mini|Synagoge Worms. Rechts angeschnitten das Haus zur Sonne, das ehemalige Gemeindehaus der jüdischen Gemeinde. mini|Synagoge Worms, Rückansicht.
Die Synagoge Worms gehört heute der Jüdischen Gemeinde Mainz. Sie geht auf das 1034 gestiftete Gebetshaus zurück und wurde seitdem mehrfach zerstört und neu aufgebaut. Sie stellt eine wichtige Sehenswürdigkeit der Stadt Worms dar, die meist in Verbindung mit dem alten jüdischen Friedhof Heiliger Sand besucht wird.
Seit 2021 sind die Synagoge und der Heilige Sand im Kontext der SchUM-Städte Teil des UNESCO-Welterbes.
Lage Die Synagoge wurde am Rande der Judengasse errichtet. Die Straße erweitert sich dort zum heutigen Synagogenplatz, von dem seitlich die Hintere Judengasse abzweigt. Die Synagoge war Mittelpunkt des jüdischen Viertels und das zentrale Bauwerk eines Ensembles jüdischer Kultbauten, das aus Männer- und Frauensynagoge, dem Talmud-Lehrhaus, der Mikwe und dem Synagogengarten besteht. Benachbart liegen das ehemalige Gemeindehaus der jüdischen Gemeinde, das Haus zur Sonne, und das Raschi-Haus, das auf den Kellern des ehemaligen Tanzhauses errichtet wurde.Spille: Denkmaltopographie, S. 68.
Geschichte Erste Synagoge mini|Stifterinschrift von 1034
Eine jüdische Gemeinde in Worms entstand wahrscheinlich im 10. Jahrhundert.Reuter: Warmaisa, S. 664. Sie war eine der größten und angesehensten im Heiligen Römischen Reich und hatte bis zu 300 Mitglieder.Caspary, S. 1178.
Die erste nachweisbare Synagoge in Worms wurde 1034 von Jakob ben David und seiner Frau Rahel finanziert, was in einer Stifterinschrift aus dem 12. Jahrhundert dokumentiert wurde, die heute neben dem Eingang zur Männersynagoge eingemauert ist.Reuter: Warmaisa, S. 664. Dieses erste Synagogengebäude wurde während der Judenverfolgungen zur Zeit des Ersten Kreuzzugs 1096 und des Zweiten Kreuzzugs 1146 beschädigt.Reuter: Warmaisa, S. 669. Es lag im Bereich des angebauten Talmud-Lehrhauses, also westlich des heutigen Gebäudes. Der Verlauf der Westwand der heutigen Männersynagoge und der der Ostwand der ersten Synagoge sind über einen Teilbereich identisch. Hier dürften sich im Fundamentbereich die ältesten Teile des Gebäudes befinden.Böcher: Zum Wiederaufbau, S. 209.
Zweiter Synagogenbau 12. bis 20. Jahrhundert mini|Oben: VorraumMitte: FrauensynagogeUnten: MännersynagogeAnbau links: „Raschi-Lehrhaus“
Ein Neubau der Synagoge erfolgte 1174/75.Auf der Deckplatte über dem Kapitel der östlichen Säule befindet sich eine entsprechende Inschrift. Sie ist eine nach geborgenen Fragmenten, alten Fotos und einer Zeichnung von 1887 gefertigte Rekonstruktion des zerstörten Originals (Böcher: Zum Wiederaufbau, S. 213). im romanischen Stil der Wormser Dombauhütte (Die Annahme von Kultur und Kunstformen aus der die Juden umgebenden Mehrheitsgesellschaft war üblich.). Dieser Bauteil ist die Männersynagoge und war im Mittelalter den männlichen Gemeindemitgliedern vorbehalten. Sie war mit Rundfenstern ausgestattet, die erst nach 1355 durch die heutigen gotischen Fenster ersetzt wurden (s. u.). Sie ist zweischiffig gewölbt, mit zwei hohen, mit reich verzierten Kapitellen geschmückten Säulen und vier Eckkonsolen, die schon im Mittelalter ein sechsjochiges Gewölbe trugen. Sie ist damit der älteste nachweisbare Bau dieses Typs, der im Mittelalter zum Standard in ganz Europa wurde. Die Bima, das Lesepult, auf dem die Thora während der Gottesdienste liegt, befindet sich zwischen den beiden Säulen. Synagogen dieses Typs mit zwei Säulen entstanden u. a. in Regensburg, Wien, Prag oder Krakau.
Die jüdische Gemeinde Worms errichtete 1212/13 die erste bekannte und überlieferte Frauensynagoge (Frauenschul). Sie war durch eine Mauer mit einer Tür und fünf Hörschlitzen vom Männerbau getrennt, in die 1841/42 zwei Arkaden gebrochen wurden. Nach diesem Wormser Vorbild entstanden weitere Frauensynagogen – beispielsweise jene in Speyer –, wenngleich in anderem Baustil. Die frühen Frauensynagogen von Worms und Speyer sind zugleich die größten ihrer Art im mittelalterlichen Aschkenas.
1185/86 wurde südwestlich der Synagoge die unterirdische Mikwe (das Ritualbad) angelegt.
Während der Judenverfolgungen zur Zeit des Schwarzen Todes 1349Reuter: Warmaisa, S. 671. wurde die Synagoge erneut stark beschädigt, die Deckengewölbe zerstört und die Wände teilweise abgebrochen. Beim Wiederaufbau nach 1355 wurden gotische Formen für die Fenster und das Deckengewölbe gewählt.
Bei dem Pogrom von 1615 wurde die Talmud-Schule zerstört und die Deckengewölbe und Wände der Synagoge erneut schwer beschädigt. 1616–1620 erfolgte daraufhin der letzte Ausbau der Synagoge. Zu den Ereignissen findet sich ein Bericht in der Geschichtensammlung von Juspa Schammes, Ma'asseh nissim.Juspa Schammes: Die Zerstörung der Synagoge 1615. In: Fritz Reuter und Ulrike Schäfer: Wundergeschichten aus Warmaisa. Juspa Schammes, seine Ma'asseh nissim und das jüdische Worms im 17. Jahrhundert. Warmaisa, Worms 2007. ISBN 3-00-017077-4, S. 21 f.
Nördlich der Frauensynagoge wurde ein Vorbau errichtet. 1623/24 entstand das so genannte Raschi-Lehrhaus als Jeschiwa,Spille/Böcher: Baugeschichte, S. 753 f. gestiftet von David Oppenheim. Das Gebäude wurde an die Westwand der Männersynagoge angebaut. Es kann nicht vom Inneren der Synagoge aus betreten werden, sondern hat einen eigenen Eingang. Die Bezeichnung als „Raschi-Jeschiwa“, zeugt von seiner hohen Bedeutung. Bis heute ist es ein geradezu ikonografischer Bau im jüdischen Gedächtnis, wovon u. a. ein (etwas verkleinerter) Nachbau im Museum of the Jewish People (Beit Hatefutsot) in Tel Aviv zeugt.
Erneut schwere Schäden verursachte der von französischem Militär gelegte Stadtbrand von 1689 im Pfälzischen Erbfolgekrieg. Die Gebäude konnten erst um 1700 wiederhergestellt werden, die Innenausstattung wurde im Stil des Barock erneuert.Reuter: Warmaisa, S. 685.
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts neigte die Mehrheit der jüdischen Gemeinde in Worms der liberalen Richtung zu. Deshalb wurde 1842Caspary, S. 1179, nennt das Jahr 1843. die Trennwand zwischen Männer- und Frauensynagoge abgebrochen. Sie hatte fünf kleine Fenster und eine Tür als Verbindung zwischen beiden Gebäudeteilen gehabt. Sie wurde durch die beiden Spitzbögen ersetzt, die heute dem Durchgang dienen und neugotisch sind. Am 5. Juni 1863 besuchte erstmals das Staatsoberhaupt, Großherzog Ludwig III., die Synagoge.Gerold Bönnen: Anmerkungen zum politischen, wirtschaftlichen und sozialen Aufstiegs- und Akkulturationsprozess der Wormser Juden (1816 bis 1865). In: Der Wormsgau 32 (2016), S. 169–248 (215 und Anm. 137). 1868 wurde eine Orgel in der Synagoge eingebaut. Schon zuvor hatte der Gemeindeteil mit orthodoxen Überzeugungen, finanziert durch den Getreidehändler Leopold Levy, nördlich des Synagogenplatzes die Levy’sche Synagoge errichtete, die 1875 geweiht wurde. Nach dem Willen des Stifters blieb sie aber im Eigentum der Wormser Gemeinde, um eine Zersplitterung in kleinere Gruppen zu verhindern.Reuter: Warmaisa, S. 689.
Zerstörung unter den Nationalsozialisten mini|Zerstörte Synagoge (Vordergrund), 1945
Während des Novemberpogroms 1938 wurde die Wormser Synagoge in Brand gesteckt und brannte in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 vollständig aus. Die noch erhaltenen Mauern wurden im Anschluss durch ÖldruckpressenSchneider, S. 163 ff. zum Einsturz gebracht, eine Maßnahme, die sich bis Ende 1940 oder Anfang 1941 hinzog.Schneider, 161 ff. Anschließend standen nur noch wenige Mauerreste in geringer Höhe.Schneider, S. 165, Abb. 8.Angaben in der Literatur, dass gegen Ende des Zweiten Weltkriegs bei den Luftangriffen auf Worms weitere Schäden entstanden seien (Spille/Böcher: Baugeschichte, S. 753) oder die Außenmauern der Männersynagoge noch bis zu einer Höhe von etwa 2,5 m gestanden hätten, treffen nach der Untersuchung von Schneider nicht zu. Zwischen 1938 und 1945 wurden aus den Ruinen von Friedrich Maria Illert einzelne Bauteile geborgen, unter ihnen die Kopie der Stifterinschrift und beim späteren Aufbau wiederverwendet. Insgesamt sind 39 Bauinschriften von dem Gebäude bekannt.Böcher: Zum Wiederaufbau, S. 207.
Baugeschichte Erste Überlegungen zu einem Wiederaufbau gab es bereits 1947.Grundlegend: Bönnen: „Es ist mein Lebenszweck“. 1949 wurde das Nordportal der Männersynagoge aus dem geborgenen Material wieder errichtet. Im Übrigen war die Anlage in dieser Zeit mit einer Backsteinmauer eingegrenzt.Böcher: Zum Wiederaufbau, S. 206. Das weitere Vorgehen war nicht ganz unumstritten, auch weil die Jüdische Gemeinde in Worms in der Schoah ausgelöscht worden war und eine stetige religiöse Nutzung durch eine Gemeinde für die Zukunft ausgeschlossen schien.Bönnen: Vom Wiederaufbau, S. XVI. Treibende Kräfte hinter dem Wiederaufbau waren Isidor Kiefer und Friedrich Maria Illert.Bönnen: „Es ist mein Lebenszweck“.
Der Wiederaufbau begann 1956/57 mit zwei archäologischen Voruntersuchungen.Böcher: Zum Wiederaufbau, S. 208 f. Dem folgte bis Ende 1957 die Enttrümmerung. Danach wurden die Wände wieder aufgemauert. Der Wiederaufbau erfolgte weitgehend in den Formen einer Rekonstruktion mit – soweit noch vorhanden – erhaltenen Teilen des Gebäudes.Caspary, S. 1178. Nicht rekonstruiert, sondern neu ist das Walmdach. Nicht wieder eingebaut wurde die Orgelempore aus dem 19. Jahrhundert. Auch unterband der damalige Mainzer Rabbiner senkrechte Sprossen in den Fenstern, damit die Sprossen sich nicht kreuzten, also kein christliches Symbol entstand,Böcher: Zum Wiederaufbau, S. 214. und das Wiederanbringen der Mesusa am Hauptportal. Dies ist zwar bei einer Synagoge völlig ungewöhnlich, war aber ein besonderer Brauch der Wormser Gemeinde.Böcher: Zum Wiederaufbau, S. 215. Am 3. Dezember 1961Das war der erste Chanukka-Tag, der 25. Kislew 5722. wurde die Synagoge in Anwesenheit von Bundesminister Heinrich von Brentano erneut ihrer Bestimmung übergeben.Spille/Böcher: Baugeschichte, S. 753.
Gegenwart Nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft gehören die Liegenschaften der ehemaligen Jüdischen Gemeinde Worms heute der Jüdischen Gemeinde Mainz, der räumlich nächstgelegenen jüdischen Gemeinde, die sich wieder konstituierte. Von 1962 bis in die 1990er Jahre wurde die Synagoge in Worms, weil eine jüdische Gemeinde vor Ort fehlte, nur sporadisch für religiöse Anlässe genutzt. Erst mit dem Zuzug jüdischer Kontingentflüchtlinge aus den GUS-Staaten zog wieder eine nennenswerte Zahl von Menschen jüdischen Glaubens in den unmittelbaren Einzugsbereich von Worms.Bönnen: Vom Wiederaufbau, S. XXI.
In der Nacht zum 17. Mai 2010 wurde ein Brandanschlag auf die Synagoge verübt. Die an mehreren Stellen gelegten Feuer konnten jedoch von der Feuerwehr schnell gelöscht werden.
Baubeschreibung mini|Synagoge Worms – Blick durch die Männersynagoge mit Bima, Toraschrein und Ner Tamid, links hinter den Spitzbögen die Frauensynagoge
Männersynagoge Die Männersynagoge ist ein zweischiffiger, dreijochiger, rechteckiger Saal, der nach Osten ausgerichtet ist und von zwei romanischen Säulen getragen wird. In dessen Mitte befindet sich zwischen den Säulen die moderne Bima, an der Ostwand der Toraschrein, der in Teilen der Renaissance zuzurechnen ist, aber 1704/05 barock überarbeitet wurde. Der Haupteingang zur Synagoge liegt in der Nordwestecke des Raums. Die Türgewände sind wie die nur in Kopien erhaltenen Säulenkapitelle in romanischen Formen gehalten und wurden wahrscheinlich von Steinmetzen der Wormser Dombauhütte gearbeitet.Spille/Böcher: Baugeschichte, S. 753. Das Portal wurde nach 1938 geborgen und in die Rekonstruktion wieder eingebaut.Caspary, S. 1178. Auf drei Seiten der Männersynagoge befinden sich hohe gotische Fenster, die während des Wiederaufbaus von 1355 die Oculi des ursprünglichen Baus ersetzten.