mini|Peter Herde bei der Feier zu seinem 80. Geburtstag Peter Herde (* 5. Februar 1933 in Ratibor, Provinz Oberschlesien) ist ein deutscher Historiker. Seine Forschungstätigkeit erstreckt sich von grundlegenden Arbeiten zur päpstlichen Diplomatik des Mittelalters über die Landesgeschichte bis zum Zweiten Weltkrieg.

Leben Seine Eltern waren der Konrektor Reinhard Herde und Hildegard Herde. In Ratibor verbrachte er seine Kindheit und die ersten Jugendjahre. Seit dem Herbst 1943 besuchte er das Realgymnasium Ratibor. Ende Januar 1945 flüchtete die Familie Herde vor der Roten Armee und fand eine neue Heimat im westfälischen Arnsberg.Karl Borchardt, Enno Bünz: Peter Herde zum achtzigsten Geburtstag. In: Archiv für Diplomatik 60 (2014), S. 11–34, hier: S. 12 (abgerufen über De Gruyter Online). In Neheim-Hüsten legte er 1953 das Abitur ab. Im Sommersemester 1953 begann er an der Universität Heidelberg das Studium der Fächer Physik und Mathematik. Fritz Ernst weckte durch seine Vorlesungen Herdes Interesse für Geschichte. Im Jahr 1954 ging Herde an die Universität München, um Geschichte, Germanistik und Anglistik zu studieren. Er besuchte Vorlesungen und Seminare bei Friedrich Baethgen, Bernhard Bischoff, Peter Acht, Franz Dölger, Franz Schnabel und Max Spindler. Durch Baethgen wandte Herde sich der Papst- und Reichsgeschichte des Spätmittelalters zu.Karl Borchardt, Enno Bünz: Peter Herde zum achtzigsten Geburtstag. In: Archiv für Diplomatik 60 (2014), S. 11–34, hier: S. 13 (abgerufen über De Gruyter Online). Bernhard Bischoff brachte ihm die Paläographie, die mittellateinische Literaturgeschichte und die Handschriftenkunde näher. Durch Peter Acht begann er sich mit den Papsturkunden des 13. Jahrhunderts zu beschäftigen. In München wurde er 1958 unter der Betreuung von Peter Acht mit der Arbeit Beiträge zum päpstlichen Kanzlei- und Urkundenwesen im 13. Jahrhundert zum Dr. phil. promoviert. Die Dissertation wurde zum Standardwerk der päpstlichen Kanzleigeschichte und Diplomatik. Die Arbeit erschien 1967 in einer zweiten, erheblich erweiterten Auflage.Peter Herde: Beiträge zum päpstlichen Kanzlei- und Urkundenwesen im 13. Jahrhundert. 2., verbesserte und erweiterte Auflage. Kallmünz 1967. Ein Jahr nach seiner Promotion wurde Herdes erster wissenschaftlicher Aufsatz Gestaltung und Krisis christlich-jüdischen Verhältnisses in Regensburg am Ende des Mittelalters veröffentlicht.Peter Herde: Gestaltung und Krise des christlich-jüdischen Verhältnisses in Regensburg am Ende des Mittelalters. In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 22 (1959) S. 359–395 (Digitalisat). Der Aufsatz war ein Ergebnis seiner Arbeit an der Ausgabe der Urkunden und Aktenstücke zur Geschichte der Juden in Regensburg.

Von 1960 bis 1962 arbeitete Herde am Deutschen Historischen Institut Rom. Großen Einfluss übte der dortige Direktor Walther Holtzmann auf ihn aus. In Rom knüpfte er freundschaftliche Beziehungen zu Hermann Goldbrunner, Dieter Girgensohn, Norbert Kamp, Arnold Esch, Rudolf Hiestand und Rupert Hacker. Seine Habilitation befasste sich mit dem Formularium audientie litterarum contradictarum. Nach seiner Habilitation 1965 – ebenfalls bei Peter Acht – wirkte er in München als Dozent. Bereits 1968 wurde er im Alter von 35 Jahren als ordentlicher Professor für Mittlere und Neuere Geschichte an die Universität Frankfurt berufen. Die Position trat er im Folgejahr an. Ab 4. Juni 1976 lehrte er als ordentlicher Professor für Geschichte, insbesondere mittlere Geschichte, Landesgeschichte und historische Hilfswissenschaften, an der Universität Würzburg. Im Jahr 2001 wurde er emeritiert. Seine Abschiedsvorlesung, bei der er neuere Entwicklungen im deutschen Hochschulwesen durchaus kritisch betrachtete, hielt er am 16. Juni 2001 auf einem Symposion im Museumszentrum Lorsch.Peter Herde: Die Geschichtswissenschaft an deutschen und amerikanischen Universitäten. Ein Vergleich. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 21 (2002), S. 446–463.

Herde heiratete 1965. Seine Hobbys sind Fotografie, Fliegen und Sport. So konnte er (bis 2007) achtmal das Bayerische Sport-Leistungs-Abzeichen in Gold und 42 Mal das Deutsche Sportabzeichen in Gold erringen.

Forschungsschwerpunkte Herde arbeitet auf dem Gebiet der mittelalterlichen und neueren Geschichte, besonders zur Reichs- und Papstgeschichte des späteren Mittelalters, zur Sozial- und Geistesgeschichte des italienischen Humanismus und zur Geistesgeschichte des Risorgimento. Seine weiteren Forschungsinteressen betreffen die historischen Hilfswissenschaften, die Bayerische Landesgeschichte und die Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Seine erstmals 1961 veröffentlichte Münchener Dissertation fand auch international große Beachtung.Vgl. dazu die Besprechungen von C. R. Cheney in: The English Historical Review 79 (1964), S. 64–67; Georges Tessier in: Bibliothèque de l’École des chartes 120 (1962), S. 207–211; Hans Martin Schaller in: Archivalische Zeitschrift 59 (1963), S. 214. Die Arbeit erschien 1967 in zweiter verbesserter und erweiterter Auflage und wurde zu einem Standardwerk der Papsturkundendiplomatik des 13. Jahrhunderts.Vgl. dazu die Besprechungen von Matthias Thiel in: Archivalische Zeitschrift 67 (1971), S. 210–211; Peter Herde in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 24 (1968), S. 531–532 (online). Er veröffentlichte mit der Edition und Untersuchung der Formelbücher der „Audientia litterarum contradictarum“ eine zweibändige und fast 1400 Seiten umfassende Münchener Habilitationsschrift.Vgl. dazu die Besprechung von Knut Wolfgang Nörr in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Kanonistische Abteilung 58 (1972), S. 403–407. Die Arbeit war methodisch innovativ, da Herde Fragen der Urkundenwissenschaft und der Kanonistik miteinander verknüpfte.Karl Borchardt, Enno Bünz: Peter Herde zum achtzigsten Geburtstag. In: Archiv für Diplomatik 60 (2014), S. 11–34, hier: S. 14 (abgerufen über De Gruyter Online).

Herde forschte über das spätmittelalterliche päpstliche Urkundenwesen, über die Geschichte Italiens, vor allem Florenz im Zeitalter der Renaissance und der Geschichte Siziliens. Über Karl I. von Anjou veröffentlichte Herde einen umfangreichen Beitrag im Dizionario Biografico degli Italiani. Aus dieser Studie zum ersten Angevinen auf dem sizilianischen Thron ging 1979 eine Biographie hervor.Peter Herde: Karl I. von Anjou. Stuttgart u. a. 1979. In Würzburg beschäftigte sich Herde intensiv mit der fränkischen Geschichte und der Reichs- und Papstgeschichte des 13. Jahrhunderts. Herde widmete sich aber auch Problemen des 19. Jahrhunderts. Dabei untersuchte er unter anderem die Beziehungen Bayerns und des Heiligen Stuhls in der Zeit des beginnenden Kulturkampfs.Peter Herde: Der Heilige Stuhl und Bayern zwischen Zollparlament und Reichsgründung (1867/68–1871). In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 45 (1982), S. 589–662 (Digitalisat). Herde legte 1981 mit seiner Biographie über Papst Cölestin V. ein Standardwerk vor.Vgl. dazu Max Seckler: „Eine wohlüberlegte Entscheidung“. Benedikt XVI. auf dem Weg zum Amtsverzicht. In: Jan-Heiner Tück (Hrsg.): Der Theologenpapst. Eine kritische Würdigung Benedikts XVI. Freiburg im Breisgau u. a. 2013, S. 529–549, hier: S. 531; Walter Koller in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 40 (1984), S. 693–694 (Digitalisat). In italienischer Übersetzung erschien die Arbeit 2004.Celestino V (Pietro del Morrone) 1294. Il papa angelico, a cura di Quirino Salomone, traduzione di Anna Maria Voci, L’Aquila 2004. Im Jahr 2008 wurde die Biographie durch seine MGH-Edition der ältesten drei Viten, die sogenannte Autobiographie, die Schrift De continua conversatione und der Tractatus de vita et operibus atque obitu ipsius sancti des „papa angelicus“ ergänzt.Peter Herde: Die ältesten Viten Papst Cölestins V. (Peters vom Morrone). Hannover 2008. Vgl. dazu die Besprechung von Jörg Bölling in: Historische Zeitschrift 290, 2010, S. 185–187. Mit seiner 1986 veröffentlichten Arbeit stellte Herde erstmals die Geschichte des mittelalterlichen Guelfentums zusammenhängend dar.Peter Herde: Guelfen und Neoguelfen. Zur Geschichte einer nationalen Ideologie vom Mittelalter zum Risorgimento. Stuttgart 1986. Gemeinsam mit seinem Schüler Thomas Frenz gab er 2000 das Brief- und Memorialbuch des Passauer Domdekans Albert Behaim von 1246 heraus. Das Brief- und Memorialbuch des Albert Behaim ist in nur einer Handschrift erhalten. Der Codex Clm 2574b der Bayerischen Staatsbibliothek München ist zugleich die älteste in Deutschland aufbewahrte Papierhandschrift überhaupt. Sie besteht aus 141 Blättern, auf denen sich die Hände von 16 verschiedenen Schreibern unterscheiden lassen.Vgl. dazu die Besprechung von Wolfgang Stürner in: Historische Zeitschrift 273 (2001), S. 753–754. Schon in den 1980er Jahren hat Herde sich mit einer Biographie zu Bonifaz VIII. befasst. Er veröffentlichte zahlreiche Einzeluntersuchungen über ihn. Nach jahrzehntelangen Forschungen konnte der erste Band der Biographie mit den drei Kapiteln „Jugend und kirchliche Weihe“, „Auf dem Weg zum pästlichen Thron“ und „Wahl zum Papst, Weihe und Krönung“ 2015 in der Reihe „Päpste und Papsttum“ erscheinen. Die Herausforderung bestand vor allem darin, die Zeit angemessen historiographisch aufzubereiten. Zahlreiche Details über sein frühes Leben sind nicht zeitgenössisch bezeugt, sondern wurden ihm erst im späteren Bonifazprozess zum Vorwurf gemacht.Peter Herde: Bonifaz VIII. (1294–1303). Erster Halbband: Benedikt Caetani. Stuttgart 2015. Vgl. dazu die Besprechungen von Werner Maleczek in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 74 (2018), S. 843–845; Claudia Alraum in: Archiv für Kulturgeschichte 101 (2019), S. 477–478; Klaus Herbers in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 64 (2016), S. 285–286; Andreas Fischer in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 4 [15. April 2016], (online); Lucia Dell’Asta in: The Catholic Historical Review 103 (2017), S. 124–125.