mini|Kerstin Grether (2016) Kerstin Grether (* 18. November 1975 in Heidelberg) ist eine deutsche Schriftstellerin, Musikerin und Journalistin.

Journalismus Kerstin Grether schrieb schon während ihrer Schulzeit in den 1990er-Jahren Artikel für die Spex. Nach dem Abitur erhielt sie eine Stelle als Kulturredakteurin bei der Spex. Ihre Mentoren waren Clara Drechsler und Diedrich Diederichsen. Grether war Kultur-Redakteurin während der Cultural-Studies-Phase bei der Spex und leitete dort den Kulturteil Verstärker, der für eine Zusammenführung von Kunst, Pop, Politik und Theorie stand. Außerdem machte sie sich für die US-amerikanische Riot-Grrrl-Bewegung stark. Sie informierte in ihren Artikeln über die vielfältigen Netzwerke und Diskurse, die dadurch für junge Frauen in Europa und Nordamerika entstanden seien.Katja Peglow (Hrsg.), Jonas Engelmann (Hrsg.): Riot Grrrl Revisited!: Die Geschichte einer feministischen Bewegung. Ventil Verlag, Mainz, 2011, ISBN 978-3-931555-47-4 Parallel schrieb Grether auch Artikel für die Zeitschrift Texte zur Kunst.

Ihre Texte waren prägend für den Pop-Journalismus hierzulande und für einen von Kerstin Grether mitdefinierten Pop-Feminismus. Dies wird in Beiträgen zu Kerstin Grethers Werk oft beschrieben. Der Kulturwissenschaftlerin Katja KauerKatja Kauer: Popfeminismus! Fragezeichen!: Eine Einführung. Frank & Timme, 2009, ISBN 978-3-86596-245-4 dient Grether als eine der tonangebenden Protagonistinnen hierzulande. Das Missy Magazine hebt im November 2013 Grethers journalistische Rolle im Import dekonstruktivistischer, feministischer Theorien hervor.Sonja Eismann in Missy Magazine, November/Dezember 2013

In den Nuller-Jahren arbeitete Kerstin Grether als Mitarbeiterin u. a. bei den Zeitschriften Intro und Frieze, schrieb popkulturelle Leitartikel für die Frankfurter Rundschau und Moderationstexte für den Fernsehsender MTV. Außerdem schrieb sie sporadisch für Die Zeit, den Berliner Tagesspiegel, die Badische Zeitung und weitere Publikationen.

Seit 2018 schreibt Kerstin Grether hauptsächlich auf ihrem Blog Ich brauche eine Genie – Musikmagazin. Poetry. Theory. Spielwiese.

2019 waren sie und ihre Zwillingsschwester Sandra für den Music Journalism Award des Reeperbahn-Festivals nominiert, für einen Artikel, der angesichts der letzten gedruckten Spex-Ausgabe unter dem Titel Fremd im eigenen Haus zunächst bei Texte zur Kunst erschien und in einer gekürzten Version bei Spiegel Online „nachgedruckt“ wurde.

Kersty Grether ist seit 2020 Mitglied der Sommer-Jury auf radioeins.

Im November 2022 war Grether Mitglied der Jury zum Deutschen Hörspielpreis der ARD.

Kerstin („Kersty“) Grether lebt nach Stationen in Köln und Hamburg seit 2001 in Berlin.

Literarisches Werk Zuckerbabys (Roman) 2004 veröffentlichte Kerstin Grether den Roman Zuckerbabys im Ventil Verlag, der sich zum Longseller entwickelte. Zuckerbabys verankert die Geschichte einer Magersucht sowohl im Individuellen als auch im Gesellschaftlichen. Der Roman klärt über das Tabu der Magersucht als „Lifestylemode“ auf.Zuckerbabys. Kerstin Grether im Interview. (Juni 2007) bei satt.org, abgerufen am 28. Februar 2014. Der Debüt-Roman wurde in der wissenschaftlichen und feuilletonistischen Rezeption als Pop-Roman klassifiziert. Die Germanistin Anett Krause ordnet in ihrer Promotionsschrift 2012 den Roman wie folgt ein: „Literaturwissenschaftliche Äußerungen hoben hervor, dass sich hier ein explizit popliterarisch verfahrender Text einer kritischen Auseinandersetzung mit hegemonialen Weiblichkeitsbildern widme und sich damit die Popkultur als produktives Feld für kritische, postfeministische Positionen, erweise. Und auch im Feuilleton lobte man den ‚schnell geschnittenen, anspielungsreichen, Pop-satten‘ Roman dafür, ‚[u]npopuläre Einwürfe zur populären Kultur zu riskieren‘.“ Die Betonung des kritischen Potentials der Popkultur unter Verweis auf einen popliterarischen Text sei bemerkenswert. „Denn in der Debatte um die Popliteratur der 1990er Jahre zeigte sich der Konsens beider literarischer Institutionen vor allem im Postulat, dass sich die Leistung dieser Texte in einer hedonistischen, subjektivistischen und affirmativen Bezugnahme auf die Welt erschöpfe.“

Anett Krause weist damit dem Moment des Erscheinens und dem ernsten Inhalt von Zuckerbabys eine entscheidende Bedeutung für den Erfolg zu. Denn das Ende der Popliteratur wurde ja schon oft ausgerufen, vor allem Ende der 1990er-Jahre und Anfang der Nuller-Jahre. „Nach der feuilletonistischen Verabschiedung der Popliteratur und der an deren Stelle ausgerufenen ‚neuen Ernsthaftigkeit‘ in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur scheint die Pop-Literatur kaum drei Jahre später doch wieder für etwas gut zu sein. Nur wofür?“ Krauses These ist, dass „Zuckerbabys ein ganz konkretes Sinnstiftungsangebot unterbreitet, während eine Gemeinsamkeit der frühen Texte Christian Krachts, Sibylle Bergs, Joachim Lottmanns und anderer – also der ‚alten Popliteraten‘ – gerade in der Dekonstruktion verschiedener Sinnstiftungsmuster besteht. Kerstin Grethers erster Roman hingegen veranschaulicht und kritisiert die Wirkungen popkultureller Körpernormen und betont gleichzeitig, und nicht etwa im Widerspruch dazu, die Handlungsmächtigkeit des (weiblichen) Subjekts. Gegen die bedrohliche Wirklichkeit der Krankheit setze der Roman die Willensfreiheit der Protagonisten und erkläre es damit zu einer puren Frage der Entscheidung ob und in welchem Maß sich das Subjekt von den Rollenzuschreibungen und Körperbildern in der Popkultur determinieren lässt. Dabei leugnet der Roman die Grausamkeit der Krankheit keinesfalls.“ Anett Krause wundert sich in ihrer Promotionsschrift, warum so viele Rezensionen Magersucht als Tabu-Thema beschreiben.

Die Journalistin Elke Buhr verweist in ihrer Rezension in der Frankfurter Rundschau Weil ich ein Mädchen bin auf die Seltenheit, mit der in der klassischen Popliteratur auf weibliche Sozialisation eingegangen wird: „Das Leiden der jungen Männer, meist auf der Suche nach Liebe, ist oft beschrieben worden – noch Benjamin Lebert als Jüngster aus der Riege der Popliteraten pflegt, diesem Werther-Prinzip zu folgen. Kerstin Grether hat in Zuckerbabys nun endlich das Gegenmodell entworfen, so einfühlsam wie analytisch: Es ist das Drama der Mädchen, die sich ganz ohne Männer selbst zerstören, allein mit ihrem Spiegel und der Frauenzeitschrift.“

Der Autor Tobias Rapp geht in seiner taz-Rezension Liebe geht durch den Magen der Frage nach, ob es überhaupt ein Roman über Magersucht sei: „Zuckerbabys ist kein Roman über Magersucht. Natürlich kann man ihn so lesen, aber man muss es nicht. Magersucht ist nur die Schaltstelle, in der sich all die verschiedenen Begehrensebenen verschränken, die durch Sonjas Körper wabern. Und hier kommt Pop ins Spiel, denn im Grunde ist Zuckerbabys vor allem Popliteratur im besten und damit in fast jedem Sinne.“ Rapp zieht daraus Rückschlüsse auf den Stil des Romans: „Auch formal lässt der Roman kaum ein Genre der Populärkultur aus: Musik, Vorabendserien, Teenieromane, Comics, Musikfernsehen, Werbung – alles wird von Kerstin Grether mit der gleichen Bedingungslosigkeit umarmt und verwurstet. Tatsächlich trifft sich genau hier die Magersucht der Protagonistin mit dem emphatischen Popbegriff der Autorin.“

Der Schriftsteller und Philosoph Christoph Narholz sieht in seinem Aufsatz Über die Zuckerbabys nicht nur die Pop-Künste, sondern auch „eine zweite Kraft, die das Buch mitgeschrieben hat. Die klassisch verstandene und ambitioniert gelesene Literatur. Der Roman ist auf eine geradezu altmodische Weise tapfer. Viele Künste werden von den Protagonisten der Zuckerbabys geübt: Rockmusik, Comiczeichnen, Modeln, Kampagnenjournalismus, DJing. Nur nicht: die Literatur. Grether hat das Offensichtlichste vor aller Augen sichtbar verborgen gehalten und versteckt. Die Zuckerbabys gehören ins zerbrechliche Genre des experimentierenden, mit der Selbstheilung experimentierenden und nicht bloß abgebrüht gut gemachten realistischen Romans.“ Wahlverwandte habe Kerstin Grether dabei verschiedene für sich entdeckt, so Narholz: „Die abgründige Unterhaltungsschriftstellerin Sylvia Plath des Glasglocken-Romans etwa oder die zart-vorsichtige und sozialgenaue Banana Yoshimoto.“ Noch eine dritte sei zu nennen: Das kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun: „Zwanglos ergänzen die Zuckerbabys der üblichen Popliteratur-Geschichtsschreibung in Deutschland die Erinnerung an dieses emanzipationsdrängende und lyrisch überdrehte Buch aus einem versunkenen Berlin. Grether findet in Haltungen zurück welche im kindisch-naseweisen neo-Dandyismus der neueren Popliteratur der letzten Jahre zunehmend vergessen worden sind. Das kunstseidene Mädchen am Ende seines Berliner Abenteuers ist gründlich zerstört, ruiniert von demselben gefährlichen Stoff wie Sonja, einer sträflichen Lebenslust, einer unpassenden Gier.“ Er folgert daraus: „Grethers Heldin ernüchtert zwar auch, ist aber nicht mehr allein. Die kunstseidenen Mädchen, in den jubilatorischen Zirkeln verschworener Popsubkulturen zumindest, sind viele geworden. Und sie sind wirklich was Irmgard Keun in einer Epoche vor Gender ihnen bloß wünschen konnte: ein Glanz.“

Zungenkuß (Essays, Kurzgeschichten, Reportagen, Album-Reviews) 2007 folgte Grethers Musikgeschichten-Sammlung Zungenkuß – Du nennst es Kosmetik, ich nenn es Rock ’n’ Roll. Zungenkuß, ursprünglich der Titel ihrer gleichnamigen Kolumne in der Zeitschrift Intro, enthält die Texte dieser Kolumne sowie überarbeitete Versionen von Essays, Reportagen, Interviews, Kurzgeschichten und Rezensionen, die ursprünglich in den Feuilletons überregionaler Zeitungen und Anthologien veröffentlicht wurden. Grether hatte diese in den Jahren 2001–2004 auf der letzten Seite der Intro veröffentlicht. Sie war damit 2003 auf einer 15-tägigen Lese-Tour in 15 deutschen Städten, gemeinsam mit den Bands Parole Trixi, TGV und Schlampen Ficken Besser. Die Tour nannte sich nach einem AC/DC-Song Girls Got Rhythm.

Die Zungenkuß-Kolumne wurde als skandalös tituliert, weil Grether darin die neoliberale Idee eines It-Girls parodierte und mit echter Fan-Leidenschaft und intellektuellem Know-how zurückspielte. Es ging um ihre, manchmal auch sexuell codierten, Erlebnisse „mit Stars und echten Menschen“ in ihrer Jugend und Post-Adoleszenz-Phase. So berichtete sie u. a. über Begegnungen mit Nick Cave, Primal Scream, John Lydon, Eric Erlandson, Peaches und anderen. Sie stellte damit auch die Doppelmoral der deutschen (Indie-Rock-)Musikszene in Frage. Viele ihrer Fans rätseln bis heute, ob die Geschichten erfunden sind oder echt. Grether hatte sich bei der Buchmesse 2005 einen Spaß daraus gemacht, sich comedymäßig als „Deutschlands größtes Groupie“ zu inszenieren: Eine frühe Form von Anti-Slut-Shaming-Aktivismus sei das gewesen, erklärt sie in dem Buch. In Anbetracht der Scheußlichkeit, mit der weibliche Prominente in den Nuller-Jahren in den Medien sexualisiert und diffamiert wurden, so Grether, wolle sie dem nicht nachstehen und übertriebene Solidarität üben. Der Beitrag führte insbesondere von der Intro-Leserschaft zu derart negativen Reaktionen, dass sie ihre Arbeit für diese Zeitschrift beendete.

Madonna und wir (Anthologie) 2008 erschien die Anthologie Madonna und wir – Bekenntnisse, die sie gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Sandra Grether herausgab. Bei der Kuratorin Caroline Nathusius gaben sie eine „Kunstausstellung“ zum Thema Madonna und ihre Epoche in Auftrag. Das Buch erschien schließlich, nebst vielen Texten über Madonna, mit Zeichnungen und Collagen von zwölf zeitgenössischen Künstlern und Künstlerinnen, u. a. Josephine Pryde, Andrew Gilbert und Maria Tokyo. Die Buch-Release-Party war gleichzeitig auch Ausstellungseröffnung und fand im August 2008 in der Galerie Nagel in Berlin statt. Kerstin Grether war in diesen Jahren auf vielen Lesereisen unterwegs und entwickelte immer neue Mischformen aus Text, Bild und Musik.

An einem Tag für rote Schuhe (Roman)