mini|Elise Egloff um 1846

Elise Egloff (* 12. Januar 1821 in Tägerwilen; † 21. Februar 1848 in Heidelberg), ursprünglich ein Näh- und Kindermädchen, war die erste Ehefrau des Professors für Anatomie und Pathologie Jacob Henle. Auf Veranlassung ihres späteren Gatten wurde sie zur „Professorengattin“ herangebildet. Die Mesalliance wurde von Berthold Auerbach, Charlotte Birch-Pfeiffer, Gottfried Keller und eventuell auch von George Bernard Shaw literarisch verarbeitet.

Leben Elise Egloff wurde in Tägerwilen als uneheliche Tochter geboren und wuchs im Haus ihres Großvaters auf, dem Metzger und Gemeindewirt Hans Jakob Egloff. Nach dessen Tod 1836 machte sie eine Lehre als Näherin und kam 1841 als Kinder- und Nähmädchen nach Zürich in den Haushalt des deutschen Professors für Chemie Carl Löwig, wo auch der deutsche Anatom Jacob Henle verkehrte. Aus den zunächst zufälligen Begegnungen entwickelte sich eine tiefe Liebesbeziehung, über deren Beginn Jacob Henle schrieb:

mini|Jacob Henle um 1846 Als Henle im Herbst 1843 den Ruf auf eine Professur in Heidelberg erhielt, wollte er Elise Egloff einen kleinen Laden in Küsnacht finanzieren. Ihre daraus resultierende Verzweiflung und seine eigene Liebe bewegten Henle zu dem Plan, Egloff im Rahmen eines Bildungsexperiments so weit zu bringen, dass sie in der bürgerlichen Gesellschaft als seine Geliebte und als Braut akzeptiert würde. Henle legte hierbei vor allem Wert auf das Urteil seiner Familie. Zunächst wurden nur seine beiden Schwager Carl Matthieu und Adolf Schöll eingeweiht. mini|Die Moselstädte Trarbach (im Vordergrund) und Traben (im Hintergrund), wo Elise Egloff im Mädchenpensionat zur Professorengattin geschult wurde (Karl Bodmer um 1831) Im April 1844 verschwand Elise Egloff aus Zürich, ohne Nachrichten an Familie und Bekannten zu hinterlassen. Jacob Henle gab sie in die Obhut seines Schwagers Carl Gustav August Mathieu, der sie wiederum unter einem Pseudonym in ein Mädchenpensionat für „höhere Töchter“ in Traben einführte, wo Egloff im Kreis deutlich jüngerer Mitschülerinnen das übliche bürgerliche Bildungsprogramm durchlief: Spracherziehung, Religion, Literatur, Mythologie, Deklamation, Klavierspiel, Zeichnen und Tanz. Nach gezielten Indiskretionen des von Mitleid gegenüber Elise Egloff getriebenen Adolf Schöll – der zudem die noch geheime Geschichte frühzeitig an Berthold Auerbach kolportierte – weihte Jacob Henle seine Schwester Marie ein und wies ihr eine Schlüsselrolle bei dem Erziehungsexperiment zu: Marie Mathieu reiste unverzüglich nach Traben, um sich über die Schutzbefohlene ins Bild zu setzen. Ihr Eindruck war ungünstig, dementsprechend versuchte sie die Hoffnungen des Bruders auf einen erfolgreichen Ausgang des Experiments zu dämpfen. Auf Intervention von Henles Schwester wurde der schriftliche Kontakt zwischen Jacob Henle und Elise Egloff im August 1844 unterbrochen, ein Besuch des prominenten Gelehrten in Traben war ohnehin ausgeschlossen.Gunhild Kübler (Hrsg.): „Mein lieber böser Schatz!“ Der Anatom und das Nähmädchen. Eine Geschichte in Briefen. Zürich 2004, S. 8 ff. mini|Heidelberg im 19. Jahrhundert, im Vordergrund das Schloss (Karl Rottmann, 1815) Nach einem Jahr des bürgerlichen Bildungsprogramms in Traben ohne Kontakt zu Jacob Henle kam Elise Egloff im Mai 1845 in das Haus des kinderlosen Ehepaars Mathieu nach Trier; hier durfte sie nun wieder Briefe an Henle schreiben. Die Erziehung im Hause Mathieu war von Konflikten mit Marie Mathieu geprägt, die oftmals überfordert war und Egloff zunächst als nicht geeignet einschätzte; Henle schrieb hierzu später (im Mai 1846) an das Ehepaar Mathieu:

Zeitweise sah es so aus, als wäre aus Gunhild Kübler (Hrsg.): „Mein lieber böser Schatz!“ Der Anatom und das Nähmädchen. Eine Geschichte in Briefen. Zürich 2004, S. 10. Henle war zwar auch im Herbst 1845 noch der Meinung, er könne sich beim Scheitern des Experiments ohne größere Probleme aus der Affäre ziehen, aber sein Ton in den Briefen an Egloff wird liebevoller, seine widerstrebende Schwester bittet er um mehr Sachlichkeit bei der Berichterstattung über ihren Zögling. Ende September 1845 schrieb Elise Egloff an Jacob Henle:

Im Oktober 1845 sahen sich Elise Egloff und Jacob Henle nach eineinhalb Jahren erstmals wieder, Henle informierte nun seinen Vater. Angetrieben von einer weiteren gezielten Indiskretion seitens Adolf Schöll wurde im Dezember 1845 die Verlobung öffentlich angezeigt, Henle schrieb hierzu (teilweise ironisch):

Im Februar 1846 schrieb Jacob Henle an Schöll:

Im März 1846 fand die Trauung in Trier statt. schon auf der Hochzeitsreise nach Wien litt die Braut an Hustenanfällen und „Bluthusten“ (Tuberkulose). Das Ehepaar wohnte an der Lehrstätte Henles in Heidelberg. Im Dezember 1846 kam der Sohn Karl Henle zur Welt, am 20. Januar 1848 die Tochter Elise Henle. Ihre Mutter starb am 21. Februar 1848 an der Exacerbation einer Lungentuberkulose. Schon zeitgenössisch fragte man sich, ob die Gunhild Kübler (Hrsg.): „Mein lieber böser Schatz!“ Der Anatom und das Nähmädchen. Eine Geschichte in Briefen. Zürich 2004, S. 18. einen ungünstigen Einfluss auf den Krankheitsverlauf zeitigte. So berichtet der Henle-Biograph Friedrich Merkel:

Jacob Henle selbst machte sich große Vorwürfe in Bezug auf die zweijährige Lehrzeit, die er seiner verstorbenen Frau zur „Erlangung von Gesellschaftsfähigkeit“ zugemutet hatte:

Der Mediziner Jacob Henle schrieb noch am Todestag seinen Geschwistern:

Nach dem Tod von Elise Egloff schien es innerhalb der Familie Henle immer wieder Diskussionen über das „Bildungsexperiment“ gegeben zu haben. So schrieb Merkel, dass Henle selbst bzw. seine Familie sich häufig die Frage stellte, ob seine Ehe mit Elise dauerhaft „befriedigend“ verlaufen wäre, wenn sie nicht bei der Geburt des zweiten Kindes gestorben wäre. Die Frage wird zumindest vom Chronisten Merkel so beantwortet:

Elise Egloff wurde am 23. Februar 1848 auf dem Bergfriedhof in Heidelberg im Beisein der Zeugen Reinhard Blum und Ludwig Häusser beerdigt, beides Professoren und Kollegen von Jacob Henle an der Universität Heidelberg. Henle selbst konnte auf Grund einer Erkrankung nicht teilnehmen. Das KaufgräberbuchBand I, Jahrg. 1846–1912 enthält einen Eintrag vom 24. Februar 1848 über den Kaufabschluss des Grabes für 1958 wurde das Grab von Elise Henle – laut Beschluss vom 25. Februar 1958 – eingezogen und aufgelöst, Grund der Auflösung war Verwilderung.Kaufgräberbuch, Band I, Jahrg. 1846–1912, S. 3.

Literarischer Niederschlag Berthold Auerbach: „Die Frau Professorin“ mini|Berthold Auerbach um 1881 Berthold Auerbach erfuhr bereits 1845 von Adolf Schöll die damals noch geheime Geschichte der Beziehung von Elise Egloff und Jacob Henle, er lernte später auch Elise Egloff persönlich kennen. Auerbach wurde davon zur Erzählung Die Frau Professorin (1846)Veröffentlicht wurde die Erzählung Die Frau Professorin im Original erstmals in: Urania. Taschenbuch auf das Jahr 1847. N. F. Jg. 9, 1846, S. 283–446.Rezensionen: Europa (Lewald). 1846, Band 2 b, S. 126–127. – im Rahmen seiner Schwarzwälder Dorfgeschichten inspiriert. Darin verlieben sich Reinhard, ein Professor der Kunstakademie, und Lorle, eine Wirtstochter aus einem ländlichen Dorf. Sie heiraten und ziehen in eine Residenzstadt. Hier zeigt sich jedoch, dass sich das frische Naturkind Lorle in der städtischen Lebenswelt und im höfischen Bildungsbürgertum nicht zurechtfindet, sich derb und einfältig ausnimmt. Reinhard, der zunächst für das Natürliche des Dorflebens und im Wesen seiner Frau schwärmte, verfällt zunehmend dem Stadtleben und den Residenz-Kabalen und wird es überdrüssig, seiner Frau Er zieht sich innerlich von ihr zurück und nimmt zunehmend Zuflucht im Alkohol. Der Versuch eines Ausgleichs zwischen den Lebenswelten schlägt fehl, Lorle zieht die Konsequenz und kehrt zurück in ihr Dorf.Berthold Auerbach: Lorle, die Frau Professorin. Stuttgart 1885. / Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten. Stuttgart 1984, S. 307 ff. (Nachwort von Hrsg. Jürgen Hein); Fritz Dross, Kamran Salimi (Hrsg.): Henle. Bürgerliches Leben und „rationelle Medicin“ (= Schriftenreihe des Stadtarchivs und Stadtmuseums Fürth. Band 2.) Fürth 2009, S. 56 f. / Gunhild Kübler: „Mein geliebter, böser Schatz!“ Der Anatom und das Nähmädchen, eine Geschichte in Briefen. Zürich 2004, S. 12 f. Die Schwarzwälder Dorfgeschichten gelten als maßgebliche Begründer des Genres der Dorfgeschichte.

Charlotte Birch-Pfeiffer: „Dorf und Stadt“ mini|Charlotte Birch-Pfeiffer, Lithographie 1831 Charlotte Birch-Pfeiffer bearbeitete 1847 Auerbachs Dorfgeschichte und machte aus Die Frau Professorin ein erfolgreiches Bühnenstück mit dem Titel Dorf und Stadt.Ausgabe z. B.: Charlotte Birch-Pfeiffer: Dorf und Stadt. Schauspiel in zwei Abteilungen und fünf Aufzügen. Frei nach der Auerbach’schen Erzählung „Die Frau Professorin“. Leipzig 1921. Auerbach verklagte (erfolglos) Birch-Pfeiffer wegen Verletzung des Urheberrechts. Trotz oder gerade wegen des dadurch verursachten Aufsehens trug das Theaterstück erheblich zur Popularität dieser Dorfgeschichte bei. Auerbach war inzwischen nach Heidelberg umgezogen und verkehrte freundschaftlich mit Jacob Henle, er hielt sich zeitgleich mit Elise Henle (geb. Egloff) zur Kur in Badenweiler (Juli 1847) auf. Nach dem Tode von Elise schloss er sich enger an Jacob Henle an, weil auch Auerbach seine Frau etwa gleichzeitig im Kindbett verloren hatte.Gunhild Kübler (Hrsg.): „Mein lieber böser Schatz!“ Der Anatom und das Nähmädchen. Eine Geschichte in Briefen. Zürich 2004, S. 12 f. Erst durch den Erfolg von Dorf und Stadt erfuhr Henle von Auerbachs Erzählung und fühlte sich hintergangen:

Henle hatte in seinem Schmerz anscheinend nicht zur Kenntnis genommen, dass Auerbach die Erzählung vor dem Tod von Elise vollendet hatte.

Thematisch verwandt mit Auerbachs Erzählung ist Die verlorene Handschrift (1864) von Gustav Freytag, einem Freund Auerbachs: Ein Professor gewinnt eine Bauerntochter als Lebensgefährtin, dabei stellt sich das Problem des in die Stadt und in Hofkreise verpflanzten Bauernmädchens.Herbert A. Frenzel, Elisabeth Frenzel: Daten deutscher Dichtung. Chronologischer Abriss der deutschen Literaturgeschichte. Band II. München 1977, 14. Aufl., S. 438 f.

Eine vermutlich bewusst als Gegensatz zu Auerbach und wohl auch zu Die Frau Professorin gemeinte Geschichte erzählt Ludwig Anzengruber in Der Sternsteinhof (1885): Ein armes Mädchen setzt sich in den Kopf, Herrin des reichen Sternsteinhofes zu werden, hart und rücksichtslos verwirklicht sie ihren Traum und wird dann eine vorbildliche Bäuerin. Die naturalistische, weder romantische noch sentimentale Darstellung eines bäuerlichen Charakters steht im Gegensatz zu Auerbachs Tendenz (vor allem nach 1848) zur verklärten Dorfromantik, in deren Tradition noch heute die Heimatromane als Trivialliteratur stehen.Herbert A. und Elisabeth Frenzel: Daten deutscher Dichtung. Chronologischer Abriss der deutschen Literaturgeschichte. Band II. München 1977, 14. Aufl., S. 469 f.

Gottfried Keller: „Regine“ mini|Gottfried Keller, gezeichnet von Ludmilla Assing 1854 Gottfried Kellers Regine in der gleichnamigen Novelle gilt in der literaturwissenschaftlichen Forschung als „dichterisches Denkmal“ der Elise Egloff. Keller hatte Henle und dessen Frau 1846 in Zürich kennengelernt und bei dem Ehepaar einen eher skurrilen Eindruck hinterlassen. Keller besuchte zwei Jahre später in Heidelberg Henles anthropologisches Kolleg, das er in Der grüne Heinrich beschrieb (Keller über die Vorlesung: Gottfried Keller: Der Grüne Heinrich. Düsseldorf 2006, S. 579 ff. (Vierter Teil, Kap. 1 „Der Borghesische Fechter“). Zitat S. 580.).