation, für die die wilde, von den Jesiden kultivierte Feige (Ficus carica) typisch erscheint.FAO Forestry country profiles – Natural forest formations. Aufgerufen am 29. November 2009. Charles Keith Maisels: Early Civilizations of the Old World. London 1999, S. 124. Genauere historische Angaben zu einzelnen Arten in Annalen des Naturhistorischen Museums in Wien. XXVI. Band, 1912, Suchwort Sindschar Aufgerufen am 29. November 2009.
Ab 1965 wurden viele jesidische Dörfer zerstört und die Bewohner umgesiedelt.Christine Allison: The Yezidi oral tradition in Iraqi Kurdistan. Richmond, Surrey 2001, S. 29f. Seitdem unterliegen ehemals gepflegte Nutzflächen einer sekundären natürlichen Sukzession. Sie verkrauten und verbuschen. Wo Terrassen zusammenbrechen und die Bewässerungsanlagen zerfallen, kann sich eine mediterrane Macchie ausbreiten. Die Bodenerosion schreitet voran. Eichen- und Ahornwälder (beispielsweise Acer monspessulanum subsp. cinarescensJoseph Bornmüller: Ein Beitrag zur Kenntniss der Flora von Syrien und Palästina. In: Verhandlungen der Zoologisch-Botanischen Gesellschaft in Wien. 1898, S. 571f. ().) dagegen können sich erholen, wenn sie weiterhin nicht mehr der Holzgewinnung und Beweidung dienen.
Bodennutzung mini|Terrassen in einem Tal des Dschabal Sindschar: Trockenfeldbau an den steileren Hängen, Bewässerung im flacheren Bereich Die Bodennutzung des von den Jesiden geprägten Dschabal Sindschar geschieht hauptsächlich durch Beweidung. Neben den offenen Flächen, die weitgehend überweidet sind, werden auch Wälder als Schafweiden genutzt. Außerdem werden, meist auf in den Tälern gelegenen und teilweise terrassierten und bewässerten Ackerflächen, hauptsächlich Getreide, Gemüse und Tabak angebaut. Im islamischen Mittelalter wurden hier auch Maulbeeren für eine florierende Seidenproduktion kultiviert. An den Hängen folgen Obsthaine. Historische Berichte rühmen vor allem die Feigen und Datteln des Dschabal Sindschar.The Encyclopaedia of Islam. New Edition, Artikel Sinḏjār von C.P. Haase ()Siehe auch ein Photo von Ackerterrassen aufgerufen am 1. Dezember 2009. mini|links|Ein jesidischer Hirte holt an einer Quelle des Dschabal Sindschar Wasser für seine in höheren, trockenen Regionen weidende Herde Ein Großteil des Viehbestandes kommt saisonal mit Wanderhirten aus Dörfern außerhalb des Dschabals, entspricht also dem Transhumanz-System. Die Bewohner des Dschabals dagegen pflegen eine ganzjährige Beweidung, die nur unterbrochen wird, wenn das Vieh im Sommer zwischenzeitlich auf abgeerntete Weizen- und Gerstefelder getrieben wird. Im Winter wird zugefüttert. Alle Hirten haben freien Zugang zum Weideland, für das keine speziellen Eigentumsrechte bestehen und für das es auch keine öffentlichen Institutionen gibt, die die Beweidung organisieren. Der Vergleich von Satellitenaufnahmen der Jahre 1988 und 1995 zeigt eine starke Degradation der natürlichen Pflanzendecke, wofür auch die Überweidung verantwortlich ist. Dieser Prozess dauert weiterhin an. Er wird verstärkt durch ein Nachlassen der Niederschläge in den letzten Jahren.Changes suffered by the Mediterranean rangelands in the recent past: ICARDA’s experience PDF, 1,4 MB, aufgerufen am 23. November 2009. PDF, 277 kB, aufgerufen am 6. Dezember 2009. mini|Brach liegende Terrassen Mit der Zerstörung jesidischer Dörfer, der Umsiedlung ihrer Bewohner in Zentraldörfer außerhalb des Höhenzuges im Rahmen der irakischen Arabisierungspolitik und der damit einhergehenden Landflucht ist die angestammte jesidische Bauern- und Hirtenkultur untergegangen.Eugen Wirth: Agrarreform und ländliche Abwanderung im Irak. In: Erdkunde 36 (1982), S. 192–196.Irene Dulz: Die Yeziden im Irak – zwischen "Modelldorf" und Flucht. Studien zur Zeitgeschichte des Nahen Ostens und Nordafrikas, Band 8, Hamburg 2001, S. 54–59. Der Acker- und Gemüsebau innerhalb des Dschabal Sindschar dient heute großteils der Selbstversorgung. Die jesidischen Bauern, die in den Zentraldörfern wohnen, gelangen nur auf beschwerlichen Wegen zu ihren manchmal weit entfernten Nutzflächen im Innern des Höhenzuges. Sie betreiben die Land- und Weidewirtschaft oft nur mehr im Nebenerwerb. Sie pendeln in weit entfernte Städte, in denen sie Arbeit finden können, und kommen nur in mehrmonatigem Abstand zu den im Dschabal Sindschar oder in den Zentraldörfern verbliebenen Familien zurück.Eva Savelsberg, Siamend Hajo: Gutachten zur Situation der Jeziden im Irak. (PDF, 181 kB). Aufgerufen am 12. Februar 2018.
Rohstoffe Die großen Kalkstein- und Gipsvorkommen des Dschabal Sindschar sind die Grundlage für eine 1981 gegründete Zementfabrik, die 1985 den Betrieb aufgenommen hat und wegen der Kriege in der Region von Beginn an immer wieder außer Betrieb war. Sie liegt etwa 20 Kilometer östlich der Stadt Sindschar an der Fernstraße 715 Richtung Mossul. Das Rohmaterial stammt von den östlichen Ausläufern des Höhenzuges ().Iraqi cement focus. In: Global Cement. 24. Januar 2013 (englisch); Luke Coleman: Sinjar Cement Factory – The Cornerstone Of Redevelopment. In: Yalla Iraq. 12. Mai 2016.
Geschichte