Sellnrod ist ein Ortsteil der Gemeinde Mücke im mittelhessischen Vogelsbergkreis. Zum Ort gehört der Weiler Schmitten.
Geographie Das Dorf liegt am Fuße des Vogelsberges und wird von dem Streitbach durchflossen.
Historische Flächennutzungsstatistik 1825: (Morgen): 1209 Acker, 548 Wiesen, 33 Weiden, 6 Wald.Johann Andreas Demian: Statistik und Topographie. S. 350. 1854: (Morgen) 2356, davon 1279 Acker, 536 Wiesen, 435 Wald. 1961: (Hektar): 612, davon 98 Wald. Für den Schmitten: 1854: (Morgen): 100, davon 54 Acker, 40 Wiesen.
Geschichte
Ortsname und Ersterwähnung Der auf das Suffix -rod endende Ortsname lässt auf eine Gründung in der Rodungsperiode um das Jahr 1000 schließen. Der Ortsnamensforscher Lutz Reichardt leitet den Ortsnamen von einem Personennamen „Selbo“ ab. Er gibt aber auch an, dass der Ortsname wegen „Fehlens von Vergleichsnamennicht nicht sicher zu erklären“ sei.Lutz Reichardt: Die Siedlungsnamen der Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach in Hessen. 1973, S. 347 (Göppinger Arbeiten zur Germanistik, Band 86). Die älteste bekannte schriftliche Erwähnung von Sellnrod erfolgte im Jahr 1349: … wegen dez hobez tzu Selnrode (wegen des Hofes zu Sellnrod).Ludwig Baur: Hessische Urkunden 1. Starkenburg und Oberhessen. Darmstadt 1860. S. 580, Nr. 851. Weitere schriftliche Erwähnungen sind czu Selinrode (1364)Ludwig Baur: Hessische Urkunden 1. S. 660, Nr. 988. und 1366 wird ein Eckart von Sellynrade genannt.Ludwig Baur: Hessische Urkunden 1. S. 672, Nr. 1009.
Mittelalter Bereits 1315 wird ein Konrad von Sellnrod als Unterschultheiß in Grünberg genannt.Waldemar Küther, Grünberg. Geschichte und Gesicht einer Stadt in acht Jahrhunderten. S. 204.
Im 14. Jahrhundert wird der Ort in Verkäufen aus den Jahren 1349, 1364 und 1366 erwähnt: „Johan von Petershain und Alheid sin eliche husfrauwe“ tun am 24. Oktober 1349 kund, dass sie dem „Gotshus und Clostere der juncfrauwen s. Augustinus tzu Werberg“ das Drittel eines Hofes zu „Selnrode“ verkauft haben. Die beiden anderen Drittel gehören Peter von Kestrich. Eckart von Sellynrode und seine Frau Elze sowie die Töchter Gele und Hebele bekennen am 17. Juni 1366, dass sie ihre Rechte und Einkünfte „an dem habe zu Ruperathisburg“ (Ruppertsburg) an „Hirmanne zu Burin“, Hermann von Beuern, Altarist an St. Martin „in der parre zu Grunenberg“ verkauft haben.
Isenburg zu Büdingen Die Burg Ulrichstein, die Gerichte Bobenhausen, Felda und Schotten waren ursprünglich im Besitz der Grafschaft Isenburg zu Büdingen. Obwohl das Gebiet in den Besitz der Landgrafschaft Hessen kam, blieben die Grafen von Isenburg im Besitz des Zehnten des Gerichts Bobenhausen und des Kirchensatzes Bobenhausen. Nachweislich wurde die Grünberger Familie von Sassen seit 1353 mit dem Zehnten des Gerichts Bobenhausen belehnt.Kuchenbecker, Anal. Hass. Coll. VII, 106. Der Zehnte gehörte im 14. Jahrhundert der Familie von Saasen und war ein Lehen der Herren von Isenburg-Büdingen. Als weitere Orte, an denen der Zehnte von den Grafen von Isenburg-Büdingen an die von Saasen verliehen wurde, werden in der Urkunde genannt: Bobenhausen II, Ober-Seibertenrod, Höckersdorf, Wohnfeld Altenhain (Laubach), Linscheid, Langenwasser = heute: Langwasserhof, Petershain, Kölzenhain, Feldkrücken und Selgenstadt = heute Selgenhof.StAD A 3, 326//7.
Gericht Bobenhausen Sellnrod gehörte zum Gericht Bobenhausen. Aus der Urkunde vom 15. Juli 1364 erkennt man den Umfang des Gerichts Bobenhausen. Volpracht von „Sassin“ und Bechte, „sin Eliche wirten“ bekannten am 15. Juli 1364, dass sie ihren Teil des Zehnten zu „Babenhusen“ (Bobenhausen II), zu abern Sifeharterode (Ober-Seibertenrod), zu Langenwaßere, zu Feltkrucken, zu Kulzenhan, czu Lynscheit, zu Albinshan, zu Wanefelde (Wohnfeld), czu Selinrode, czu Heckirstorf (Höckersdorf), czu Pedirshan, czu Falkenandischan und zu Selginstad verkauft hatten. Käufer waren „Clase von Sassen,“ Schöffe zu „Grunenberg,“ dessen Frau Hildeburg, deren Töchter und Söhne, die dafür 150 „phunt heller“ zahlten. Volpracht und Clase von Sassen waren Brüder. Zeuge war u. a. Johann von Kestrich, Schöffe in Grünberg.
Am 31. Dezember 1489 belehnte Landgraf Wilhelm III. von Hessen die Brüder Eberhard und Heinrich Riedesel (zu Josbach) mit den Lehen, die ihr Vater und sie bereits von Landgraf Heinrich III. zu Lehen trugen. Dies waren u. a. vier Gulden Geld im Dorf Sellnrod im Gericht Bobenhausen („Berbenhusen“).Jürgen Rainer Wolf: Der Lehenhof Landgraf Wilhelms III. von Hessen-Marburg. Regesten zu den Lehenurkunden (1487–1500). Repertorien des Hessischen Staatsarchivs Darmstadt. S. 6, Nr. 23.
1586 wurde ein Leibeigenregister für das Amt Ulrichstein aufgestellt, dem auch Leibeigene aus Sellnrod und „Schmiede Sellnrod“ nebst anderen Gemeinden erfasst wurden.StAD E 14 B, 53,8.
Neuzeit Ziemlich zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges, im Jahr 1622, verwüsteten die Truppen des „tollen Halberstädters“ Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel das hessen-darmstädtische Amt Ulrichstein und auch Sellnrod.Johann Kayßer: Designation der Marter und Pein, auch onzimler worte, So das Halberstädische Kriegsvolk resprictive ann etzlichen meinen ambtsbevolenen gevbt und geredt. Amt Ulrichstein. Abgedruckt in: Wilhelm Diehl (Hrsg.): Bilder aus der Zeit des 30-jährigen Krieges. Hirschhorn am Neckar 1905, S. 71–80, hier S. 76 f. In seiner Beschreibung der „Marter und Pein“, welche die Söldner ausübten, berichtet der Amtmann Johann Kaiser aus Ulrichstein über das Schicksal der Einwohner von „Selerodt“: „Den Schulmeister haben sie geldgebens halben erstlich blou und schwartz geschlagen, … ein rappir vfs hertz gesetzt … gantz nackend ausgezogen … am leib zerhauen, das ers seine lebtage nicht verwinden wirdt.“ Die Frau des Johannes Möller (Müller) wurde „blou und schwartz geschlagen.“ Den Grönhansen wollten sie aufhängen. Besonders übel traktierten die Halberstädter Truppen die Bewohner des Weilers Schmitten, der „Selnröder Schmidt.“ Lorenz Dieln und Heintz Nickeln wurden, an Pferde gebunden, in den Wald geführt, wo man sie aufhängen wollte. „Hans Schefern und sein Weib“ wurden wie alle anderen „geldtgebens halben … blou und schwartz geschlagen.“ Ähnlich erging es den Bewohnern der übrigen Orte des Amtes in Vlrichsteinn, Bobenhassenn, wo sie besonders schlimm wüteten, in Wonfeldt, Heckersdorff, Oberseiberderrodt, Altenhain, Meiches und Helbershain. Am 18. Oktober 1611 brach in Sellnrod die Pest aus.Dorfchronik von Altenhein. Freiwillige Feuerwehr Altenhain. Am 3. Mai 1667 wurde Elisabetha Peter, die Ehefrau des Johann Peter, unter dem Vorwurf, eine Hexe zu sein, gefoltert.Simone Alexander: Mit dem Laster der Hexerei besudelt: die Hexen von Sellnrod - zwei Protokolle machen Verhör und Prozessverfahren deutlich. in: Hessische Heimat (2003), 2, S. 5–8; a3/p9-11. Am 3. Oktober wurde sie in Gießen mit der 17-jährigen Tochter Elisabetha des Johann Müllers im peinlichen Verhör konfrontiert. Während das Mädchen zugab, von Elisabetha Peter in deren Haus zur Teufelsbuhlschaft verführt worden zu sein, widersprach die Angeklagte heftigst.Protokolle abgedruckt bei: Adelheid Rehbaum-Keller, Sündebock: Hexe. Ausgrenzung und Vernichtung gestern – und heute? Gießen 1994, S. 149–154, ISBN 3-922272-51-7. Bereits Mitte des 18. Jahrhunderts setzte eine starke Auswanderung ein. 1751 wanderte eine Familie Knöss (Kniess) nach Ungarn aus ins Komitat Tolna. 1766 folgten mehrere Einwohner den Werbern der Katharina der Großen. In dieser Zeit begann die Geschichte der Russlanddeutschen. Eine große Zahl von Sellnrödern führte der Weg in eine neue Heimat nach Nordamerika. Dies zeigt auch die Abnahme der Wohnbevölkerung zwischen 1825 und 1910. Über die wirtschaftliche Situation hieß es 1825: „doch erbaut es seine Bedürfnisse nicht.“Johann Andreas Demian: Beschreibung oder Statistik und Topographie des Großherzogthums Hessen. Mainz 1825, S. 349 f. 1795 wird die Frei- und SchlagmühleStaats- und Adreß-Handbuch für die Fürstl. Hessen-Darmstädtischen Lande auch zum statistischen Gebrauch eingerichtet. Darmstadt 1795, S. 234. sowie 1854 die Wiesenmühle erwähnt. 1795 ist Wilhelm Schneidmüller Schultheiß von Sellnrod im Gericht Bobenhausen.Staats und Adreß-Handbuch 1795, S. 234. Bis weit ins 20. Jahrhundert besaß Sellnrod eine einklassige Volksschule. Sie stand an der zentralen Kreuzung des Dorfes westlich gegenüber der Kirche. Der Schulmeister zu „Selerodt“ wurde 1622 von den halberstädtischen Truppen aufs übelste misshandelt. 1795 unterrichtete an der Schule der Lehrer Johann Henrich Müller.Staats- und Adreß-Handbuch für die Fürstl. Hessen-Darmstädtischen Lande auch zum statistischen Gebrauch eingerichtet. Darmstadt 1795, S. 234. Über die wirtschaftliche Situation des Dorfes „mit 137 Häusern und 649 … Einwohnern“ am Beginn des 19. Jahrhunderts wird berichtet, dass „deren vorzüglichste Nahrungsquellen Ackerbau, Viehzucht, Spinnerei, Handwerk und Handel“ waren. „Von Professionisten finden sich hier 2 Schuhmacher, 2 Schneider, 2 Schmiede, 1 Wagner, 1 Schreiner, 2 Maurer, 1 Zimmermann und 1 Becker.“Johann Andreas Demian: Statistik und Topographie. S. 350.
Die Statistisch-topographisch-historische Beschreibung des Großherzogthums Hessen berichtet 1830 über Sellnrod:
Nachkriegszeit Durch den Zuzug von Vertriebenen und Flüchtlingen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wuchs die Bevölkerung stark an. Die Eingliederung der Gemeinde Schmitten in die Gemeinde Sellnrod erfolgte zum 1. April 1951.
Zum 1. Oktober 1971 wurde die bis dahin selbständige Gemeinde Sellnrod im Zuge der Gebietsreform in Hessen zeitgleich mit zwei weiteren Gemeinde auf freiwilliger Basis in die Gemeinde Mücke eingegliedert. Für alle durch die Gebietsreform nach Mücke eingegliederten Gemeinden wurden Ortsbezirke gebildet.
Ein neues Wohngebiet entstand im Nordwesten des Dorfes. Im Ort gibt es einen Kindergarten und eine Sporthalle. Anfang des 3. Jahrtausends erregte ein Kuhaltersheim in Sellnrod Aufsehen.Gesa Coordes: Lebensabend im Kuhaltersheim: acht Kühe stehen zur Zeit auf den Weiden rund um Sellnrod; für bis zu 30 Tiere ist in dem einmaligen Kuhaltersheim Platz. In: Express / Giessener Magazin, 2007, Band 23, 40, S. 5.
Verwaltungsgeschichte Von 1622 stammt der erste Nachweis,Johann Kayßer: Designation der Marter und Pein, S. 80 dass Sellnrod ins Amt Ulrichstein gehörte, ebenso wie 1787. Damals war Sellnrod ein Ort in der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, Regierungsbezirk Gießen, Amt Ulrichstein, Gericht Bobenhausen. Auch Altenhain, Feldkrücken, Höckersdorf, Kölzenhain, Ober-Seibertenrod und Wohnfeld sowie der Petershainer Hof und Schmitten gehörten in das Gericht dieses Amtes.
Am 12. Juli 1806 erhob Napoleon die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt zum Großherzogtum Hessen. 1820 erhielt das Großherzogtum eine Verfassung. Auf dieser Grundlage wurden die bisherigen Amtsbezirke, Sellnrod gehörte zum Amt Ulrichstein, in Landrats- und Landgerichtsbezirke umgewandelt. Am 30. Juni 1821 erschien die Gemeindeordnung des Großherzogtums, welche die Trennung von Justiz und Verwaltung vorsah. Diese Gemeindeordnung wurde am 14. Juli 1821 umgesetzt. Das Dorf kam in diesem Jahr zum Landratsbezirk Schotten und zum Landgericht Schotten.hier und im Folgenden: Eugen Rieß, Willy Roth, Berstadt. 2 Bände, Band 2: Neue Zeiten. Rockenberg 2005, S. 49–52, ISBN 3-923907-08-7. Gleichzeitig traten nun an die Spitze des Dorfes ein gewählter Bürgermeister und ein Gemeinderat.
Eine Konsequenz der Revolution von 1830 war die Neuordnung der Verwaltung. Mit Verordnung vom 20. August 1832 wurden die Landratsbezirke zu Kreisämtern. Zum neuen Kreisamt Nidda kam der seitherige Landgerichtsbezirk Schotten. Also wurde auch Sellnrod 1832 in den Kreis Nidda eingegliedert, der fortan eine Art Superkreis bildete.
Da der Kreis Grünberg größere Gebiete an den Kreis Gießen hatte abgeben müssen, erhielt er dafür 1837 Gemeinden aus dem Raum Lich, Laubach und der nördlichen Wetterau. 1838 kam auch Sellnrod zum Kreis Grünberg.