mini|Freude – eine angeborene Emotion mit stammesgeschichtlichem Hintergrund

Die Evolutionäre Emotionsforschung ist ein Ende der 1980er Jahre entstandenerDer wegweisende Aufsatz Evolutionary Explanations of Emotions von Randolph M. Nesse (siehe Literaturverzeichnis am Ende dieses Artikels) ging am 22. November 1989 bei der US-amerikanischen Fachzeitschrift Human Nature ein. Zweig der Evolutionären Psychologie (Evolutionspsychologie), der fast ausschließlich in den Vereinigten Staaten praktiziert wird.Ungeachtet dessen hat sich im angloamerikanischen Sprachraum noch keine einheitliche Bezeichnung für diesen Wissenschaftszweig durchgesetzt. In den einschlägigen Publikationen ist z. B. von „evolutionary psychology of emotions“, „evolutionary approach in the study of emotions“, „evolutionary perspectives on emotions“ oder „evolutionary explanations of emotions“ die Rede. Er geht von der Prämisse aus, dass angeborene (endogene) und damit erbliche Emotionen des Menschen ein Ergebnis der Evolution seien, und erklärt das Wirken der Emotionen im heutigen Menschen (Homo sapiens) mit dem Zweck, den die betreffenden Emotionen in der stammesgeschichtlichen Vergangenheit des Menschen hatten.Genau genommen sind mit der Formulierung „angeborene Emotionen“ nur die Erbanlagen (Gene), die den Menschen zum Empfinden von Emotionen befähigen, gemeint.

Besondere Bedeutung hat die Evolutionäre Emotionsforschung bei der Erklärung von Emotionen, deren Auswirkungen sich in sogenannten „zivilisierten Gesellschaften“ als schädlich oder destruktiv erweisen.

Zu den Hauptvertretern der Evolutionären Emotionsforschung zählen der US-amerikanische Evolutionspsychologe David M. Buss und der US-amerikanische Evolutionsmediziner Randolph M. Nesse.

Hinweis: Alle weiteren Ausführungen in diesem Artikel beziehen sich nur auf angeborene Emotionen.

Zentrale These Gemäß der Evolutionären Emotionsforschung haben sich angeborene Emotionen im Laufe der Stammesgeschichte durch das Zusammenwirken von Evolutionsfaktoren (v. a. Mutation, Rekombination und Selektion) zu ihrer heutigen Form entwickelt. Dies geschah, weil die Emotionen (bzw. die aus ihnen resultierenden Verhaltensweisen) ihren Akteuren oder deren Verwandten Überlebens- und Fortpflanzungsvorteile – allgemein: Selektionsvorteile – boten, während Artgenossen das Nachsehen hatten, die diese Emotionen z. B. generell nicht empfinden konnten (Apathie, Indolenz), in Situationen, in denen die Emotionen von Vorteil gewesen wären, zu schwach oder gar nicht empfanden (Alexithymie, Anhedonie) oder (zu stark) empfanden, obwohl die Emotionen (in dieser Stärke) in den betreffenden Situationen von Nachteil waren (z. B. bei affektiven Störungen wie Phobien, Manien, Depressionen).

Bedeutung der Soziobiologie Einen besonderen Stellenwert für die Evolutionäre Emotionsforschung hat die Soziobiologie, da sie bei der Bewertung des Nutzens von Verhaltensweisen auch die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Individuen berücksichtigt. Der „Wert“ einer Emotion ergibt sich somit zum einen aus den Folgen, die eine Emotion (bzw. das daraus resultierende Verhalten) für das Überleben und die Fortpflanzung des Lebewesens selbst hat, zum anderen aus den Folgen, die das Verhalten auf verwandte Lebewesen (z. B. Nachkommen) hat, die ebenfalls einen Anteil der Gene des Lebewesens in sich tragen.

Parallelen zu anderen Wissenschaften Die Evolutionäre Emotionsforschung versteht sich als Parallele zu anderen, meist biologischen Wissenschaftsdisziplinen (z. B. Morphologie, Physiologie, Verhaltensbiologie), die die Strukturen, Funktionen und Verhaltensweisen von Lebewesen schon seit dem 19. Jahrhundert als Ergebnisse der Evolution betrachten und deuten. Besonders eng sind die Parallelen zum evolutionären Ansatz in der Kognitionsforschung, der den evolutionstheoretischen Ansatz auf den Wahrnehmungsapparat der Lebewesen anwendet (Evolutionäre Erkenntnistheorie).

Abgrenzung zu verwandten Forschungsgebieten Im Gegensatz zur Verhaltensforschung, die das Verhalten (z. B. die Kommunikation) von Lebewesen studiert, konzentriert sich die Emotionsforschung auf die „hinter“ den Verhaltensweisen stehenden Emotionen. Dies gilt auch für die nonverbale Kommunikation (z. B. angeborene Formen von Mimik und Körpersprache), bei der Lebewesen ihre Emotionen äußern bzw. die Emotionen anderer Lebewesen erkennen und verstehen. Forschungen über evolutionsbiologische Aspekte nonverbaler Kommunikation zählen daher zur Verhaltensforschung und sind kein Bestandteil der Evolutionären Emotionsforschung (vgl. auch den Begriff „Ausdrucksverhalten“).

Methodische Probleme Die Aussagen der Evolutionären Emotionsforschung sind mit einigen Problemen bei der Erkenntnisgewinnung verbunden:

Die einem Verhalten zugrunde liegende Emotion lässt sich oft nur indirekt erschließen, z. B. durch eine Beobachtung von Gesichtsausdruck (Mimik) und Körpersprache oder durch eine nachträgliche Befragung des Akteurs (mit allen damit verbundenen Problemen der Verzerrung und Verfälschung, wie Rationalisierung, Vergessen, Beschönigen usw.).

Menschliches Verhalten ist nur zum Teil von Emotionen geleitet. Viele Verhaltensweisen sind auch von der Vernunft (Ratio) geleitet. Welchen Anteil Emotionen bzw. vernünftige Überlegungen in einem konkreten Verhalten haben, lässt sich im Einzelfall oft schwer bestimmen.

Selbst wenn ein Verhalten stark emotionsgeleitet ist, herrscht in der Emotionsforschung möglicherweise keine Übereinstimmung darüber, ob die betreffende Emotion überhaupt angeboren ist oder ob sie im Laufe des Lebens erworben wird (vgl. Diskussion der Basisemotionen).

Die allgemeine Evolutionsforschung bedient sich zur Untermauerung ihrer Theorien zahlreicher materieller Indizien, etwa aus der Morphologie (Körperbau), der Physiologie (Funktionen), der Verhaltensbiologie, der Paläontologie (Fossilien) und der Embryonalentwicklung. Wegen der Immaterialität von Emotionen stehen der Evolutionären Emotionsforschung die meisten dieser Indizien nicht zur Verfügung – ein Problem, das sich auch dem evolutionstheoretischen Ansatz in der Verhaltensforschung stellt. Eine Ausnahme bilden paläoanthropologische Befunde (z. B. Bestattungsplätze archaischer Gesellschaften), die manche Rückschlüsse auf menschliche Verhaltensweisen und deren mutmaßliche emotionale Hintergründe zulassen.

Ungeachtet der Frage, welche Emotionen angeboren und welche erworben sind, besteht doch Übereinstimmung darüber, dass der Mensch mit angeborenen Emotionen auf die Welt kommt. Die Fähigkeit, diese Emotionen zu empfinden, ist also in den Erbanlagen (Genen) hinterlegt. Daraus folgt, dass die Gene, die dem Menschen das Empfinden dieser Emotionen ermöglichen, wie andere Gene auch, aus der Stammesgeschichte hervorgegangen sind, wo sie den Regeln und Prinzipien der Evolution unterlagen. Aussagen der Evolutionären Emotionsforschung resultieren daher aus einer Übertragung von Erkenntnissen aus anderen Bereichen der Evolutionsforschung auf das Gebiet der Emotionsforschung (Analogieschlüsse), ohne sich im strengen Sinne beweisen (verifizieren) oder widerlegen (falsifizieren) zu lassen.

Würdigung Trotz dieser methodischen Probleme wäre es unklug, auf die Evolutionäre Emotionsforschung zu verzichten. Deren evolutionstheoretische Begründungen sind oft die einzigen oder zumindest die plausibelsten Deutungen von menschlichen Verhaltensweisen bzw. der ihnen mutmaßlich zugrunde liegenden Emotionen, deren Sinn sich anderenfalls nur schwer oder gar nicht erschließen würde. (Beispiele finden sich im Abschnitt „Evolutionstheoretische Deutungen von Emotionen“ dieses Artikels.)

Die größte Bedeutung haben Interpretationen der Evolutionären Emotionsforschung bei Verhaltensweisen, die impulsiv und spontan (als plötzliche, weitgehend unüberlegte Reaktion auf einen Impuls) getätigt oder stark affektgesteuert sind (vgl. Affekttat). Bei diesen Verhaltensweisen (z. B. Morden) heißt es in der Schilderung des Hergangs oft, dass diese „aus niederen Beweggründen / Motiven / Instinkten“ oder „im Affekt“ begangen wurden.Das hohe öffentliche Interesse an solchen Themen dürfte auch erklären, warum Bücher von Vertretern der Evolutionären Verhaltensforschung oft in Verlagen mit populärwissenschaftlichem Sortiment erscheinen.

Argumentationskette Die Theorie der Evolutionären Emotionsforschung besteht aus folgender Argumentationskette: Ein Lebewesen nimmt eine Situation wahr (Kognition), deutet sie (Interpretation) und bewertet sie (Evaluation). Die Bewertung hat einen vernunftmäßigen (d. h. rationalen) und einen gefühlsmäßigen (d. h. emotionalen) Anteil. Die Richtung der Emotion (angenehm bzw. unangenehm) signalisiert, ob die Situation, so wie sie vom Lebewesen interpretiert wurde, für das Lebewesen oder seine Verwandten von Vorteil oder von Nachteil ist. Die Stärke der Emotion spiegelt die Bedeutung der Situation für das Überleben bzw. die Fortpflanzung des Lebewesens oder seiner Verwandten wider. Das Lebewesen reagiert auf das Ergebnis der Evaluation mit einem bestimmten Verhalten. Emotionen haben somit eine verhaltenssteuernde Funktion: Angenehme Emotionen bestärken das Lebewesen, in der aktuellen Situation zu verweilen bzw. auf eine Erhaltung der aktuellen Situation hinzuwirken. Unangenehme Emotionen bestärken das Lebewesen, sich von der aktuellen Situation abzuwenden oder auf eine Beendigung der aktuellen Situation hinzuwirken. Die Emotionen lösen z. B. ein Aversions- oder Fluchtverhalten zur Vermeidung der unangenehmen Situation bzw. die gezielte Suche nach einer angenehmen Situation aus. Im Nachhinein erweist sich, ob und inwieweit das von der Emotion ausgelöste Verhalten eine angemessene (adäquate, geeignete, passende) Reaktion auf die Situation war oder nicht. Das Verhalten war umso angemessener, je mehr es zum Überleben oder FortpflanzungserfolgAnzahl an fortpflanzungsfähigen Nachkommen der nächsten Generation des Lebewesens oder seiner Verwandten beitrug. Ein in Bezug auf die Situation unangemessenes Verhalten aufgrund einer „falschen“, ausbleibenden, zu schwachen oder zu starken Emotion kann das Lebewesen oder seinen Verwandten im ungünstigsten Fall das Leben kosten bzw. seine Fortpflanzung verhindern. Die tendenziell größten Chancen, seine Gene, die das Empfinden einer bestimmten Emotion ermöglichen, an die nächste Generation zu vererben, hat ein Lebewesen, wenn es eine angenehme Emotion (z. B. Wohlbehagen, Lust, Euphorie) umso intensiver empfindet, je vorteilhafter die Situation für das Überleben bzw. die Fortpflanzung des Lebewesens oder seiner Verwandten ist, bzw. eine unangenehme Emotion (z. B. Angst, Hunger, Langeweile) umso intensiver empfindet, je nachteiliger die Situation für das Überleben bzw. die Fortpflanzung des Lebewesens oder seiner Verwandten ist, und auf die Emotion mit einem Verhalten reagiert, das der Situation angemessen ist. Mit der Vererbung der Gene an die nächste Generation wird jener die Chance geboten, an den Überlebens- und Fortpflanzungserfolg der Elterngeneration anzuknüpfen, sofern sich das durch Kognition, Interpretation und Evaluation ausgelöste Verhalten weiterhin als situationsadäquat erweist.

Hinsichtlich der oben genannten Punkte ist Folgendes zu beachten: Eine angeborene Emotion wird nicht durch ein einzelnes Gen (z. B. ein „Angst-Gen“) repräsentiert. Das Objekt der natürlichen Auslese ist weder die einzelne Emotion noch das emotionale „Repertoire“ eines Lebewesens, sondern der Phänotyp des Lebewesens, d. h. die Gesamtheit seiner morphologischen, physiologischen, Verhaltens- und psychologischen Merkmale. In diesem komplexen Gefüge spielen Emotionen eine wichtige, aber nicht die einzige Rolle. Eine Emotion ist stets nur einer von mehreren Bestandteilen der oben beschriebene Kette „Situation → Kognition → Interpretation → Evaluation (mit Vernunft und Emotion) → Verhalten“. Diese Kette hat häufig keinen starren, zwingenden (deterministischen) Verlauf (Reflex), sondern weist in vielen Fällen beträchtliche Freiheitsgrade auf.