mini|Anatomische Lage der normal entwickelten Weisheitszähne mini|Durchbrechender Weisheitszahn 38 bei eitrig entzündeter Zahnfleischkapuze (Dentitio difficilis) mini|Weisheitszähne mit abgekrümmten Wurzeln. Teilweise ist auch die Anzahl der Wurzeln anomal.
Der Weisheitszahn (Synonyma Dritter Molar, ) ist von der Mitte aus gezählt der achte Zahn im menschlichen Gebiss. Normalerweise hat ein Mensch vier Weisheitszähne, in jedem Gebissquadranten einen.
Allgemein Besonderheiten und Name Der Zahnwechsel endet zunächst mit dem Durchbruch der zweiten Molaren im Alter von 12 Jahren. Weisheitszähne entwickeln sich erst später. Bei manchen Menschen ist eine Mineralisation des Weisheitszahnkeimes im Röntgenbild erst mit 14 Jahren nachweisbar. Sie brechen meist erst im Erwachsenenalter, teilweise gar nicht durch. Von diesem späten Durchbruch leitet sich der Name „Weisheitszahn“ im Deutschen ab. Die Bezeichnung stammt ursprünglich vom persischen Arzt Avicenna (980–1037) aus dem Qānūn fī ṭ-Ṭibb (), die in der Übersetzerschule von Toledo ins Lateinische als dentes intellectus übersetzt wurden. Im Griechischen wurden sie von Kleanthes Sophronisteres genannt.Georg Carabelli von Lunkaszprie: Systematisches Handbuch der Zahnheilkunde. Band 1: Geschichtliche Übersicht der Zahnheilkunde. Braumüller und Seidel, Wien 1831 (Digitalisat). In anderen Sprachen weist der Name ebenfalls einen Bezug zu Weisheit oder Verständigkeit auf, zum Beispiel im Japanischen (). Es gibt jedoch auch andere sprachliche Ableitungen, so etwa „kauernder Zahn“ im Thai, „jüngster Zahn“ im Indonesischen oder „den Eltern unbekannt“ () im Japanischen, nach der Annahme, dass die Zähne erst auftreten, wenn die Kinder aus dem Elternhaus bereits ausgezogen sind. Arabisch heißen sie , im Französischen , im Italienischen .
Form und Aussehen Weisheitszähne weichen häufiger als andere Zähne von ihrer charakteristischen anatomischen Form ab. So treten Weisheitszähne mit drei oder fünf Höckern auf. Auch die Anzahl der Wurzeln ist unterschiedlich. Sie können miteinander verwachsen oder hakenförmig gebogen sein, so dass eine gegebenenfalls notwendige Extraktion der Zähne erschwert ist. In seltenen Fällen wachsen hinter den Weisheitszähnen noch überzählige Weisheitszähne, so genannte Distomolaren, auch Neuner genannt.
Evolutionäre Entwicklung Die erheblichen Unterschiede der Form und des Durchbruchzeitpunkts der Weisheitszähne sowie das gelegentliche völlige Fehlen der Zahnanlagen ist möglicherweise die Folge einer evolutionären Entwicklung. Weitgehend anerkannt ist heute, dass die ursprünglichen Plazentatiere in jeder Kieferhälfte drei Schneidezähne, einen Eckzahn, vier Vorbackenzähne und drei Backenzähne hatten. Ihre Zahnformel lautet demnach 3 · 1 · 4 · 3, ihre Zahnzahl betrug 44.Winfried Henke, Hartmut Rothe: Stammesgeschichte des Menschen. Eine Einführung. Springer, Berlin u. a. 1999, ISBN 3-540-64831-3, S. 33 f. Alle heute lebenden Altweltaffen, darunter die Schimpansen und der Mensch, haben hingegen die Zahnformel 2 · 1 · 2 · 3, damit 32 Zähne. Beim heutigen Menschen können Weisheitszähne also als Rudiment betrachtet werden. Die beim Menschen noch immer anhaltende Reduzierung der Zahnzahl ging – wie das Fossil Ardi belegt – schon vor mehreren Millionen Jahren einher mit einer Verkleinerung der Schnauze und der Eckzähne.
Klassifikation mini|Raumanalyse des Weisheitszahns nachPell und Gregory mini|links|240px|Mögliche Folgen: A = Retinierter Weisheitszahn 48 mit mesialer Karies; B = distale Karies am Zahn 47, dazwischen Gingivitis; C = entzündete, künstliche Zahnfleischtasche; D = Elongierter Zahn 18 mini|Weisheitszähne eines Menschen, teilweise nicht abgeschlossenes Wurzelwachstum mini|Retinierter Weisheitszahn mit ausgebildeter Wurzel. Achsengerechte Lage mini|Die oberen Weisheitszähne sind in distaler Richtung verlagert. Der untere linke Weisheitszahn (im Bild: rechts) ist horizontal verlagert. Die Position des dritten Molaren in Bezug zur Okklusionsebene des zweiten Molaren und zum Abstand zwischen dem Ramus mandibulae (aufsteigender Unterkieferast) und der distalen Seite des zweiten Molaren haben Glenn J. Pell und G. Thaddeus Gregory klassifiziert.Glenn J. Pell, G. Thaddeus Gregory: Report on a ten-year study of a tooth division technique for the removal of impacted teeth. In: American Journal of Orthodontics and Oral Surgery. Band 28, Nr. 11, 1942, S. B660–B666, doi:10.1016/S0096-6347(42)90021-8.Glenn J. Pell, G. Thaddeus Gregory: Impacted mandibular third molars: classification and modified techniques for removal. In: Dental Digest. Band 39, Heft 9, 1933, , S. 325–338. Daneben gibt es die Klassifikation nach G. B. Winter,George B. Winter: Principles of Exodontia as Applied the Impacted Mandibular Third Molar. A complete Treatise on the Operative Technic with Clinical Diagnoses and Radiographic Interpretations. American Medical Book Co., St. Louis MO 1926. die von W. H. ArcherW. Harry Archer: Oral and Maxillofacial Surgery. 2 Bände. 5. Auflage. Saunders, Philadelphia PA 1975, ISBN 0-7216-1362-4. und G. O. KrugerGustav O. Kruger (Hrsg.): Oral and Maxillofacial Surgery. 6. Auflage. Mosby, St. Louis MO 1984, ISBN 0-8016-2793-1. modifiziert wurde.Impacted Mandibular 3rd Molar Classification. In: Dentistry and Medicine. 2014. Abgerufen am 29. November 2015.
Klassifikation nach Pell und Gregory Klasse 1. Es steht ausreichend Platz zur Verfügung zwischen dem vorderen Rand des aufsteigenden Astes und dem distalen Rand des zweiten Molaren nach dem Durchbruch des 3. Molaren. Klasse 2. Der zur Verfügung stehende Platz zwischen dem Vorderrand des Ramus mandibulae und dem distalen Rand des zweiten Molaren ist kleiner als die mesio-distale Ausdehnung der Krone des 3. Molaren. Dies bedeutet, dass der distale Abschnitt der Krone des 3. Molaren durch Knochen des aufsteigenden Astes bedeckt ist. Klasse 3. Der 3. Molar ist völlig vom Knochen des Vorderrands des aufsteigenden Astes bedeckt. Es steht nicht genügend Platz zur Verfügung.
Gesundheitliche Folgen Das Missverhältnis zwischen Kiefergröße und Zahnanzahl führt am Kieferwinkel, dem Übergang vom horizontalen zum aufsteigenden Ast des Unterkiefers dazu, dass sie häufig keinen ausreichenden Platz mehr finden und vollständig retiniert bleiben oder nur unvollständig durchbrechen (Teilretention). Vollständig retinierte Zähne bleiben normalerweise symptomlos, teilretinierte führen hingegen oft zu Entzündungen (siehe: Dentitio difficilis), die sich zu Abszessen entwickeln können. Ursache für eine solche Entzündung ist die Bildung einer kapuzenförmigen Zahnfleischtasche (Operculum), die nur schwer oder gar nicht gereinigt werden kann. Bakterien können sich in dieser Tasche mit Hilfe von sich zersetzenden Speiseresten schnell vermehren. Das Operkulum kann in einem kleinen chirurgischen Eingriff namens Operkulektomie entfernt werden, der es erleichtert, den Zahn zu reinigen. Auch kann Karies begünstigt werden, wenn Weisheitszähne so an einem Nachbarzahn anliegen, dass dort nur schwer geputzt werden kann.
Im extrem seltenen Fall kann die Entzündung in eine Phlegmone übergehen, die lebensbedrohlich werden kann.
Brechen die Weisheitszähne nur in einem Kiefer durch, fehlt ihnen der Antagonist („Gegenspieler“). In der Folge elongieren sie über die Kauebene, bis sie schließlich auf den Gegenkiefer stoßen. Weisheitszähne können zu „Gleithindernissen“ werden, die zu Zahnschäden, nächtlichem Zähneknirschen (Bruxismus) und Kiefergelenksbeschwerden führen können.
Retinierte Weisheitszähne Als „retiniert“ ( re ‚zurück‘, ‚halten‘) bezeichnet man einen Weisheitszahn, der nicht altersgerecht durchgebrochen ist. Ob ein Weisheitszahn retiniert ist, hängt vom Alter, Geschlecht und Entwicklungsstand des Patienten ab. Die Beurteilung anhand eines Röntgenbildes ist nicht immer eindeutig und bedarf einer Verlaufskontrolle.Frank Schneider: Retinierte Weisheitszähne. (PDF; 576 kB) In: Weisheitszahn eBook. 2012.
Der Grund für impaktierte Weisheitszähne ist ein Mangel an Platz im Kiefer. Dies geschieht, weil der Kiefer nicht groß genug wächst, vielleicht bedingt durch eine Diät mit weichen, gekochten Speisen.
Die folgenden Röntgenbilder sind Ausschnitte aus Orthopantomogrammen (OPG):
Entfernung von Weisheitszähnen Gründe für die Entfernung Aus medizinischer Sicht ist eine prophylaktische Entfernung der Weisheitszähne in 20–33 % aller Fälle sinnvoll. Jedoch profitiert die kieferorthopädische Behandlung nicht vom Entfernen der Weisheitszähne.
Verändern die Weisheitszähne ihre Position, so können sie gegen den Knochen und den benachbarten Backenzahn drücken, was nicht nur Schmerzen, sondern auch Entzündungen verursachen kann, da die Zahnpflege der hinteren Backenzähne erschwert ist, insbesondere wenn diese sehr eng stehen. Die unteren Weisheitszähne brechen mitunter nur unvollständig durch, so dass sich über ihnen eine Schleimhauttasche bildet, in der Speisereste Entzündungen (siehe auch: Stomatitis) auslösen können. Im ungünstigsten Fall werden die benachbarten Zähne oder deren Wurzeln bei Nichtentfernung mit beschädigt. Patienten entscheiden gemeinsam mit ihren Oralchirurgen, je nachdem wie die Stellung der Zähne im Kiefer ist, ob alle vier Weisheitszähne auf einmal entfernt werden sollen oder ob zwei Entfernungstermine angesetzt werden. Sitzen die Weisheitszähne noch im Kieferknochen, kann es auch sinnvoll sein, zwei Termine zu vereinbaren, um bei einem die rechtsseitigen Zähne zu entfernen und bei dem anderen die Zähne auf der linken Seite.Ullrich Jackus: Weisheitszähne: Warum sie oft raus müssen. Apotheken Umschau, abgerufen am 8. Juni 2023.
Auch das Auftreten von Karies oder Zysten können Gründe für die Entfernung von Weisheitszähnen sein.Valeria Dahm: Weisheitszahn-OP. NetDoktor, 19. Juni 2020, abgerufen am 8. Juni 2023.
Eine im Jahr 2024 durchgeführte Umfrage ergab, dass in den Vereinigten Staaten nur 26 % der 18- bis 29-Jährigen ihre Weisheitszähne entfernen ließen – deutlich weniger als die 53 % der Gesamtbevölkerung. Der Grund dafür, so die Forschenden, seien neue Richtlinien und wissenschaftliche Studien gegen die präventive Entfernung von Weisheitszähnen seit dem Jahr 2000.
Extraktion Die Entfernung eines bereits durchgebrochenen Zahnes erfolgt durch eine Lockerung des Zahnes in seinem Zahnfach. Hierzu wird der Zahn langsam und mit dosierter Kraft mittels eines Hebels oder einer Zange hin und her bewegt, wodurch der Alveolarknochen gedehnt und die Alveole erweitert wird. Bei einwurzligen Zähnen kann ergänzend eine Drehbewegung durchgeführt werden, wodurch die Sharpey-Fasern, an denen der Zahn in der Alveole aufgehängt ist, reißen.
mini|Wunde eines frisch extrahierten Weisheitszahns 48 Viele Weisheitszähne stehen regulär in der Zahnreihe. Sie lassen sich erforderlichenfalls wie andere Zähne extrahieren. Im Unterkiefer ist in der Region des Kieferwinkels der Knochen kompakt und bukkal dicker, wodurch sich die Alveole nicht so leicht aufweiten lässt. Im Oberkiefer ist der den Weisheitszahn umgebende Knochen spongiös. Das erleichtert eine Extraktion.
Operative Zahnentfernung mini|3D-CT-Aufnahme eines retinierten Weisheitszahns unmittelbar neben dem Nervus alveolaris inferior Die Osteotomie (operative Entfernung) eines Weisheitszahnes erfolgt in der Regel unter örtlicher Betäubung durch einen chirurgisch versierten Zahnarzt, einen Oralchirurgen oder einen Kieferchirurgen. Bei sehr ängstlichen Patienten kann auf ihren Wunsch in entsprechend ausgerüsteten Arztpraxen eine Analgosedierung durchgeführt werden, die den Patienten beruhigt und seine Wahrnehmung reduziert.