rechts|300px mini|Eingang zum Römerpark Schlögen mini|Blick auf die Donau, östlich des Kastellareals mini|Zeichnung der Grabungen in Schlögen, Kastell und Vicus, nach Enzlmüllner, 1838 mini|Befundskizze Kastell und Vicus (Grabungen 1838 bis 2015) mini|Befundplan des Kastells mini|3D-Rekonstruktion des Kastells mini|Das Westtor nach den Befunden von 1957–1959 mini|Zustand des Tores um 1957 mini|Neu gestaltete Präsentation der Torruine 2018 mini|Principia und Gebäude Nord nach den Befunden von 1957–1959 mini|Befundplan des Gebäudes Ost aus dem 19. Jahrhundert mini|Spätantike Navis Iusoria, (Flusskampfschiff) mini|Mündung des Andlersbach in die Donau
Das römische Kleinkastell in Schlögen (Gemeinde Haibach ob der Donau, Bezirk Eferding, Bundesland Oberösterreich), möglicherweise das antike Ioviacum, war Teil der Sicherungsanlagen des römischen Donaulimes in Österreich. Es war vermutlich vom 1. bis ins 5. Jahrhundert mit römischen Truppen belegt und diente als Auxiliarlager (Hilfstruppen) und eventuell auch als Stützpunkt der Classis Histriae (Donauflotte). Neben dem Kastell werden in diesem Artikel auch die beiden Wachtürme von Kobling behandelt. Das Bodendenkmal ist seit 2021 Bestandteil des zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen Donaulimes.
Name Das Lager wurde seit dem 19. Jahrhundert durch den Geistlichen Joseph Gaisberger (1792–1871) mit dem in der Notitia DignitatumDort als Iovaco bezeichnet. erwähnten Ioviacum gleichgesetzt. Zum ersten Mal wurde Ioviacum in der Geographica des Claudius PtolemäusPtolemäus, Geographica 2, 13–14. in der Liste der von Claudius an der Donau gegründeten Städten angeführt. U. a. wurde dort auch ein „Claudiovium“ erwähnt, das oftmals auch mit Ioviacum in Zusammenhang gebracht wurde. Weiters wird Ioviacum im Itinerarium Antonini als Station Ioviaco auf der Route Lauriacum–Boiodurum angeführt. Diese Strecke ist ein Teilabschnitt der in der Literatur als „Straße entlang der Donau“ oder auch „Donaustraße“ bezeichneten römischen Reichsstraße.Itinerarium Antonini 249, 1 Lauriaci-Ovilatus 16, Ovilatus-Ioviaco 27, Ioviaco-Stanaco 18 und Stanaco-Boioduro 20 römische Meilen. In der Vita Sancti Severini wird Ioviacum als Oppidum erwähnt, in dem der Presbyter Maximus bei einem Überfall der Heruler stranguliert worden sein soll.Vita Sancti Severini 24, 1: Ad habitatores praeterea oppidi, quod Ioviaco vocabatur, viginti et amplius a Batavis milibus disparatum.
Der Name Ioviacum ist wahrscheinlich keltischen Ursprunges. Das Suffix -acum bezeichnete nach Johann Baptist Keune (1858–1937) einen Landbesitzer und wurde meist an Personennamen angefügt. Seit der römischen Okkupation des größten Teils der keltischen Siedlungsgebiete wurde es immer öfter verwendet und ordnete nach Gerhard Rasch den Grundbesitz oder ein Dorf der jeweiligen Sippe zu. Gaisberger und der Historiker Eduard Böcking (1802–1870) versuchten ihn auch als Ableitung vom Beinamen des Diokletian, Iovius, zu sehen, dies wurde jedoch von Richard Trampler abgelehnt, da es ansonsten Iovianum oder Ioviana hätte heißen müssen.Siehe Kurt Genser: Der österreichische Donaulimes in der Römerzeit. Ein Forschungsbericht. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1986, ISBN 3-7001-0783-8, S. 57–59 mit Einzelbelegen.
Die Identifizierung des Kleinkastells Schlögen als Ioviacum ist jedoch heute umstritten. Insbesondere der Archäologe Lothar Eckhart (1918–1990) sah diesen Standort für einen Kriegshafen der römischen Donauflotte als viel zu klein dimensioniert an.
Lage mini|Überwachungsbereich (grüne Markierung) des Kastells Die Fundstelle befindet sich am Beginn der sogenannten „Schlögener Schlinge“, lange Zeit eine gefährliche Engstelle mit tückischen Strudeln, die heute aber durch den Stausee des Donaukraftwerkes Aschach entschärft ist. Hier bildeten sich auch oft Schotterbänke und -inseln sowie immer wieder auch seichte Nebenarme. Das Kleinkastell lag auf einer zehn bis elf Meter hohen Niederterrasse zwischen dem Andlersbach und Mühlbach, westlich davon der dazugehörige Vicus auf einem circa 17 m hohen Plateau. Auch die ältere Flurbezeichnung „Hochgupf“ bezieht sich auf diese besonders hochwassergeschützte Lage. Ein Straßenstrang erstreckte sich der westlichen Kastellmauer entlang vom Westtor nach Süden, wo sie auf eine weitere Straße traf, die wohl über eine Brücke zum Vicus führte und sich danach wieder in der von Haibach kommende Limesstraße entlang des Donauufers Richtung Passau fortsetzte. Der vom heutigen Gasthof auf den Hochgupf führende Weg bildete einst den decumanus des Kastells. Von der Limesstraße aus ist auch eine Verbindung über das Freyental Richtung Südost in das Eferdinger Becken bekannt.
Forschungsgeschichte Im Jahr 1837 bildete sich der sogenannte „Schlögener Grabungsverein“ um den Chorherren des Stiftes Sankt Florian Joseph Gaisberger (1792–1871). Sein Ziel war es, in Oberösterreich erste Ausgrabungen mit wissenschaftlichen Methoden (nach damaliger Auffassung) vorzunehmen. Seine ersten Unternehmungen setzte der Verein in den Jahren 1837 bis 1840 im Bereich von Schlögen an.Stefan Traxler: Archäologische Fundzeichnungen aus der Feder von Anton Ritter von Spaun und andere bemerkenswerte Archivalien zu den Ausgrabungen in Schlögen 1838–1840. In: Jahrbuch der Gesellschaft für Landeskunde und Denkmalpflege Oberösterreich. Band 162, 2017, S. 23–38. Regelmäßig wurden auch Berichte über die Aktivitäten des Vereines für das 1833 gegründete Museum Francisco-Carolinum in Linz verfasst und die Grabungsergebnisse zusätzlich in Zeichnungen festgehalten. Diese Ausgrabungen gelten als erste systematische Grabungen in Oberösterreich und im Bereich des österreichischen Abschnitts des Donaulimes. Unmittelbarer Anlass für die Grabung in Schlögen war der 1837 bei Haibach gemachte Fund eines Aureus des Diokletian, der nach Linz gemeldet wurde. Einzelne Abschnitte des Gasthofgartens wurden dabei mittels in die Erde getriebene Eisenstangen sondiert und danach mehrere Mauerstrukturen (Teile der Südmauer, Westmauer, westlicher Teil der Nordmauer) freigelegt, um den Verlauf der Kastellumwehrung ermitteln zu können. Nur die Ausdehnung nach Osten war durch die Freilegung der Südost-Ecke bekannt. Aber auch Teile der Südmauer, der Westmauer und der linke Abschnitt der Nordmauer konnten dabei genauer untersucht werden.
1937 führte der Archäologe Erich Swoboda (1896–1964) eine nicht publizierte Ausgrabung am KastellarealParzellen Nr. 2583–2587. durch. Gleichzeitig wurde dabei auch das Lagerdorf untersucht. Neben der Freilegung eines Teils der Südmauer bis zur Sohle (Höhe der Mauern 150 bis 160 cm) schnitt Swoboda auch erstmals ein Stück der Ostmauer an und ermittelte so die Ausdehnung des Kleinkastells. Er berechnete dabei für die Nord-Süd-Ausdehnung des Kastells eine Länge von 108 m und die Breite der Kastellmauer sogar auf vier Meter (!). Dieser Irrtum veranlasste seinen Kollegen Rudolf Egger (1882–1969) anfangs von einem „spätantiken Kastell mit besonders starken Mauern“R. Egger: S. 153; vgl. auch Schönberger, S. 76, Anm. 93. zu sprechen.Wahrscheinlich erkannte Swoboda die Tortürme nicht und bezog sie einfach in die Mauer mit ein (Abstand: Ostkante Turm-Ostmauer und Westkante-Kastell Westmauer ca. 4,50 m), Lothar Eckhart 1969, S. 23.
Eine 1957 bis 1959 von Eckhart in Suchschnitten durchgeführte „planmäßige Notgrabung“ (insgesamt fünf Kampagnen, Auftraggeber Oberösterreichisches Landesmuseum) umfasste nunmehr den gesamten Westteil des Kastells. Durch die Freilegung der abgerundeten Nordwest-Ecke, des Westtores und einiger Abschnitte der Kastellmauer im Norden, Süden und Osten, die teilweise noch bis in eine Höhe von 2,6 m erhalten waren, war die Kastellfläche nun genau zu ermitteln (0,65 ha). Auch Grundmauern mehrerer Häuser der Innenbebauung konnten ausgegraben werden, sie wurden u. a. als Principia und Fabricae interpretiert (Eckhart 1969). Das Kastell stieß im Westen bis ans Ufer des Andlersbach, der in der Antike noch etwas weiter östlich verlief.
Fundobjekte waren Glas- und Keramikgefäße, Ziegel, Münzen, Bekleidungs- und Trachtbestandteile, verschiedene Metalle, Werkzeuge, diverse Gerätschaften, Glas, Keramik, acht Münzen (trajanisch bis spätantik), Fibeln, Metallvaria, Werkzeuge, Geräte sowie Militaria (Kettenpanzerfragment und Lanzenspitze aus den Principia). Diese Funde werden heute im Oberösterreichischen Landesmuseum/Schlossmuseum in Linz aufbewahrt. 1959 und 1972 wurde die Grundfesten des Westtores vom Österreichischen Bundesdenkmalamt restauriert und öffentlich zugänglich gemacht. 1972 wurde bei Erdarbeiten zwischen dem Gasthof und dem Hallenbad römische Mauersubstanz zerstört.
1984 führte die Archäologin Christine Schwanzar im Bereich des Vicus am Hochgupf eine Notgrabung durch. Untersucht wurden dabei drei Planquadrate auf den Parzellen 3576/1 und 3576/2. Zusammenhängende Mauerzüge konnten zwar nicht aufgedeckt werden, jedoch kam zahlreiches Fundmaterial wie z. B. neolithische Schaber, Terra Sigillata und sonstige Keramik zutage. Auch fanden sich zahlreiche tubuli-Fragmente. Das Areal wurde danach unter Denkmalschutz gestellt.
Helmut Bender und Günther Moosbauer publizierten im Jahr 2003 die Funde der Altgrabungen.
Die Auswertung geophysikalischer Prospektionen aus dem Jahr 2013 zeigten, dass größere Teile der Kastellmauern und zumindest zwei Gebäude der Zivilsiedlung noch gut erhalten sind. Von 2014 bis 2015 wurde unter der Leitung von Stefan Traxler, Sammlungsleiter Römerzeit, Mittelalter- und Neuzeitarchäologie am Oberösterreichischen Landesmuseum, das Badegebäude freigelegt. Seine Reste wurden anlässlich der Oberösterreichischen Landesausstellung 2018 mit einem Schutzbau überdacht und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Entwicklung Die Verteidigungsfunktion des Kleinkastell Schlögen ergibt sich aus seiner geographischen Lage, zwei scharfe Stromabbiegungen der Donau und die Mündungen dreier Bäche am linken Ufer und die zwei kleinerer am rechten Ufer. Die Steilwand des rechten Ufers wurde durch den Andlersbach durchbrochen, vorspringende Felsrücken ermöglichten die Beobachtung der römischen Aktivitäten aus nächster Nähe. Auch die Unwegsamkeit des Geländes erleichterte eine unbemerkte Annäherung von Feinden und begünstigte Flankenangriffe. Die Besatzung des Lagers von Schlögen hatte daher laut Franz Pfeffer vor allem den Straßenabschnitt Boiodurum-Lauriacum, unmittelbar an dessen Austritt aus einem Granitmassiv und einen Passübergang bei Sieberstal abzusichern.
Die Schlögener Donauschlinge war ansonsten für die Überwachung des Verkehrs auf dem Strom ein idealer Platz. War man an den ersten Kontrollposten vielleicht noch vorbeigeschlüpft, mussten die Eindringlinge der Flussbiegung folgend aber an weiteren Grenzwachen vorbei und konnten von diesen vom anderen Ufer aus abgefangen werden.
Im Allgemeinen wurde die Entstehungszeit des Kastells von der Fachwelt frühestens für das 3. Jahrhundert n. Chr. – im Zuge des Ausbaues der Limesstraße (Franz Pfeffer um 1960) – angenommen (Eduard Novotny, Rudolf Egger, Erich Swoboda). Aufgrund diverser Kleinfunde datierte Rudolf Noll einen ersten Kastellbau in eine viel frühere Zeitperiode, also nicht in die frühe Kaiserzeit.Rudolf Noll 1978, S. 58. In der Brandschicht der ersten Bauperiode konnte eine Münze Caracallas sowie ein Antoninian des Licinius entdeckt werden, die Eckhart wiederum dazu veranlassten, die Entstehungszeit des Kastells I in die Zeit um 200 n. Chr. zu datieren. Zusammen mit diesen beiden Münzen konnte ein weiterer Antoninian des Probus geborgen werden, der für eine Zerstörung des frühen Lagerbaues in der Zeitperiode zwischen der ersten Tetrarchie und der Herrschaft Konstantins I. spricht.