mini|hochkant=2.5|Die ältesten Männer Bayerns in ihren Apostelkleidern bei der Hoffußwaschung in München, ca. 1905 Die Fußwaschung durch den Regenten war in Bayern ein von Herzog Wilhelm dem Frommen eingeführter Brauch, mit dem der jeweilige Herrscher gemäß dem Vorbild Jesu Christi alljährlich am Gründonnerstag im Rahmen eines Staatsaktes seine Demut bezeugen sollte.

Allgemeines Beim letzten Abendmahl, am Vorabend seines Kreuzestodes, wusch Jesus gemäß dem Johannesevangelium seinen Jüngern die Füße und trocknete sie mit einem Tuch. In der Fußwaschung gab Christus den Aposteln ein Beispiel. Außerdem nahm die Handlung Bezug auf die Lehre, die er ihnen gemäß dem Matthäusevangelium bereits früher erteilt hatte:

In der Liturgie der römisch-katholischen Kirche ist in der Messe vom Letzten Abendmahl am Gründonnerstag die Fußwaschung vorgesehen. In Kathedralkirchen und Abteien ist dieser Ritus verpflichtend. Der Zelebrant der Heiligen Messe wäscht dabei zwölf zuvor bestimmten Gläubigen die Füße; der Ritus gehört zu den Sakramentalien. In der Diözese Mailand praktizierte man zur Zeit des hl. Ambrosius die Fußwaschung als Teil des Sakraments der Taufe.

Im Mittelalter bildete sich der Brauch heraus, dass nicht nur Priester, sondern auch Fürsten und Könige als Zeichen demütiger Gesinnung in der Nachfolge Jesu Christi ihren Untertanen am Gründonnerstag die Füße wuschen.

Der Hofbrauch in Bayern mini|Prinzregent Luitpold bei der Fußwaschung im Herkulessaal der Münchner Residenz Im Alten Reich führte zunächst Kaiser Karl V. diesen Brauch ein und er wurde am Hof der Habsburger bis zum Ende der Monarchie im Jahr 1918 praktiziert (siehe: Ritus der Fußwaschung im Hofzeremoniell). Eine Generation später übernahm auch Herzog Wilhelm V., der Fromme die Gepflogenheit in Bayern und auch hier wurde sie bis zur Abschaffung der Monarchie aufrechterhalten. In der Neuzeit hielten nur noch die Herrscher von Spanien, Frankreich, Österreich und Bayern am Brauchtum der Fußwaschung durch den Regenten fest. In Großbritannien entwickelte sich daraus eine Geldgabe, die Maundy ceremony.

An dem Ritus Fußwaschung durch den Regenten sollten in Bayern die zwölf ältesten und würdigsten armen Männer des Landes teilhaben. Analog zum kirchlichen Ritus der Fußwaschung wurden auch sie „Apostel“ genannt, da sie die zwölf Apostel repräsentierten, denen Jesus die Füße wusch. Laut Ministerialerlass vom 30. April 1870 wählte der königliche Oberhofmeisterstab die zwölf Greise aus. Es hieß in der Verordnung präzisierend:

Gleichzeitig erging auch Einladung an zwölf bedürftige Mädchen, denen jedoch nicht die Füße gewaschen wurden. Die alten Männer wurden auf Staatskosten mit einem neuen, schwarzen „Apostelgewand“ und einem violetten „Apostelhut“ eingekleidet. Auch die Mädchen erhielten neue Kleider auf Kosten der Staatskasse. Jedem der alten Männer hängte der Herrscher nach geschehener Fußwaschung einen ledernen Zugbeutel mit einem Geldgeschenk von 40 Mark um. Außerdem wurde ihnen bis zum Lebensende eine Leibrente gezahlt. Erika von Watzdorf-Bachoff (1878–1963) konstatiert in ihren Erinnerungen, man scherze deshalb, dass man in den Bergen die alten Männer gut behandele, damit sie (zum Geldsegen für die Familie) noch „Apostel“ werden könnten. Die Mädchen erhielten neben einem neuen Gewand nach der Zeremonie bei der Oberstkämmererkasse einen Betrag von je 15 Mark ausbezahlt.

Traditionell fand der Staatsakt im Herkulessaal der Münchner Residenz, mit großem Gepränge statt. Jede Gemeinde oder Familie rechnete es sich zur höchsten Ehre an, wenn aus ihrem Kreise ein Mann zur jährlichen Fußwaschung durch den Regenten in München auserwählt wurde.

Ablauf In der Gedenkbiografie von Hans Heidelbach zum 70. Geburtstag des Prinzregenten Luitpold ist 1891 der Ablauf einer solchen Fußwaschung detailliert geschildert. Der Prinzregent hatte um 11 Uhr dem Hochamt in der nahen Allerheiligen-Hofkirche beigewohnt und war in feierlicher Prozession in die Residenz zurückgekehrt. In der dortigen Hofkapelle wurde die Vesper gesungen und der Regent zog dann in den Herkulessaal ein:

Prinz Adalbert von Bayern hält in seinem Buch „Als die Residenz noch Residenz war“ 1967 fest, es habe sich um weiß-blaue Lederbeutel mit je 20 frisch geprägten Zweimarkstücken gehandelt, die den alten Männern umgehängt wurden.Prinz Adalbert von Bayern: Als die Residenz noch Residenz war. Prestel-Verlag, München 1967, S. 334

Berichte mini|Der 102-jährige Peter Huter aus Ensheim nahm zweimal an der Hoffußwaschung in München teil Aus Ensheim, damals zur bayerischen Rheinpfalz, heute zum Saarland gehörig, nahm der über 100-jährige Peter Huter zweimal an der Münchner Fußwaschung durch den Prinzregenten Luitpold teil.Peter HUTER (der "Hundertjährige Huter"). In: ensheim-saar.de. Abgerufen am 27. März 2018.

Auch der Berchtesgadener Handelsmann Anton Adner nahm 1818 und 1819 an der Hoffußwaschung in München teil, bestieg bei diesem Anlass am 9. April 1819 noch den Turm der FrauenkircheAnton Mayer: Die Domkirche zu U. L. Frau in München. J.G. Weiß, München 1868, S. 363 () und lebte fortan von der Leibrente König Maximilians I., der auch seine ärztliche Versorgung sicherstellte. Dies ist auf seinem von König Ludwig I. gestifteten Grabdenkmal in Berchtesgaden mit folgender Inschrift angedeutet: „Ein heiteres Ende des langen Lebens, dessen größten Theil er als Trödler mit Berchtesgadener Waaren auf Reisen zugebracht, gewährten ihm die Wohltaten des Königs“.Anton Adner. Der älteste Berchtesgadner. In: Enzianbrennerei Grassl (Hrsg.): Enzianbote, Nr. 5. 2009, S. 2 (; 874 kB). Das 1827 publizierte Buch Charakterzüge und Anekdoten als Bilder der Güte und Wohlthätigkeit aus dem Leben Maximilian Josephs I., Königs von Bayern berichtet über Anton Adners Teilnahme an der Hoffußwaschung:

Weblinks

Literatur Volker D. Laturell: Volkskultur in München: Aufsätze zu Brauchtum, musikalische Volkskultur, Volkstanz, Trachten, Volkstheater in einer Millionenstadt. Buchendorfer Verlag, München 1997, ISBN 3-927984-63-9, S. 180 ().

Beschreibung der Hoffeierlichkeiten zu Karwoche in München und die Münchener (Reprint von 1905). München 2008, ISBN 9780559834905. Friedrich Wilhelm Bruckbräu: Charakterzüge und Anekdoten als Bilder der Güte und Wohlthätigkeit aus dem leben Maximilian Josephs I., Königs von Bayern. München 1856, S. 101–107 (). Andreas Müller: Fußwaschung. In: Lexikon des Kirchenrechts und der römisch-katholischen Liturgie. Band 2. 2., umgearbeitete, sehr vermehrte Auflage. Etlinger, Würzburg 1838, S. 913 f. ().

Einzelnachweise

Kategorie:Christentumsgeschichte (München) Kategorie:Geschichte des Katholizismus in Deutschland Kategorie:Wittelsbach Kategorie:Feste und Brauchtum (München) Kategorie:Reinigungsritual Kategorie:Wasser in der Religion Kategorie:Passionsbrauchtum Kategorie:Römischer Katholizismus (München) Kategorie:Letzte Veranstaltung 1918