mini|Schabbtai Zvi
Schabbtai Zvi, auch Sabbatai Zewi oder Schabbatai Zwi (, * 1626 in Smyrna, Osmanisches Reich, heute Türkei; † 16. September 1676 in Ülgün, Osmanisches Reich, heute Montenegro), war ein jüdischer Religionsgelehrter und als Messias der Begründer des nach ihm benannten Sabbatianismus.
Leben Herkunft und frühe Zeit Schabbtai Zvis Familie stammt ursprünglich wohl von der Peloponnes. Erst sein Vater Mordechai, hebr. מרדכי (gestorben 1653), zog nach Smyrna.Richard H. Popkin: Christian Jews and Jewish Christians in the 17th Century. In: R.H. Popkin und G.M. Weiner (Hrsg.): Jewish Christians and Christian Jews – From the Renaissance to the Enlightenment. Springer Science+Business Media, 1994, ISBN 0-7923-2452-8, S. 68. Sein Vor- und Nachname sowie seine Herkunft deuten auf einen romaniotischen (Italkim) Ursprung der Familie, nach anderen Quellen handelt es sich bei Schabbatai Zvi um einen selbst gewählten Namen, den er annahm, nachdem er den unaussprechlichen Namen Gottes, JHWH, gesprochen hatte. Die Angabe von Emanuel Frances, dass Schabbtai Zvis Vater aus einer in Deutschland ansässigen aschkenasischen Familie stamme, hält Gershom Scholem für wenig glaubhaft.Gershom Scholem: Sabbatai Ṣevi – The Mystical Messiah – 1626–1676, Princeton University Press, 1973, S. 106
Schabbtai wurde (wahrscheinlich) am Tischa beAv 5386 jüdischer Jahreszählung in Smyrna als zweiter von drei Söhnen eines Geflügelhändlers geboren. Bezüglich seines Geburtsdatums gibt es allerdings verschiedene Quellenangaben. Nathan von Gaza gibt das Jahr 5386 an. Man vermutet, dass er diese Information von Zvi selber erhalten hat. Eine andere Tradition behauptet, dass er im Jahr 5385 geboren sei.Gershom Scholem: Sabbatai Ṣevi – The Mystical Messiah – 1626–1676, Princeton University Press, 1973, S. 105 und 106 Zu Kindheit und Jugend gibt es keine gesicherten Informationen, ebenso wenig über seine Ausbildung. Vermutlich erhielt er eine traditionelle jüdische Bildung, zudem sprach er auch das Spanisch der in Smyrna zahlreichen Marranen, deren jüdische Identität häufig nicht gefestigt war nach der Rückkehr zum Judentum.Kaufmann Kohler, Henry Malter: Shabbethai Ẓebi B. Mordecai. In Isidore Singer (Hrsg.): The Jewish Encyclopedia. Funk & Wagnalls, New York 1901–1906, auf jewishencyclopedia.com
Zu seinen Lehrern gehörte der Kabbalist Josef Eskapa. Im 16. Lebensjahr begann er ein asketisches Leben, und es wird von einem Rabbi Isaac berichtet, der ihn dabei führte. Er wechselte häufig zwischen euphorischem und tief melancholischem Befinden. Verschiedene heutige Autoren beschreiben ihn daher als manisch-depressiv.Robert Haim Belmaker, Yuly Bersudsky: Bipolar Disorder: Mania and Depression. June 20, 2009 Discovery Medicine
Prophet und Kabbalist Im Jahre 1648, als während der ruthenischen Erhebung gegen die Herrschaft des ruthenischen beziehungsweise polnischen AdelsIn 1569 waren 97,3% Adligen Orthodoxen auf diese Gebiet, in 1648 waren 63,3%, wegen einer Annahme des Katholizismus durch ruthenischen Adligen , Henryk Litwin "Struktura Wyznaniowa Szlachty Kijowskiej w latach 1569-1648" Odrodzenie i Reformacja w Polsce 2004 Seite 213 in den ruthenischen Gebieten Polen-Litauens, unter Führung des Kosaken Bohdan Chmelnyzkyj in Pogromen bis zu 20.000 Juden in Osteuropa umgebracht wurden, erlebte Schabbtai eine Berufungsvision. Einigen Berichten zufolge erklärte er Freunden, er sei ein Prophet.
Zwischen 1651 und 1654 wurde er aus der jüdischen Gemeinde ausgeschlossen und musste Smyrna verlassen. Danach zog er nach Saloniki,Ingrid Nowotny: Saloniki und die sefardischen Juden. DAVID, Ausgabe 128, März 2021, auf davidkultur.at wo er ebenfalls ausgewiesen wurde, nachdem er die Gemeinde der Synagoge Kehal Schalom bei einem Bankett des Oberrabbinats mit einer Vorführung irritiert hatte, bei der er eine Torarolle unter einem Hochzeitsbaldachin „ehelichte“.Josef Kastein: Sabbatai Zewi. Der Messias Von Ismir. Ernst Rowohlt, Berlin 1930, auf archive.org Anschließend lebte er zwischenzeitlich in verschiedenen griechischen Städten. 1658 war Schabbtai in Konstantinopel, wo er weiter die Kabbala studierte und 1659 auch hier ausgewiesen wurde. Er kehrte mit Rabbi David Chabillo, einem Kabbalisten und Gesandten der Jerusalemer Juden, den er in Istanbul kennengelernt hatte, nach Smyrna zurück.
Jerusalem und Kairo / Heirat 1662 reiste Schabbtai Zvi über Kairo nach Jerusalem. Während seines Aufenthaltes in Jerusalem wurde die dortige jüdische Gemeinde im Jahre 1663 zur Zahlung einer großen Geldsumme gezwungen, die sie nicht aufbringen konnte. Ein Gesandter sollte in der wohlhabenden jüdischen Gemeinde Kairos Geld sammeln, um die Summe zahlen zu können. Die Wahl fiel auf Schabbtai Zvi, der das Wohlwollen des Anführers der ägyptischen Juden, Raphael Joseph Chelebi, gewinnen konnte. Er begann seine Reise gegen Ende des Jahres 1663 und blieb bis im Frühling 1665 in Kairo.
Am 31. März 1664 heiratete Schabbtai in dritter Ehe eine wohl aus Polen oder Litauen stammende Jüdin namens Sarah, nachdem er zuvor schon zwei Mal geheiratet hatte, ohne die Ehen zu vollziehen, und sich von beiden Frauen wieder hatte scheiden lassen. Seine dritte Frau scheint schon 1655 in Amsterdam von sich behauptet zu haben, sie werde den messianischen König heiraten. Möglicherweise ist es diese Aussage gewesen, die Schabbtai dazu bewog, sie zu heiraten. Von einigen Autoren wird sie als „geistig verwirrt“ geschildert. Michel Abitbol beschreibt sie in seinem Buch Histoire des juifs als Prostituierte, die sich aus religiöser Überzeugung dieser Tätigkeit hingab. In Markus Branns Jüdische Geschichte aus dem Jahr 1903 ist allerdings keine Rede davon: Die Vorstellung der Brautschaft Christi, also des Messias, war auch keineswegs ein Zeichen geistiger Verwirrung, sondern damals wie heute fester Bestandteil des Selbstverständnisses jeder christlichen Nonne, symbolisiert durch das Tragen des Nonnenrings. Laut Brann war Sarah nach gewaltsamer Trennung von ihrer Familie in Polen im Alter von sechs Jahren in ein Nonnenkloster gegeben worden und dort aufgewachsen. Unter ungeklärten Umständen kehrte sie später in Amsterdam zur jüdischen Gemeinschaft zurück und gelangte über Deutschland nach Livorno. Von dort ließ Schabbatai sie durch einen Vertrauten nach Kairo holen, nachdem er von ihrer Geschichte erfahren hatte. In Nachahmung des Propheten Hosea wollte Schabbtai Zvi eine Prostituierte heiraten. Diese Heirat brach erst den Bann und ebnete den Weg für die Gewinnung einer Anhängerschaft.
Messias Zum entscheidenden Ereignis wurde, als sich Schabbtai Zvi gegen Ende des Jahres 1664/Anfang 1665 vom rund zwanzig Jahre jüngeren Nathan Aschkenasi, einem Kabbalisten und Propheten in Gaza, eine geistliche Unterweisung (einen Tikkun) geben lassen wollte. Überraschenderweise teilte der bisher als lurianisch-orthodoxer Autor religiöser Abhandlungen nicht weiter auffällig gewordene Rabbi ihm mit, dass er keinen Tikkun benötige, da er der Messias sei. Dabei berief sich Nathan auf angebliche antike Dokumente, die er neu entdeckt habe und die seine Aussage stützen würden.
Nathan begann in seiner Veröffentlichung den anderthalb Jahrtausende alten Begriff des Messias stark umzudeuten, bewegte sich dabei aber immer innerhalb der hergebrachten kabbalistischen Grundlagen. Dabei formulierte er eine bis dahin dem Judentum vollkommen fremde Gottesmittlerschaft des Messias, die im Widerspruch zur unmittelbaren Beziehung zwischen Mensch und Gott stand, welche auch dem einzelnen Gläubigen stets die Last auferlegt, die Erlösung herbeizuführen. Nach Nathans Auffassung genügte für die Gläubigen inbrünstige emuna («Glaube, Vertrauen»), um das Universum zu erlösen.
Am 31. Mai 1665, während eines Aufenthaltes in Gaza, erklärte sich Schabbtai, ermutigt von Nathans Prophezeiungen und „Stimmen“, die dieser empfangen hatte, zum Messias. Zeichenhaft ernannte er zwölf Mitglieder der Gemeinde in Gaza zu Repräsentanten der zwölf Stämme Israels. Dies war der Beginn der messianischen Bewegung, die den Namen Schabbtais (auch bekannt als Sabbatianismus) tragen und die ganze jüdische Diaspora erschüttern sollte. Schabbtai Zvi legte sich nun auch königliche Titel zu und ließ sich von seinen Anhängern dementsprechend anreden.David Biale: Traditionen der Säkularisierung Jüdisches Denken von den Anfängen bis in die Moderne, Vandenhoeck & Ruprecht, 2015, ISBN 978-3-647-37038-5, S. 122 In Jerusalem bereiteten ihm seine Anhänger einen triumphalen Einzug, doch wurde er auf Betreiben der Rabbiner Jakob Hagiz und Jakob Tsemah ausgewiesen.
Verbreitung Zunächst erfasste die messianische Begeisterung Gaza und von dort ausgehend Hebron, Safed und Kairo. Wo es viele Vertreter der lurianischen Kabbala gab, wurde auch die Bewegung stark. Die Nachricht, der „Messias“ sei erschienen, muss recht schnell um sich gegriffen haben. Zum einen sandte Nathan Aschkenasi, der zum Theologen der Bewegung wurde, Briefe an andere Gemeinden, zum anderen verbreiteten Anhänger und Reisende die „gute Nachricht“, die, da sie aus dem Heiligen Land kam, als besonders glaubwürdig galt. Die Ausbreitung muss vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland und des großen Kosakenaufstandes unter Bogdan Chmielnicki gegen die ruthenischen beziehungsweise polnische OberschichtIn 1569 waren 97,3% Adligen Orthodoxen auf diese Gebiet, in 1648 waren 63,3%, wegen einer Annahme des Katholizismus durch ruthenischen Adligen, Henryk Litwin "Struktura Wyznaniowa Szlachty Kijowskiej w latach 1569-1648" Odrodzenie i Reformacja w Polsce 2004 Seite 213 gesehen werden, im Zuge dessen ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung Polen-Litauens Pogromen zum Opfer fiel.
Schabbtai zog nach Palästina. In Jerusalem, wo er mit den zwölf Vertretern der Stämme Israels erschien, um auf dem Tempelberg ein Opfer darzubringen, kam es zum Konflikt mit dem ortsansässigen Rabbinat. Schabbtais messianischer Anspruch wurde zurückgewiesen. Nachdem Schabbtai erfolglos versucht hatte, die muslimische Herrschaft herauszufordern, musste er Jerusalem verlassen. Über Safed, Damaskus und Aleppo kehrte er nach Smyrna zurück, wo er im Herbst 1665 ankam. Mittlerweile war er durch das Jerusalemer Rabbinat mit dem Bann belegt worden.
Smyrna und Konstantinopel Ab Frühjahr 1666 wieder in Smyrna, verhielt sich Schabbtai zunächst zurückhaltend. Auch in seiner Vaterstadt waren die Juden gespalten, wie man sich ihm gegenüber verhalten solle. Im Dezember tat Schabbtai Zvi den nächsten Schritt: Er besetzte die sephardische Synagoge. Eigenmächtig begann er mit der Aufhebung religiöser Gebote; so verlegte er beispielsweise den Schabbat auf den Montag oder rief Frauen zur Toralesung auf. Am 30. Dezember 1665 zog er begleitet von vier Rabbis Richtung Konstantinopel. Hatten die türkischen Behörden bisher ruhig reagiert, so schritten sie nun ein und setzten den „Messias“ und sein Gefolge fest, als er Anfang Februar 1666 in Konstantinopel ankam. Er kam in Gallipoli in eine Art Ehrenhaft, wo er Gesandte empfangen und Audienzen erteilen konnte. Seine nächsten Mitarbeiter waren seine Jugendfreunde Abraham Baruch und Chaim Penia, denen er Königreiche in der kommenden Welt versprochen hatte.
Die Amsterdamer Juden unter der Leitung ihres Großrabbiners Isaak Aboab de Fonseca zählten zu den leidenschaftlichsten Verteidigern Schabbtai Zvis. Von dort verbreiteten sich ihre Schriften nach Deutschland. Besonders im vom Dreißigjährigen Krieg verwüsteten Deutschland erfasste der messianische Taumel weite Teile der jüdischen Gemeinden:
Viele Juden saßen auf gepackten Koffern, es gab aber auch entschiedene Gegner des selbsternannten Messias. Diese versuchten ihn u. a. über seine Familienherkunft zu diffamieren. So wurde kolportiert, dass Schabbtai Zvis Vater ihn für ein Paar Schuhe verkauft habe und seine Mutter sich prostituiert habe, um den Lebensunterhalt zu verdienen.Gershom Scholem: Sabbatai Ṣevi – The Mystical Messiah – 1626–1676. Princeton University Press, 1973, S. 107.
Konversion und Ende