mini|Hinrichtung zweier Rebellen (Felice Beato, 1858)

Diese Liste der Aufstände und Revolten gegen die britische Herrschaft in Indien enthält die wichtigsten derartigen Ereignisse. Allein zwischen 1763 und 1856 sollen 40 bedeutende und über 100 kleinere Aufstände und Rebellionen vorgekommen sein, zu deren Niederschlagung bewaffnete Kräfte eingesetzt wurden.Gough (1974), S. 1391 erwähnt allein 77 klassenkämpferische Bauernaufstände, von denen 30 mehr als 10.000 Beteiligte und 12 mehrere Hunderttausend Aufständische hatten.

Auslösender Faktor in fast allen Fällen war die drückende Steuerlast oder deren rücksichtslose Eintreibung. So verdoppelte sich das Steueraufkommen in den ersten Jahrzehnten der Herrschaft der Britischen Ostindien-Kompanie gegenüber der Zeit des Mogulreichs im Bereich des Permanent Settlement, die Belastung der Bauern versiebenfachte sich jedoch. Auch wurde mit den Briten erstmals privater Landbesitz eingeführt (statt gemeinschaftlichem), was zur Heranbildung einer parasitären Klasse abwesender Grundbesitzer führte.Gough (1974), S. 1393/1394.

Auch während der Hungersnöte in weiten Teilen des Landes, die durch das Ausbleiben des Monsuns häufig vorkamen (verursacht von der El Niño-Southern Oscillation),Alleine 12 in der Zeit von 1770 bis 1857; die wirklich katastrophalen bis 1910 forderten geschätzte 20 Millionen Tote; 1943: 3,5 Mio. Tote in Bengalen allein. Gough (1974), S. 1393. wurden die Steuern weiterhin eingetrieben und säumige Bauern von ihrem Land durch Zwangsvollstreckung vertrieben, wie dies ganz im Sinne der herrschenden liberalen Ideologie des Freihandels auch in Irland 1845–1848 praktiziert wurde. Während des Anfangsjahres einer solchen Dürre ist das Ansteigen von Rebellionen zu beobachten.Nach mehrjähriger Dürre war die Bevölkerung zu geschwächt, um zu rebellieren. vgl. Davis, Mike; Late Victorian Holocausts; London 2001; ISBN 1-85984-739-0, darin zur Steuereintreibung: S 50-7, 148, 153

Viele Aufstände, besonders der tribals („Volksstämme“: Adivasi, heute: Scheduled Tribes), wurden auch durch die Zerstörung von traditionellen Lebensweisen (beispielsweise halbnomadische Lebensweise, die intensive Waldnutzung voraussetzt) ausgelöst.

Die Aufstände lassen sich in fünf Gruppen unterteilen, wobei einzelne Aufstände durchaus in mehrere Kategorien passen: restorative Rebellionen: Versuche, die Briten zu vertreiben (meist vor 1857) religiöse Bewegungen: oft mit messianischen oder Weltuntergangsprophezeiungenvgl. Fuchs (1965), der fast 50 aufführt. „Sozialbanditen“: wollten die Lebensbedingungen des Volkes verbessern (oft im Sinne von kommunistischen Idealen, ohne dass solche bekannt waren) (Massen-)Aufstände: gegen einzelne Missstände „terroristische Vergeltung“: vielfach spontane Ausbrüche

Hinweis: Diese Liste enthält keine Rebellionen, die in den Randgebieten Britisch-Indiens stattfanden (beispielsweise Ceylon oder Oman; zu Ereignissen in der Grenzregion zu Afghanistan siehe Militärkampagnen im Nordwesten Britisch-Indiens). Ebenfalls nicht gelistet werden Aufstände, die außerhalb des geographischen Bereichs des indischen Subkontinents stattfanden, auch wenn deren Niederschlagung häufig vom indischen Finanzminister (mit-)bezahlt wurde (beispielsweise der Mahdi- oder der Boxeraufstand), ebenso wenig Kolonialkriege zur Eroberung.

Restorative Rebellionen bis 1856 miniatur|Plassey 1757, der britische Sieg gilt als der Beginn des Britisch-Indien Angehörige der Kallar-Kaste von Madura 1710–1784.vgl. W. Francis; Madras District Gazetteers, Madura,; Madras Government Press, 1906, S. 88–91. Sie blieben bis ins 20. Jahrhundert aus den Bergen um Madura als „Banditen“ aktiv. Einzelne Dörfer schützten sich dadurch vor Viehdiebstählen, dass sie eine Kalla-Familie als Wächter (kavalgar) anheuerten (und bestachen). Dieses System existierte in Thanjavur mindestens bis 1953.Gough (1974), S. 1401. 23. Juni 1757 – Sieg der Truppen der britischen East India Company in der Schlacht bei Plassey, Bengalen. Siraj-ud-Daula, Nawab von Bengalen, wird entmachtet. Dhal-Revolte des Rajas von Dhalbhum, Jagannath Dhal, 1769–1774. Erste Aufstände in der Region von Jharkhand, in das die Briten 1767 von Singhbhum Manbhum aus eindrangen. Befriedungsversuche unter dem Kommando von Lt. Rook and Charles Mogan blieben ohne Erfolg. Die ostindische Kompanie akzeptierte, Jagannath Dhal wieder als Herrscher einzusetzen, sofern er einen jährlichen Tribut (der über die Jahre anstieg; ab 1800: 4267 Rs.) zahlte.vgl. Mann, Michael; Bengalen im Umbruch: Die Herausbildung des britischen Kolonialstaates 1754–1793; S 226-30 Chuar-Aufstände von Medinipur (West-Bengalen), 1766–1772, 1795–1816 (Schwerpunkt 1799, etwa 1500 Rebellen unter Durjan Singh kontrollierten 30 Dörfer); erneut 1832 in der Region von Manbhum (heute Distrikt Purulia und Bihar) Raja Chait Singh mit der Unterstützung von Hindu- und Muslim-Grundbesitzern (zamindar) in Oudh, 1778–1781. Die überlebenden Zamindare, deren Forts zerstört worden waren, wurden gezwungenermaßen zu Banditen. Die folgenden Plünderungen und die rigorose Eintreibung von Abgaben war ursächlich für die Hungersnot 1784. Raja Vizieram Rauze in Vizagapatamheute auch: Vishakhapatnam (17°42' N, 83°18' O), 1794. Der Raja fiel in einer Schlacht. In der Region kam es unter Birabhadra Rauze (1830) und Jagannath Rauze (1832–1834) zu weiteren Aufständen. Wazir Ali Khan, der abgesetzte Nawab von Oudh in Benares und Gorakhpur 1799Davis, John Francis (1795–1890); Vizier Ali Khan; or, The massacre of Benares: a chapter in British Indian history .. (1871); Maratha Dhundia Wagh († 9. September 1800 in Kongal) in Mysore, 1799–1800. Der Kommandeur britischerseits war der aufstrebende Arthur Wellesley. Pazhassi (oder „Pyche“) Raja in Nord-Malabar, 1796–1805. Der Raja fiel in einer Schlacht am 30. November 1805. Poligars (ehem. militärische Kommandeure) in Bellary, Anantapur, Cuddapah und Kurnool, 1803-5 Poligars von Tinnevelly, 1801 Rebellion des Raja von Cuttack (Orissa) Mukunda Deva II. 1804, geführt von seinem Ratgeber Jayi Rajguru, der dafür hingerichtet wurde. Poligars in North Arcot, 1803-5 Sepoyaufstand in Vellore, 1806 Diwan Velu Thampi († 1809; wurde nach seinem Tode zur Abschreckung noch öffentlich aufgehängt) von Travancore, der eine professionell geführte Armee von 30.000 Mann kontrollierte, dazu kam eine noch größere Zahl Irregulärer, größtenteils Bauern; 1808-9. Erben des Desai von Kittur geführt von Rani Chinnava (1778–1829), die ihre Herrschaft unter der Doctrine of Lapse verloren hatten, 1824. Seit 2007 wird die Rani mit einem Denkmal vor dem Parlament in Neu-Delhi geehrt. der abgesetzte Gopal Singh von Bundelkhand, 1802–1812. Der Raja wurde 1812 wieder in sein Amt eingesetzt. 1817 Aufstand der Kommandeure mehrerer Forts in Aligarh, das seit 1803 unter britischer Herrschaft stand. Paika (Milizionäre) des abgesetzten Raja von Cuttack (Kurdah, Orissa) und Khonds, unter Führung von Bakshi Jagabandhu,kapitulierte 1825, erhielt eine Pension; † 1829. Biogr.: B. C. Ray; Bakshi Jagabandhu: The Path finder of Freedom Movement of India; Bhubaneswar 2001 auch wegen Änderung der Landbesitzverhältnisse, dem Salzmonopol und Abschaffung der Kaurischnecke als Zahlungsmittel. Die Paika wurden als Klasse praktisch komplett vernichtet. 1817–1818 Angehörige der Baniya-Kaste aus Gujarat, daher Gujars, in Sindh, 1824

Messianische Aufstände bis 1856 Diesen Rebellionen ist gemeinsam, dass sie charismatische Führer hatten, denen vielfach übernatürliche Kräfte zugeschrieben wurden. Oft wurde die Errichtung eines gerechten Gottesstaates propagiert. Diese Bewegungen entstanden gleichermaßen unter Hindus, Moslems und tribals. Derartige Aufstände fanden häufiger im Osten Indiens und nach Hungersnöten statt.Abschnitt im Wesentlichen nach Fuchs (1965). 1827–1831: Muslime aus der Sekte der Maulvis, meist entrechtete Landpächter, geführt von Titu Miyan, in den Gebieten um Barasat, Nadia, Faridpur, Jessore und Kolkata; von hinduistischen Grundbesitzern wurden Abgaben eingetrieben; der Anführer endete im Gefängnis von Alipur, das bis heute das wichtigste Gefängnis für Rebellen blieb und das über die Jahrzehnte immer wieder ein Zentrum von Misshandlungen und Gefangenenmassakern warvgl. Frontier, Calcutta, December 4, 1971; Le Monde, Paris, November 30, 1971. 1824–1833: muslimische Pagal Panthis, Konvertiten aus den Völkern der Garo und Hajong, unter Tipu Shah im nördlichen Mymensingh muslimische Faraizis in Bogra und Faridpur (1838–1851); unter der Führung von Dudu Miyan entstand eine parallele Verwaltungsstruktur 1855–1856: Santal-Aufstand (hool)

Tribals Im ganzen 19. Jahrhundert kam es zu hunderten kleineren Aufständen der tribals (indigene Stämme, heute Scheduled Tribes), die besonders litten unter der Einbindung in das koloniale Wirtschaftssystem, durch die Einführung von Privateigentum an Land und Wäldern und der oft gewaltsamen Steuereintreibung. Die „Polizeiaktionen“ endeten in der Regel mit Massakern, Vertreibung oder zerstörten Dörfern. 1818–1831: die Bhil von Khandesh 18??: Aufstand der Ho in der Gegend von Singhbhum gegen den Fürsten Jagannath Singh, der sein Volk ausbeutete und sich auf die Briten stützte 1820: die Mer von Merwara 1820–1837: Teile des Kol-Volk, besonders die Stämme der Ho und Mundas in Chotanagpur (= Chota Nagpur); Schwerpunkt 1831–1832; sie wurden zu Tausenden massakriert,Chandra, Bipan et al.; India's Struggle for Independence; New Delhi 1989; ISBN 0-14-010781-9 was jedoch weitere Aufstände nicht verhinderte 1829–1858: die Khasi im damaligen Assam (heute Meghalaya) 1832: Revolte der Bhumij- und Chuar-Bauern gegen übermäßige Steuerbelastung durch die Zamindars; der Anführer Ganga Narayan, der auch Unterstützung von den Stämmen der Ho und Kol erhielt, wurde in einem Gefecht mit dem Thakur von Kharswan getötet 1846: die Khond in Orissa 1852, 1857, 1872: die Garo im damaligen Assam (heute Meghalaya) 1859–1881 kam es im Sardari Movement in Chotanagpur erneut zu Aufständen der Munda unter verschiedenen Sardars 1860–1862: die Jaintia/Syteng im damaligen Assam (heute Meghalaya)

Santal Pargana Im Santal Pargana von Bihar kam es zu zahlreichen Aufständen: 1772–1782: Pahariaya Movement, geführt von Rani Sarweshwari 1783–1785: Tilka-Aufstand der Santal unter der Führung von Tilka Manjhi (* 1850), der einen Guerillakrieg aus den Sultanganj-Bergen führte; er erschoss Augustin Cleveland, den britischen Kommandeur mit einem Pfeil; nach seiner Gefangennahme wurde er in Bhagalpur an einem Baum aufgeknüpft 1855–1856: Santal-Aufstand (hool), angeführt von den Brüdern Sido und Kanhu; etwa 30.000 Aufständische, rund 10.000 mit Pfeil und Bogen Bewaffnete marschierten auf Kolkata; Tote: 5 Europäer, 500 Sepoys und geschätzte 15.000 Rebellen und Zivilisten 1870–1874: Kharwar Movement, geführt von Bhagirath Manjhi, es erwuchs im Wesentlichen aus denselben Gründen wie der gescheiterte Aufstand 1855/56

„Sozialbanditen“ Thuggee, 1650–1850 in Nord- und Zentralindien Sannyasi-Rebellion 1763–1800 in Bengalen. Träger waren religiöse Führer (Hindu Sannyasi und muslimische Fakire), entlassene Soldaten und ZamindareChatterjee (1984)Roman: Chatterjee, Bankim Chandra; Anand Math Unter Führung des abgesetzten Generals Narasimha Reddi und seinen Anhänger gab es eine Rebellion in Kurnool (Andhra Pradesh) 1846–1847, Nachdem das Volk der Lodhas aus Midnapore im 19. Jahrhundert von ihrem angestammten Land vertrieben wurden, wurden sie zu „kriminellen Kaste“ („criminal caste“)

Aufstände gegen bestimmte Missstände bis 1856 Die meisten dieser Massenaufstände begannen mit Demonstrationen oder Boykott von Pächtern oder Kleinbauern gegen als solche wahrgenommene Missstände (meist überzogene Abgaben) und entwickelten sich, da keine Abhilfe geschaffen wurde, zu gewalttätigen Rebellionen, die oft in wenigen Wochen niedergeschlagen wurden. Sie waren auch nach 1857 häufig.vgl. Pabna-Initiative, Deccan Riots (1875), Moplah-Aufstand (1921)