mini|Detail eines Stickmustertuches von Barbara Landis (1816–1884), 1827, Kreuzstich in Wolle auf Stramin, Metropolitan Museum of Art. Sticken (von ) ist eine textile Technik, bei der ein Trägermaterial (Gewebe, Leder, Papier) mittels Durchziehen oder Aufnähen von Fäden verziert wird.
Es gibt eine Vielzahl von Sticktechniken, von denen einige auf der UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit stehen. Textilgestaltung im Handwerk der Fachrichtung Sticken ist in Deutschland ein anerkannter Ausbildungsberuf.
Geschichte der Stickerei
Frühgeschichte Sticken entstand aus der textilen Technik des Nähens. Es wurde schon früh weltweit praktiziert. Funde bei archäologischen Ausgrabungen weisen bis mindestens ins 2. Jahrtausend v. Chr. zurück, wahrscheinlich ist Sticken noch älter. Einige der ältesten erhaltenen Stickereien stammen aus dem Grab des ägyptischen Königs Tutanchamun, der etwa 1323 v. Chr. starb. Seidenstickereien aus einem Grab in Mashan in der chinesischen Provinz Hubei konnten auf die Periode der Streitenden Reiche (475–221 v. Chr.) datiert werden. Mit Seide bestickte Textilien wurden auch in den Salzminen von Hallstatt in Österreich gefunden, außerdem Wollstickereien in Hohmichele, beide stammen aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. Aus der Slowakei stammen archäologische Stickereifunde aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Auch in Indien, Mesopotamien und Kleinasien war Sticken schon vor über 2000 Jahren verbreitet. Die Assyrer stickten Tier- und Menschengestalten auf ihre Kleider und Vorhänge. Von ihnen lernten die Griechen das Sticken, die jede Stickerei daher „phrygisch“ nannten. Im Alten Rom hießen Stickereien entsprechend „opus phrygium“. Bereits im Altertum unterschied man Bunt-, Gold- und Weißstickerei. Aus letzterer entwickelte sich die Durchbrucharbeit, was als Doppeldurchbrucharbeit in der Renaissance zur Entwicklung der Spitze führte.
Aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. sind Stickereien aus vielen Erdteilen erhalten, etwa die bestickte Kleidung von peruanischen Mumien, koptische Stickereien aus Ägypten sowie Stickereifunde aus Zentralasien, unter anderem Dunhuang, Niya und Loulan. In Byzanz wurde die vorderasiatische Tradition der Silberstickerei weitergeführt. Byzantinische und frühe russische Stickereien haben sich im Katharinenkloster im Sinai erhalten. Im Shōsō-in des Tōdai-ji im japanischen Nara, das aus dem 8. Jahrhundert stammt, hat sich eine große Sammlung chinesischer, indischer und japanischer Stickereien erhalten.
Mittelalter mini|250x250px|Gestickte Szene des Teppichs von Bayeux, ca. 1070 Im Mittelalter wurde Sticken in den europäischen Klöstern zur Herstellung von Paramenten gepflegt.Stickerei. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig/Wien 1885–1892. Stickereien des Mittelalters wurden etwa in dem Grab von Mammen in Dänemark gefunden, sie lassen sich auf das 10. Jahrhundert datieren. Eine besonders bekannte Stickerei dieser Zeit stellt der Teppich von Bayeux dar. Ab dem 13. Jahrhundert ist Sticker als Handwerksberuf belegt. Besonders in England erfuhr die Goldstickerei vom 12. bis 14. Jahrhundert in Form des Opus Anglicanum eine Blüte. Auch im Burgund des 15. Jahrhunderts erfuhr das Sticken eine Blüte, Obergewänder wurden mit Mustern, Sinnsprüchen und heraldischen Motiven verziert.
Ab dem frühen 16. Jahrhundert wurden in Europa Stickmustertücher verwendet, auch wenn keine so frühen Exemplare erhalten geblieben sind. Im Inventar der Königin Johanna von Kastilien aus dem Jahr 1509 wurde eine Sammlung von fünfzig dechados (‚Mustertücher‘) aufgeführt. Sie wurden als Stickerei und deshilado (‚gezeichnete Fadenarbeit‘) beschrieben, einige aus Seide, andere aus Goldfaden.Maravillas Segura Lacomba: Bordados Populaires Españoles, Madrid: Consejo Superior de Investigaciones Cientificas, Instituto ″San Jose de Calasanz″ de Pedagogia, 1949, S. 72. Im 16. Jahrhundert verbreitete sich auch die Verzierung von Unterwäsche, Hemdkragen und Manschetten mit Stickereien. Im Barock und Rokoko wurden Justaucorps, Herrenwesten und Stecker mit aufwändiger Buntstickerei verziert, die aufgrund ihrer feinen Farbverläufe auch ‚Nadelmalerei‘ genannt wurde. Im 18. Jahrhundert kamen in Europa indische Motive wie Palmetten in Mode. Während des Empire wurden die Stickereien in weiß ausgeführt.
Aufkommen des Maschinenstickens im 19. Jahrhundert mini|St. Galler Stickerei-Muster: Mittelfeines rundes Sujet Schweizer Textilkaufleute aus St. Gallen lernten um 1751 in Lyon das Handsticken von türkischen Frauen. Über Sticklehrerinnen wurde im Nordosten der Schweiz und ab 1763 auch in Vorarlberg dieses Handwerk verbreitet.Geschichte der Vorarlberger Stickerei In: Vorarlberger Stickereiwirtschaft, abgerufen am 23. Dezember 2023. 1828 wurde von Josua Heilmann aus Mülhausen eine Handstickmaschine entwickelt, die eine doppelspitzige Nadel ganz durch ein Gewebe und an einer anderen Stelle wieder zurückführt. Es entstand die St. Galler Stickerei als weltweit erfolgreiches Exportprodukt, mit Saurer als wichtigstem Stickmaschinenproduzent des späten 19. Jahrhunderts. 1863 wurden die Kettenstichmaschine und die Schifflistickmaschine erfunden. Ab 1880 wurden diese Maschinen in Sachsen von der Vogtländischen Maschinenfabrik in Plauen und von Betrieben in Chemnitz weiterentwickelt.
In Großbritannien wurde Sticken im Zuge der Arts-and-Crafts-Bewegung wieder populär, unter anderem gründete Victoria Welby 1872 die heutige Royal School of Needlework. May Morris entwarf Stickereien und führte Entwürfe ihres Vaters aus.
Elektromotor und Lochkartensteuerung führten 1898 zum dritten und letzten Schritt in der Entwicklung der Stickmaschinen, die sogenannten Stickautomaten. Dies waren Schifflistickmaschinen, die nicht mehr mit Pantographen, sondern über Lochkarten gesteuert wurden. Heutige Stickmaschinen verwenden noch dasselbe Prinzip, jedoch kommen anstelle der Lochkarten Computer zum Einsatz.
mini|Matyó hímzés (Matyó-Stickerei)
Immaterielles Kulturerbe der Menschheit 2012 wurde Matyó hímzés, die Stickerei als Volkskunst der Matyók, einer ungarischen Volksgruppe aus dem Kreis Mezőkövesd, in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. Die flachen Stickereien mit floralen Motiven schmücken ihre Trachten und werden zu dekorativen Zwecken eingesetzt. Chakan-Stickerei folgte 2018 auf Antrag Tadschikistans. Die symbolischen und mythologischen Muster stammen vorwiegend aus der Natur und werden zum Beispiel auf Blusen und Kappen appliziert. Die Stickkunst in turkmenischem Stil wurde 2022 auf Antrag der Islamischen Republik Iran und Turkmenistans hinzugefügt. Traditionell werden vor allem Bordüren in gruppenorientierten Mustern gefertigt. Ebenfalls 2022 kam Al Talli für die Vereinigten Arabischen Emirate auf die Repräsentative Liste. Die Gewänder werden kunstvoll mit Baumwoll- und Silberfäden geschmückt.
Tatreez ist die traditionelle palästinensische Stickkunst, die vor allem zur Verzierung der traditionellen Gewänder, genannt Thobes, genutzt wird. Die kunstvollen, leuchtenden Muster – oft geometrisch und florale Motive – erzählen regionale Geschichten und symbolisieren kulturelle Identität. Seit 2021 ist Tatreez von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt.
Im Jahr 2024 wurde die Schwälmer Weißstickerei in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Ausgewählte Stiche der Stickerei
Es besteht eine große Menge weiterer Stiche und Stichabwandlungen, u. a. Flechtenstich, Doppelstich, Gitterstich oder maurischer Stich. +NameSynonymeBeschreibungAbbildungBayeux-StichEine Form des Überfangstichs, die insbesondere zum Füllen von Flächen verwendet wird. Ein anderer Überfangstich ist etwa der Klosterstich.rahmenlosFestonstichLanguettenstich, SchlingstichStich aus Schlingen zur RandverwahrungGobelinstichHalber KreuzstichMit der sehr einfachen Sticktechnik wird das Motivfeld auf dem Trägermaterial vollständig bestickt, mit immer in der gleichen Richtung verlaufenden diagonalen Überspannungen der Fadenkreuze.HexenstichZierstich zum Befestigen von offenen Kanten (Säumen)HolbeinstichKettenstichKettstichDie Nadel sticht hierbei neben der Ausstichstelle ein und bildet so eine Schlinge. Diese wird um die neue Ausstichstelle gelegt.200x200pxKreuzstichBei dieser Technik werden kleine Kreuze auf einen zählbaren Stoff gestickt. Dabei wird zuerst ein schräger Stich gemacht, dann darüber ein zweiter in einem Winkel von 90 Grad dazu. Gobelinstich und Webstich sind Abwandlungen des Kreuzstiches.rahmenlosPetitpoint-StichErmöglicht sehr zarte, mosaikartige Bildnerei, nur mit Seidenfäden ausgeführtPlattstichFüllstichSteppstichAuf der unteren Seite des Stoffes wird ein langer Stich gemacht, auf der oberen Seite um die Hälfte der Ausdehnung desselben wieder zurückgegriffen, so dass auf der unteren Seite jeder Stich doppelt so lang ist wie oben. In umgekehrter Anwendung entsteht der Stielstich.StielstichZierstich, der bei mehreren Stichen eine Linie ergibt, die wie ein Stiel aussiehtVorstichEine in einer Richtung ausgeführte Vorstichnaht sieht aus wie eine gestrichelte Linie
Sticktechniken und -varianten Sticktechniken lassen sich auf verschiedene Weisen systematisieren. Sie können nach der Art des Grundgewebes unterschieden werden, dann spricht man etwa von Leinen-, Seiden-, Tüll- oder Straminstickerei. Nach der Art des aufgestickten Materials spricht man beispielsweise von Woll-, Baumwoll-, Gold-, Stroh- oder Perlenstickerei. Wenn sich mehrere dieser Arten kombinieren, entstehen Stickereivarianten, die nach Herstellungsort oder -gegend benannt werden, beispielsweise Hardanger.