Die Soziologie im Nationalsozialismus bestand überwiegend aus empirischer Sozialforschung als Auftragswissenschaft. Die geisteswissenschaftliche Tradition der Disziplin verlor an Gewicht. Das lag einerseits an der Vertreibung bedeutender Sozialwissenschaftler in der Zeit des Nationalsozialismus, andererseits am Desinteresse der NS-Machthaber an akademisch begründeter „Legitimationsideologie“. Soziologische Theoriebildung zwischen 1933 und 1945 blieb insofern marginal. Es gab keinen Bedarf für eine „nationalsozialistische Soziologie“, obwohl sich „Volkstumssoziologen“ und Protagonisten des Ständestaats daran versuchten. Die empirische Sozialforschung erlebte hingegen einen Entwicklungsschub. Für sie wurde eine große Zahl von Soziologen akademisch und außeruniversitär für das Regime tätig. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten sich viele Fachwissenschaftler, die auch vor 1945 als Soziologen tätig gewesen waren, wieder im Wissenschaftsbetrieb etablieren. In der jungen Bundesrepublik wurde von einflussreichen Vertretern der Disziplin bestritten, dass es im Dritten Reich überhaupt eine Soziologie gegeben habe. Die Behauptung von der Abwesenheit der Soziologie im Nationalsozialismus dominierte viele Jahre lang die Fachgeschichte und wird vereinzelt noch aktuell aufrechterhalten.

Akademische Soziologie in der Weimarer Republik mini|hochkant|Ferdinand Tönnies, von 1909 bis 1933 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

In den letzten Jahren des Deutschen Kaiserreichs war die Soziologie noch keine eigenständige Wissenschaft, obwohl an soziologischen Fragen interessierte Wissenschaftler schon 1909 die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) gegründet hatten. Professuren für Soziologie gab es nur in Verbindung mit anderen Fächern.Jürgen Habermas: Soziologie in der Weimarer Republik. In ders.: Texte und Kontexte. 2. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-518-28544-0, S. 184–204, hier S. 187. Unter den „Gründervätern“ der deutschen Soziologie waren Professoren für Nationalökonomie (Max Weber), für Wirtschaftliche Staatswissenschaften (Ferdinand TönniesAls solcher ließ er sich 1916 emeritieren, kehrte aber 1921 an die Universität Kiel zurück und lehrte nur noch Soziologie.) und für Philosophie (Georg Simmel). Erst in der Weimarer Republik erlebte die Soziologie als selbständige Disziplin einen „Akademisierungsschub“:Jürgen Habermas: Soziologie in der Weimarer Republik. In: ders.: Texte und Kontexte. 2. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-518-28544-0, S. 184–204, hier S. 188. Erste Lehrstühle und Institute wurden eingerichtet. In dieser Zeit wurde auch „eine erhebliche kognitive Differenzierung innerhalb des Fachs in Gang“ gesetzt.Jürgen Habermas: Soziologie in der Weimarer Republik. In: ders.: Texte und Kontexte. 2. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-518-28544-0, S. 184–204, hier S. 191. Intensive Debatten darüber, was denn Soziologie sei, waren die Folge. Helmut Schelsky urteilt über die Soziologie der Weimarer Jahre: „Die Gefahr, der man hier erlag, bestand darin, das Wesen der Soziologie allgemein bestimmen zu wollen, ohne sie gleichzeitig zu treiben; ihren Umfang und ihre Methoden festzulegen, ohne dabei an der Sache und den Gegenständen selbst zu bleiben.“Helmut Schelsky: Ortsbestimmung der deutschen Soziologie. Diederichs, Düsseldorf/Köln 1959, S. 7.

mini|hochkant|Max Weber, sein Werturteilspostulat prägte die Soziologie der Weimarer Republik

Laut Silke van Dyk und Alexandra Schauer war die Soziologie in der Weimarer Republik bis auf wenige Ausnahmen „durch ein rein formalistisches, a-historisches, von den realen gesellschaftlichen und politischen Ereignissen weitgehend unberührtes Wissenschaftsprogramm geprägt.“Silke van Dyk, Alexandra Schauer: »… daß die offizielle Soziologie versagt hat«. Zur Soziologie im Nationalsozialismus, der Geschichte ihrer Aufarbeitung und der Rolle der DGS. 2. Auflage. Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-658-06636-9, S. 23. Der auf Max Weber und Werner Sombart zurückgehende Werturteilsparagraph aus der Gründungs-Satzung der DGS, in der ein rein wissenschaftlicher Charakter der Soziologie postuliert und die „Vertretung irgendwelcher praktischen (ethischen, religiösen, politischen, ästhetischen usw.) Ziele“ abgelehnt wurde,Zitiert nach Silke van Dyk, Alexandra Schauer: »… daß die offizielle Soziologie versagt hat«. Zur Soziologie im Nationalsozialismus, der Geschichte ihrer Aufarbeitung und der Rolle der DGS. 2. Auflage. Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-658-06636-9, S. 23. war 1924 zwar gestrichen worden, doch die wissenschaftliche Entpolitisierung selbst aktuellster Themen blieb Ziel der einflussreichen DGS-Führung um Ferdinand Tönnies und Leopold von Wiese. Diese Haltung prägte auch die Soziologentage der Weimarer Jahre mit wenigen Ausnahmen.So wurden auf dem 6. Deutsche Soziologentag in Zürich im September 1928 neben kultur- und ethnosoziologischen Themen u. a. Fragen der Stadt-Land-Wanderung und des Zuwachses der städtischen Arbeitslosigkeit, der sozialen Folgen internationaler Migration, des proletarischen Klassenbewusstseins und der Monopolisierung der „Weltdeutung“ durch mächtige Interessengruppen diskutiert. Im örtlichen Organisationsausschuss waren hochrangige Vertreter der Finanzwirtschaft präsent. Siehe Verhandlungen des Sechsten Deutschen Soziologentages in Zürich. J.C.B. Mohr, Tübingen 1929 und die Einladung zum Soziologentag.

Der 3. Soziologentag in Jena hatte 1922 das Thema „Das Wesen der Revolution“Die folgende Kurzdarstellung der Soziologentage beruht, wenn nicht anders belegt, auf: Silke van Dyk, Alexandra Schauer: »… daß die offizielle Soziologie versagt hat«. Zur Soziologie im Nationalsozialismus, der Geschichte ihrer Aufarbeitung und der Rolle der DGS. 2. Auflage. Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-658-06636-9, S. 30 ff. und war auf eine sehr abstrakte Kontroverse zwischen Beziehungslehre (von Wiese) und marxistischer Soziologie (Max Adler) zugespitzt, wobei Adler in einer Minderheitsposition blieb. Der 4. Soziologentag in Heidelberg hatte 1924 zwei Schwerpunktthemen: „Soziologie und Sozialpolitik“ sowie „Wissenschaft und Sozialstruktur“. Die Hauptreferenten Ludwig Heyde und Adolf Günther argumentierten auf Basis der Beziehungslehre, Adler vertrat wieder allein eine Gegenposition. Der 5. Soziologentag in Wien stand 1926 unter dem Motto „Das Wesen der Demokratie“, Hauptreferenten waren Hans Kelsen und Tönnies. Bei diesem Kongress spielten, im Gegensatz zu seinen Vorgängern, Beobachtungen der realen politischen Entwicklung eine Rolle, Referate und Diskussionsbeiträge vermittelten einen pessimistischen Eindruck und waren von Demokratieskepsis getragen. Othmar Spann und Sombart präsentierten in ihren Tagungsbeiträgen kulturwissenschaftliche Ansätze. Insgesamt erschien die Wiener Tagung dem DGS-Präsidenten Tönnies nicht werturteilsfrei genug. In seinem Schlusswort monierte er: „Ich möchte, dass akademischer verhandelt würde.“Zitiert nach Silke van Dyk, Alexandra Schauer: »… daß die offizielle Soziologie versagt hat«. Zur Soziologie im Nationalsozialismus, der Geschichte ihrer Aufarbeitung und der Rolle der DGS. 2. Auflage. Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-658-06636-9, S. 36. Der 6. Soziologentag in Zürich hatte 1928 das Thema „Konkurrenz“ und stand ganz im Zeichen des Neuerers Karl Mannheim. Nachdem von Wiese im Hauptreferat „Konkurrenz“ aus der formalsoziologischen Perspektive seiner Beziehungslehre beleuchtet hatte, präsentierte der 35-jährige Mannheim bei der Erörterung des Tagungsthemas Elemente seiner Wissenssoziologie, was ihm viel Lob einbrachte und der Soziologie neue Wege wies. Von denen war schon auf dem 7. Soziologentag 1930 in Berlin nicht mehr die Rede. Der letzte DGS-Kongress vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten galt dem Thema „Presse und öffentliche Meinung“, wobei die Beziehungen zwischen Presse und Politik sowie zwischen Presse und Großkapital nur sehr allgemein und einmal mehr unter Rückgriff auf die Beziehungslehre diskutiert wurden.

Der 8. Soziologentag war seit 1931 in Planung, er sollte 1933 mit dem Hauptthema „Bürokratie“ in Kiel stattfinden. Tönnies und sein geschäftsführender Schriftführer von Wiese ließen sich durch die im Januar 1933 erfolgte radikale Veränderung der politischen Verhältnisse nicht von ihrem Vorhaben abbringen und gaben das Programm für den Soziologentag vom 20. bis 22. April in Druck. Wegen zahlreicher Absagen und Vertagungswünsche fand der Kongress jedoch nicht statt. Die in diesen Kongress-Planungen aufscheinende Ignoranz gegenüber den politischen Umwälzungen war, so van Dyk und Schauer, „seinerzeit nicht nur für den DGS-Vorstand kennzeichnend, sondern für die ganze institutionalisierte Soziologie. Im hohen Grade formalistisch und mit hohem Abstraktionsgrad argumentierend beschäftigte sich Anfang der 1930er Jahre kaum ein deutscher Soziologe mit der Wirtschaftskrise, der rasant wachsenden Arbeitslosigkeit oder dem aufkommenden Faschismus.“Silke van Dyk, Alexandra Schauer: »… daß die offizielle Soziologie versagt hat«. Zur Soziologie im Nationalsozialismus, der Geschichte ihrer Aufarbeitung und der Rolle der DGS. 2. Auflage. Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-658-06636-9, S. 39 f. Wolf Lepenies urteilt über die deutschen Soziologen der Zwischenkriegszeit: „In schmerzende Selbstbewußtheit verstrickt, sprachen sie mehr über sich selbst als über die deutsche Gesellschaft ihrer Zeit und die wahrhaft dramatischen Wandlungen, die diese durchlief.“Wolf Lepenies: Die drei Kulturen. Soziologie zwischen Literatur und Wissenschaft. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-596-15518-5, S. 407 f. Sven Papcke merkt an, dass die Bedrohung durch den Nationalsozialismus allenfalls von Außenseitern und Nachwuchskräften des Faches zum Ausdruck gebracht wurde.Sven Papcke: Weltferne Wissenschaft. Die deutsche Soziologie der Zwischenkriegszeit vor dem Problem des Faschismus/Nationalsozialismus. In: ders. (Hrsg.): Ordnung und Theorie. Beiträge zur Geschichte der Soziologie in Deutschland. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1986, ISBN 3-534-09098-5, S. 168–222, hier S. 203. Die Soziologie insgesamt habe „in der Zwischenkriegszeit an dieser Bewegung vorbeigeforscht, bis sie von ihr vereinnahmt und ‚gesäubert‘ wurde (…)“Sven Papcke: Weltferne Wissenschaft. Die deutsche Soziologie der Zwischenkriegszeit vor dem Problem des Faschismus/Nationalsozialismus. In: ders. (Hrsg.): Ordnung und Theorie. Beiträge zur Geschichte der Soziologie in Deutschland. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1986, ISBN 3-534-09098-5, S. 168–222, hier S. 192.

Entlassungen, Verfolgung und Emigration