mini|Ferdinand Hestermann Ferdinand Heinrich Hestermann (* 13. Dezember 1878 in Wesel; † 15. Dezember 1959 in Jena) war ein deutscher römisch-katholischer Ordenspriester, Sprachwissenschaftler, Ethnologe, Religionswissenschaftler und Hochschullehrer. Er soll mindestens 108 lebende und tote Sprachen wissenschaftlich beherrscht haben.Christel König: Reineke Fuchs auf Hottentottisch. Ein Sprachgenie an der Universität Münster. In: Der Patriot, Jg. 95, Nr. 77, 7. Januar 1944.Ulrich Vollmer: Der Ethnologe Ferdinand Hestermann und der Unterricht im Japanischen an der Universität Münster im Dritten Reich. In: Bonner Asienstudien Band 11: Auf der Suche nach der Entwicklung menschlicher Gesellschaften. EB-Verlag, 2012, S. 125.Professor der hundert Sprachen. In: Neue Zeit, Berlin, 16. Dezember 1953, Seite 4.
Leben Ferdinand Hestermann wurde als Sohn von Hermann Hestermann und dessen Ehefrau Elisabeth, geborene Rulof, in Wesel am Niederrhein geboren. Er stammte aus bescheidenen, familiär und sozial nicht unproblematischen Verhältnissen. Er war das zweitälteste von sechs Kindern – sieben weitere, darunter zwei Zwillingspaare, starben früh. Hermann Hestermann, früher Tabakhändler, verdiente als Hausknecht und Tagelöhner das Geld für die Familie und war Alkoholiker.
Steyler Mission 1893 trat Ferdinand Hestermann als Vierzehnjähriger der Ordensgemeinschaft Steyler Mission (SVD = Societas Verbi Divini) bei und kam an das Gymnasium der Missionare nach Steyl in der niederländischen Provinz Limburg. Er lebte dort im Missionshaus St. Michael. Von Jugend an hatte er eine besondere Neigung für Sprachen. Als Sextaner und Quintaner studierte er zu seinem Privatvergnügen Oskisch. Das Interesse dafür war seiner Vorliebe für das Latein entsprungen.Brief von Ferdinand Hestermann an Hugo Schuchardt vom 29. September 1916. Digitalisat. Als Sekundaner schrieb er sein erstes Wörterbuch – in Chinesisch.Feuerland-Indianer verlernten ihre Muttersprache. In: Westfälische Landeszeitung / Groß-Dortmund 57, 7. Januar 1944.
Ab 1898 lebte Hestermann im Missionshaus St. Gabriel in Mödling bei Wien. Pater Wilhelm Schmidt wurde sein Förderer. Von 1898 bis 1907 studierte er in der ordenseigenen Hochschule St. Gabriel Philosophie, Theologie, orientalische Sprachen, Völkerkunde, vergleichende Religionswissenschaften und Religionsmythologie. Er beschäftigte sich auch intensiv mit Kunstgeschichte.Ferdinand Hestermann: Eine Rede die nicht gehalten werden konnte. Kongreß Verlag, Berlin 1948.
Ab 1904 war er zwölf Jahre lang an der Seite Wilhelm Schmidts Mitherausgeber der Zeitschrift „ANTHROPOS“-Internationale Zeitschrift für Völker und Sprachenkunde. Hestermann war in den Fächern Völkerkunde und Sprachwissenschaft durch eine besondere Begabung aufgefallen und wurde bereits vor Abschluss seiner Studien von Wilhelm Schmidt zu den ersten Arbeiten bei der geplanten Herausgabe der Zeitschrift hinzugezogen. 1907 erhielt Hestermann trotz wiederholter Verweise während seiner Vorbereitungszeit die Priesterweihe.Katja Geisenhainer: Marianne Schmidl (1890–1942). Das unvollendete Leben und Werk einer Ethnologin. Universitätsverlag, Leipzig 2005, ISBN 3-86583-087-0 (enthält auch Schmidls unvollendet gebliebene Arbeit über afrikanische Spiralwulstkörbe). Wegen Problemen mit der Ordensdisziplin wurde er im selben Jahr gegen den Protest von Wilhelm Schmidt für über ein Jahr als Lehrer und Pastor nach Steyl geschickt. Er unterrichtete am dortigen Gymnasium Latein, Geschichte, Deutsch, Geographie und Zeichnen.Neben der Lehrtätigkeit am Gymnasium verfasste er einen Text zur Geschichte der Missionen für den Verlag Ferdinand Schöningh in Paderborn, der nie veröffentlicht wurde. 1908 kehrte er auf Drängen von Schmidt nach Mödling zurück und trat als Mitarbeiter in die Redaktion des Anthropos ein. Er redigierte die eingereichten Manuskripte, las Korrektur, erledigte fremdsprachige Korrespondenz, verfasste Rezensionen und Artikel. Er beteiligte sich auch mit Vorträgen an den 1912 von Schmidt gegründeten „Semaines d'Ethnologie religieuse“ (Internationale Wochen für Religionsethnologie). Neben der Zeitschrift gründete Schmidt 1909 eine ethnologische und Hestermann 1914 eine linguistische Schriftenreihe, in denen Monographien veröffentlicht wurden.Ferdinand Hestermann: Umsturzbewegung in der modernen Völkerkunde, Gesellschaftswissenschaft und Religionsvergleich. In: Folia-Ethno Glossica, Jg. 1, Heft 2, Oktober 1925, Hamburg.
Auf dem Internationalen Amerikanisten-Kongreß 1908 in Wien hielt er einen Vortrag über die Pano-Sprachen.Roger Schroeder, Sebastian M. Michael, Stanislaw Grodź (Hrsg.): Giants' Footprints: 90th Anniversary of Anthropos Institute (1931–2021). Academia Verlag, 2021, S. 68–71.Ferdinand Hestermann: Die Pano-Sprachen und ihre Beziehungen. Digitalisat Seine umfassenden Sprachkenntnisse eignete sich Hestermann im Missionshaus durch Selbststudium und mit Hilfe sprachkundiger Missionare an.
Nach wiederholten Problemen mit der Ordensdisziplin trat Hestermann 1915 aus dem Orden aus. Später versuchte er die Priesterweihe ungültig zu machen mit der Begründung, sein Förderer Wilhelm Schmidt habe ihn zur Priesterweihe gezwungen. Der Fall wurde in Rom geprüft, aber weder wurde eine Ungültigkeitserklärung abgegeben, noch eine Laisierung bewilligt.
In Wien und Hamburg Er lebte daraufhin in Wien bei einer bekannten Wiener Familie und verdiente sich mit Übersetzungen und Privatunterricht den Lebensunterhalt. Zu gleicher Zeit strebte er einen akademischen Abschluss an und studierte zwischen 1915 und 1916 zwei Semester an der Universität Wien. Er unterstützte Marianne Schmidl bei ihrer Promotion. Wilhelm Schmidt blieb zeitlebens in Kontakt mit Hestermann und versuchte auch immer wieder, ihn finanziell zu unterstützen.Ernest Brandewie: When Giants Walked the Earth. The Life and Times of Wilhelm Schmidt, SCV. University Press Fribourg Switzerland, 1990, Seite 50, ISBN 3-7278-0712-1
1916 promovierte Hestermann an der Universität Wien in Ethnologie und Prähistorischer Archäologie bei Rudolf Pöch mit einer Arbeit über die Äquatorialvölker Afrikas. Die Dissertation war ein Ergebnis seiner jahrelangen Forschung auf dem Gebiet der Sprachbewegung und Sprachgruppierungen der Völker Afrikas, über die er regelmäßig Vorträge in der Anthropologischen Gesellschaft in Wien gehalten hatte.Personalakte Ferdinand Hestermann der FSU Jena, UAJ, Bestand D Nr. 1062.
Hestermann war in seinen Arbeiten zur Afrikanistik ein Kritiker Carl Meinhofs und dessen „Hamburger Schule“, die in der Bantuistik dominierend war.Ferdinand Hestermann: Die deutsche Afrikanistik bis 1913. Kritische Darstellung der neuesten Ansichten über Gruppierungen und Bewegungen der Sprachen und Völker in Afrika. Mechitharisten-Kongregations-Buchdruckerei (Selbstverlag), Wien / Henschel & Müller, Hamburg, 1929. Inhaltsverzeichnis.
Im Ersten Weltkrieg war er Zeichner von Generalstabskarten für die Türkei in Österreich. Von 1916 bis 1917 war er in Bad Hall, Baden bei Wien sowie in Nagyrábé und Bihar Nagy-Bajom (Ungarn) als Privatlehrer tätig.
1918 wurde er wieder in die SVD aufgenommen und lebte als Priester in Steyl, musste die Mission aber nach einem Jahr wieder verlassen, nachdem sich Generalsuperior Nikolaus Blum gegen Hestermanns vollständige Wiederaufnahme entschieden hatte. mini|Die Zeitschrift „Folia ethno-glossica“ Danach – von 1919 bis 1929 – unterrichtete er in Hamburg an sieben verschiedenen Handelsschulen Sprachen, Volkswirtschaft und Handelsgeschichte. Aus dem Sprachunterricht ist ein Spanisch-Lehrbuch hervorgegangen.Ferdinand Hestermann: Spanisch. Vollständige Formenlehre samt Übungsstoff (Ausgabe für Kaufleute). O. Meißner Verlag, Hamburg 1923. Daneben schrieb er die Familiengeschichten für angesehene Hamburger Familien. In dieser Zeit heiratete er standesamtlich die aus Hamburg-Bergedorf stammende Protestantin Wilhelmine „Milly“ Lohmann.
Von 1925 an gab Hestermann bei Henschel & Müller in Hamburg eine kleine, in Gelehrtenkreisen geschätzte Zeitschrift mit dem Titel „Folia ethno-glossica“ – Blätter für Völkerkunde, Sprachwissenschaft und Verwandtes heraus, zu der er die überwiegende Zahl der Beiträge selbst beisteuerte. 1927 wurde ihr Erscheinen wieder eingestellt.Liskor-Erinnern. Magazin der Hamburger Gesellschaft für jüdische Genealogie e. V. Nr. 14: Israel Henschel (1858–1928). Inhaber der renomierten Buchhandlung Henschel & Müller. Hamburg, Mai 2019.
1928 nahm er am 1. Internationalen Linguistenkongress in Den Haag teil und trat dort mit einer Vielzahl thematisch breit gefächerter „Propositions“ zu den Fragen der Kongressleitung hervor. Klaas-Hinrich Ehlers: Strukturalismus in der deutschen Sprachwissenschaft. Die Rezeption der Prager Schule zwischen 1926 und 1945. De Gruyter, 2011.
In Münster und die Zeit des Nationalsozialismus 1929 wurde er an der Universität Münster mit der historisch-vergleichenden Arbeit Die karibischen Sprachen Südamerikas im Fach Völkerkunde habilitiert, nachdem Habilitationsversuche zuvor an der Universität Hamburg vom Ethnologen Georg Thilenius abgelehnt worden waren.
Hestermann gehörte 1929 in Leipzig zu den Gründungsmitgliedern der (Deutschen) Gesellschaft für Völkerkunde.Ingrid Kreide-Damani (Hrsg.): Ethnologie im Nationalsozialismus. Julius Lips und die Geschichte der „Völkerkunde“. Richard Verlag Wiesbaden, 2010, S. 56–58.
Nach gemeinsamer Editionsarbeit mit Martin Gusinde erschien 1933 eine Überarbeitung des Yámana-English Dictionary von Thomas Bridges. Das verwendete Manuskript von Thomas Bridges hat Hestermann in der Zeit des Nationalsozialismus und während des Zweiten Weltkrieges sicher verwahrt und 1945 an das Britische Museum übergeben.Personenbezogene Unterlagen der Reichskulturkammer (RKK) Karl Kettler und Dr. Gertrud Kettler-Robben (im Bundesarchiv), Blatt 162: Dear Professor Hestermann. Signatur R 9361-V/145139. Digitalisat
Von 1929 bis 1946 war Hestermann in Münster als Privatdozent tätig. Seine öffentliche Antrittsvorlesung am 11. Januar 1930 trug den Titel „Der Totemismus, sozial oder religiös?“ Er gründete im Orientalischen Seminar der Universität Münster die Abteilung „Der Kaukasus und seine Sprachen“.Dozent Dr. F. Hestermann 65 Jahre alt. In: Die Glocke, Nr. 341, 11. Dezember 1943. Hestermanns Assistentin, Gertrud Kettler (verheiratete Kettler-Robben, Pätsch), machte bei ihm 1937 das weltweit erste Doktorat im Fach Georgisch. Im nationalsozialistischen Deutschland fand er keine bezahlte Anstellung. Seine einzige Veröffentlichung während dieser Zeit erschien 1935 im Verlag „Der Westfale“ in Münster.Ferdinand Hestermann: Das heilige Westfalen: Der heilige Lebuin, erster Apostel des alten Hamalandes und Nordwestfalens. Verlag Der Westfale, Münster 1935.
Seine Lehrtätigkeit in Münster zwischen 1929 und 1948 umfasste solche Themen, wie „Geographisch-kulturhistorische Übersicht über alle Sprachen der Welt“, „Das persönliche und besitzanzeigende Fürwort in Entstehung und Verwendung“, Völkerkunde Südamerikas, Völkerkunde Afrikas, die Religion der Hamiten Afrikas, Kisuaheli, „Vergleichende Religionswissenschaft Ostasiens und Indonesiens“, Shintō, „Eine ostasiatische Schriftsprache nach Wahl“, Japanische Schriftsprache, „Japanische Texte in Auslese“, „Chinesisch-Japanische Schriftlehre“, „Eine Einführung in das Hochchinesische“, Tibetisch, Mandschu, die Kaukasus-Sprachen, Georgisch, Altgeorgisch, Sprachenkunde der Südsee, „Vergleichende Religionswissenschaft und Mythologie der Südsee“, „Totemismus, besonders Australien“ und „Totemismus außerhalb Australiens“.
Hestermanns Frau Wilhelmine, die in Hamburg als Sekretärin gearbeitet hatte, erkrankte in Münster schwer; sie konnte ihrem Beruf nicht mehr nachgehen, sondern war auf den Rollstuhl angewiesen. Das einzige regelmäßige Einkommen für das Ehepaar war die schmale Rente, die die Ehefrau bezog.