Der Alte Friedhof ist ein unter Denkmalschutz stehender Friedhof der Hansestadt Greifswald, der zu den ältesten planmäßig gestalteten Friedhofsanlagen Pommerns gehört. Der 4,4 Hektar große Friedhof befindet sich in der Mühlenvorstadt zwischen dem Ryck und der Wolgaster Straße.
Geschichtlicher Überblick Durch Erlasse des schwedischen Königs Gustav III. von 1778 und der französischen Besatzung von 1808 wurden in Schwedisch-Pommern Bestattungen innerhalb von Kirchengebäuden und Stadtmauern untersagt. Die Greifswalder Bürgermeister Heinrich Julius Roggenbau und Johann Hermann Odebrecht ließen 1810 das Verbot der Begräbnisse in Kirchen und auf den Kirchhöfen im Inneren der Stadt bekannt geben. In den Jahren 1812 und 1813 wurde mit der Herstellung eines Begräbnisplatzes in der Mühlenvorstadt begonnen. Dazu wurde eine Lehmgrube der Stadtziegelei mit Erde von den Wallanlagen und einer Bastion der Greifswalder Stadtbefestigung aufgefüllt. Zum Transport des Materials wurden circa 24.000 Fuhrwerksfahrten durchgeführt.
Der Friedhof wurde nach Plänen des Universitätsbaumeisters Johann Gottfried Quistorp angelegt. Vorbild war der Neue Begräbnisplatz in Dessau, einer der ersten kommunalen Friedhöfe Deutschlands. Für die erste Umfassungsmauer wurden zwischen 1815 und 1817 Steine des früheren Fleischertores, der ehemaligen Gertrudenkapelle und des Heilig-Geist-Hospitals verwendet.
Die Anlage wurde symmetrisch in Form eines Griechischen Kreuzes gestaltet. An den Friedhofsmauern wurden 16 Gruftkammern errichtet, die als Ersatz für bisher in den Greifswalder Kirchen gelegene Erbbegräbnisse dienten.
Am 13. September 1818 wurde der Greifswalder städtische Friedhof durch Johann Christoph Ziemssen, den Generalsuperintendenten von Pommern, eingeweiht. Auf einem Rondell in der Mitte wurde zwischen 1821 und 1826 eine achteckige Kapelle, die zu den frühesten neugotischen Sakralbauten gehörte, nach dem Entwurf von Gottlieb Giese errichtet.
Trotz Mehrfachbelegung der Grabstellen und einer von 1851 bis 1853 erfolgten Erweiterung nach Norden musste der Friedhof 1864 wegen Überfüllung geschlossen werden. Stattdessen wurde der an der Grimmer Straße gelegene Neue Friedhof genutzt. In den Jahren 1869 und 1870 wurde die heutige neugotische Mauer aus gelbem Backstein gebaut. Nach einer Erweiterung in nördlicher und östlicher Richtung wurde der Alte Friedhof ab 1886 in begrenztem Umfang wieder mit genutzt. Der Stadtbaumeister Friedrich Johannes Haas begann 1889 mit der Umgestaltung des Friedhofes in eine Parkanlage. Es wurden Wege angelegt, meist in nordsüdlicher Richtung, über die fast alle Grabstellen erreicht werden konnten. An den Hauptwegen wurden Eiben gepflanzt, die diesen mittlerweile die Gestalt von Alleen geben.
Zu Zeiten der Deutschen Demokratischen Republik sollte der Friedhof aufgegeben und in einen Stadtpark umgewandelt werden. Daher wurde 1986 auch die baufällige Grabkapelle abgerissen. 1991 entschied die Greifswalder Bürgerschaft den Alten Friedhof zu erhalten. Seit dieser Zeit werden ausschließlich Urnenbestattungen durchgeführt.
Seit 2005 bemüht sich ein Förderverein um die Erhaltung der Anlage. Zu den vorrangigen Aufgaben gehört die Sanierung der noch vorhandenen, meist stark baufälligen Gruftkapellen.
Grabdenkmäler Im Laufe der über einhundertjährigen Benutzung des Alten Friedhofs sind eine Vielzahl von unterschiedlichen Grabdenkmälern entstanden. Die Spannbreite der Grabdenkmalsformen reicht von Mausoleen über Obelisken, Urnen und Erdkreuze bis hin zu Monolithen und Stelen.
Mausoleen Bei den heute noch erhalten gebliebenen sieben Mausoleen fällt auf, dass diese allesamt an der Innenseite der Friedhofsmauer errichtet wurden. Barbara Happe spricht bei dieser typischen Verteilung von Grabstätten auf deutschen Friedhöfen des frühen 19. Jahrhunderts von einer „Verbannung der Denkmäler an die Peripherie und hier zunächst an die Mauer“.Barbara Happe: Die Entwicklung der deutschen Friedhöfe von der Reformation bis 1870. Tübingen 1991, ISBN 3-925340-69-6, S. 168. (Untersuchungen des Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen, Band 77; zugl. teilw. Diss. Phil. Tübingen 1988) Dies hat wohl mehrere Ursachen, vor allem spielen dabei logistische und Repräsentationsgedanken eine Rolle. Am Rande der vier Begräbnisfelder, ausgestattet mit eigenen Zugängen und zudem noch in regelmäßigem Abstand, blockierten diese größeren Anlagen weder die Abläufe auf den Friedhöfen noch den Zugang zu den Reihengräbern, außerdem machen sie diesen durch die räumliche Trennung den Platz nicht streitig. Dass ebenso besonderer Augenmerk auf die Repräsentativität der Architekturen gelegt worden ist, zeigen ihre Ausrichtung zum Friedhof hin – die Zugänge wurden somit zu Schauseiten – und ihre dadurch erreichte monumentale Wirkung auf den Friedhofsgänger. Durch die Separation von den Reihengräbern konnte auch nach dem Tode auf Standesunterschiede geachtet werden, ganz so wie es seit Jahrhunderten in den Kirchen und auf den Kirchhöfen der Fall gewesen ist.Ulrike Evangelia Meyer-Woeller: Grabmäler des 19. Jahrhunderts im Rheinland zwischen Identität, Anpassung und Individualität. Diss. Phil. Bonn 1999, , S. 50: „Die Unterschicht belegte die Reihengräber.“ Noch 1891 verbot es die Kommune, eine massive Grabgruft innerhalb der Reihengräberfelder zu errichten, und zwar aus ästhetischen, aber auch aus pragmatischen Gründen. Interessant ist in diesem Zusammenhang weiterhin, dass die Stadtverwaltung durch die Errichtung eines „Muster-Mausoleums“ 1819 kurz nach der Einweihung des Friedhofs normativ in den Gestaltungsprozess der Erbbegräbnisse eingriff, man wünschte sich also eine einheitliche Wirkung der Anlage und eine Regulierung des Bautriebes nach eigenen Vorstellungen. Entworfen und errichtet wurde diese „Standardkapelle“ vom Bauschreiber Petzold aus Greifswald.
Balzer Peter von Vahl (1755–1825) ließ 1823 ein Erbbegräbnis für seine Familie anlegen, später heirateten seine Töchter in die Familie Gesterding ein, so dass deren Mitglieder hier ebenfalls begraben wurden. Das Mausoleum ist von streng-monumentaler Erscheinung und klarer Struktur. Über dem rechteckigen Unterbau wurde ein Dreiecksgiebel aufgesetzt. Die Vorderseite wird von mehreren Bogenformen gegliedert, die nach innen hin immer kleiner werden. Der äußere Bogen ist mit abgesetzten Keilsteinen in parataktischer Abfolge gestaltet, wobei die oberen die Wappen der Familien von Vahl und Gesterding tragen. Zusätzlich waren bis zur letzten Restaurierung Terrakottarosetten an der Außenwand angebracht, welche einen farblichen und gestalterischen Kontrast zur Strenge des Grabbaus hervorbrachten – heute jedoch fehlen. Statt einer Eingangspforte ist in der Mitte des Mausoleums eine Inschriftentafel angebracht, welche die Namen, die Lebens- und Sterbedaten sowie die gesellschaftliche Stellung der Begrabenen nennt. Neben Peter von Vahl, dem königlich-schwedischen Kommerzienrat und Gutsbesitzer, liegt hier zudem Carl Gesterding (1774–1843), Bürgermeister der Hansestadt Greifswald. Vorbildlich für diese Art von Grabmalskunst haben vor allem die Mausoleen des beginnenden Klassizismus in Preußen gewirkt, welche von Friedrich Gilly schon Ende des 18. Jahrhunderts auf preußischen Friedhöfen gebaut worden waren, so das Grabmal für C.G. Luft auf dem Friedhof der Jerusalemer und Neuen Kirche in Berlin von 1794. Man muss also feststellen, dass das Vahl-Gesterding-Mausoleum mit seiner Entstehungszeit um 1823 eine späte Rezeption dieser antikennahen Strömung darstellt.Fischer: Vom Gottesacker zum Krematorium. 1996, S. 62.
Ähnlich in Form und Gestaltung ist das Monument für den Baron Wilhelm von Klot-Trautvetter (1788–1857) gestaltet worden. Es wurde 1853 errichtet. Im Vergleich zum Vahl-Gesterding-Mausoleum treffen wir hier nochmals auf eine Reduzierung und Vereinfachung der Architektur, der Bau folgt also einem gängigen Typus der klassizistischen Sepulkralarchitektur des frühen 19. Jahrhunderts in Europa.Fischer: Vom Gottesacker zum Krematorium. 1996, S. 66: „Beherrschende Funktion kommt dem tektonischen Aufbau zu.“ Das Mausoleum kennzeichnet einen absoluten Verzicht auf Bildwerke oder Ornamentik. Der gesamte Bau ruht auf einem niedrigen Sockel und ist als Kubus geformt. Eine zweiflügelige Tür schafft den Zugang zur Gruft. Obwohl die Abwesenheit von Säulen oder Pilastern im Sinne Vitruvs konstatiert werden muss, griff der Künstler dennoch auf Elemente der Säulenordnungen zurück. So sind zum Beispiel die Rahmenprofile der Tür antikischer Art. Zur Formensprache der Säulenordnungen zählt auch das dreiteilige Gebälk, welches dem Bau eine starke Festigkeit und Abgeschlossenheit verleiht: Architrav, ein breiterer Fries und ein ausladendes Kranzgesims. Der sich nach oben hin verjüngende, turmartige Aufbau ist ebenfalls als eine Folge von antiken Gebälken zu verstehen. Der schlichte und einfache Dekor des Baus entspricht seinem Zweck als Begräbnisstätte, die Würde des Toten wird vor allem über die monumentale Gestaltung der kubischen Grundform architektonisch sinnfällig gemacht.
Das Mausoleum der Brüder Lorenz Wilhelm und Gabriel Peter von Haselberg befindet sich in einem sehr schlechten Zustand. Der Architekt griff bei der Gestaltung des Monuments auf den Formenschatz der Antike zurück und gliederte die Front mit einer vollständigen toskanischen Ordnung, worauf beim vorhergehenden Beispiel verzichtet worden ist. Durch die paarweise Anordnung der Halbsäulen in schmalen Travéen links und rechts neben dem Portal wird auf die Form eines römischen Triumphbogen verwiesen. Über dem Segmentbogenportal wird das zweiteilige Gebälk aus der horizontalen Linie herausgehoben und setzt den Bogen des Portals fort – damit wird die strenge Erscheinung des Mausoleums ein wenig gemildert. Aussagen über den Dachaufbau und den vertikalen Abschluss können aufgrund des Bauzustandes nicht getroffen werden.
mini|300px|Mausoleum der Familie von Hildebrandt in Dänischenhagen, errichtet 1884 Zwei weitere Mausoleen aus dem 19. Jahrhundert sollen die Vielfalt in der Auffassung von Sepulkralarchitektur beispielhaft aufzeigen, denn beide stehen nun nicht mehr in der Tradition der monumental-schlichten Grabanlagen des Berliner Klassizismus eines Gillys oder Schinkels, sondern für den eklektischen Historismus, der in der Grabmalskunst deutlich spürbar ist. So griff der Architekt des Mausoleums für den Freimaurer Ferdinand Karl Friedrich Schütze (1815–1899) von 1886 vor allem auf italienische Vorbilder aus der Zeit der Renaissance zurück. Reliefdarstellung von freimaurerischen Symbolen finden sich in den Intervallen zwischen den Triglyphen des Frieses. Ein ähnliches Beispiel findet sich in Dänischenhagen, Schleswig-Holstein, errichtet 1884 für die Familie von Hildebrandt.Siehe dazu Michaela Henning: Privatfriedhöfe und Mausoleen. Ein Beitrag zur Kultur des Adels in Schleswig-Holstein und Hamburg. In: Norbert Fischer, Markwart Herzog (Hrsg.): Nekropolis. Der Friedhof als Ort der Toten und Lebenden. Kohlhammer, Stuttgart 2005, ISBN 3-17-018508-X, S. 79–94, S. 86. (Irseer Dialoge, Band 10)