Die Graf-Stauffenberg-Kaserne war eine 1957 erbaute Kaserne der Bundeswehr in Sigmaringen im Landkreis Sigmaringen. Die Kaserne wurde am 20. Juli 1961 nach dem Offizier und Widerstandskämpfer Claus Schenk Graf von Stauffenberg benannt.Vgl. Sigmaringen. In: Ulrike Puvogel/Martin Stankowski unter Mitarbeit von Ursula Graf: Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation. hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage, Bonn 1995, ISBN 3-89331-208-0, S. 82.
Die Graf-Stauffenberg-Kaserne, die ursprünglich im Quartier im Ziegelholz im Sigmaringer Stadtteil Laiz entstanden war, wurde vor allem durch die 10. Panzerdivision, einem Großverband des Heeres, bekannt. Deren unterstellte Truppenteile waren in Bayern und Baden-Württemberg stationiert und umfassten bis zu rund 12.100 Soldaten.5000 Beschäftigte arbeiten in vier Kasernen im Kreis Sigmaringen. In: Südkurier vom 13. Januar 2011. Der Stab hatte hier seinen Sitz. Darüber hinaus beheimatete die Kaserne im Laufe ihres Bestehens verschiedene Verbände und Einheiten.
Geschichte
Bundeswehr (1957–2015) Gegründet wurde der Standort bereits 1906 – damals mit etwa 40 Soldaten. Erst 1957 wurde mit dem Bau der heutigen Kaserne im Ziegelholz begonnen. Zuvor erwarb der Bund das Kasernengelände von den Kommunen Sigmaringen, Sigmaringendorf und Bingen.Michael Hescheler (fxh): Stadt nennt Planungsrecht „entscheidenden Faktor“. Wenn die Soldaten Sigmaringen verlassen, haben die Kommunen die Planungshoheit über das Gelände. In: Schwäbische Zeitung vom 27. Januar 2012.
Infolge der im Jahr 2010 beschlossenen grundlegenden Bundeswehrreform schlug die Bundeswehr-Strukturkommission eine Verlegung des Stabs der 10. Panzerdivision nach Bayern vor, nicht zuletzt mit Blick auf die größere Nähe zu den dort dislozierten unterstellten VerbändenKarlheinz Fahlbusch: Standortentscheidung.. Bundesminister der Verteidigung Thomas de Maizière (CDU) stellte am 26. Oktober 2011 im Bundeskabinett das Stationierungskonzept 2011 vor, nachdem der Bundeswehrstandort Sigmaringen aufgegeben werden sollte. Im Jahr 2011 hatte dieser 1860 Dienstposten. Die Organisationsmaßnahmen sahen am Standort die Auflösung bzw. Verlegung der 10. Panzerdivision, Teile des Artilleriebataillons 295, der Rekrutenkompanie, des Führungsunterstützungsbataillon 291, des Fachsanitätszentrums und des Versorgungs- und Instandsetzungszentrums Sanitätsmaterial vor. Die Fernmeldekompanie Eurokorps sollte nach Lebach und die 2./Feldjägerbataillon 452 nach Stetten am kalten Markt verlegt werden.
Die Schließung übte einen großen wirtschaftlichen Einfluss auf die Region aus: Jährlich wurden in der Kaserne etwa 3,5 Mio. Euro an zivile Unternehmen, wie zum Beispiel Reinigungsfirmen und Zulieferer, bezahlt. Zusätzlich wurden Aufträge an zivile Baufirmen vergeben – im Jahr 2010 in Höhe von rund acht Millionen Euro.
Nach Wolfgang Kopp, Brigadegeneral a. D. und Vorsitzender des in Sigmaringen beheimateten Vereins „Freunde der 10. Panzerdivision“, wurde die Gefahr der Auflösung ignoriert. „Aus rein militärischer Sicht sprechen keine Gründe für einen Abzug der Bundeswehr aus Sigmaringen. Die Infrastruktur […] wurde aufwändig erhalten, 28 Millionen in fünf Jahren sind nicht wenig.“Karlheinz Fahlbusch: „Gefahr der Auflösung wurde ignoriert“. In: Südkurier vom 30. November 2011.
Zwischen Mitte Februar und Ende April 2015 wurde die Kaserne kurzfristig als Notunterkunft für Asylsuchende genutzt. Dazu wurden die im Norden der Liegenschaft vorhandenen ehemaligen Stabs- und Unterkunftsbereiche herangezogen. Der verbliebene Bundeswehrbetrieb lief parallel weiter. Im Schnitt lag die Belegungszahl der Kaserne im Februar bei 280, im März bei 188 und im April bei 78 Bewohnern. Die meisten Flüchtlinge kamen aus dem Kosovo.Michael Hescheler: Flüchtlinge bleiben anderthalb Jahre lang vom 3. Juli 2015. Wie am 30. Juni 2015 bekannt und am 3. Juli offiziell bestätigt wurde, beabsichtigt das Ministerium für Integration Baden-Württemberg nun, erneut eine Erstaufnahmestelle für mindestens 500 Flüchtlinge hier einzurichten.Michael Hescheler: Mindestens 500 Flüchtlinge sollen in Kaserne wohnen. In: Schwäbische Zeitung vom 30. Juni 2015. Sie nahm im August 2015 ihren Betrieb auf. Da zum 31. Dezember 2015 die Kaserne und die Liegenschaften an die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) übergeben wurden,Christoph Wartenberg: Kommen doch Flüchtlinge in der Kaserne unter?. In: Schwäbische Zeitung vom 30. Juni 2015. verständigte sich das Ministerium mit der BImA, die Kaserne teilweise für eine Unterbringung von Flüchtlingen bis mindestens Ende 2016 zu nutzen.
Übergangsphase und Landeserstaufnahmestelle (seit 2016) Im Januar 2016 wurde die Gesamtliegenschaft trotz geringer militärischer Weiternutzung durch die Bundeswehr aufgegeben und die Dienststelle des Standortältesten aufgelöst. Die administrative Führung und Unterstützung der Restdienststellen als ein Mitnutzer erfolgte aus der Nachbargarnison Stetten am kalten Markt.Südkurier, Der Bundeswehrstandort Sigmaringen ist Geschichte, 9. Januar 2016, abgerufen am 23. September 2022
Auf Grund der weiteren Lageentwicklung zu Asyl und Migration wurde der Betrieb der Landeserstaufnahmestelle fortgesetzt. Rechtsgrundlage bietet eine Vereinbarung über die Nutzung der ehemaligen Graf-Stauffenberg-Kaserne zwischen Stadt, Landkreis und Land. Am 11. Juli 2022 waren hier 1135 Personen untergebracht.
Die Planungen der Konversion des Geländes im Jahr 2020 sahen die Gründung eines Innovations- und Technologiezentrums (ITZ) mit einer Modellfabrik und einer Akademie vor. Mit anderen wirtschaftlichen Nutzungen sollen dort 1500 Arbeitsplätze entstehen. Im Ostteil der Liegenschaft sollte ein Neubau der bereits in Laiz ansässigen Zollschule für 250 Millionen Euro entstehen, wovon bis Januar 2026 bereits 75 Millionen Euro investiert wurden.Schwäbische Zeitung, Wie sich Sigmaringen neu erfinden will, 4. Dezember 2020, abgerufen am 23. September 2022 Im Rahmen eines Förderprogrammes planten die Stadtwerke Sigmaringen den Aufbau eines nahezu energieautarken Quartiers innerhalb des ITZ in einem sogenannten Innovationscamp auf den Konversionsflächen der ehemaligen Kaserne. Dazu sollten zwei Blockheizkraftwerke genutzt werden.IBS Ingenieurgesellschaft, UMWELTFREUNDLICHE ENERGIEVERSORGUNG FÜR NEUEN INNOVATIONSCAMPUS, abgerufen am 23. September 2022
Im Sommer 2023 wurde das neuerrichtete Facharztzentrum in Stetten am kalten Markt eingeweiht. In diesem Zuge zogen die letzten verbliebenen Dienststellen der Bundeswehr aus der Kaserne aus. Die Standortschießanlage im Nordosten der Liegenschaft wird noch durch die Bundeswehr genutzt.Schwäbische Zeitung, Die letzten Soldaten verlassen Sigmaringen, 9. Februar 2022, abgerufen am 23. September 2022
Die Landeserstaufnahmestelle soll vorerst parallel zur reaktivierten Kaserne weiterbetrieben werden. Der Minister der Justiz und für Migration Baden-Württemberg Moritz Oppelt kündigte am 29. September 2026 bei einem Vor-Ort-Termin an, dass die Bundeswehr Priorität hat und weitere benötigte Kapazitäten bekommt, sobald diese benötigt werden. Der Regelbetrieb ist für maximal 875 Personen ausgelegt und wurde im Laufe des Jahres 2026 halbiert.
Rückkehr der Bundeswehr (ab 2026) Im Juni 2025 sprach sich die CDU-Fraktion im Gemeinderat Sigmaringen für eine Wiederansiedelung der Bundeswehr aus. Bürgermeister Marcus Ehm unterstützte diesen Antrag und bestätigte, dass die Ansiedelung von gewerblichen Nutzern nur teilweise funktionierte. Die Liegenschaft befindet sich auf der Liste des Bundesministeriums der Verteidigung mit Standorten, die sich im Eigentum der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben befinden und vorerst nicht mehr in zivile Nutzungen umgewandelt werden dürfen.
Anfang Juli 2026 veröffentlichte das Bundesministerium der Verteidigung eine Liste von acht ehemaligen Liegenschaften, darunter Sigmaringen, die sich in der „engeren Auswahl“ für eine Reaktivierung befinden. Einen Monat später blieben nur noch fünf Standorte übrig, darunter die Graf-Stauffenberg-Kaserne. Ende Juli 2026 wurde die Rückkehr der Bundeswehr nach Sigmaringen offiziell bestätigt. Die Heimatschutzkräfte beziehen die Kaserne und werden das geplante Heimatschutzbataillon 112 aufbauen. Der Fokus wird auf der Ausbildung von Rekruten liegen und im April 2027 mit bis zu 300 Rekruten beginnen. Die ersten 30 Dienstposten werden zum 1. Oktober 2026 bezogen. Unterkunftsgebäude werden in Schnellbauweise errichtet. Die Aufteilung der bereits anderer Nutzungen zugeführten Flächen war im September 2026 noch nicht abgeschlossen. Die genaue Anzahl an Dienstposten wird durch das Bundesministerium der Verteidigung Ende 2026 genannt.
Standort
Bundeswehr-Standort (1957–2015) Die Kasernenanlage umfasste rund 215 Hektar Gesamtfläche, wobei rund 129 Hektar auf die Gemarkung Sigmaringen, rund 61 Hektar auf die Gemarkung Sigmaringendorf und rund 25 Hektar auf die Gemarkung Bingen entfielen. Die Kasernengebäude befanden sich auf der Gemarkung von Sigmaringen – von den 129 Hektar sind rund 65 Hektar bebaut und rund 64 unbebaut. Das Übungsgelände umfasste 133 Hektar und die Schießanlage 12 Hektar. Am Standort Sigmaringen waren im Jahr 2011 1425 Soldaten (etwa 1050 bis 1150 Soldaten und rund 200 Wehrdienstleistende) stationiert und bis zu 213 zivile Bedienstete angestellt.
Innerhalb der Kaserne befanden sich ein Mannschaftsheim, ein Kraftraum, zwei Sporthallen, zwei Sportplätze, ein Beachvolleyballfeld und mehrere Tennisplätze.
Konversionsstandort (seit 2016) Der nördliche Teil der ehemaligen Graf-Stauffenberg-Kaserne wird von der Landeserstaufnahmestelle genutzt und soll auch nach Rückkehr der Bundeswehr genutzt werden. Der östliche Teil zwischen ehemaliger Kaserne und Standortschießanlage war für die geplante Zollschule vorgesehen, die jedoch nicht gebaut wird; die Bundeswehr sieht eine Nutzung vor. Der südliche und westliche Teil sind im Eigentum des Zweckverbands Gewerbe- und Industriepark Graf-Stauffenberg bzw. der Stadt Sigmaringen, auch hier ist die zukünftige Nutzung noch nicht verbindlich geplant. Das Gelände in der Mitte ist für die Bundeswehr geplant.
Stationierte Einheiten
Liste der geplanten stationierten Einheiten EinheitAbkürzungBemerkungHeimatschutzbataillon 112HSchBtl 112Aufstellung für 2027 geplant
Liste der ehemaligen stationierten Einheiten +EinheitAbkürzungVerbleib10. Panzerdivision (Stab)St/10. PzDivAuflösung; Neuaufstellung in VeitshöchheimStabskompanie 10. PanzerdivisionStKp/10. PzDivAuflösung; Neuaufstellung in Veitshöchheim5./Artilleriebataillon 2955./ArtBtl 295Verlegung nach Stetten am kalten Markt2./Feldjägerbataillon 4522./FJgBtl 452Auflösung2./Feldjägerregiment 32./FJgRgt 3Verlegung nach Stetten am kalten MarktFernmeldekompanie EurokorpsFmKp EurokorpsVerlegung nach LebachFührungsunterstützungsbataillon 291FüUstgBtl 291AuflösungRekrutenkompanie 8RekrKp 8Auflösung; mittlerweile 6./ArtBtl 295
Literatur Kurt Finker: Stauffenberg und der 20. Juli 1944. 7., überarbeitete Auflage. Union-Verlag, Berlin 1989, ISBN 3-372-00298-9. Klaus Achmann, Hartmut Bühl: 20. Juli 1944, Lebensbilder aus dem militärischen Widerstand. 2. Auflage. Mittler & Sohn, Hamburg 1996, ISBN 3-8132-0488-X.
Einzelnachweise Simone Dürmuth: Serie. Mehr als 4600 Soldaten gibt es im Landkreis. In: Schwäbische Zeitung vom 30. Oktober 2010.
Kategorie:Ehemalige Kaserne der Bundeswehr Kategorie:Ehemalige Kaserne in Baden-Württemberg Kategorie:Erbaut in den 1950er Jahren Kategorie:Bauwerk in Sigmaringen Kategorie:Claus Schenk Graf von Stauffenberg