Das Naturhistorische Museum Wien (kurz NHM) ist ein Naturmuseum am Maria-Theresien-Platz in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien. Gegründet als k. k. Naturhistorisches Museum, zählt es zu den größten und bedeutendsten Museen der Welt. Der Neorenaissancebau wurde 1871 bis 1889 durch Franz Joseph I. von Gottfried Semper und Carl von Hasenauer als Teil des Kaiserforums errichtet. Im Jahr 2024 verzeichnete das NHM rund 971.000 Besucher.Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport (2025): Besuchsstatistik der Bundesmuseen und der Österreichischen Nationalbibliothek 2024, abgerufen am 6. Februar 2025
Geschichte mini|Kaiser Franz I. Stephan von Lothringen, sitzend, und seine naturwissenschaftlichen Berater;Franz Messmer, Jakob Kohl, 1773, Naturhistorisches Museum, Wien; siehe dazu auch hier und hier mini|Das Museum am Maria-Theresien-Platz, vom Kunsthistorischen Museum aus gesehen; rechts die Ringstraße, hinten das Parlament (um 1900)
Etwa um das Jahr 1750 kaufte Kaiser Franz I. Stephan von Lothringen, der in den habsburgischen Erblanden mitregierende Ehemann der österreichischen Monarchin Maria Theresia, vom Florentiner Johann Ritter von Baillou (1679–1758) die zu dieser Zeit größte Sammlung an Naturalien. Das Herz der Sammlung bildeten 30.000 Objekte, darunter seltene Schnecken, Korallen, Muscheln sowie kostbare Edelsteine und seltene Mineralien. Schon damals wurde die Sammlung nach wissenschaftlichen Kriterien geordnet.
Im Laufe der Zeit wurden die Sammlungen so umfangreich, dass die Räumlichkeiten der Hofburg nicht mehr genug Platz boten. Im Zuge der von Franz Joseph I. zu Weihnachten 1857 in Auftrag gegebenen Schleifung der nicht mehr zeitgemäßen Wiener Stadtmauer und des Baues der Ringstraße sah der mit der Verwertung der Grundstücke beauftragte Stadterweiterungsfonds auch Platz für Neubauten für zwei Hofmuseen vor, das naturhistorische und das kunsthistorische. Die naturhistorischen Sammlungen befanden sich zu dieser Zeit nicht mehr im Privatbesitz des Hauses Habsburg-Lothringen, sondern waren als Hofärar, vom Kaiserhof direkt verwaltetes Staatsvermögen, definiert; die kunsthistorischen Sammlungen waren Eigentum der Familienfonds des Kaiserhauses. Für die beiden Museumsbauten fungierte daher der Hofstaat des Kaisers als Auftraggeber.
Das formal am 29. April 1876https://www.nhm.at/gutes_sammeln_boeses_sammeln als k. k. Naturhistorisches Museumvgl. Generalstadtplan 1904 gegründete Haus, das die großen kaiserlichen Sammlungen der k.k. Hof-Naturalienkabinette aufnahm, wurde am 10. August 1889 eröffnet. Das Hofärar wurde am 12. November 1918 vom Staat Deutschösterreich, 1919 Republik Österreich, übernommen.
Das Naturhistorische Museum, seit 1920 ein Bundesmuseum unter der Aufsicht des Unterrichtsministeriums, nahm in den folgenden Jahrzehnten eine unauffällige Entwicklung. Das klein gewordene republikanische Österreich brachte nicht die Mittel auf, die Einrichtung neueren museologischen Erkenntnissen entsprechend zu gestalten oder die Sammlungen durch aufsehenerregende Zukäufe zu erweitern. Die Ethnographischen Sammlungen wurde 1928 als Museum für Völkerkunde selbstständig.
Während der Diktatur der Nationalsozialisten, 1938–1945, erhielt das Museum Bestände aus „arisiertem“ jüdischen Besitz. Der letzte vor der NS-Zeit 1933 bestellte Generaldirektor, Hermann Michel, der 1938 abgesetzt wurde, fungierte 1947–1951 neuerlich als solcher. Nach 1945 war die Rückgabe unrechtmäßig akquirierter Objekte an die rechtmäßigen Eigentümer in ganz Österreich Jahrzehnte lang kein großes Anliegen der Politik und der Verwaltung. Erst die auf internationalen Druck in den 1990er Jahren beschlossenen Restitutionsbestimmungen führten dazu, dass sich die staatlichen Sammlungen, so auch das NHM, zu systematischer Suche nach zurückzustellenden Objekten veranlasst sahen.
Seit 1978 bestand im NHM der sogenannte Rassensaal, in dem die Evolution der Menschen hin zu Menschenrassen mit verschiedenen Schaustücken und diese bewertenden Begleittexten dargestellt wurde. 1993 kritisierte der britische Anthropologe Adam Kuper den Schauraum als Manifestation „nazi-ähnlicher Rassenforschung“. Erst nach einer Reihe von Artikeln darüber in der Wiener Stadtzeitung Falter und mehreren parlamentarischen Anfragen der Grünen an den zuständigen Wissenschaftsminister wurde die Ausstellung 1996 geschlossen. Die Eröffnung der von Grund auf neu gestalteten anthropologischen Säle erfolgte im Jänner 2013.Der Standard: Das schwierige Erbe der Anthropologie, 25. Mai 2010Der Standard: Die verspätete Rückkehr unserer Vorfahren, 29. Jänner 2013
Das 1998 erstmals und 2002 geändert beschlossene Bundesmuseen-Gesetz (PDF; 68 kB) ermöglichte es, das NHM per 1. Jänner 2003 als wissenschaftliche Anstalt öffentlichen Rechts mit eigener Rechtspersönlichkeit aus der Bundesverwaltung auszugliedern. Am 8. Juli 2003 wurde es, auch auf Grund der Museumsordnung des Naturhistorischen Museums vom 20. Dezember 2002, in Kraft getreten am 1. Jänner 2003,BGBl II Nr. 488 / 2002 mit der Firmenbuchnummer 236724z ins Firmenbuch eingetragen.
Von 2003 bis 2009 war Bernd Lötsch Geschäftsführer. Im Dezember 2009 wurde Christian Köberl als Nachfolger vorgestellt, der sein Amt am 1. Juni 2010 antrat.Ein Spitzenforscher als Museumsdirektor, in: Tageszeitung Der Standard, Wien, 16. Dezember 2009, abgerufen am 16. Dezember 2009.Naturhistorisches Museum – Köberl tritt Amt an, auf der Website des ORF, 1. Juni 2010, abgerufen am 18. April 2014. Im Jahr 2020 folgte Katrin Vohland als Generaldirektorin und wissenschaftliche Geschäftsführerin. Das Kuratorium besteht derzeit aus Sabine Seidler (Vorsitzende), Gabrielle Costigan (stellvertretende Vorsitzende), Roman Duskanich, Johann Zöhling, Werner Gruber, Andreas Hantschk, Bernhard Mazegger, Harald Pflanzl, und Katrin Schäfer.
Das bisherige Pathologisch-anatomische Bundesmuseum im Narrenturm, das letzte noch in direkter Verwaltung des Unterrichtsministeriums verbliebene Museum, wurde im Herbst 2011 per 1. Jänner 2012 mit BundesgesetzBudgetbegleitgesetz 2012, BGBl. I Nr. 112 / 2011 in die wissenschaftliche Anstalt Naturhistorisches Museum Wien eingegliedert und wird seither als Pathologisch-anatomische Sammlung im Narrenturm (NHM) bezeichnet.Die Sammlung auf der Website des NHM, Stand 19. Dezember 2012
Heute verzeichnet das Naturhistorische Museum jährlich über 1.000.000 Besucher und kann in den Teilen, in denen Objekte und Einrichtung die gleichen sind wie zur Eröffnung 1889, als Museum eines Museums betrachtet werden. Mit rund 30 Millionen SammlungsobjektenÜber das Naturhistorische Museum Wien, Website des Museums, abgerufen am 16. April 2012 (PDF; 31 kB) zählt das NHM zu den bedeutendsten Naturmuseen der Welt und ist eines der größten Museen Österreichs.
Leitung ab 1876 Intendant 1876–1884 Ferdinand von Hochstetter 1885–1896 Franz von Hauer 1896–1897 Intendanz unbesetzt, provisorischer Leiter Franz Steindachner 1898–1919 Franz Steindachner
ab 1919 Vorsitzender des Museumskollegiums 1919–1922 Ludwig Lorenz-Liburnau 1923–1924 Franz Xaver Schaffer
ab 1924: Erster Direktor 1925–1932 Hans Rebel 1933–1938 Hermann Michel 1938–1939 Otto Pesta, „kommissarischer Leiter“ 1939–1945 Hans Kummerlöwe, „erster Direktor der wissenschaftlichen Museen in Wien“ 1945–1951 Hermann Michel 1951–1962 Hans Strouhal 1963–1971 Karl Heinz Rechinger 1972–1978 Friedrich Bachmayer 1979–1987 Oliver Paget 1987–1994 Heinz Kollmann
ab 1994 Generaldirektor bzw. Generaldirektorin 1994–2009 Bernd Lötsch 2010 Herbert Kritscher (interimistisch) 1. Juli 2010 – 30. Mai 2020 Christian Köberl seit 1. Juni 2020: Katrin Vohland
Das Gebäude mini|hochkant|links|Risalit mit Attika und Kuppel der Hauptfassade Der Architekt wurde von 1867 an in einem Wettbewerb ermittelt, an dem Karl Hasenauer teilnahm; der Kaiser ließ Hasenauers Pläne von Gottfried Semper begutachten, und Hasenauer gewann ihn zur Mitarbeit. Daraus ergab sich eine nicht immer harmonische Gemeinschaftsarbeit der beiden Architekten an beiden Museen.Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien, Band 5, Kremayr & Scheriau, Wien 1997, ISBN 3-218-00547-7, S. 204, Stichwort Semper, Gottfried Der Bau beider Hofmuseen begann 1871, sechs Jahre nach der feierlichen Eröffnung der Ringstraße; das Kunsthistorische Museum wurde 1891, zwei Jahre später als das NHM, eröffnet.
Die beiden Museumsbauten waren von ihrer Anordnung quer zur Ringstraße darauf ausgerichtet, mit zwei an der anderen Seite der Straße anzuschließenden neuen Trakten der Hofburg und der historischen Front der Hofburg ein monumentales Kaiserforum einzurahmen (siehe auch Heldenplatz), das auf Grund des Endes der Monarchie 1918 Torso blieb. Semper und Hasenauer bauten aber von 1881 an einen der beiden geplanten neuen Trakte der Hofburg, die sogenannte Neue Burg, zwischen Kunsthistorischem Museum und Hofburg. Und sie bauten an einem anderen Teil der Ringstraße 1874–1888 das neue k.k. Hof-Burgtheater. mini|hochkant|Schrägansicht der Kuppel Das Museumsgebäude erstreckt sich zwischen Zweierlinie bzw. Museumsplatz und Burgring; die Rückseite grenzt an die Bellariastraße. Die Vorderseite im Südosten wendet sich dem symmetrischen Park und dem gegengleichen Kunsthistorischen Museum zu. Das Gebäude ist 170 m lang und im Mittelteil 70 m breit und umschließt zwei rechteckige Höfe von etwa 50 m Länge und 25 m Breite und bedeckt eine Fläche von etwa 8720 m². Es ist in vier Geschoße, Tief-, Hochparterre, I. und II. Stock unterteilt. Die Attika des vorspringenden Mittelrisalit ist 32 m hoch und wird von einer 33 m hohen achteckigen Kuppel überragt, auf deren Laterne eine über 5 m hohe bronzene Statue des griechischen Sonnengottes Helios steht, Symbol des allbelebenden Elementes in der Natur. Diese Figur, wie auch die gegenüberliegende Pallas Athene auf der Kuppel des Kunsthistorischen Museums, wurde von Johannes Benk geschaffen. In den Zwickelfelder der großen Kuppelfenster befinden sich Reliefs mit Viktorien von Hugo Haerdtl. Vier Tabernakel von Johann Silbernagl (1836–1915) mit sitzenden Statuen von Hephaistos, Gaia, Poseidon und Urania, den vier Elementen der Antike, umkränzen die Kuppel und bilden die Ecken der quadratischen Attika.Günter Hamann: Das Gebäude und seine künstlerische Ausstattung. S. 84–96 (). In den 16 Giebelfüllungen sind allegorische Figuren ausgeführt. An der Kuppel ist in goldenen Buchstaben die kaiserliche Widmung angebracht: „Dem Reiche der Natur und seiner Erforschung Kaiser FRANZ JOSEPH I.“ Unter der Kuppel befindet sich das prunkvolle Stiegenhaus. Der Fassadenschmuck stammt von Gottfried Semper, der unter Berufung auf Alexander von Humboldt damit die geschichtliche Entwicklung der Naturerkenntnis aufzählt. Im Einzelnen symbolisieren die Skulpturen im Hochparterre die Geschichte der Erfindungen, in den Obergeschoßen Ereignisse, die zu Erweiterungen der Welterkenntnis geführt haben und die Statuen bedeutender Naturforscher auf der Attika das persönliche Verdienst beginnend jeweils an der Museumsecke Ring-, Bellariastraße, entlang Bellariastraße von links nach rechts um das Museum herumführend. Die großen Figureneckgruppen der Mittelrisalite symbolisieren mit ihren Menschentypen die Erdteile. Links und rechts des Haupteingangs sind Europa und Amerika mit Australien gefertigt von Karl Kundmann dargestellt, an der Bellariastraße Asien und Afrika von Anton Paul Wagner. Die Fassade und die Stuckdekorationen in den Innenräumen zeigen die historische Erschließung von Welt und Weltraum. Des Weiteren befinden sich in den Ausstellungsräumen über 100 Ölgemälde mit Motiven aus der Welt der Wissenschaft.
Abteilungen Das Museum ist in folgende Abteilungen gegliedert, die von wissenschaftlichen Leitern geführt werden: Anthropologische Abteilung Archiv für Wissenschaftsgeschichte Botanische Abteilung Geologisch-Paläontologische Abteilung Karst- und Höhlenkundliche Arbeitsgemeinschaft Mineralogisch-Petrographische Abteilung Abteilung für Ökologie und Umweltbildung