Die Reserve Bank of India (RBI; Hindi: , ) ist die Zentralbank von Indien und verantwortet die Geld- und Währungspolitik für die indische Rupie. Sie wurde am 1. April 1935 als Aktiengesellschaft auf Basis des Reserve Bank of India Act von 1934 gegründet. Nach der Verstaatlichung 1949 nahm sie bis in die 1990er Jahre zahlreiche delegierende Funktionen in der indischen Volkswirtschaft wahr. In den 1990er Jahren wandelte sich die Rolle der in Mumbai residierenden Reserve Bank von einer delegierenden Staatsbank hin zu einer Zentralbank, die den Entwicklungsprozess der sich öffnenden indischen Volkswirtschaft begleiten soll.
Geschichte Gründung Überlegungen zur Gründung einer indischen Zentralbank hatte es schon zur Zeit der Britischen Ostindien-Kompanie gegeben. Im 19. Jahrhundert wurden jeweils Banken für die drei Präsidentschaften gegründet: die (1806 als ), die (1840) und die (1843). Überlegungen zur Fusion dieser drei Regionalbanken kamen erneut auf, als das () im Jahr 1899 die Insuffizienzen des Bankenwesens in Britisch-Indien aufzeigte, insbesondere die stark fluktuierenden Zinssätze. Im Januar 1921 wurden die Banken der drei Präsidentschaften zu einer einzigen Bank, der fusioniert. In Indien machte die Entwicklung des Geldmarktes nach dem Ersten Weltkrieg die Gründung einer Zentralbank notwendig, um wirtschaftlichen Schwierigkeiten und dem Zusammenbruch von Währungen in einer Reihe von Staaten begegnen zu können.Kisch, 1949, S. 436. Ein starkes wirtschaftliches Wachstum und damit verbundene steigende Anforderungen an den Finanzsektor waren weitere Herausforderungen, so dass im Jahr 1925 die (auch: ) eingesetzt wurde. Diese Kommission empfahl die Einrichtung einer unabhängigen Institution, die mit allen Aufgaben, die zur Sicherstellung der monetären Stabilität in Indien nötig waren, betraut werden sollte. Zwei Gesetzesentwürfe () in den Jahren 1927 und 1928 zur Schaffung einer indischen Zentralbank stießen auf Kritik und Widerstände in der Legislative und kamen nicht zur Entscheidung. Ein neuer Entwurf () passierte alle gesetzgeberischen Hürden und wurde mit der Unterschrift des Generalgouverneurs und Vizekönigs Freeman Thomas am 6. März 1934 in Kraft gesetzt.Shirras, 1934, S. 258.
Auf der Grundlage der Planungen gründete sich das , das sich bereits am 14. Januar 1935 erstmals getroffen hatte; die als Institution wurde allerdings erst am 1. April desselben Jahres offiziell gegründet.History of the Reserve Bank of India, S. 122 Die gesetzliche Grundlage für diese Gründung bildete der . Der Hauptsitz der Bank war zunächst in Kalkutta, wurde aber 1937 nach Bombay (heute Mumbai) verlegt.
1935–1950 In den ersten Jahren war die RBI eine Aktiengesellschaft, wodurch die weitgehende Unabhängigkeit von der jeweils amtierenden Regierung gewährleistet werden sollte. Weiterhin sollten bürokratische Begrenzungen für die unternehmerische Dynamik im privatwirtschaftlichen Sektor Indiens vermieden werden.Bernhard Wolf: Zur Bedeutung der finanziellen Infrastruktur in Entwicklungsländern. Duncker & Humblot, Berlin 1984, S. 123, ISBN 3-428-05578-0. Die Bank begann ihre Tätigkeit durch die Übernahme von Funktionen, die bis dahin von der Währungsabteilung der Regierung und von der Imperial Bank of India durchgeführt worden waren. Das war zum einen die Verwaltung der Regierungskonten, und zum anderen wird seitdem das Managen der Zahlungsvorgänge der Zentralregierung über die RBI abgewickelt, ohne diese mit Zinszahlungen oder -forderungen zu beeinflussen.Narenda Jadhav, Partha Ray, Dhritidyuti Bose, Indranil Sen Gupta: The Reserve Bank Of India’s Balance Sheet: Analytics and Dynamics of Evolution, November 2004, S. 16.
In dieser frühen Phase der Reserve Bank war vor allem ihre Rolle als Bank des Staates gefragt, was mit den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges zusammenhing. Diese Funktion in der englischen Kolonialverwaltung führte dazu, dass die RBI die Kriegsausgaben der Alliierten mitfinanzierte. Das Resultat war ein großes Geldmengenwachstum gegen Devisen. Im Jahr 1938 gab die RBI ihre ersten Banknoten aus. Nach der Unabhängigkeit Indiens von der britischen Kolonialherrschaft 1947, erfolgte zu Beginn des Jahres 1949 die Verstaatlichung der Bank.
1950–1960 Nach der Unabhängigkeit Indiens sollte im Land eine sozialistische Planwirtschaft aufgebaut werden. Der erste Fünfjahresplan aus dem Jahr 1951 betonte vor allem die zentrale Bedeutung der ländlichen Regionen für die nationale Wirtschaft. Die Geschäftsbanken waren nicht mit genügend Mitteln ausgestattet, um die Entwicklung in der Landwirtschaft finanziell zu unterstützen, und wurden vielfach nationalisiert.Beth Anne Wilson und Geoffrey N. Keim: India and the Global Economy in Business Economics, January 2006, S. 29. Daher empfahl das All India Rural Credit Survey Committee die Formierung einer staatlich gestützten Bank. Im Juli 1955 wurde somit die Imperial Bank of India in eine staatliche Bank überführt, die State Bank of India.
Auf Basis des Banking Companies Act, 1949 (später umbenannt in Banking Regulation Act) wurde in den 1950er Jahren mit der Bankenaufsicht für Geschäftsbanken eine wichtige Säule der RBI aufgebaut. Dadurch wurde die RBI mit der Aufsicht und Stärkung des bis dahin schwachen und intransparenten Bankensystems betraut. In dieser Zeit kam der RBI aber auch eine wichtige Aufgabe im Rahmen der Geldpolitik zu, da sie dafür verantwortlich war, die nötigen finanziellen Mittel für den Aufbau der Wirtschaft bereitzustellen.
1960–1969 Das Scheitern mehrerer Banken zu Beginn der 1960er Jahre machte die Notwendigkeit der Einführung einer Einlagensicherung deutlich, welche am 7. Dezember 1961 in Indien eingeführt wurde. Dies sollte das Vertrauen der Anleger in das Bankensystem stärken und zur Verbesserung der Stabilität und zum Wachstum des Bankensektors beitragen. Die RBI wurde im Jahre 1962 durch Änderung des RBI Act dazu ermächtigt, Informationen über die von den Banken garantierten Fazilitäten zu sammeln.Chronology of Events, Institution Building- 1960 to 1971 (RBI)
Die 1960er Jahre waren zudem von der Gründung von staatlich kontrollierten Institutionen geprägt, die langfristige Mittel für die Wirtschaft bereitstellen sollten. Dies war u. a. die Agriculture Refinance Corporation, welche den Geschäftsbanken Refinanzierungsmöglichkeiten bereitstellte und die Unit Trust of India, die Möglichkeiten für Kapitalbeteiligungen für Kleininvestoren schuf. Die Gründung dieser Institutionen wurde von der Etablierung des Schlagworts Developing Banking begleitet und hatte die Förderung der Wirtschaft Indiens zum Ziel.Ananya Mukherjee Reed: Corporate Governance Reforms in India in Journal of Business Ethics, Volume 37, Number 3 / May, 2002, S. 253. Indira Gandhi errang bei den Wahlen 1966 einen Sieg und leitete nach einer Übergangsphase eine Restrukturierung des Finanzsektors ein.
1969–1985 Die indische Regierung verstaatlichte 1969 vierzehn und 1980 sechs Kreditinstitute. Die Gandhi-Administration und ihre Nachfolger regulierten diesen Wirtschaftszweig in den 1970er und 1980er Jahren stark. Die Zentralbank übernahm zahlreiche Funktionen als zentraler Akteur der Bankenlandschaft. Die Kontrolle der Zinssätze, Mindestreserven und Sichteinlagen wurde neu ausgerichtet.Sunil Kumar, Rachita Gulati: Did efficiency of Indian public sector banks converge with banking reforms? in Int Rev Econ (2009) 56:47–84, S. 47–48. Die Maßnahmen zielten auf eine Verbesserung der wirtschaftlichen Entwicklung, was in Abstimmung mit den politischen Vorgaben der Regierung durchgeführt wurde. Diese Interventionspolitik griff tief in die Geschäftspolitik der Branche ein und lenkte Kredite in ausgewählte Wirtschaftssektoren wie die Landwirtschaft und das Kleingewerbe.Demetriades; Luintel, 1996, S. 360. Um das Filialnetz auszuweiten, wurden Banken zudem gezwungen, für jede neue Niederlassung in einer Stadt zwei Niederlassungen in ländlichen Regionen aufzubauen.Alpana Killawala: “History of The Reserve Bank of India – Summary”, Reserve Bank of India Press Release, 18. März 2006 (RBI), (.pdf; 120 kB)
Die Ölkrise im Jahr 1973 hatte durch den drastischen Anstieg des Ölpreises Auswirkungen auf die Arbeit der RBI. Um die damit verbundene Inflation zu regulieren, sah sich die RBI gezwungen, im Rahmen der Geldpolitik einige restriktive Maßnahmen zu ergreifen, die den Geldumlauf einschränken sollten.Balance Sheet (2004), S. 40.
1985–1991 Die Jahre 1985 bis 1991 waren von der Gründung zahlreicher Kommissionen geprägt, die Untersuchungen auf den unterschiedlichsten Gebieten der Wirtschaft vornahmen und damit die Arbeit der RBI beeinflussten. Dies waren beispielsweise das Board for Industrial and Financial Reconstruction, das Indira Gandhi Institute of Development Research oder das Security & Exchange Board of India. Während sich die beiden ersteren eher mit der Untersuchung der Wirtschaft im Allgemeinen auseinandersetzten, ging es dem Security & Exchange Board of India vor allem darum, ein System zur Verbesserung der Sicherheit der Märkte und des Investorenschutzes zu entwickeln. Real entsprach der indische Finanzsektor in den Jahren vor der Reform dem klassischen Bild einer "financial repression" (Mackinnon und Shaw).Sunil Kumar, Rachita Gulati: Did efficiency of Indian public sector banks converge with banking reforms? in Int Rev Econ (2009) 56:47–84, S. 48.
Es wurden weitere Institutionen gegründet, die eine Ausweitung der Aufgaben im Bankensektor zur Folge hatten. So begann im April 1988 das Discount and Finance House of India seine Geschäfte auf dem Geldmarkt und im Juli des gleichen Jahres öffnete die National Housing Bank, die auf dem Gebiet der Immobilienfinanzierung tätig war. Durch ein Gesetz aus dem Jahr 1988 wurde auch das Schecksystem in Indien stark ausgebaut. Das Gesetz sollte durch Strafen auf den Missbrauch von Schecks die Bezahlung per Scheck fördern.Chronology of Events, Developing the Markets: Seeds of Liberalisation- 1985 to 1991 (RBI)
1991–2000 Im Juli des Jahres 1991 kam es im Zuge einer gesamtwirtschaftlichen KriseAmal Kanti Ray: India’s Social Development in a Decade of Reforms: 1990–91/1999–2000 in Social Indicators Research, Volume 87, Number 3 / July, 2008, S. 410. zu einer starken Abwertung der Indischen Rupie. Sie verlor insgesamt 18 % gegenüber dem US-Dollar. Der Bericht des Narsimahmam Committee empfahl daraufhin weitreichende Reformen im indischen Bankensektor. Diese beinhalteten u. a. eine phasenweise Reduzierung des Mindestreservesatzes und der Statutory Liquidity Ratio (Menge, die eine Bank in Form von Bargeld, Gold oder geprüften Sicherheiten halten muss). Im Jahr 1993 wurden Richtlinien für die Einrichtung eines privaten Bankensektors herausgegeben. Dies läutete eine neue, oft als neo-liberal bezeichnete,Ananya Mukherjee Reed: Corporate Governance Reforms in India in Journal of Business Ethics, Volume 37, Number 3 / May, 2002, S. 257. Politik mit dem Ziel der Wettbewerbsverstärkung ein. So wurden z. B. die Zinssätze der Banken dereguliert und verschiedene Segmente der Kreditmärkte, inklusive des Kreditkartenmarktes und der Anleihenmärkte für Immobilien, weniger restriktiv geregelt.Raghbendra Jha, Ibotombi S. Longjam: Structure of financial savings during Indian economic reforms in Empirical Economics (2006) 31:861–869, S. 862. Der Erfolg der ersten Phase führte 1998 zu einer weiteren Liberalisierung und Diversifizierungs- und Privatisierungsbestrebungen der Eigentümerstrukturen.Sunil Kumar, Rachita Gulati: Did efficiency of Indian public sector banks converge with banking reforms? in Int Rev Econ (2009) 56:47–84, S. 49.