mini|Häftlingsorchester im Lager Janowska in Lviv In den Konzentrations- und Vernichtungslagern des „Dritten Reichs“, in denen Häftlingsorchester existierten, bildeten Musik und Singen einen festen Bestandteil des Lageralltags. Die Rolle und Aufgabe der Musik in den Lagern ist bislang nicht ausreichend erforscht. Für die Häftlinge war eigenbestimmte Musik eine Form der Hilfe zum Überleben, für die SS waren Musik und Singen ein Mittel der Erniedrigung, diente der Zerstörung des Lebenswillens und wurde zum Terror der Lagerinsassen eingesetzt. Es diente natürlich auch der Unterhaltung der SS-Kräfte, die Orchester mussten etwa bei Besuchen von SS-Größen aufspielen; ferner dienten die Aufführungen der Häftlingsorchester auch gegenüber Zweiflern einer Verschleierung und Verharmlosung des wahren Lagerlebens.

Teilweise gelang es den Textern und Komponisten in den Lagern, in Liedern versteckte Inhalte gegen die menschenverachtenden Verhältnisse in den Lagern, wie im Dachaulied, und Suggestivkraft von Musik für die Lagerinsassen, wie in dem Lied Moorsoldaten, unterzubringen.

Funktion der Lager-Musik Die Rolle der Musik und Lagerorchester ist ambivalent, denn Singen und Musizieren war auch eine Art von Überlebenshilfe, sofern sie von den Lagerhäftlingen freiwillig oder heimlich ausgeübt werden konnten. Singen eigener Lieder oder die Aufführung eigener Musik wurde von der SS strengstens bestraft, wenn sie entdeckt wurde, es sei denn, dass sie durch die Lagerleitung erlaubt war. Die Autorin Knapp stellt in ihrem Buch Frauenstimmen: Musiker erinnern an Ravensbrück die Lebensläufe von mehr als 140 Frauen vor, die Musik im Frauenlager Ravensbrück machten, und dabei stellte sich heraus, dass diese Frauen sprachliche und kulturelle Hindernisse überwinden, ein Zusammengehörigkeitsgefühl herstellen und ihre persönliche Identität und ihre persönlichen Würde wahren konnten.Rezension zu Gabriele Knapp: Frauenstimmen. Musikerinnen erinnern an Ravensbrück, bei: Bildungsportal "Lernen aus der Geschichte", 22. Januar 2010

Die SS setzte in Lagern Häftlingsorchester und das Singen von Liedern zur Erniedrigung, Brechung des Lebenswillens und zur Qual der Lagerinsassen ein. Das Absingen von Liedern beim Marschieren war ein Teil der Machtausübung der SS-Lagerleitung, wie auch die Musik-Beschallung durch die Lautsprecheranlagen. Musik durch die Orchester wurde ferner bei Hinrichtungen eingesetzt, um ein Zuhören der Häftlinge zu erzwingen. Singen war zumeist auf dem Weg zur Zwangsarbeit angeordnet. Teilweise mussten die Häftlingsorchester bei Ankunft der Deportationszüge spielen, damit die Häftlinge keinen Verdacht schöpften und sich ohne Gegenwehr in die Gaskammern treiben ließen. Häftlingsorchester mussten bei Lagerbesuchen vor SS-Größen aufspielen und sollten vor allem ausländische Besucher über die Funktion der Lager täuschen oder verharmlosen. Gesänge, die aus den Lagern schallten, erweckten für Unbedarfte, die in Lagernähe kamen, einen positiven Eindruck. Die Häftlingsorchester musizierten auch bei Veranstaltungen der SS-Mannschaften. Inwieweit Musik vor Gaskammern gespielt wurde, um die Schreie der Opfer zu übertönen, scheint unterschiedlich praktiziert worden zu sein und ist zum Teil umstritten. Die Aufgabe und Funktionen der Häftlingsorchester sind bis zum heutigen Tag nicht vollständig erforscht.

Konzentrationslager Auschwitz Mit seinen zahlreichen Außenlagern führte das KZ Auschwitz zeitweise bis zu sechs Häftlingsorchester. Es gab das Mädchenorchester sowie weitere vier bis fünf Männerorchester und zeitweise ein „Zigeunerorchester“. Das Mädchenorchester erreichte einen größeren Bekanntheitsgrad als das Männerorchester. Die Orchester mussten täglich morgens zum Ausmarsch der Häftlinge spielen und abends zum Einmarsch in die Lager.

Mädchenorchester mini|Anita Lasker-Wallfisch, eine der wenigen heute noch lebenden Musikerinnen des Mädchenorchesters (Bild 2007)

Das Mädchenorchester von Auschwitz im KZ Auschwitz-Birkenau ließ der Lagerkommandant Josef Kramer aufbauen. Ferner war die SS-Oberaufseherin Maria Mandl eine Befürworterin des Orchesters. Sie unterstützte die Errichtung einer besonderen Baracke, in der es einen Holzboden und eine Heizung für die Musikinstrumente und Musikerinnen gab.

Das Mädchenorchester hatte auch Konzerte für die SS zu geben oder an Sonntagen für sie Musik zu machen. So musste es beispielsweise für Josef Mengele, einen Liebhaber klassischer Musik, und auch für Franz Kramer öfter persönlich vorspielen. Das Mädchenorchester spielte am Tor des Konzentrationslagers für die Arbeitskolonnen auf, wenn diese aus- und einmarschierten.

Kranke Musikerinnen wurden pfleglicher als die übrigen kranken Häftlinge behandelt. Bekannte Mitglieder des Lagerorchesters waren Anita Lasker-Wallfisch (Cello), Alma Rosé (Violinistin und Leiterin des Orchesters), Esther Béjarano (Akkordeon) und Fania Fénelon (Piano und Gesang).

Die Geschichte dieses Mädchenorchesters wurde in Romanen, Dokumentationen, zwei Filmen (1980 und 1992) und einer Oper verarbeitet.

Männerorchester

Im KZ Auschwitz wurde im Januar 1941 ein Häftlingsorchester von Männern gebildet, in dem zunächst Juden nicht zugelassen waren. Die Männerorchester bestanden zumeist aus Berufsmusikern. Als die sowjetischen Soldaten im Oktober 1944 in die Nähe des Lagers vorrückten, wurden die marschfähigen Lagerinsassen und Orchestermitglieder ins Innere des Reiches zurücktransportiert. Ein Mitglied des Orchesters war der polnisch-französische Komponist Szymon Laks.

Ein Leiter eines Männerorchesters im KZ Auschwitz war der polnische Komponist und Dirigent Adam Kopyciński, der spätere Gastdirigent der Warschauer Philharmoniker, der zur Funktion der Häftlingsorchester folgende These vertritt: „Die Musik vermittelt uns das schlichte Wissen von der Wahrheit des Lebens. Die Sehnsüchte des menschlichen Herzens suchen einen Halt in der Sphäre der Töne. Dank ihrer Macht und Suggestivkraft stärkte hier die Musik in den Zuhörern das, was das wichtigste ist – die wahre Natur [...] und förderte die Selbstachtung des Menschen, die in der Zeit des Lagerlebens so grausam mit Füßen getreten wurde [...].“David Schwackenberg: Musik in Konzentrationslagern. 6. November 2004 auf www.shoa.de, abgerufen am 31. Oktober 2009.

Vernichtungslager Treblinka 1942 wurde der polnische Jazz-Berufsmusiker Artur Gold ins Vernichtungslager Treblinka deportiert. Dort sah ihn Kurt Franz, der stellvertretende Lagerleiter, mit seiner Geige bei Ankunft des Deportationszuges, sortierte ihn vor den Gaskammern aus und zwang ihn, ein Orchester zu bilden. Das aus bis zu zehn Musikern bestehende Häftlingsorchester konnte unter der Anleitung von Gold Übungsstunden durchführen, zu denen die Musiker von jeder Arbeit befreit waren. Sie mussten später eine frackähnliche Einheitsbekleidung aus weißer und blauer Seide mit einer übergroßen Fliege tragen. Das Häftlingsorchester wurde gezwungen, zeitweise vor den Gaskammern Operettenmusik zu spielen, um die Todesschreie zu übertönen.Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-10-039326-5. Bei Abendappellen spielte das Orchester Marschmusik sowie polnische und jiddische Volkslieder. Bei größeren Veranstaltungen hatte das von Artur Gold geführte Orchester für das SS-Personal Musik zu machen.Landgericht Düsseldorf: , abgerufen am 31. Oktober 2009.

1943 trat das Häftlingsorchester bei Boxkämpfen, kleinen Schauspielstücken und Tanzvorführungen im Lager auf. Auf die Frage, warum im Vernichtungslager Musik gespielt wurde, antwortete ein Überlebender von Treblinka Samuel Willenberg:Samuel Willenberg: Treblinka Lager. Revolte. Flucht. Warschauer Aufstand. Unrast-Verlag, Münster 2009, ISBN 978-3-89771-820-3, S. 223. „Um das, was sich dort abspielte ins Lächerliche zu ziehen. Sie spielten mittags für die Deutschen beim Essen, vor dem Fenster des Speisesaals. Sie spielten nach dem Appell, nachdem geprügelt worden war. Wir sangen das Lied Góralu, cy ce ni źal..., damit sie in den umliegenden Dörfern hörten, dass es hier Leben gab. Die Bauern erzählten anschließend: Die haben aber gesungen! Und die Deutschen brüllten: Lauter!“ Unter den Musikern mit Gold war auch der 14-jährige Edek, der mit seiner Ziehharmonika im Lager ankam und vor den Gaskammern aussortiert wurde.Willenberg: Treblinka Lager. S. 144.Richard Glazar: Trap with a Green Fence: Survival in Treblinka. Northwestern University Press, 1995, ISBN 0-810-11169-1, S. 117. (englisch) Kurt Franz zwang Gold, nachdem ein Lied von Walter HirschBiografie von Jerzy Peterburski, abgerufen am 31. Oktober 2009. (englisch) getextet worden war, die Melodie zur sog. Treblinka-Hymne Fester Tritt zu komponieren. Dieses Lied musste nach dem Appell, beim Abmarsch zur Arbeit, bei der Rückkehr zwei- bis dreimal und beim Abendappell erneut von den Häftlingen gesungen werden.

Konzentrationslager Dachau mini|Spruch an Eingangstoren von KZ und Refrain im Dachaulied „Arbeit macht frei“ (hier Dachau) Im Konzentrationslager Dachau bildete sich 1938 ein illegales Häftlingsorchester und ab 1941 wurde von der SS das „Kommando Lagermusik“ eingerichtet. Dieses spielte bei Konzerten auf, die an Wochenenden im Häftlingsbad veranstaltet wurden, und auch bei Folteraktionen. Komponiert wurden Lieder, Chöre und geistliche Werke für die Gottesdienste der inhaftierten Priester. Ausstellung KZ-Gedenkstätte Dachau PDF Herbert Zipper, ein österreichischer Dirigent, Komponist und Musikpädagoge, im Mai 1938 nach Dachau deportiert, wurde mit Jura Soyfer zum Schöpfer das Dachauliedes. Dieses ist ein Marsch- und Durchhaltelied, das die unmenschlichen Zustände im Lager lediglich andeuten konnte. Der KZ-Torspruch „Arbeit macht frei“ war für den Texter Soyfer der Anlass, den Spruch im Refrain aufzunehmen. Das Lied brachte die Lebenssituation der Lagerinsassen insgesamt zum Ausdruck; es war nicht als kritisch erkennbar. Die Häftlinge hatten kein Schreibmaterial, deshalb komponierte Zipper zum Text von Soyfer im Kopf eine Melodie, die er zwei mitgefangenen Gitarristen und einem Geigenspieler beibrachte.

Konzentrationslager Ravensbrück Das KZ Ravensbrück stellt insofern eine Besonderheit dar, da sich die dort inhaftierten Frauen weigerten Musik aufzuführen.

Für viele Frauen im Lager stellten Singen und Musizieren eine unentbehrliche Lebenshilfe dar, wenn es freiwillig und heimlich möglich war. Die Lieder stellten den Bezug zu ihrem früheren Leben her, zu ihren Familienerinnerung und zu ihren Festen. In Ravensbrück entstanden Lieder, die entweder nach bekannten Melodien oder selbst komponiert wurden. Einige Frauen hatten ein Musikstudium absolviert und waren Berufsmusikerinnen. Zehn Frauen texteten Lieder und komponierten Musikstücke im Lager. Es fanden heimlich musikalische Aufführungen im Lager statt und dabei stellte sich heraus, dass diese Frauen trotz sprachlicher und kultureller Unterschiede ein Zusammengehörigkeitsgefühl herstellen und ihre persönliche Identität und ihre persönlichen Würde wahren konnten. Die Frauen von Ravensbrück machten erfolgreich für ihre eigenen Interessen Musik und Gesang und nicht für die SS. So entstand auch die französische Operette Le Verfügbar aux Enfers von Germaine Tillion in Ravensbrück.

Konzentrationslager Buchenwald mini|Nach der Ermordung von Ernst Thälmann fanden in KZ Buchenwald geheime Trauerveranstaltungen durch politische Häftlinge statt