mini|Beispiel der Anwendung von Lichttherapie
Lichttherapie ist ein Verfahren, bei dem Patienten gezielt Licht hoher Lichtstärke ausgesetzt werden. Ziel dabei ist es, mittels hoher Lichtstärke den circadianen Rhythmus und die Serotonin- und Melatonin-Spiegel zu beeinflussen.
Hauptanwendungsgebiet ist die Behandlung depressiver Störungen, insbesondere der saisonal abhängigen Depression (Winterdepression). Gemäß Nationaler Versorgungsleitlinie (NVL) für unipolare Depression soll ein Therapieversuch mittels Lichttherapie bei Depressionen angeboten werden, die einem saisonalen Muster folgen. Für depressive Störungen, die nicht saisonal abhängig sind, kann sie ebenfalls angeboten werden. Die Evidenz für Lichttherapie bei Depressionen mit saisonalem Muster ist moderat, für nicht-saisonale Depressionen sehr niedrig. Bei ersteren, z. B. Herbst-Winter-Depressionen, hilft sie bei etwa 20 % der Behandelten, es ist nicht klar, wie lange die Besserung anhält.
Daneben wird Lichttherapie auch bei zirkadianen Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen, Essstörungen (insbesondere Night Eating Syndrome) und zur Anpassung an Zeitzonenwechsel (Jetlag) eingesetzt.
Abzugrenzen ist die Phototherapie, bei der mittels Licht in UV-Nähe schwere Beeinträchtigungen der Haut wie beispielsweise bei Neurodermitis und Psoriasis behandelt werden.
Geschichte Die moderne Lichttherapie entstand aus der Erforschung saisonaler Depressionen zu Beginn der 1980er-Jahre. 1984 beschrieben Norman E. Rosenthal und Kollegen am US-amerikanischen National Institute of Mental Health erstmals systematisch die saisonal abhängige Depression (englisch seasonal affective disorder, SAD) und berichteten über erste Behandlungserfolge mit hellem Licht.
Anwendung mini|Moderne Lichttherapielampe in Betrieb Therapeutisch werden die Patienten dabei hellem Kunstlicht (Tageslichtlampe) ausgesetzt, man spricht hier auch von einer Lichtdusche. Es gibt ferner auch Lichtmasken und Lichtbrillen („Wearables“). Die Lichttherapie sollte am besten direkt nach dem Aufwachen in den frühen Morgenstunden angewendet werden.
Die am häufigsten genutzte Lichtart ist helles, fluoreszierendes Licht hoher Lichtstärke (mindestens 2 500 Lux, besser mindestens 10 000 Lux und mehr; gemessen am Auge). Je nach Lichtintensität, Lichtquelle oder Lichtart hängt die Dauer und Frequenz der Behandlung ab, so kann diese von mehrtägigen bis mehrmonatigen Anwendungen erfolgen.
Man sollte höchstens etwa 50–80 cm von der Lichtquelle entfernt sitzen. Wichtig ist, dass das Licht auf die Netzhaut fällt. Deshalb müssen die Augen geöffnet sein und dürfen nicht von einer Sonnenbrille oder anderem verdeckt sein. Der Patient soll aber nicht direkt in die Lichtquelle sehen. Um Schäden der Augen zu vermeiden, müssen Lichttherapiegeräte mit einem UV-Filter ausgestattet sein.
Wirksame Lichtfarben Die spektrale Wirksamkeit von Lichttherapie ist nicht genau bekannt. In einer Studie von 1997 wurde geprüft, welche Lichtfarben Einfluss bei Lichttherapie hätten. Licht mit kurzen oder mittleren Wellenlängen (blau, grün, gelb) scheinen für einen therapeutischen Effekt notwendig zu sein, rotes Licht und UV-Licht wären relativ ineffektiv, UV-Licht kann daher ausgefiltert werden. Neuere Untersuchungen sehen den Schwerpunkt der Wirkung im Blaulichtbereich (446–477 nm).
Wirklatenz und Wirkungsdauer Insgesamt ergaben sich kurzzeitige Effekte auf die Remissionsraten und die Symptomatik. Eine Langzeitwirkung wurde in den bisherigen Studien nicht untersucht.
Anwendungsgebiete und Wirksamkeit In der Leitlinie „Unipolare Depression“ der NVL soll die Lichttherapie zusätzlich und unterstützend zu anderen Interventionen bei saisonal abhängiger Depression angeboten werden. Zwar gibt es nur moderate Evidenz für eine Wirkung, aber aufgrund des niedrigen Schadenspotenzials und der einfachen Umsetzung hat die Leitliniengruppe die Empfehlung herausgegeben. Gemäß Cochrane-Report können keine zuverlässigen Schlussfolgerungen über die Wirksamkeit der Lichttherapie zur Vorbeugung von Winter‐Depressionen getroffen werden, da die Qualität der Evidenz ausgewerteter Studien sehr gering ist.
Die Evidenz der Lichttherapie bei Formen nichtsaisonaler Depression ist sehr gering. Entsprechende Studien weisen mehrere Probleme auf, beispielsweise ein hohes Verzerrungsrisiko (mangelnde Verblindung), Impräzision (kleine Fallzahl, breite Konfidenzintervalle) oder Hinweise auf einen Publikationsbias. Daher lässt die Leitlinie eine entsprechende Therapie in dieser Indikation offen.
Alternativ wird ein der Lichttherapie ähnliches Verfahren auch zur Vorbeugung gegen Jetlag eingesetzt.
Vermutete Wirkmechanismen mini|Lichtintensität einer Lichttherapielampe in einem Raum, in den das schattige Tageslicht nur durch einen Vorhang gefiltert, durch ein Fenster unter vorgezogenem Dach dringt: Moderne Menschen halten sich oft zu wenig im Freien auf, wo das Licht deutlich heller als in geschlossenen Räumen ist
Der genaue Wirkmechanismus der Lichttherapie ist nicht abschließend geklärt. Das Lichtsignal wird über die Netzhaut aufgenommen und von dort an die „innere Uhr“ im Nucleus suprachiasmaticus weitergeleitet. Physiologisch wirksam ist vor allem ein schmales Frequenzband im Blaulichtbereich des weißen Lichts (Wellenlängen 446–477 nm), das auf das Photopigment Melanopsin in den photosensitiven retinalen Ganglienzellen (ipRGCs) einwirkt, welches besonders auf kurzwelliges Licht im Blaubereich reagiert. Zur Erklärung der antidepressiven Wirkung werden mehrere, einander ergänzende Hypothesen diskutiert.
Phasenverschiebungshypothese Die führende Erklärung speziell für die Winterdepression ist die Phasenverschiebungshypothese (englisch phase shift hypothesis). Danach sind die circadianen Rhythmen vieler Betroffener gegenüber dem Schlaf-Wach-Rhythmus verschoben (meist nach hinten), und morgendliches helles Licht korrigiert diese Fehlausrichtung. Als Maß für die Fehlausrichtung dient der zeitliche Abstand zwischen dem Einsetzen der abendlichen Melatoninausschüttung (Dim Light Melatonin Onset, DLMO) und der Schlafmitte; die Besserung der Symptomatik korreliert mit der Korrektur dieses Abstands. Physiologische Grundlage ist, dass Licht ausreichender Intensität auf die Netzhaut die Ausschüttung des Hormons Melatonin in der Zirbeldrüse hemmt. Wird die Lichttherapie früh am Morgen angewandt, wird die nächtliche Melatoninproduktion beendet. Gestützt wird die Hypothese dadurch, dass sie sich mit zeitlich gezielter Gabe von niedrig dosiertem Melatonin nachstellen lässt: Eine abendliche Gabe (die die innere Uhr vorverlagert) bessert die Symptomatik bei den meist phasenverzögerten Betroffenen.
Serotonerge und weitere nicht-circadiane Mechanismen Über die Wirkung auf die innere Uhr hinaus greift Licht auch in das serotonerge System ein, das eine zentrale Rolle in der Depressionsforschung spielt. Bildgebende Studien zeigten, dass die Bindung des Serotonintransporters im Gehirn saisonal schwankt und im Winter tendenziell erhöht ist, insbesondere bei SAD-Betroffenen; nach Lichttherapie normalisiert sie sich wieder. Übersichtsarbeiten gehen davon aus, dass die antidepressive Wirkung sowohl auf die Ausrichtung circadianer Rhythmen als auch auf solche nicht-circadianen Bahnen zurückgeht.
Nebenwirkungen Die Lichttherapie gilt als nebenwirkungsarm. Vor allem in den ersten Behandlungstagen können Kopfschmerzen, gereizte oder trockene Augen und Sehstörungen auftreten, seltener auch Übelkeit, Schwindel oder innere Unruhe (Agitation); diese Beschwerden sind jedoch meist leicht und nur vorübergehend.
Kontraindikationen Eine augenärztliche Untersuchung wird bei bestehenden Vorerkrankungen des Auges oder der Netzhaut (z. B. Netzhautablösung, Retinitis pigmentosa), systemischen Erkrankungen, die die Netzhaut betreffen (z. B. Diabetes mellitus), vorherigen Kataraktoperationen oder Entfernungen der Linse sowie generell bei älteren Menschen aufgrund des erhöhten Risikos altersbedingter Makuladegeneration empfohlen.
Eine Kontraindikation kann auch die Einnahme eines der folgenden Medikamente sein, da diese die Lichtempfindlichkeit erhöhen: Neuroleptika (Phenothiazine), Antidepressiva (Imipramin), Phasenprophylaktika (Lithium), Diuretika (Hydrochlorothiazide), Methoxsalen, Herzmedikamente (Propranolol, Amiodaron), Chloroquin, Antibiotika (Tetrazykline), sowie Johanniskraut als pflanzliches Mittel zur Behandlung von Depression. Liegen Augenerkrankungen vor, sollte im Vorfeld augenärztlich abgeklärt werden, ob die Lichttherapie mit künstlichen Strahlenquellen geeignet ist. Auch Menschen ohne Augenerkrankung sollten jedoch nicht längere Zeit aus kurzer Distanz in eine so helle Lichtquelle blicken.
Kostenübernahme in Deutschland Eine Lichttherapie zur Behandlung der Winterdepression ist für die gesetzlich Krankenversicherten in Deutschland immer eine Selbstzahlerleistung (IGeL). Der IGeL-Monitor des Medizinischer Dienst Bund bewertet die Lichttherapie bei saisonal depressiver Störung als „tendenziell positiv“. Zwar lieferten die gefundenen Untersuchungen und Übersichtsarbeiten „kein einheitliches Bild zum Nutzen der Therapie“, einige der ausgewerteten Untersuchungen und Übersichtsarbeiten zeigten aber, dass die Lichttherapie die Depressionsbeschwerden etwas besser lindere als eine Scheinbehandlung. Kopfschmerzen, Müdigkeit und ähnliche Beschwerden seien dagegen nicht häufiger als bei einer Scheinbehandlung. Auch enthält die Lichtstrahlung keinen UV-Anteil mehr, sodass sie unbedenklich ist.
Siehe auch
Human Centric Lighting
Literatur C. Blume, C. Garbazza, M. Spitschan: Effects of light on human circadian rhythms, sleep and mood. In: Somnologie, 2019. doi:10.1007/s11818-019-00215-x
Weblinks
International Light Association Verein internationaler Lichttherapeuten (englisch)
Einzelnachweise
Kategorie:Therapeutisches Verfahren in der Psychiatrie Kategorie:Depression Kategorie:Chronobiologie Kategorie:Schlafmedizin