Die Hafenstadt Mytilini ( , altgriechische Aussprache , ) ist wirtschaftliches, administratives und kulturelles Zentrum der griechischen Insel Lesbos. Die Stadt ist Verwaltungssitz der gleichnamigen Gemeinde Mytilini (), der Region Nördliche Ägäis und Hauptstandort der Universität der Ägäis.
Nach der Eroberung von Lesbos durch griechische Truppen wurde Mytilini 1918 als Stadtgemeinde (dimos) anerkannt. 1997 wurde das Gemeindegebiet durch zahlreiche Eingemeindungen stark vergrößert. Diese Gemeinde ging anlässlich der Verwaltungsreform 2010 in der neu geschaffenen Gemeinde Lesbos auf, die das gesamte Gebiet der Insel umfasst, und bildet in dieser einen von dreizehn Gemeindebezirken.
Lage Der Gemeindebezirk liegt auf der Amali-Halbinsel (), der südöstlichsten und kleinsten der drei großen Halbinseln von Lesbos, und erstreckt sich einige Kilometer nordwärts darüber hinaus. Insgesamt beträgt die Nord-Süd-Ausdehnung 20 km und von Ost nach West maximal 7 km. Die Amali-Halbinsel wird im Osten von der Meerenge von Lesbos () und im Westen vom Golf von Gera () begrenzt, das Kap Agrilia () ist der südlichste Punkt. Die kleine Halbinsel Machera () bildet den nördlichen Abschluss des Gemeindegebiets. Südlich davon und östlich des kleinen Hafenortes Skala Pamfyllon liegt die kleine unbewohnte Insel Pamfyllon ().
Benachbarte Gemeindebezirke sind im Norden Loutropolis Thermis und Evergetoulas, im Westen gegenüber dem Golf von Gera der Gemeindebezirk Gera.
Der Stadtbezirk Mytilini liegt in der Mitte der Ostküste an der mit etwa 3 km schmalsten Stelle der Amali-Halbinsel.
Mythologie Nach Diodor (5,81f) trägt Mytilini den Namen einer der beiden Töchter des bei Homer erwähnten Königs Makar, die andere Tochter hieß Mithymna.
Geschichte In der Antike war Mytilene bedeutend wegen des Hafens. Erwähnenswert ist die Belagerung der Stadt im Jahr 406 v. Chr. durch die spartanische Flotte unter Kallikratidas, der den Feldherrn Konon mit dem Gros der athenischen Flotte im Hafen eingeschlossen hatte. Die Athener sandten eine Hilfsflotte und konnten die Eingeschlossenen in der Schlacht bei den Arginusen befreien. Während des Alexanderzuges wechselte Mytilene dann mehrfach den Herren und erlebte zeitgleich eine Stasis, die schließlich in einer Versöhnung endete, die inschriftlich dokumentiert ist.
Die Insel Lesbos und mit ihr auch die Hauptstadt Mytilini gehörte bis zum 8. November 1912 zum Osmanischen Reich. Danach wurde sie Teil des Königreichs Griechenland. Während der „Kleinasiatischen Katastrophe“ gelangten in den frühen 1920er Jahren zahlreiche griechische Flüchtlinge von der kleinasiatischen Küste, meist aus Ayvalik und anderen Orten der Küstenregion, auf die Insel und nach Mytilini. Ein Teil dieser Menschen blieb in Mytilini und für sie entstanden kleine Häuser und das Viertel Synikismos () im Norden der Stadt. Auch heute noch leben viele Nachfahren einstiger Flüchtlinge in der Stadt.
Ortschaften und Siedlungen Die ehemaligen Gemeindebezirke Mytilinis werden seit 2011 abhängig von der Einwohnerzahl als Stadtbezirk oder Ortsgemeinschaft (griechisch topiki kinotita bei einer Einwohnerzahl unter 1000, dimotiki kinotita ab 1000 Einwohnern) geführt. Sie wählen eigene Ortsvertretungen.
mini|Der Gemeindebezirk Mytilini mit Ortschaften
StadtbezirkOrtsgemeinschaft amtl. Bez. Fläche (km²) Einwohner Siedlungen (Einwohner) Mytilini 16,105 29.656 Mytilini ( ), 27.871Varia ( ), 1.133Neapoli ( ), 422 Pligoni ( ), 230 Agia Marina 20,732 746 Agia Marina ( ), 522Agia Paraskevi ( ), 137 Agrilia Kratigou (Αγριλιά Κρατήγου ), 87 Alyfanda 9,629 646 Alyfanda ( ), 360Kedro ( ), 89Outza ( ), 36Pyrgi ( ), 161 Afalonas 8,068 482 Afalonas ( ), 482 Loutra 22,098 1.420 Loutra ( ), 1.085Ano Charamida ( ), 41Skala Loutron ( ), 259 Charamida ( ), 35 Moria 16,406 1.450 Moria ( ), 1.164Achlia ( ), 118Larisos ( ), 168 Marmaro ( ), 0 Pamfila 11,187 1.477 Pamfila ( ), 1.413Niselia ( ), 33 Paralia ( ), 31 Panagiouda 0,884 906 Panagiouda ( ), 906 Taxiarches 3,113 1.107 Taxiarches ( ), 1.107
Flüchtlingslager Im Ortsteil Moria befand sich ein Aufnahmelager für Flüchtlinge (Flüchtlingslager Moria), das für 2800 Personen ausgelegt war.https://www.evangelisch.de/inhalte/160829/30-09-2019/helfer-fordern-evakuierung-der-fluechtlinge-aus-camp-moria Meist war es jedoch um ein Mehrfaches überbelegt und mit über 20.000 Menschen (Stand: April 2020) Europas größtes Flüchtlingslager. Nach einem Großbrand im September 2020 wurde das Lager geschlossen und dessen Bewohner in ein neues Zeltlager unweit des ebenfalls bestehenden Flüchtlingslagers Kara Tepe umgesiedelt. Ein kleineres Flüchtlingslager nahe der Stadt Mytilini war das PIKPA Flüchtlingslager, das im Herbst 2020 aufgelöst wurde.
Kultur und Sehenswürdigkeiten Bauwerke Antike Bauwerke mini|Mole des Antiken Hafens mit osmanischem Turm Antiker Hafen Der nördliche Hafen von Mytilene () hieß Malois Limin (, altgriechische Aussprache ) nach dem örtlichen Heiligtum des Apollon Maloen. Er wurde durch zwei, noch in außergewöhnlich gutem Zustand erhaltene Molen aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. gesichert. Die östliche bis an die Wasseroberfläche erhaltene Mole im Stadtteil Epano Skala ist 350 m lang und beginnt an einem osmanischen Turm der Festung. Am nördlichen Ende befand sich nach einer Zeichnung aus dem 18. Jahrhundert ein Leuchtturm. Die zweite 150 m lange Mole grenzt das Hafenbecken nach Norden ab und beginnt in der Nähe einer verlassenen Fabrik im Stadtteil Kalamaris. Die Anlage repräsentiert eine frühe Hafenanlage und wird auch heute noch von den Fischern genutzt.
Agora An der Küstenstraße beim alten Hafen von Epano Skala befand sich im späten 4. oder frühen 3. Jahrhundert v. Chr.eine Agora. Vom ehemals etwa 150 m langen Säulengang sind die Fundamente und Stylobaten der Säulen erhalten.
Antikes Theater Das antike Theater () befindet sich in der Nähe der Kirche von Agios Kyriaki oberhalb des Stadtteils Synikismos. In der Antike war das in einen Hang gebaute Theater für den Blick über die Akropolis, die Häfen und die kleinasiatische Küste bekannt. In spätrömischer Zeit wurde das hellenistische Theater aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. (etwa 330 v. Chr.) umgebaut. Nach Plutarch soll das 10.000 Zuschauer fassende Theater als Vorbild des Theater des Pompeius in Rom gedient haben. Die runde Orchestra mit einem Durchmesser von 24,2 m war von der halbkreisförmigen Zuschauertribüne (koilon) durch eine Mauer getrennt.Antikes Theater Mytilini. Griechisches Kulturministerium (griechisch).
Spätrömisches Gebäude Bei dem spätrömischen Gebäude hinter der Kathedrale Agios Athanasios handelt es sich aufgrund der erhaltenen Architekturteile vermutlich um ein öffentliches Gebäude. Erhalten sind ein halbkreisförmiges Fundament mit Basen sowie Reste von ionischen Säulen. Zusammen mit den zahlreichen rund um Mytilini entdeckten Herrenhäusern zeugen die Gebäudereste von der Blütezeit der Stadt und der Region während der römischen Zeit.
mini|Römischer Aquädukt bei Moria Römischer Aquädukt bei Moria Der römische Aquädukt bei Moria stammt wahrscheinlich vom Ende des 2. oder Anfang des 3. Jahrhunderts n. Chr. Der Aquädukt war Teil der 26 km langen Wasserleitung aus der Nähe von Agiasos am Berg Olymbos in die Stadt Mytilini. Weitere Überreste der Leitung sind bei Lambou Myli zu finden. Der 27 m hohe Aquädukt ist auf einer Länge von etwa 170 m teilweise erhalten und hatte siebzehn Bögen. Es wird geschätzt, dass der Aquädukt 127.000 m³ Wasser pro Tag in die Stadt liefern konnte.Römischer Aquädukt. Griechisches Kulturministerium (griechisch).
Kastro Die Festung von Mytilini (, auch ) befindet sich heute auf einer Halbinsel im Nordosten. Vermutlich im 6. Jahrhundert n. Chr. während der Herrschaft Justinians I. wurde die Festung über den Resten einer antiken Akropolis auf der ehemaligen Insel Kioski () errichtet. In byzantinischer Zeit war die Insel noch durch den fast 800 m langen und etwa 30 m breiten Evripos () genannten Kanal getrennt. Aus dieser Zeit sind noch ein Tor an der Nordseite, Befestigungsbauwerke an der Ostmauer sowie eine Zisterne im zentralen Bereich der Festung erhalten.
mini|Festung von Mytilini Als Dank für die Waffenhilfe im Kampf gegen den byzantinischen Gegenkaiser Johannes VI. bekam Francesco Gattilusio 1355 die Insel Lesbos als erbliche Herrschaft von Johannes V. verliehen. Andere Quellen berichten, dass Maria, die Schwester von Johannes V., die Insel als Mitgift in die Ehe mit Francesco Gattilusio mit einbrachte. Sie blieb bis 1462 im Besitz der genuesischen Patrizierfamilie. Nach einer lateinischen Inschrift am Westtor wurde ab 1373 die Festung umfassend ausgebaut und verstärkt. Die neue Befestigung folgte überwiegend den byzantinischen Vorgängerbauten, jedoch wurde der Innenraum aufgeteilt, in das heutige „Untere Kastro“ () und „Mittlere Kastro“ (). Ein starkes Erdbeben am 6. August 1384 richtete große Schäden an, die offenbar bis 1403 behoben waren. Unter Domenico Gattilusio wurde die Festung mit zusätzlichen Kanonen ausgerüstet, sein Bruder Niccolo, der letzte Archon von Lesbos, ließ die Verstärkung von Mauern und Wällen, Errichtung der Zinnen und das Anlegen von Gräben und weiteren Beobachtungsstellen ausführen. Aus genuesischer Zeit zeugen die Ruinen der Kirche Agios Ioannis ().
Nach einer 27-tägigen Belagerung wurde die Festung durch Verrat im September 1462 von den Osmanen erobert. Sultan Bayezid II. ließ 1501 die Zerstörungen, die auf der Nordseite zum Hafen von Epano Skala in den Kriegen mit der Republik Venedig (1499–1503) entstanden waren, reparieren und zusätzlich zwei Geschütztürme errichten. Weitere Modernisierungs- und Aufbauarbeiten wurden 1643–44 ausgeführt, vermutlich nach einer Zerstörung durch ein Erdbeben.
Neoklassizistische Gebäude mini|Altes Rathaus von Mytilini Mytilini ist auch heute noch bekannt für seine zahlreichen neoklassischen Gebäude, die sowohl in öffentlicher als auch in privater Hand sind. Beispiele dafür sind das zentral gelegene Prototypo Lykio Mytilinis (), ein öffentliches Gymnasium, oder das alte Rathaus, aber auch private Villen, die über die Stadt verteilt sind. Erbaut wurden sie meist von wohlhabenden Kaufleuten, Mitgliedern des gehobenen Bürgertums, in der Zeit von Mitte des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts, als Mytilini eine wirtschaftliche Blüte erlebte. Diese Gebäude stehen heute unter Denkmalschutz.
Osmanisches Bad Das osmanische Bad Tsarsi Hamam () ist der einzig erhaltene Hammām von ehemals drei in Mytilini. Tsarsi ist aus dem türkischen für „Markt“ abgeleitet. Der zwischen 1800 und 1825 erbaute Tsarsi Hamam befindet sich in einer Nebenstraße der Odos Ermou in der Nähe der Yeni Moschee im historischen Zentrum der Stadt. Die Architektur des Bades drückt die allgemeine Tendenz der neoosmanischen Kunst des 19. Jahrhunderts aus, die sich in einer Wiederbelebung der klassischen Modelle des 16. Jahrhunderts ausdrückt. Seit der Restaurierung werden die Räumlichkeiten für kulturelle Veranstaltungen genutzt.Tsarsi Hamam. Griechisches Kulturministerium (griechisch).
Kirchen Agios Athanasios Die Kirche Agios Athanasios () wurde Ende des 16. Jahrhunderts erbaut, sie liegt nahe der Odos Ermou und ist der Sitz des Mitropoliten von Mytilini. In dieser Kirche befinden sich die Reliquien des Heiligen Theodor von Byzanz (), der Schutzpatron der Stadt Mytilini. Bekannt ist sie auch für ihre alten Holzschnitzereien, die um das Jahr 1738 datiert werden. Von Weitem sichtbar ist ihr gotischer Glockenturm mit einer Höhe von 33 Metern.
Agios Simeon mini|links|Kirche Agios Simeon Mytilini Agios Simeon () befindet sich im alten Teil der Stadt. Es wird angenommen, dass diese Kirche um 1700 gebaut wurde. Da das alte Gebäude 1867 durch ein Erdbeben stark beschädigt wurde, errichtete man die Kirche von 1885 bis 1891 neu. Sie ist drei Heiligen mit dem Namen Simeon gewidmet.
Agios Therapon mini|Kirche Agios Therapon Mytilini