mini|Reichenauer Hof mit seiner Straßenfront
Der Reichenauer Hof (auch Ehinger Hof) ist ein im Kern spätmittelalterliches, im 16. Jahrhundert umgestaltetes ehemaliges Patrizierhaus in Ulm (Anschrift: Grüner Hof 2). Der Gebäudekomplex geht auf einen Pfleghof des Klosters Reichenau zurück und verbindet einen spätmittelalterlichen Ostflügel mit einem um 1535/1538 für die Patrizierfamilie Ehinger errichteten Renaissancebau, der zu den frühen erhaltenen Zeugnissen der Frührenaissance nördlich der Alpen zählt.Hans Koepf: Ulmer Profanbauten. Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm, Band 4. W. Kohlhammer, Stuttgart 1982, ISBN 3-17-007078-9, S. 31–32.Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg: Ehinger Hof, auch Reichenauer Hof (Grüner Hof 2, Ulm). In: LEO-BW, abgerufen am 14. September 2026.
Im Ostflügel befindet sich der sogenannte „Minnesängersaal“, früher auch „Meistersingersaal“ genannt, ein zweijochiger, kreuzgewölbter Festraum mit einem nahezu vollständig erhaltenen profanen Wandmalereizyklus aus der Zeit um 1380. Die Wandmalereien gelten als die ältesten erhaltenen Fresken Ulms und bilden ein seltenes Beispiel weltlicher Wandmalerei des Spätmittelalters.Max Schefold: Ein Freskenzyklus aus dem Ende des 14. Jahrhunderts in Ulm. In: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst. Neue Folge, Band 5, Heft 2, 1928, S. 101–115, hier S. 101, 115.Stadt Ulm: Reichenauer Hof und Minnesängersaal. In: Programm Tag des offenen Denkmals 2019, S. 25, abgerufen am 14. September 2026.
Das Anwesen ist ein geschütztes Kulturdenkmal nach § 2 DSchG BW.Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg: Ehinger Hof, auch Reichenauer Hof (Grüner Hof 2, Ulm). In: LEO-BW, abgerufen am 14. September 2026.
Geschichte
mini|Westliche Giebelseite des Reichenauer Hofes mit rundbogiger Hofdurchfahrt und Gedenktafel Klösterliche Vorgeschichte Ein „Reichenauer Hof“ ist in Ulm seit 1246 nachweisbar, wobei dieser frühe Beleg nach der landesgeschichtlichen Forschung vermutlich noch einen östlich der Stadt gelegenen Besitz in Pfäfflingen bezeichnet. Für das Gebiet des heutigen Grünen Hofs ist die Verbindung zur Benediktinerabtei Reichenau seit 1264 fassbar: In diesem Jahr erwarb die Abtei den dort gelegenen Hof des Klosters Salem. Das Grundstück des heutigen Reichenauer Hofs am Grünen Hof 2 gehörte in der Folge ebenfalls zum Reichenauer Besitz.Landesarchiv Baden-Württemberg: Ulm – Altgemeinde/Teilort. In: LEO-BW, abgerufen am 14. September 2026.Ulm/Neu-Ulm Touristik: Ensemble „Grüner Hof“, abgerufen am 14. September 2026.
Der Reichenauer Besitz bildete nicht nur einen wirtschaftlichen, sondern zeitweise auch einen eigenen rechtlichen Herrschaftsbereich innerhalb des frühen Ulm. Für die Dienstleute des Klosters bestand auf dessen Ulmer Hof ein besonderes Gericht, das vom Klostervogt geleitet wurde.K. Statistisches Landesamt (Hrsg.): Beschreibung des Oberamts Ulm. Erster Teil. W. Kohlhammer, Stuttgart 1897, S. 13–14. Die bis heute gebräuchliche Bezeichnung „Reichenauer Hof“ erinnert an diese klösterliche Besitz- und Wirtschaftsgeschichte.
Zum klösterlichen Gebäudekomplex am Grünen Hof gehörte neben einem Wohngebäude, in dem sich zeitweise Reichenauer Mönche aufhielten, eine dem heiligen Ägidius geweihte Kapelle. Sie wurde 1582 abgebrochen. Zum Besitz des Klosters gehörte außerdem eine weitere, dem heiligen Nikolaus geweihte Kapelle beim späteren Dekanatsgebäude am Grünen Hof 13, die dem Kloster als Schatzkammer diente.K. Statistisches Landesamt (Hrsg.): Beschreibung des Oberamts Ulm. Zweiter Teil. W. Kohlhammer, Stuttgart 1897, S. 16.
Patriziersitz im späten 14. Jahrhundert Auf dem Reichenauer Grundstück ließ der Ulmer Bürgermeister Lutz Krafft, der 1377 den Grundstein des Ulmer Münsters legte, wenige Jahre zuvor ein repräsentatives Wohnhaus errichten.Ulm/Neu-Ulm Touristik: Ensemble „Grüner Hof“. Der heutige Ostflügel gehörte spätestens vor 1397 zu Kraffts Wohnhaus. In seinem Erdgeschoss hat sich der gewölbte Raum mit den um 1380 entstandenen Wandmalereien erhalten, der später als „Meistersingersaal“ beziehungsweise „Minnesängersaal“ bezeichnet wurde.Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg: Ehinger Hof, auch Reichenauer Hof (Grüner Hof 2, Ulm). Nach der Beschreibung des Oberamts Ulm hatte Krafft neben dem Reichenauer Hof auch den Ulmer Donauzoll als Lehen.K. Statistisches Landesamt (Hrsg.): Beschreibung des Oberamts Ulm. Zweiter Teil. W. Kohlhammer, Stuttgart 1897, S. 16. Lutz Krafft bewohnte das Haus mit seiner Ehefrau Elisabeth Ehinger. Die Verbindung der beiden Ulmer Patrizierfamilien spiegelt sich auch in den im Minnesängersaal erhaltenen Wappen.Stadt Ulm: Die Ulmer Sammlung 1230–1808, abgerufen am 14. September 2026.
Die Ausmalung des Saals entstand nach stil- und kostümgeschichtlichen Kriterien um 1380. Max Schefold deutete den Raum aufgrund seines Bildprogramms und der Patrizierwappen nicht als Kapelle oder Refektorium, sondern als Repräsentationsraum patrizischer Bewohner.Schefold: Ein Freskenzyklus. S. 113–115.
Umbau in der Frührenaissance Um 1535/38 wurde der mittelalterliche Gebäudebestand unter der Patrizierfamilie Ehinger grundlegend im Stil der Renaissance erweitert und umgestaltet. Der ältere gotische Ostflügel blieb dabei in den neuen Baukomplex einbezogen; insbesondere der Südflügel erhielt seine bis heute prägende Gestalt mit einem zweigeschossigen polygonalen Eckerker. Erhaltene Holzdecken von 1535 gehören ebenfalls zu dieser Bauphase.Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg: Ehinger Hof, auch Reichenauer Hof (Grüner Hof 2, Ulm). In: LEO-BW, abgerufen am 14. September 2026.Stadt Ulm: Reichenauer Hof und Minnesängersaal. In: Programm Tag des offenen Denkmals 2019, S. 25, abgerufen am 14. September 2026. Der Reichenauer Hof zählt zu den frühen erhaltenen Renaissancebauten nördlich der Alpen.Deutsche Stiftung Denkmalschutz: Minnesängersaal im Reichenauer Hof, abgerufen am 14. September 2026.
Die repräsentative Bedeutung des Hauses zeigt sich auch in den Aufenthalten Kaiser Karls V., der mehrfach im Ehinger Hof logierte.Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg: Ehinger Hof, auch Reichenauer Hof (Grüner Hof 2, Ulm). Für den 14. August 1548 ist ausdrücklich überliefert, dass der Kaiser bei seiner Ankunft in Ulm erneut „in Herrn Ehingers Hauß auf dem grünen Hoff“ Quartier nahm. Während dieses Aufenthalts wurden in Ulm das Augsburger Interim durchgesetzt und die städtische Ratsverfassung zugunsten einer stärker patrizischen Beteiligung umgestaltet.Stadtarchiv Ulm: Verfassung – Verwaltung – Gesellschaft. Material 1: Aufenthalt Kaiser Karls V. in Ulm 1548, S. 1, abgerufen am 14. September 2026.
Gasthof und Festungsbaudirektion mini|Historische Gedenk- und Inschriftentafel am Reichenauer Hof in Ulm mit Wappen und Hinweisen zur Bau- und Nutzungsgeschichte. Nach dem Ende der patrizischen Nutzung wurde der Reichenauer Hof 1786/87 zum Gasthof „Schwarzer Ochse“ umgewandelt.Stadtarchiv Ulm: Industrialisierung: Eisenbahn, Bundesfestung, S. 13, abgerufen am 14. September 2026.K. Statistisches Landesamt (Hrsg.): Beschreibung des Oberamts Ulm. Zweiter Band. W. Kohlhammer, Stuttgart 1897, S. 16. Diese Nutzung bestand bis zur Übernahme des Anwesens für den Bau der Bundesfestung Ulm zu Beginn der 1840er Jahre. Der Besitzer des „Schwarzen Ochsen“ erhielt nach Angaben des Stadtarchivs für das ehemalige Patrizierhaus 50.000 Gulden; anschließend wurde dort auf Ulmer Seite die Festungsbaudirektion eingerichtet.
Mit der Einrichtung der Festungsbaudirektion erhielt der Reichenauer Hof eine militärische Verwaltungsfunktion. Der preußische Offizier Moritz Karl Ernst von Prittwitz war als Festungsbaudirektor maßgeblich an Planung und Errichtung der Bundesfestung beteiligt.Landesarchiv Baden-Württemberg: Prittwitz und Gaffron, Moritz Karl Ernst von. In: LEO-BW, abgerufen am 14. September 2026. Die am Gebäude angebrachte Gedenk- und Inschriftentafel fasst diese Nutzungsgeschichte zusammen und nennt für die Festungsbaudirektion den Zeitraum von 1842 bis 1870.
Von 1870 bis 1918 befand sich im Reichenauer Hof das kaiserliche Gouvernement, anschließend bis 1945 die Standortkommandantur.Stadtarchiv Ulm: Stadtentwicklung 1900–1939, Material 1: „Kasernen in Ulm – Überblick“, abgerufen am 14. September 2026. Damit blieb der ehemalige Patriziersitz vom Beginn des Festungsbaus bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs über ein Jahrhundert lang mit der militärischen Verwaltung Ulms verbunden.Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (Hrsg.): 52|12 – 60 Jahre Bauen für den Bund in Baden-Württemberg. Oberfinanzdirektion Karlsruhe, Abteilung Bundesbau Baden-Württemberg, Karlsruhe 2012, ISBN 978-3-00-037962-8, S. 82–83.
Kriegsfolgen, Sanierung und heutige Nutzung
Bei den Luftangriffen auf Ulm wurden 1944 insbesondere der Nord- und der Ostflügel des Reichenauer Hofes schwer getroffen. Der Wiederaufbau der beschädigten Gebäudeteile erfolgte 1947/48. Dabei erhielt der Südflügel unter anderem eine moderne Sichtbetontreppe.Staatliches Hochbauamt Ulm: Reichenauer Hof – Minnesängersaal. Informationsflyer, o. J. (um 2025/26)Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (Hrsg.): 52|12 – 60 Jahre Bauen für den Bund in Baden-Württemberg. Oberfinanzdirektion Karlsruhe, Abteilung Bundesbau Baden-Württemberg, Karlsruhe 2012, ISBN 978-3-00-037962-8, S. 82–83.
Die spätmittelalterlichen Wandmalereien des Minnesängersaals wurden 1960 restauriert. Nach einer jüngeren restaurierungswissenschaftlichen Untersuchung wurden sie dabei teilweise weitreichend überarbeitet; der Vergleich mit Fotografien aus dem Jahr 1944 lässt erkennen, dass der heute sichtbare Bestand gegenüber dem Vorkriegszustand verändert ist.Barbara Beckett: Die gotischen Wandmalereien im Ostflügel der Forchheimer Burg. Bestand und Restaurierungsgeschichte. Dissertation, Otto-Friedrich-Universität Bamberg 2013, veröffentlicht Bamberg 2014, S. 53.
Mitte der 1980er Jahre machten Schäden an der Konstruktion, veraltete technische Installationen und unzureichender Brandschutz eine Räumung des Gebäudes erforderlich. Von 1987 bis 1990 wurde der gesamte Komplex für rund 7,4 Millionen DM denkmalgerecht saniert. Dabei wurden die Tragfähigkeit konstruktiver Bauteile wiederhergestellt, Nord- und Westflügel zur Gewinnung zusätzlicher Arbeitsräume aufgestockt und die beim Wiederaufbau eingebaute Sichtbetontreppe durch eine geschlossene Treppenanlage ersetzt, die sich stärker in den historischen Baubestand einfügt.Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (Hrsg.): 52|12 – 60 Jahre Bauen für den Bund in Baden-Württemberg. S. 82–83.
Der Reichenauer Hof dient weiterhin öffentlichen Verwaltungszwecken. Am Grünen Hof 2 befindet sich heute der Sitz des Staatlichen Hochbauamts Ulm.Bundesbau Baden-Württemberg: Kontakt – Staatliches Hochbauamt Ulm, abgerufen am 14. September 2026. Auch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben ist am Standort vertreten.Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (Hrsg.): 52|12 – 60 Jahre Bauen für den Bund in Baden-Württemberg. S. 82–83.
Architektur mini|Außenansicht des Reichenauer Hofes mit steilem Giebel und polygonalem Eckerker mini|Weitwinkelansicht des Innenhofs des Reichenauer Hofes in Ulm mit Arkaden, Hofbaum und gepflastertem Hof. Baukörper und äußere Gestalt
Der Reichenauer Hof ist ein aus mehreren Bauphasen hervorgegangener Gebäudekomplex, dessen Flügel ein inneres Hofgeviert umschließen. Den ältesten erhaltenen Teil bildet der Ostflügel: Er gehörte bereits vor 1397 zum Wohnhaus des Ulmer Bürgermeisters Lutz Krafft und bewahrt im Erdgeschoss den später sogenannten Minnesängersaal mit seinen Wandmalereien um 1380.Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg: Ehinger Hof, auch Reichenauer Hof (Grüner Hof 2, Ulm). In: LEO-BW, abgerufen am 14. September 2026.